Versatile Award!

Standard

versatile-blogger-awardSchaut mal; was für eine wundervolle Nominierung! Ich finde es tatsächlich nicht nur abwechslungsreich, sondern auch sehr spannend, zu jemandem zu sagen: Erzähl doch mal! Das gefällt mir sehr. Nominiert hat mich der großartige Simon Segur, der neben seiner Reise durch Eis und Endzeit unermüdlich auf der Suche nach Zeit ist, um wunderbare Blogeinträge zu erfassen. Und für alle, die seinen Frankfurtroman noch nicht gelesen haben – Jetzt aber zackig! Er ist wahrlich toll, und eine der Figuren bekommt hoffentlich ein SpinOff, denn ich habe mich ein bisschen in sie verguckt.

Nun zu den Fakten.

  1. Ich habe mit neun Jahren angefangen, heimlich die Stephen King Bücher meiner Mama zu lesen. Was das mit mir gemacht hat, will ich natürlich nicht so genau wissen, doch eines ist sicher: Die Leidenschaft, eine Geschichte so zu erzählen, dass jeder, der sie liest, ein Teil von ihr wird, hat mich für immer geprägt und wird es auch immer tun.
  2. Ich höre (meistens leider) auf Impulse, statt auf Vernunft. Jedes Jahr am 31. Dezember ist mein Wunsch für das nächste Jahr, erst zu den20160830_150118.jpgken und dann zu reden. Lange hält das nicht an.
  3. Ich bin ein Kind der Natur. Ich liebe Erde, Wasser, Wiesen und Bäume. Ganz besonders Bäume. Ich kann mich stundenlang damit beschäftigen, sie aufzusuchen und sie in Bildern festzuhalten. Ich bin einmal durch Morast gewatet, um die Rinde einer Pappel zu berühren.
  4. Alles, was extrem ist, ist mir zuwider. Das könnte ich ausschmücken, hier beschränke ich mich jedoch auf die Jahreszeiten. Vor dem Sommer verstecke ich mich, und zwar jedes Jahr aufs Neue. Ich mag hingegen alles, was mit Übergang zu tun hat. Frühling und Herbst passen da ja wunderbar dazu.
  5. Ich bin genusssüchtig. Auf ziemlich allen Ebenen.
  6. Ich habe Alpträume. Vermutlich ist es klug, hier mal zu Punkt Eins zu schielen. Sie begleiten mich mein Leben lang, und das Schreiben, überhaupt alles Künstlerische, ist ein guter Weg, damit umzugehen. Inzwischen sind wir eine Zweckgemeinschaft, tatsächlich sind meine besten Texte aus der tiefsten Dunkelheit der Nacht gekrochen. Wenn ich zu mild träume, weiß ich, dass ich genug schreibe. Und andersherum.
  7. Der Gedanke, irgendwann hauptberuflich zu schreiben, ist keine Option, sondern ein Ziel.

Uhhh, das war ja sehr … interessant. Nominieren möchte ich gern jeden, der das hier liest. Es ist tatsächlich spannend, etwas zu lesen, was nicht auf einer gestellten Frage beruht. So, als wäre es ein Geschenk. In diesem Sinne: Erzählt mal!

Eis und Blüte

Standard

20170103_110433

Einen recht schönen guten Tag wünsche ich! Ja, lange hab ich nichts von mir hören lassen, vieles ist geschehen und das Meiste davon; na gut-alles; hat mit dem Schreiben zu tun. Direkt oder eben nicht so direkt.

Der Frühling naht, letzte Woche durften wir ihm schon winken, doch noch ziert er sich. Und ich nutze dieses kleine Gerangel zwischen den Jahreszeiten, euch zu zeigen, was ich auf meinen Wanderungen alles so gesehen habe. Noch immer ist die Natur neben dem Reisen und der Musik Inspiration Nummer Eins für mich.

Wie habt ihr den Winter verbracht? Mögt ihr die Kälte oder sehnt ihr euch lieber in wärmere Gefilde?

In Kürze gibt es wieder mehr hier zu lesen und zu hören, und ich werde euch erzählen, was alles so spannendes geschehen ist …

Ganz liebe Grüße, Julia

20170129_151813

 

 

20170103_110501

20170103_110547

20170205_100058

 

 

Die schlurfende Frau

Standard

 

Er nippte an der Tasse und verzog das Gesicht. Er mochte es, wenn der Schmerz sich durch seine Lippen fraß und bis in die Augen zog. Heißen Tee zu bekommen, war nicht einfach. Bevor er in der Küche ausgeschenkt wurde, ließ man ihn abkühlen. Et war warm, ja. Aber brühend heiß war er nicht. Und bis er auf dem Wagen in den linken Flügel gekarrt war, war er sowieso abgekühlt.

Manuel hatte nach einer Thermoskanne gefragt, und da die Idioten hier nicht wussten, wie man sich aus den schön gebogenen Scherben eine wundervolle Kralle basteln konnte, wurde ihm eine erlaubt. Und wenn Schwester Monika Dienst hatte, bekam er eine Kanne frisch gekochten Tee auf sein Zimmer gebracht. Monika war keine Schwester, sondern nur eine dämliche Putze, die manchmal in der Küche aushalf. Und Manuel war sich sicher, dass sie das nur machte, um sich vollzufressen. Der eine Suchti erkennt den anderen sofort. Und so hatte er auch gleich gecheckt, dass die Putze sich einen abfreute, wenn er sie Schwester nannte. Sie fraß ihm aus der Hand.

Monika war dämlich, doch nicht dämlich genug, um die Kanne vor den anderen nicht zu verstecken. Sie wusste sicher nicht, warum sie es tat, nur, dass es gegen eine Regel verstieß. Gegen welche Regel wusste sie vermutlich nicht, nur dass es ganz bestimmt irgendeine geben würde. Dieser ganz Scheißhaufen hier roch nach Regeln.Mit Regeln kannte Manuel sich aus. Er wusste, welche es gab und wie man sie umgehen konnte. Und so hatte er das mit der Kanne hingekriegt und das mit dem illegalen Transport von kochendem Wasser.

Drüberkippen konnte er sich das Zeug nicht, und auch nicht den anderen. Und so trank er es halt, einen Schluck nach dem anderen. Die inneren Verbrennungen sah keiner.

Manuel stand im Rahmen seiner Zimmertür und blickte auf den Flur, die Tasse an den Lippen. Wenn er sie das nächste Mal sehen würde, würde er einen Schluck nehmen, und zwar einen großen. So war der Plan.

Es war nicht so, dass sie sehen wollte. Er hatte eine scheiß Angst vor ihr. Und zuerst war sie auch ja ferngeblieben. Er hatte sie nur gehört. Dieses Schlurfen. Doch seit dieser Nacht war sie erschienen, sie schlurfte durch den Flur und machte ihm eine scheiß Angst. Seit der Nacht, in der die Verrückte aus dem rechten Flügel durchgedreht und im Leichensack abgeholt worden war; kam die schlurfende Frau jeden verdammten Tag und grinste ihn an. Das Grinsen war das Schlimmste. Das und ihre komisch nach oben gebogenen Hände. Wie Klauen. Er hatte sie gehört, das Schlurfen kannte er ja; er erinnerte sich an keinen Tag ohne das Geräusch. Und seit zwei Tagen klang es anders. Er wusste, dass sie da war. Er war in der Nacht aufgewacht und hatte sich aus dem Zimmer gestohlen. Und da hatte er sie gesehen. Es war ein großer Kasten, was er sah. Der Kasten hatte oben einen gebogenen Kopf, wie ein Vogel. Und vorn die Klauen. Und dann hatte sich der Kasten umgedreht und war auf Maunuel zugekommen.

Er hatte schon einiges gesehen, vor allem Blut. Und das, was Thomas mit der Göre im Waschraum gemacht hatte, war ja nun wirklich nichts gewesen. Er hatte sich nicht einmal geschnitten. Höchstens ein wenig geritzt.

Und alles Blut war nichts gegen den Scheiß, der sich jetzt jede Nacht auf dem Flur abspielte. Der Kasten, der über die Fliesen schlurfte. Der sich umdrehte und sein Vogelgesicht zeigte. Das Gesicht einer Frau.

Seitdem stand Manuel auf dem Flur, den ganzen Tag lang. Er wollte sich den Anblick aus dem Gesicht brennen. Und jetzt, als er so stand, dachte er an eine Rechnung. Er war nicht der Hellste, doch er konnte Eins und Eins zusammenzählen. Die schlurfende Frau war aufgetaucht, als dieses Scheißkind durchgedreht war, richtig?

Richtig, dachte Manuel und führte die Tasse zum Mund, als er das Schlurfen hörte. Da musste man doch was machen können.

sf

-eine Erzählung aus Nathen

 

Weißes Schreiben.

Standard

Es ist tatsächlich mehr als einen Monat her, dass ich mich hier gemeldet habe. Ganze vier Wochen. Was tut man in vier Wochen? Was habe ich in diesen Tagen getan?

Zuerst wünsche ich euch von ganzem Herzen ein wundervolles neues Jahr, mit allem, was ihr euch selbst wünscht! Seltsam ist das mit den neuen jungen Jahren. Wünschen kann man sich immer etwas, jeden Tag. Wenn der Januar naht, wittern wir die Chance auf einen Neuanfang. Warum ist das so?

Ich wünsche mir stets dasselbe. Und doch ist es anders. Besonders das Schreiben, und alles was dazu gehört, hat sich verändert. Seit ich mich den ganz wundervollen BartBroAuthors angeschlossen habe, scheint es, als würde ich nicht mehr allein schreiben. Natürlich wähle ich die Worte selbst, schreibe oder tippe sie nieder. Doch habe ich nun, egal in welcher Phase des Entstehungsprozesses, die Möglichkeit, nach Tipps, Probelesern und Kritikern Ausschau zu halten. Der Unterschied zu vorher ist der, dass immer jemand zur Stelle ist, und zwar sofort. Und geht es nur darum, mal zu jammern. Ja, das muss sein, das Jammern. Besonders, wenn man sich als Schreiber, so wie ich zur Zeit, in einer merkwürdigen Zwischenwelt befindet, in der mal wieder eine Idee nach der anderen anklopft und sich die Bilder in Kopf und Bewusstsein drängeln. Die BartBroAuthors sind ein Verein von Schreibern, Menschen, die leidenschaftlich dem nachgehen, was auch mir am meisten am Herzen liegt. Es sind Quereinsteiger, Anfänger, Profis und Berufsschreiber. Und jeder von ihnen hat ein Ohr offen. Immer.Das fühlt sich schön an, und für mein Schreiben ist es gut und extrem hilfreich.

Ich wachse also. Die Kunst und das Schaffen formen sich, so fühlt es sich an. Vielleicht, und das würde ich mir am meisten wünschen, ist es ein Reifeprozess.

Viele tolle Autoren durfte ich in den letzten Wochen kennenlernen. Die wunderbare Michaela Stadelmann kennen sicher viele von euch. Und die unfassbar talentierte Bordsteinprosa durfte ich gar persönlich kennenlernen! Ebenso wie Bestsellerautorin Nicole Neubauer. Ja, ihr habt richtig gehört. Das marschiert eine Bestsellerin in meinen Garten – richtig: Schnappatmung!

Ich lerne also und lausche. Ich lese und frage und warte ab. Ich treffe mich mit Menschen, die Worte und alle Gerüste, die man daraus formt, genauso lieben wie ich selbst. Und bald werde ich selbst wieder schreiben, und es wird anders sein. So fühlt es sich zumindest an. Ich freue mich drauf.

20161207_162851

Liebe liebe Grüße, Julia

Für euch…

Standard

Von der lieben Textflash erfuhr ich von der #NikoSis Aktion, überhaupt lernte ich Bücherboxen kennen. Was ist das und was macht man damit? Tatsächlich habe ich einige in der Nähe entdeckt, was für eine Freude!

Morgen bin ich für euch der Nikolaus und stelle in die Bücherbox in Schrobenhauen meinen Roman „Das Flüstern der Pappeln“ ein. Obendrauf gibt’s auch noch drei Teile der Ballettreihe „Ballerina High“ von Alicia Mirowna alias Mikaela Sandberg alias Textflash. Yeah!

Ich freue mich auf euch und auf jeden weiteren Kreis, den diese wunderbare Methode des Bücherschenkens zieht!

Pappeln Julia

 

Das grazile Mädchen

Standard

„Spiel uns was!“, rief Ben, und die anderen stimmten sofort mit ein. „Ja, Sarah, du musst etwas spielen!“

Sarah schüttelte den Kopf. „Oh nein, ich kann nicht spielen.“

„Doch, du kannst!“

Sie blickte die Kinder wieder an, die erwartungsvoll geweiteten Augen, die gespannten kleinen Körper.

„Nein, tut mir leid. Ich spiele nicht.“

Ben öffnete den Mund, doch er schloss ihn wieder, als Josephine neben ihm erschien. Sie bewegte sich beinahe lautlos. In der Hand hielt sie ein Blatt, und sie reichte es Sarah.

Auch wenn sie wusste, um was es sich handelte, und sich alles in ihr sträubte, es anzunehmen, tat sie es trotzdem. Sarah faltete das Papier auseinander, warf einen Blick darauf und sah dann Josephine an. „Chopin.“

Das grazile Mädchen nickte, und es schien, als würde ihrem Kopf ihr gesamter Körper folgen. Sie blickte Sarah auf diese wissende Art an, und Sarah klappte den Notenständer aus und stellte das Papier hinein.

Ben schob ihr einen Stuhl vor den Flügel, und die Kinder verstummten und standen beinahe unbeweglich.

Sarah nahm Platz. Sie kannte das Stück, doch es waren Jahre gewesen, seit sie das letzte Mal gespielt hatte. Überhaupt gespielt. Sie sah von dem Notenblatt auf und blickte zu Josephine. Das Mädchen wirkte fragil, als würde ein Windhauch ausreichen, um sie fortzutragen. Und Sarahs Finger berührten die Tasten, trafen auf Anhieb das B und stimmten beim zweiten Takt mit der linken Hand mit ein. Sie mochte Chopin, besonders sein Nocturne op.9, es war in einer unaufgeregten Art und Weise wild und ungestüm, auch wenn es sich auf den ersten Eindruck nicht danach anhörte. Man musste es nur richtig hören. Und spielen. Ihm die nötige Tiefe geben.

Josephine begann ab dem sechsten Takt zu tanzen, und die Augen der Kinder wanderten zu Sarahs fliegenden Fingern zu dem grazilen Mädchen, welches sich anfangs nur leicht hin und her wog, doch dann die Schritte immer weite setzte und mit den Armen immer weiter ausholte.

Sarah sah sie nur aus den Augenwinkeln, doch nach und nach wurde sie sicherer und nahm für einige Takte die Augen vom Blatt. Noch nie hatte sie einen Menschen gesehen, der sich bewegte wie es Josephine tat.

Das Mädchen hatte sich bald in dem gesamten Raum fortbewegt, sie machte immer größere Kreise, und sobald die Musik drängte, tat es auch Josephines Körper. Er bog sich dann, streckte sich, als würde er sich sammeln und dann, das was er gefunden hatte, in einem langen ausgestreckten Arm weitergeben, an einem einzigen Finger in die Welt hinaustragen.

Die Kinder betrachteten Josephine in einem atemlosen Staunen, und bald tat es Sarah ebenso. Josephine setzte einen Schritt nach dem anderem, beugte sich, streckte sich und fuhr mit den Fingern die Wand entlang. Und dort, wo sie sie berührte, dehnte sich die Wand, flimmerte einen Augenblick lang und zog sich zusammen. Wie die Oberfläche eines Sees, und so sah der Gemeinschaftsraum in diesem Moment aus: Wie Wasser, das einen Tropfen aufnahm und ihn dann wieder ausspuckte.

Sarah hatte keine Zeit, zu hinterfragen, was sie sah;  ihr Verstand vermerkte zuerst, dass es wahr war, was sie sah, und verstaute dann den Gedanken unter dem schwarzen Tuch. Es gab keinen Zweifel daran, dass die Kinder es auch sahen, und doch war nichts in diesem Augenblick seltsam oder unwirklich; in diesem Augenblick, an dem Sarah an dem Flügel saß und Nocturne von Chopin spielte und Josephine sich in einer einzigartigen Anmut bewegte.

Alles war richtig, und alles war wahr, und auch dieser Gedanke kroch unter das schwarze Tuch in Sarahs Gedanken.

Josephine stand still, als die Musik endete. Die Kinder taten es ebenfalls, noch immer standen sie still, mit großen Augen und einem Ausdruck von Faszination und Ehrfurcht auf den Gesichtern. Und noch etwas anderes war in ihnen zu lesen. Der Ausdruck der Wissenden. Ein wenig von dem, was Josephine wusste und kannte und gesehen hatte, hatte sie nun an die Kinder weitergegeben.

Und an Sarah.

Sie stand auf, nahm das Notenblatt und klappte den Deckel des Flügels zu; das reine Weiß und das tiefe Schwarz verschwanden.

Es war still in dem großen Raum, niemand wagte die Ruhe, die entstanden war, zu stören. Langsam bewegten sich die Kinder zu den zusammengeschobenen Tischen am Eingang, setzten sich und schlugen ihre Hefte auf. Immer wieder blickten sie auf und betrachteten Josephine, das grazile Mädchen.

„Du spielst gut“, sagte diese, als sie zu Luft gekommen war. Sie stellte sich an den Flügel und betrachtete ihn verträumt.

„Na ja, etwas holprig, aber Danke“, erwiderte Sarah.

„Warum spielst du denn nicht mehr?“ Es dauerte eine Weile, bis Josephine den Blick von dem edlen Holz nahm und Sarah ansah. Es lag kein Argwohn darin.

„Ich … weiß nicht. Ich kann nicht.“

„Du konntest nicht“, korrigierte Josephine.

„Ja.“

„Wann hast du es das letzte Mal getan?“

„Vor knapp drei Jahren.“ Sarah wusste es auf den Tag genau.

„Oh“, machte Josephine. „Das tut mir leid.“

Selten hatte Sarah eine solch aufrichtige Aussage gehört. Und das war ihr ebenso klar wie die Tatsache, dass die meisten Kinder hier bereits Bekanntschaft mit dem Tod gemacht hatten. Dem Tod und all seinen hässlichen Begleitern.

„Danke.“ Sie strich über die glänzende Oberfläche des Flügels. Nach einer Weile blickte sie Josephine an. „Du solltest immer tanzen. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen.“

Ein Hauch von Röte huschte über die blassen Wangen des Mädchens. „Ich danke dir sehr. Es ist … es ist alles für mich.“

Sarah nickte. Und dann folgte sie dem Blick von Josephine, auch wenn sie es nicht wollte. Sie betrachteten die Wände des Gemeinschaftsraumes, die nun wieder starr waren.

Einbildung, Sarah, nichts anderes war es gewesen.

Natürlich.

„Es war nicht schlimm bei meiner Tante“, sagte Josephine unvermittelt. „Ich meine, sie hat nie geschrien oder mich geschlagen. Und sie ist sehr oft verreist. Sie sagte immer, das Reisen wäre ihr Ein und Alles. Dass es sie am Leben halten würde. Vielleicht wollte sie mich deswegen nicht.“ Sie sah Sarah an, der Blick klar. „Vielleicht war das Reisen für sie wie das Tanzen für mich.“

„Trotzdem“, entgegnete Sarah. „Sie war trotzdem ein Unmensch.“

„Mag sein.“ Josephine drehte wieder den Kopf und tastete mit den Augen die Wände ab. „Oft habe ich sie auf ihren Reisen begleitet. Immer, wenn Ferien waren, durfte ich mitfahren. Das waren die schönsten Zeiten. Die allerschönsten.“

„Das verstehe ich.“ Sarah vermied es, länger die Wände anzusehen und betrachtete Josephine, die sich ihr wieder zuwand.

„Wir waren an so vielen Orten, Sarah. In Südafrika und in Russland. Und in Schottland. Warst du je an der schottischen Ostküste, Sarah?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht.“

„Ja. Du musst irgendwann dorthin fahren. Nie habe ich mehr Farben gesehen als dort. Sie sind so … satt. Verstehst du?“

„Ich schätze, schon.“

„Und Riga“, fuhr Josephine fort. Ein wenig Rot lag noch immer auf ihren Wangen, nun vermutlich nicht mehr aus Scham, sondern aus Freude. Ein kleiner Teil ihres Lebens war es nur, der ihr diese Erinnerung und Freude brachte, doch es war Freude. „Dort sind alle Farben anders. Wie überlagert.“

„Das würde ich gern einmal sehen“, sagte Sarah. Sie wollte es tatsächlich sehen. Einen Ort aus überlagerten Farben.

Auf einmal stand ihr Josephine ganz nah. Ohne einen Laut hatte sie einen Schritt gemacht und stand nun direkt neben Sarah. So nah, dass diese den Ring um ihre Iris sehen konnte.

„Ich war schon an so vielen Orten, Sarah“, sagte Josephine leise. Es klang beinahe wie ein Singsang. „Ich habe schon so vieles gesehen. Jeder Ort ist anders, jeder Ort …“ Sie holte tief Luft, als müsse sie kurz Kraft schöpfen, „… erzählt eine andere Geschichte. Und dieser Ort hier, dieses Gebäude, es erzählt eine Geschichte, die niemals endet. Hört du sie, Sarah?“

Sie spürte Finger aus Eis über ihren Rücken wandern, die Wirbelsäule entlang, bis in den Nacken hoch.

„Er erzählt eine Geschichte“, fuhr Josephine fort, in dem leisen, sich wiegendem Ton. „Ich kann sie hören, Sarah. Und ich kann sie sehen. Ich sehe die Geschichte, Sarah.“ Josephine blickte erneut zu den Wänden, betrachtete sie aufmerksam, dann drehte sie den Kopf zurück, auf ihren Lippen ein Lächeln. „Ich höre sie, Sarah. Ich höre diesen Ort. Ich höre dieses Haus. Die Wände, Sarah.“ Sie kam näher, ganz nah nun. „Sie verformen sich. Du hast es gesehen.“

Sarah fühlte die Hand aus Eis, sie tastete mit schmalen Fingern nach ihrem Haaransatz. Sie wollte einen Schritt zurück machen, sich von Josephine abwenden, doch die griff nach ihrem Arm und hielt sie fest. „Hörst du, was dieses Haus sagt? Siehst du es? Die Wände, Sarah. Die Wände brechen ein.“

 

Das grazile Mädchen.jpg

 

-Auszug aus Nathen

Mach die Augen zu.

Standard

Und wieder auf.

Leo saß an dem klobigen Eichenholztisch, der in jedem Zimmer stand, und war mit Basteln beschäftigt. Sie sah kurz auf, taxierte Sarah, und machte dann weiter.

Sarah schloss leise die Tür und setzte sich dem Mädchen gegenüber. Es waren Wollfäden in verschiedenen Farben, die Leo ineinanderflocht. Ihre Bewegungen waren langsam. Das passte nicht zu ihr, bei ihr musste es immer schnell gehen.

„Hallo Leo. Wie geht es dir?“

„Gut.“

Sarah überlegte kurz. „Es tut mir leid. “

Das Mädchen hob den Kopf. Sie sah Sarah aus dunklen Augen an, dann blickte sie wieder auf ihre Hände.

„Dass du so etwas erleben musst, das tut mir leid.“

„Schon gut“, kam die knappe Antwort. „Ist ja nicht deine Schuld.“

„Nein, das ist es nicht. Trotzdem will ich es nicht.“

Leo zuckte nur mit den Schultern.

Sarah beugte sich etwas über den Tisch. „Leo. Das, was du siehst, das … ist nicht echt.“

„Ich weiß.“

„Unser Gehirn spielt uns Streiche. Ganz besonders dann, wenn wir unsicher sind. Wenn wir uns alleine fühlen. Wenn wir Angst haben. Und wenn wir schlimme Dinge erlebt haben.“

Jetzt hob Leo den Kopf. In ihren Augen stand etwas, von dem Sarah hoffte, dass sie es nicht aussprechen würde.

„Du bist nicht allein“, sagte Sarah.

Wieder der Ausdruck in den dunklen Augen. Schließlich nickte Leo. „Ich weiß.“ Dann fing sie aufs Neue an, bunte Fäden zu einem Strang zu flechten. Sarah lehnte sich zurück. Sie hatte keinen Schimmer, ob es klug war, weiter in das Mädchen zu dringen. Den Gedanken, dass sie sich vor dem Ausdruck in Leos Augen fürchtete, verdrängte sie. Dass es da etwas gab, das ihren Namen trug.

„Alle die hier sind, haben schlimme Dinge erlebt“, sagte Leo auf einmal. „Ich habe wohl einfach einen an der Klatsche.“

„Das ist nicht …“ Sarah zögerte. Es war klar, was Leo versuchte. „Willst du mir davon erzählen?“, fragte sie, und das Mädchen hielt in seinen langsamen Bewegungen inne.

Schließlich zuckte sie wieder mit den Schultern. „Meine Mutter war krank. Immer hat sie gedacht, dass sie Pusteln hätte, also so Pickel. Das stimmte aber nicht. Die Pickel waren gar nicht da, verstehst du?“

„Ja.“

„Sie hat sich immer gekratzt, immer und immer wieder. Manchmal haben Tabletten geholfen. Und dann ging es ihr ganz gut. Ich durfte wieder bei ihr wohnen. Das war schön. Wir haben immer Pasteten gebacken. Kennst du Pasteten, Sarah?“

Sarah schluckte, nickte jedoch.

„Und dann, irgendwann kamen die Pusteln wieder. Sie waren auf einmal da. In ihrem Auge. Und meine Mutter hat gekratzt und gekratzt. Bis sie kein Auge mehr hatte.“ Leo verstummte, sie sah Sarah genau an. Dann ging ihr Blick aus dem Fenster und wurde verträumt. „Ich wünschte oft, ich könnte fliegen. Wünschst du das auch, Sarah?“

„Ja, Das wünscht sich wohl jeder.“

„Ja“, sagte Leo leise. Dann drehte sie wieder den Kopf. „Ich habe gar nicht gewusst, dass man ein Auge einfach so herauskratzen kann.“

Sarah hielt dem Blick stand. „Sie war krank, Leo.“

„Ich weiß. Und vielleicht habe ich die Krankheit auch.“

Sarah schwieg. Leo taxierte sie weiterhin. Dann beschäftigte sie sich erneut mit den Wollfäden. „Warum hast du nichts gesagt? Dass du ihn auch gesehen hast?“, fragte sie beinahe beiläufig.

„Weil es da nichts gab, Leo. Weder im Waschraum noch sonstwo. Hast du das verstanden?“

Leo sah sie an. Ausdruckslos. Dann nickte sie. „Ganz wie du meinst.“

Sarah schwieg. Und wartete. Es kam nichts. Leo hatte gesagt, was sie zu sagen hatte. Und sie hatte gefragt. Vielleicht hatte Sarah den Zugang zu dem Mädchen verloren.

Sie wollte sich erheben, als Leo sagte: „Warte.“ Sie setzte sich aufrecht und holte etwas aus ihrer Hosentasche. Es war ein geknüpftes Band. „Das habe ich für dich gemacht.“

„Oh“, machte Sarah. „Danke. Das ist lieb, Leo.“

„Ich habe es ein bisschen breiter gemacht. So sieht man die Narbe nicht.“

Sarah runzelte die Stirn. Ein Gefühl von Kälte kroch über ihren Rücken.

Leo hielt das Band in den Händen und sah sie nur an. Sie wartete. Das Mädchen war nicht für seine Geduld bekannt, doch nun saß es einfach da und wartete. Und Sarah legte ihren rechten Arm auf den Tisch. Leo befestigte das Band über dem Pflaster. „Du kannst es beim Duschen dranlassen. Du kannst es für immer dranlassen.“

„Danke.“ Sarah betrachtete ihren Arm. „Das sind schöne Farben.“

„Ja.“ Leo betrachtete es ebenfalls. „Ich dachte, es sind deine Lieblingsfarben. Grün und lila, so sah dieses Board aus, mit dem du mal hier warst.“

Sarah sah sie an. Das stimmte, ihr Longboard hatte eine Grafik in dieser Farbe.

„Und schwarz passt überall dazu. Außerdem gefällt es mir. Magst du es auch, Sarah? Schwarz?“

„Ja.“ Sie nickte. „Schwarz ist gut.“ Schließlich stand sie auf. „Danke, Leo. Ruh dich aus.“

„Mach ich.“

Sarah war an der Tür angekommen, als der kalte Schauer auf ihrem Rücken zurückkehrte. Sie drehte sich um. Leo saß an dem Tisch und flocht Bänder. „Falls du den Trick probieren willst, kann ich dir gleich sagen, dass er nicht funktioniert, Sarah. Du weißt schon, das, was alle sagen. Wenn du etwas siehst, was es gar nicht gibt, dann mach die Augen zu und wieder auf, und es wird verschwunden sein. Es funktioniert nicht. Ich habe es ausprobiert.“ Sie hob den Kopf und blickte sie an. Dunkle Augen. Und der Ausdruck.

Sarah nickte. Dann verließ sie das Zimmer.

 

Spielplatz.jpg

– Auszug aus Nathen –