Von der Bedeutungslosigkeit zur Inexistenz ist es nur ein ganz winziger Schritt.

Ich habe also Die Zeit, die Zeit durch. Vielleicht habt ihr euch genauso wie ich mich selbst gefragt: Wird das Buch den hohen Erwartungen gerecht werden? Kann es das? Ja, ja und Oh ja. Martin Suter setzt noch ’ne Schippe drauf.

Bis zum ersten Drittel konntet ihr mich auf meiner Reise mit der Zeit ja beobachten, ihr wisst, wie ich mich gefühlt habe. Ich habe meine Reise fortgesetzt.

Nach dem aufwühlenden Anfang darf man sich eine kleine Ruhepause gönnen, man wird gefüttert mit Fakten über Fotografie, Vermessungen und Pflanzenkunde. Martin Suter erlaubt es, sich kurz zu erholen, er hält einen auf emotionaler Distanz, beinahe wirkt es, als versuche er uns kurz abzulenken, uns zu trösten über das Schlimme, was da passiert ist. Tatsächlich atmete ich auf, doch nur bis zum nächsten Satz; ein einziger Satz sticht in die Seite und schon ist mir wieder zum Heulen.

Tja, so ist das mit Suter. Lässt man diese verwirrende Theorie, dass die Zeit nicht existiert mal beiseite, geht es in dem Roman um die Liebe und den Tod. Das ist interessant und bringt meine Begeisterung auf den Punkt. Das Thema hätte sicher auch Stephen King fasziniert, er hätte daraus einen Psychowälzer formen können, voll von Details und esoterischem Schnickschnack. Doch Suter hat daraus einen schlanken Roman gezaubert, in dem alle Ideen völlig hinreichend erklärt werden. Es ist alles gesagt. Und trotzdem kommt der Thrill nicht zu kurz, die Angst und die Spannung, vom Autor wohl dosiert an den richtigen Stellen gestreut. Ich habe mich ertappt, auf die verbleibende Seitenanzahl zu schielen, ein untrügliches Zeichen dafür, etwas ganz Besonderes in den Händen zu halten. Ich will nicht, dass es vorbei ist. Das ist mir in den letzten drei Jahren mit genau drei Büchern passiert.

Die Zeit, die Zeit hält einiges an Überraschungen bereit. Über ein paar Seiten hinweg kann man nur den Kopf schütteln und/oder die Stirn runzeln, wenn man einem alten Kauz und einem eigentlich normal wirkenden Mann  dabei zusieht, wie sie einer völlig wahnwitzigen Idee und einem abstrusen Plan folgen. Man weiß nicht, ob man staunen sollte anhand solch geballtem Ehrgeiz oder lieber den Kopf einziehen sollte, um sich vor dem Knall zu schützen, der da vielleicht kommen wird.

Falls ihr die Reise mit der Zeit auch antreten wollt, wünsche ich euch viel Vergnügen dabei. Bitte haltet euch von Obst in Gläsern fern.

(Überschrift – Zitat aus dem Roman)

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3 Gedanken zu “Von der Bedeutungslosigkeit zur Inexistenz ist es nur ein ganz winziger Schritt.

  1. Liebe Julia,

    ich habe mir das Buch mal notiert, auch wenn ich lustigerweise erst gestern einen etwas verächtlichen Kommentar über Martin Suter bei Facebook gelesen habe. Er scheint die Leser etwas zu spalten und ich bin gespannt, wie ich das Buch empfinde werde. 🙂

    1. Oh, da bin ich natürlich auch schon sehr gespannt! Ich persönlich kann mir natürlich nicht vorstellen, dass jemandem das Buch nicht gefällt, doch so sollte es ja sein als begeisterter Leser! 😉 Ich hoffe, besagter Kommentar bezieht sich auf den Roman und nicht den Autor als Person, dann wäre es nämlich unsachlich und schade…Hast Du eigentlich Deinen Bodo Kirchhoff durch? Liebe Grüße, Julia

      1. Liebe Julia,

        oh ja, den Bodo Kirchhoff habe ich bereits geschafft – für sechshundert Seiten brauche ich dann doch irgendwie immer zumindest eine Woche. Jetzt musste ich mir aufgrund von Rezensionspflichten schon gleich das nächste sechshundert Seiten Buch nehmen – „Des Fremden Kind“ von Alan Hollinghurst, das sich bisher aber wirklich gut liest.
        Ich kenne das übrigens auch, wenn ich so begeistert bin von etwas, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass dies anderen vielleicht nicht gefallen könnte oder auch nicht so gut wie mir … 😉

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