Gefangen, aber nicht gezähmt.

Es regnet. Es ist nasskalt und dunkel. Vielleicht denke ich aus diesem Grund zurück. Zurück an letzten Herbst, an eine Nacht, in der ich einen verstörenden Traum hatte, und zwar nachdem ich meine jährliche Ration Der Steppenwolf hinter mir hatte. Ich habe diesen Traum in einer Kurzgeschichte aufgeschrieben, und ihn seitdem vergessen. Heute abend war er wieder da. Ich teile ihn mit euch.

Dies ist keine Feiertagsgeschichte. Ich wünsche euch dennoch viel Vergnügen damit.

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Katze

Julia von Rein-Hrubesch

Noch nie hatte er das Zelt allein verlassen, noch nie; weder in all den Jahren, in denen sie als Familienunternehmen unterwegs gewesen waren, noch in den vergangenen zwei. Eigentlich hatte er das Zelt sein gesamtes Leben nie allein verlassen, die ganzen dreiunddreißig Jahre.

Es war Spätsommer, und diese Jahreszeit zog immer besonders viele Zuschauer an, warum auch immer. Die Menschen drängten in Scharen in das Zelt; das, und der Umstand, dass er das Zelt noch nie allein verlassen hatte, führten dazu, dass seine Abwesenheit erst nach einer ganzen Weile bemerkt wurde.

Beachtliche fünfunddreißig Minuten lang.

Leo fuhr das Zeltinnere mit dem Auge ab und wandte sich um. „Hast du Ives gesehen?“ Dominik drehte sich um und hob kurz die breiten Schultern. „Der ist vorhin mit dieser Frau rausgegangen.“ Leo sah ihn ungläubig an, doch Dominik zuckte nur abermals mit den Schultern und drehte sich wieder weg. Leo schob sich an ihm vorbei, eilig, und sie beide wussten, dass diese Sache noch nicht geklärt war.

„Ives!“, brüllte Leo über das Gelände, welches sich erstaunlich schnell geleert hatte. Die Menschen machten sich immer schnell aus dem Staub, wenn klar war, dass es nichts mehr zu sehen gab. Leo drehte sich einmal um sich selbst und versuchte, den Bruder zwischen den Zelten, Buden und Käfigen auszumachen. „Ives!“, brüllte er. Und dann: „Scheiße!“

Er wusste sehr wohl, dass er das Zelt nicht allein verlassen durfte, nicht während einer Vorstellung, und nicht, bevor das Publikum es verlassen hatte. Doch alles hatte sich geändert, als er sie gesehen hatte. Sie stand inmitten der vielen Menschen, und sie blickte gespannt zur Decke des Zeltes, obwohl die Vorführung bereits vorbei war. Sie hatte kastanienbraunes Haar, welches ihm wie pures Gold vorkam, ebenso wie ihre Haut, die durch den geöffneten Kragen ihrer Seidenbluse hindurch schimmerte.

Er setzte sich in Bewegung, und wie immer, wenn er aufgeregt war, fiel es ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten, er schaukelte wie ein Bär durch die Menge und versuchte, sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Sie bemerkte ihn und sie sah ihn an. Sie rührte sich keinen Millimeter von der Stelle, und auch ihr Blick änderte sich nicht, sie sah ihn einfach nur an.

Schließlich stand er vor ihr. Er wusste, dass er etwas sagen musste, doch sein Körper reagierte nur mit einem störrischen Nicken. Er warf den Kopf nach hinten und verzog in dem Versuch, etwas zu sagen, vielleicht sich zu erklären, das Gesicht zu einer Fratze.

Die Menschen um ihn herum taten das, was sie immer taten, sie glotzten ihn an. Sie glotzten ihn an und versuchten so schnell wie möglich außer Reichweite zu kommen. Anders die Kinder, auch auf sie war immer Verlass. Sie blieben stehen. Sie blieben stehen und starrten unverhohlen, bis eine erwachsene Hand sie wegzerrte.

„Bär!“, entfuhr es ihm. Es war ein lautes, langgezogenes Wort, eher ein Knurren, und die Kinder, die sich in Scharen um ihn sammelten, rissen die Münder auf. Sie schaute ihn nur an. Er schüttelte den Kopf, was in seiner Sprache bedeutete, dass seine Haare wild  hin und her flogen. „B…Nein!“ Sie griff nach seiner Hand. Er hielt augenblicklich still. Und starrte sie an.

„Ives! Verdammte Scheiße!“ Ein paar von den Tieren hoben die Köpfe um zu sehen, woher das Geräusch kam, sonst tat sich nichts. Das letzte Auto mit den letzten Gaffern fuhr an ihm vorbei und wirbelte Sand auf. Die Grillen begannen mit ihrem Sommernachtskonzert.

Sie hielt seine Hand fest und sah ihn weiter unbekümmert an. Er machte den Mund auf und versuchte etwas zu sagen, doch es gelang ihm nicht. Sie drehte den Kopf und schaute auf die Kinder, die sich um sie beide versammelt hatten. „Schert euch weg!“, zischte sie, und die Schärfe ihrer Stimme ließ ihn zusammenzucken. Dann schaute sie ihn wieder an und sagte: „Sag deutlich, was du willst!“

Seine Hand lag noch immer in ihrer.  „Ei.“, sagte er laut. Sie sah ihn an.

„Ei…Ei.“ Der Druck um seine Hand herum wurde etwas stärker. „Ives.“, sagte er schließlich. „Ives.“, wiederholte sie nachdenklich. Dann umfasste sie seine Hand und drückte sie fest. „Hallo Ives. Ich bin Sophia.“ Er nickte nur, das heißt, er warf den Kopf nach vorn. Sie blickte sich kurz um und ließ seine Hand los. „Hier drin versteht man ja kein Wort. Gehen wir ein Stück.“

Und so kam es, dass Ives nach dreiunddreißig Jahren das Zelt allein verließ.

„Du hast ihn also mit dieser Frau gehen lassen.“ Dominik machte sich nicht einmal die Mühe, sich umzusehen. „Ich bin nicht seine Mutter.“ „Ich hau dir gleich in deine Fresse!“ Dominik schnürte die Gurte fest und ließ sich dabei Zeit. Dann erhob er sich und drehte sich um. „Reg dich ab.“, sagte er. „Was soll da schon groß passieren? Meinst du, sie entführt ihn?“ „Er soll das Zelt nicht allein verlassen!“ „Er war nicht allein.“ Dominik grinste ihn an. Leo trat einen Schritt auf ihn zu. Dominik warf einen Blick über seine Schulter und nickte. „Mach dir nicht ins Hemd. Da kommen sie.“

Leo wandte sich um und sah den Bruder über das sandige Gelände auf sich zukommen. Er runzelte die Stirn. Zum einen war er erstaunt über die Art und Weise, in der Ives sich bewegte, ja beinahe spazierte. Er schlenderte völlig entspannt an dem großen Zelt vorbei. Zum anderen staunte Leo über die Begleitung seines Bruders. An seiner Seite ging eine Frau, und sie schienen sich angeregt zu unterhalten.

Als sie das Zelt verlassen hatten, war es Ives gelungen, den Impuls zu unterdrücken, die Hand auszustrecken und nach der Frau zu greifen. Sie sah ihn mit einem Ausdruck an, der ihm deutlich machte, dass er das zu unterlassen hatte. Er wusste auch so, dass man Fremde, ganz besonders Frauen nicht einfach so anfassen durfte. „Ives?“, fragte Sophia.

Er blickte sie an. „Ja?“ „Lebst du hier? Hier im Zirkus?“ „Ja.“ „Gefällt es dir?“ Ives blieb abrupt stehen. Diese Frage hatte ihm noch nie jemand gestellt. Er zog die Stirn in Falten. Sie war ebenfalls stehen geblieben und lächelte ihn aufmunternd an. Trotzdem behielt sie die Strenge im Gesicht. „Mein Bruder passt auf mich auf.“, sagte Ives. „Ich bin…anders.“ „Verrückt?“, fragte sie in völliger Ruhe und er starrte sie an, weil aus ihrem Mund keine verdorbene Brühe floss, als sie das Wort aussprach. Sie hob die Brauen und machte ein komisches Geräusch, das sich wie ein „Pfff“ anhörte. „Vielleicht bist du hier der Normale und alle sind die Verrückten.“, sagte sie und blickte sich um. „Ist dir dieser Gedanke schon einmal gekommen, Ives?“

Leo lief nicht auf die beiden zu, doch er hätte es getan, hätte ihn Dominik nicht am Ärmel gezerrt und zurückgehalten. So stand er so ruhig es ihm möglich war einfach da und wartete, bis der Bruder ihn erreicht hatte.

„Ives?“, fragte er schließlich, als sie sich gegenüber standen. „Was soll das?“ Ives blickte ihn schuldbewusst an, doch Leo kannte ihn zu gut, als dass ihm das Funkeln in seinen Augen entgehen konnte. „Was habe ich dir über das Zelt gesagt?“, fragte er, und seine Stimme wurde lauter. „Du sollst es nicht alleine verlassen! Nie!“

„Er war nicht allein. Ich war bei ihm.“, sagte die Frau und irgendwie gelang es ihr, gleichzeitig sanft und bestimmt zu sprechen. Er bedachte sie mit einem kurzen Blick. „Bitte halten sie sich da raus. Das geht nur mich und meinen Bruder etwas an.“ „Soweit ich das sehe, ist Ives ein erwachsener Mann.“, entgegnete sie ihm. Nun wandte sich Leo ihr vollständig zu. „Wenn ich ihre Meinung hören will, werde ich sie danach fragen.“

„Hey!“, rief Ives erbost und stellte sich zwischen Sophia und seinen Bruder. „So redest du nicht mit ihr!“ Leo blickte ihn erstaunt an und Dominik, der sich eigentlich entfernen wollte, blieb stehen und tat es ebenfalls.

Am Abend saßen sie zusammen in ihrem Wohnwagen, Ives, Leo und Dominik. Wie jeden Tag tranken sie ein Bier zusammen und spielten Karten, bevor sie schlafen gingen. Leo betrachtete seinen Bruder und aus dem Augenwinkel heraus konnte er sehen, dass Dominik nicht im Traum daran dachte, sich endlich das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Sie waren an diesem Tag schnell mit ihrer Arbeit fertig gewesen. Sobald Sophia gegangen war, hatten sie sich daran gemacht, aufzuräumen, so wie sie das jeden Tag taten, und heute hatte es besonders gut geklappt, und dafür hatte Leo Ives gelobt. Nun saß er auf der Eckbank und betrachtete den Bruder.

Ives hatte sich heute ein Stückchen Freiheit erkämpft, ein Stück Leben, und Leo freute sich für ihn, doch tief im Inneren schlummerte die Gewissheit, dass dieser Weg auf einen Abgrund zusteuerte, dass sich ein großes schwarzes Loch auftun würde, so wie es immer gewesen war.

So war es auch gewesen, als die Sache mit der Katze geschehen war.

Leo schluckte.

In diesem Moment drehte Ives den Kopf und lächelte ihn an. In seinem Gesicht las Leo nichts als Glück. Er lächelte zurück.

Ihre Wohnung war erstaunlich groß und erstaunlich hell. Unwillkürlich zog er den Kopf ein, als er sie betrat. Sie machte keinen Hehl daraus, dass er hier nicht willkommen war, sie hatte die Tür nach seinem Läuten geöffnet und eine Augenbraue mißbilligend nach oben gezogen. „Was wollen sie?“ „Mit ihnen über Ives reden.“ „Ich höre.“ Sie hatte sich umgedreht und war vorbei an der Küche in das Wohnzimmer gegangen. Er war ihr zögernd gefolgt, er fühlte sich unsicher in einem Raum mit unbeweglichen Wänden.

„Worüber ich mit Ives spreche, geht sie nix an.“ „Doch. Wenn es ihn aufregt, schon.“ Sie blickte ihn stirnrunzelnd an. „Warum sollte sich Ives aufregen?“ Er holte tief Luft. „Ich denke, sie wissen, wovon ich spreche.“ „Davon, dass er keinesfalls etwas ist, was sie verrückt nennen?“

„Ich kenne die Theorie, dass die Verrückten die Normalen sind.“, erwiderte Leo. „Ich kenne das ganze Gerede. Doch es wäre schön, wenn sie Ives damit in Ruhe lassen würden.“ „Das sind private Gespräche. Intime Gedanken, die wir austauschen. Ich wüsste nicht, was sie das etwas angeht.“

Leo holte tief Luft. Er rieb sich über die Stirn. Dann sah er Sophia wieder an, und ihr Blick, ihre Haltung, ihre gesamte Körpersprache hatte sich nicht geändert.

Sie stand vor ihm und blickte ihn lauernd an, als wartete sie nur darauf, seine folgenden Gedanken und Äußerungen zu zerfleischen. „Es ehrt sie, dass sie sich so für Ives einsetzen.“, begann Leo ein weiteres Mal. Vielleicht war ihr auf die nette Tour beizukommen. Sie hob eine Braue.

„Dass sie sich mit ihm…auseinander setzen.“ „Auseinander setzen?“, fauchte sie ihn an. „Ives, ihr Bruder, ist ein menschliches Wesen. Der Gedanke, dass ich einfach gern mit ihm zusammen sein könnte, ist ihnen nicht einmal ansatzweise gekommen, oder?“

Nun fühlte er langsam Wut aufsteigen. „Ich kümmere mich um Ives, meinen Bruder, seit mehr als zwanzig Jahren!“, sagte er zu Sophia. „Eigentlich kümmere ich mich um ihn mein ganzes Leben lang!“ Seine Stimme wurde lauter und seine Hand fuhr mahnend in die Höhe. „Also erzählen sie mir nichts vom Verrücktsein und seiner abstrusen Theorien! Erzählen sie mir nichts von Gedankenaustausch und privaten Gesprächen mit einem Menschen mit dem IQ einer Banane!“ Seine Stimme war nun so laut, dass er beinahe schrie, und seine Hand zitterte in der Luft, als wollte sie eine Fahne schwenken.

Sophia jedoch schien sich immer mehr zu entspannen. Sie sah ihn ungerührt an. Dann deutete sie auf seine Hand. „Wollen sie zuschlagen?“

„Was?“, fragte er verwirrt. Dann erst wurde ihm bewusst, was sie meinte. Er starrte auf seine Hand und nahm sie eilig herunter. „Natürlich wollte ich das nicht. Wie kommen sie darauf?“

Sie betrachtete ihn eingehend, bevor sie sagte: „Ives hält ihnen einen Spiegel vor.“ „Wie bitte?“ Sie zuckte mit den Schultern, eine Geste, die sie für eine Sekunde unschuldig wie ein Kind wirken ließ. „Die Aggressionen, die Wut, das Geschrei.“, sagte sie. „All die Dinge, die Ives zu unterdrücken gelernt hat, unterdrücken sie auch.“ Er runzelte die Stirn. „Wie bitte?“, fragte er noch einmal, doch nun unsicher.

Sie nickte ihm zu. „Sie haben schon verstanden. All das, was sie tun, um mit Ives zurecht zu kommen, all das, was ihnen vermutlich ihre Eltern beigebracht haben, all die Anstrengung, um darüber hinaus nicht selbst verrückt zu werden, hat sie alles andere vergessen lassen.“ Sie sah ihn an, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeugte von tiefer Anteilnahme, und in ihren Augen las er Traurigkeit. „All das hat sie dazu gebracht, dass sie verlernt haben, aus dem Schatten zu treten und die Schönheit zu sehen.“

Dann schwieg sie.

Leo streckte die Hand aus. „Ich habe nicht gesehen, wie schön du bist.“, flüsterte er und war schon einen Schritt auf sie zu gegangen. Er spürte ihre warmen Lippen auf seinen und fuhr durch ihr Haar. „Wie unglaublich schön du bist.“, sagte er zwischen den Küssen, während sie zurücktaumelte und ihn mit sich zog. Sie landeten auf einem Zweisitzer, der an die Wand geschoben war, er setzte sich und sie setzte sich auf ihn. Ihr Körper fühlte sich an wie ihre zu Fleisch gewordene Seele: Widersprüchlich, ambivalent, neigend. Zum einem fühlte er die Strenge ihres Körpers, die Starre ihrer Muskeln und Sehnen, als er sie immer näher an sich zog, zum anderem spürte er, dass sie sich ihm völlig hingab, sich ihm völlig hingeben wollte.

Als er in der Dunkelheit zurück fuhr, sah er ihr Gesicht vor sich, er spürte ihre Berührungen, spürte, wie sie ihm durchs Haar fuhr und hörte sie noch sagen: „Ich weiß, was dir durch den Kopf spukt.“ Er hatte sich zu ihr umgedreht und erwidert: „Ich kann das nicht tun.“ Sie war aufgestanden und hatte ihn zur Tür geführt. „Unsere Fronten sind geklärt.“, hatte sie gesagt. „Ives und ich haben das besprochen. Von Anfang an. Nun geh und sieh zu, dass ihr eure Fronten klärt.“

Er steuerte den klapprigen Wagen über die Schnellstraße und erlaubte sich Gedanken, die so weit entfernt waren, dass er sich nur dunkel an sie erinnern konnte. Und immer wieder schob sich die Katze dazwischen.

„Ives?“ Er blickte suchend durch den Wohnwagen, eine Tat der Verzweiflung. Ives war nicht da.

„Scheiße.“, murmelte er. „Ives. Bitte nicht.“

Er fand das große Zelt matt beleuchtet vor, ein Zeichen, dass sich zu solch später Stunde jemand darin aufhielt. In den geharkten Sägespänen las er Ives gespannte Schritte. Er folgte ihnen mit den Augen, obwohl er bereits wusste, wohin sie führten.

„Ives.“, sagte er leise vor sich hin, bevor er in die Mitte der Manege ging und den Kopf hob.

Zwei Leitergerüste erhoben sich in den Himmel des riesigen Zeltes, zwischen ihnen war das Seil gespannt, dessen Länge jedes Jahr einen ganzen Meter gewachsen war. Jedes Jahr, seit Leo das einstige Familienunternehmen übernommen hatte und nun selbständig betrieb.

„Ives!“, rief er nach oben und der typische Hall erfüllte das Zirkuszelt. Da er keine Antwort bekam, setzte er sich wieder in Bewegung und ging auf eines der Gerüste zu. Er zog sich an den dünnen Stangen entlang nach oben.

Ives hatte das Seil nicht betreten, doch er stand am äußeren Rand der ohnehin schmalen Plattform. Leo stemmte sich das letzte Stück hoch und richtete sich auf.

„Ives.“, sagte er nur. Der Bruder, der den Blick nach unten gerichtet hatte, hob nun den Kopf und taumelte. „Langsam!“, mahnte Leo. „Du musst den Kopf langsam heben, sonst wird dir schwindelig!“

„Halt die Klappe!“, blaffte Ives ihn an, und sein Kopf flog hin und her. „Ives!“, sagte Leo und hob langsam die Hand. „Du musst dich beruhigen!“

„B…B…B“, sprudelte es aus dem Mund des Bruders.

„Bär.“, vervollständigte Leo. „Ich weiß.“ Er versuchte den Arm nach Ives auszustrecken, doch als ihm klar wurde, dass er ihn trotz der Enge hier oben nicht erreichen würde, ließ er es bleiben. „Du warst bei ihr, nicht wahr?“, fragte Ives. Er schaute nun wieder nach unten, hinab in die Tiefe.

Leo starrte ihn an.

„Du warst bei ihr, nicht wahr?“, wiederholte Ives nun lauter. „Ich…“ „Stammel nicht!“, schrie Ives und sein Kopf schnellte herum. „Du bist weggefahren! Du fährst nie weg! Nie ohne mich!“ Leo starrte den Bruder noch immer an, unfähig etwas zu sagen.

„Du warst bei ihr, nicht wahr?“, schrie ihm Ives entgegen. „Sag es!“ „Ich…“ Leo hob langsam den Arm. „Ives…“

„Sag es!“, brüllte ihn Ives an. „Ja. Ja, ich war bei ihr.“, antwortete Leo. Ives holte tief Luft.

„Bitte Ives.“, sagte Leo leise. „Bitte sieh’ nicht nach unten.“ Ives Brust ging schnell auf und ab. „Bitte, Ives. Sieh mich an.“ Ives hob den Kopf und blickte Leo in die Augen.

„Es ist…“, begann Leo und fühlte, wie eine Welle Hilflosigkeit sich über ihm auftürmte. „Es war…“ Er schüttelte leicht den Kopf und blickte den Bruder flehentlich an. „Ich wollte nur mit ihr reden. Ich wollte mit ihr über dich reden.“ „Ha…ben.“, sagte Ives. „Du kannst sie nicht haben, Ives!“, erwiderte Leo und biss sich auf die Zunge, als ihm bewusst wurde, dass er den Bruder beinahe angeschrien hatte. „Du kannst sie nicht haben, Ives!“, wiederholte er. „Du kannst einen Menschen nicht haben!“

„Ich will sie haben!“, sagte Ives. „So wie du sie hast.“ „Oh Ives!“ „Ich will sie haben. So wie du sie hattest.“ „Ives.“, sagte Leo langsam. „So nahe wie du werde ich ihr niemals sein.“ Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme brachte ihn dazu, in sich zusammen zu sinken und Ives dazu, ihn misstrauisch zu beäugen.

Sie schwiegen beide.

Leo blickte in die Manege, die wie ein Teller unter ihm lag und Ives beobachtete ihn. „Weißt du noch, als wir im Urlaub waren mit Mama und Papa?“, fragte Leo. „Am Meer? Weißt du noch?“

„Ja.“, sagte Ives zögerlich. „Weißt du noch, wie der Ozean aussah?“ „Ja.“, antwortete Ives und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Wir waren in dieser Bucht, Ives.“

„Bucht.“

„Weißt du noch?“, fragte Leo und hob den Kopf, um dem Bruder in die Augen zu blicken. „In dieser Bucht, da war das Meer gefangen, aber…“

„Nicht gezähmt.“, sagte Ives und sie beide sprachen die Worte gemeinsam.

„Ja. Gefangen, aber nicht gezähmt.“, wiederholte Leo leise und wanderte mit seinem Blick an der dünnen Zirkushaut entlang, die sich über ihnen spannte. „So wie du, Ives. So wie wir beide.“ „Wir beide.“, sagte Ives. „Ja.“ Leo sah den Bruder nun wieder an, und dann streckte er die Hand aus. „Und nun lass uns nach unten gehen. Und dort unten in der Manege werden wir uns wie Männer gegenüberstehen.“

Ives sah ihn an, und seine Schultern strafften sich. Dann streckte auch er einen Arm aus, doch bevor sich die beiden Hände berühren konnten, blickte Ives nach unten und begann zu wimmern.

„Nein, Ives, nicht! Bitte nicht jetzt!“

Ives hatte nun realisiert, über welchem Abgrund er sich befand, und er begann sich hin und her zu wiegen. „Nein!“, rief Leo. „Nicht!“ er blickte zu seinen Füßen, unter denen die Plattform wankte wie bei sehr hohem Seegang.

„Ives!“, rief er. Ives hatte sich umgedreht und versuchte den Bruder an sich zu zerren. „Ives!“, schrie der nun. „Scheiße, Ives, beruhige dich!“

Als Ives fiel, kam es seinem Bruder vor, als wäre hätte er ihn noch nie so leicht gesehen, so grazil. So frei.

Leo streckte die Hand aus und schaute ihr träge hinterher. Ives war kilometerweit von ihm entfernt. Leo riss die Augen auf, er riss den Mund auf; und als der Schrei seine Lippen verließ, war Ives in der Mitte des Zirkuszeltes, der Manege aufgeprallt, und Millionen von Sägespänen wirbelten auf und vergruben ihn inmitten von goldenem Staub.

Ende

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