Beten oder trinken

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Gestern las ich einen Artikel über Richard Wagner, geschrieben von einem Autor, dessen Werke ich sehr schätze. Ich beschloss, noch während ich las, euch heute davon zu erzählen.50c

Es war schon sehr spät und ich wollte die Reportage sacken lassen und eine Nacht darüber schlafen. Ich schlug also die nächste Seite auf und folgende Zeile sprang mir ins Auge: Depressionen sind Luxus. Darunter ein Bild des Künstlers 50 Cent. Nanu?, dachte ich und las das relativ kurze Interview mit dem Rapper, Schauspieler, Drehbuch-Coautor. Vordergründig wollte ich natürlich wissen, ob Curtis Jackson, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, an einer psychischen Erkrankung leidet, oder ob er sich vielleicht damit schmückt, wie es im Showbusiness leider üblich geworden zu sein scheint. Meine Frage konnte nicht beantwortet werden.

Ganz im Gegenteil, ich war ziemlich verwirrt und bin es noch. Am Anfang kommt Fifty recht sympathisch rüber, er antwortet manchmal mit Gegenfragen und will einige Male wissen, wie der Reporter es genau meint. Doch nach dem fünften Mal stellt sich natürlich die Frage, ob er es wirklich nicht versteht oder einfach keinen Bock hat. Er windet sich durch das Interview wie ein Aal. Ihr zuckt die Schultern und sagt: Was willst du, der Mann ist von Beruf Gangsterrapper, der muss sich winden können. Vielleicht habt ihr recht, doch ich gebe ihm noch eine Chance: Verliert jemand, der Frauen meist anhand sekundärer Geschlechtsmerkmale darstellt das Recht, ernst genommen zu werden? Die Frage sei mal dahingestellt.

Schließlich geht es um die Depression. Depressionen sind ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann, sagt der Künstler auf die Frage, wie er mit Schicksalsschlägen umgeht. Also entschuldige mal!, will ich ausrufen. Doch es kommt noch besser: Eine Depression würde bedeuten, dass das Erreichte für ihn bedeutungslos geworden wäre. Und diese Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die an Depressionen leiden. Sowas suche ich mir nicht aus oder kaufe es bei Walmart. Und dass alles an Bedeutung und Energie verliert, kommt eben von dieser Krankheit und nicht andersherum. Was regt die sich so auf?, fragt ihr. Ja, vermutlich reagiere ich über. Berufskrankheit. Ich urteile darüber, weil ich mich damit auskenne. Und wenn man sich mit etwas auskennt, soll man darüber schreiben. Hat schon Stephen King gesagt.

Ich lese gerne Interviews mit Künstlern, weil mich die Persönlichkeit hinter der Musik, des Filmes oder was auch immer interessiert. Dass es sauschwer ist, ein vernünftiges Interview zu führen, zeigt dieser Artikel. Was will mir der Künstler sagen? Vermutlich gar nichts, außer Lass mich in Ruhe. Was wollen die Reporter wissen? Tja, das kommt auch nicht so recht rüber. Man kann schon erkennen, dass das vordergründige Thema Geld ist, doch auch nach der gefühlt hundertsten Frage, was denn der liebe Curtis eigentlich mit seiner ganzen Kohle anstellt, kann ich die Beiden direkt sehen, wie sie sich stirnrunzelnd anschauen. Es kommt einfach keine Antwort. Fifty weiß es selbst nicht. Und diese Erkenntnis bringt mich zu der Frage, ob das Geld, wenn es sich unkontrolliert vermehrt, seine Bedeutung verliert.

So viel Text für diesen Tropfen.

Blättert also lieber ein paar Seiten zurück, wo Dirk Kubjuweit mit etwas aufwartet, was er sich redlich verdient hat: Der Titelstory.

(Der Spiegel-Ausgabe Nr.14; das Interview mit 50 Cent führten Thomas Hüetlin und Tobias Rapp)

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  1. 50 Cent ist ja mittlerweile auch Buchautor, man soll es ja kaum glauben. Das Interview klingt fürchterlich, ich finde es bei so vielen interessanten Menschen, die etwas zu sagen hätten, manchmal wirklich desillusionierend, wem dann eine Plattform gegeben wird.

    • Ganz recht! Vor allem, wenn es sich um ein etabliertes Nachrichtenmagazin handelt. Was, ein Buch auch noch? Oh Mann…Ich nehme mal an, dass das nicht auf Deiner Liste steht 😉 Hören wir lieber noch ne Runde Woodkid!

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