Der Blaue Juwel

Der Blaue Juwel

Julia von Rein-Hrubesch

topf

Ich stehe am Fenster. Das tue ich meist den ganzen Tag. Meine Aktivitätsspanne ist auf ein gerade noch erträgliches Minimum geschrumpft.

Ich blicke auf die Straße hinab. Jetzt, da es milder geworden ist, bilden sich alle ein, aktiv werden zu müssen und raus zu gehen. Jedem geht es jetzt besser. Schwachsinn. Ich bin der Meinung, dass der Frühling sich viel negativer auf unsere Stimmung auswirkt als der Herbst, der als Suizidjahreszeit verschrien ist und mit allen Auf-den-Sims-Kletterern Hand in Hand geht. Ich weiß es sogar. Der Frühling deprimiert viel mehr; er ist frisch und grün, doch ebenso vergänglich, und wenn man aufmerksam in die Gesichter aller sich über die Straße schiebenden Idioten blickt, kann man diesen sehnsüchtigen Blick erkennen. Sie wissen es.

Letzte Woche habe ich es noch zustande bekommen, mich auf die Zehenspitzen zu stellen und dadurch die Straße besser im Blick zu haben. Das ist jetzt vorbei. Die Aktivitätsspanne misst einen halben Millimeter.

Es ist nicht so, dass ich krank bin. Naja, mein Arzt sieht das vermutlich anders. Doch der ist jetzt im Urlaub und kann mich mal.

Ich habe eine Depression. Das ist okay, das weiß ich schon mein ganzes Leben lang. Richtig ätzend wurde es aber, als mein Arzt letztes Jahr sagte, ich hätte zudem eine Angststörung und eine Affektstörung.

Ich weiß noch, wie ich die Stirn gerunzelt habe. „Affektstörung? Ich dachte, das sind die Gewalttäter.“ Der Arzt verzog das Gesicht. „Na ja…“, machte er. Er hätte auch sagen können: „Warten wir mal ab.“

Es ist nicht so, dass ich mich krank fühle. Es ist mehr so, als hätten das Leben und ich uns zurzeit nicht so viel zu sagen. Unsere Beziehung ist gestört. Das geht vielleicht vorüber.

Vielleicht.

Es ist eines dieser typischen Beziehungsprobleme: Das Leben möchte mich umarmen, und ich entziehe mich. Während der eine einen Schritt auf den anderen zu macht, entfernt sich dieser.

Das ist eine Phase.

Das geht vorüber.

Vielleicht.

In einer Beziehung arbeitet man daran, oder man trennt sich. Einer macht Schluss.

Oh, nein, keine Angst. Ich tue mir ganz sicher nichts an. Das schaffe ich nicht. Ich schaffe es nicht mal, mich auf die Zehenspitzen zu stellen.

Meine Mutter findet das alles nicht so schlimm. „Ach, das ist alles eine Frage der Motivation!“, sagte sie und schleppte mir Kräuter, Kochbücher und Pfannen in die Wohnung. Sie ist der Meinung, dass Kochen heilt.

Vielleicht tut es das. Bei mir auf jeden Fall, ich habe extrem abgenommen die letzte Woche. Klar, ich komme ja nicht aus der Wohnung. Ich komme nur noch ans Fenster. Vom Bett ans Fenster und zurück. Auch das wird immer schwieriger. Vielleicht bleibe ich hier stehen.

Ich habe etwas, was mich über die Runden bringt, bis der Arzt wieder da ist.

Der Blaue Juwel.

Auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber befindet sich ein Juwelier. Das Geschäft hat 1957 eröffnet, doch das Haus steht seit 1898, und es gibt nur einen Eingang. Diesen müssen sich der Geschäftsinhaber und die Familie, die im oberen Stock wohnt, teilen. Am Anfang war das schwierig, hat mit der Juwelier erzählt, doch dann hat sich jeder daran gewöhnt. Inzwischen wohnt die dritte Generation in dem Haus, sowohl die des Juweliers, als auch die der Mieter. Vielen mag das seltsam anmuten, man stelle sich vor, man möchte sich in Ruhe und vielleicht in einer bestimmten Atmosphäre Ringe füreinander aussuchen, und da geht die Tür auf, und eine Horde lärmender Kinder stürmt durch den Laden. Das kann schlimm ausgehen. Muss aber nicht. Ich kann jetzt nicht darüber nachdenken, das ist mir zu mühsam. Kann ja jeder selber.

Der Blaue Juwel liegt seit zwei Wochen in einer kugelsicheren Vitrine in der Mitte des Ladens, und seitdem er dort liegt, beobachte ich ihn. Ich sehe ihn nicht immer, auch wenn ich meinen Feldstecher benutze, doch oft reflektiert sich das Licht in ihm und sendet mir funkelnde Signale.

Das finde ich schön.

Den Feldstecher bekomme ich natürlich nicht mehr hoch, doch das bläuliche Funkeln reicht mir. Es bringt mich durch, bis der Arzt wieder da ist.

Vor zwei Tagen stand meine Therapeutin vor der Tür. Erst hat sie dauernd angerufen, warum ich nicht zur Therapie kommen würde, und dass sie mich persönlich abholen würde, wenn ich meinen Arsch nicht hoch bekäme. Tatsächlich stand sie dann unten und hat Sturm geklingelt. Mich hat das genervt, ich hatte gerade einen fabelhaften Blick auf den Blauen Juwel, und ich wollte, dass sie verschwindet. Sie hat aber nicht aufgehört zu klingeln, und dann fing sie auch noch an zu rufen, dieses aufdringliche Frauenzimmer! Ich überlegte, einen der schönen Terrakotta Töpfe nach unten zu werfen, zum Beispiel den mit dem Oregano drin. Doch dazu war ich natürlich viel zu schwach.

An dem Abend ging es mir ganz schön schlecht. Langsam machte ich mir Sorgen. Und ich hatte Angst vor Panik.

Seitdem stehe ich hier am Fenster. Ich versuche, nicht allzu flach zu atmen. Vor drei Stunden ist es dunkel geworden. Der Blaue Juwel funkelt mir tröstlich zu. Ich versuche mich zu recken. Es geht nicht. Atmen. Atmen. Atmen.

Dann passiert da drüben was. Kegel aus Licht, Arme und Finger aus Licht tasten sich durch den Laden des Juweliers.

Verdammte Scheiße, da drüben wird eingebrochen!

Ich schlucke und das tut weh. Ich reiße meine Augen auf, und auch das tut weh. Meine Pupillen eilen hin und her und beobachten, was da drüben abgeht.

Ich muss den Blauen Juwel retten, ich muss die Polizei rufen! Erst mal sollte ich über die Straße brüllen. Ich schaffe es nicht. Ich kann mich nicht regen. Langsam senke ich den Kopf. Ich blicke zu meinen Füßen. Die Panik ist jetzt da. Sie packt mich und kriecht an mir herauf. Ich zwinge mich zum Atmen. Was soll ich tun?

Was soll ich tun?

Mir wird schwarz vor Augen. Und mir wird übel.

Was soll ich…topf 1

Klinikum am Wall, 27.04.13
Patientenakte Julius W., Geb. 21.06.1980
Diagnose: Depression; Angststörung; Affektstörung
Seit Anfang des Jahres wurde der Patient in der Tagesklinik betreut. Nach einem tätlichen Angriff am 13.04.2013 auf seine Psychotherapeutin mit einem schweren Steinübertopf wurde er erneut stationär eingeliefert. Der Patient leidet an einer Schizophrenie und Wahnvorstellungen. Er ist medikamentös eingestellt und fixiert. Der Patient redet ununterbrochen wirr und zusammenhangslos. Er ist zeitlich und örtlich desorientiert und nicht ansprechbar. Auf Familienmitglieder reagiert er nicht. Zurzeit ist das Einzige, was ihn zu beruhigen scheint, die Neonlampe über dem Waschbecken, die bläulich flackert. Es ist mit dem Personal abgesprochen, die Lampe stets brennen zu lassen.

Ende

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2 Gedanken zu “Der Blaue Juwel

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