Der rückwärts fließende Fluss

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-Eine Erzählung-

 Julia von Rein-Hrubesch

 

 fluss

Die Bäume neigten sich der Erde zu.

An diesem Platz gab es nur hängende Bäume. Zierkirschen, Blauzedern, Buchen und selbst Fichten. Doch am meisten beeindruckten natürlich die mächtigen Trauerweiden, die mit ihren das Wasser küssenden Haaren und den Himmel streichelnden Kronen die Welten der Lebenden und der Toten vereinte.

Die Geschichte über diesen Platz kannte er anders, doch das spielte nun keine Rolle mehr; nun würde er seine eigene Geschichte schreiben. Er war mit der Erzählung aufgewachsen, die Trauerweiden würden den Himmel und die Erde vereinen, doch nun waren es eben die Toten und die Lebenden.

Vielleicht war es auch genau dasselbe.

Der Fluss, der den See an diesem Platz speiste, war nicht besonders breit, doch tückisch. Es hieß, niemand könne ihn durchschwimmen. Und niemand sollte es tun. Der Fluss, an dessen Ufer er nun stand, war einer der wenigen rückwärts fließenden Flüsse im Reich der Lebenden.

Er zog seinen rechten Schuh und den Strumpf aus und hielt prüfend die Zehen in das Wasser. Das Reich der Toten schwamm verzerrt auf der Oberfläche.

Jene Flüsse, die rückwärts fließen, nehmen denjenigen, der sie durchquert mit zurück. Wohin genau, das scheint niemand genau sagen zu können.

Er bestimmte, dass es die Vergangenheit sein sollte. Denn wohin sollte man sonst jemand mit zurücknehmen? Und da er derjenige war, der sich darüber den Kopf zerbrach, sprach er sich das Recht zu, das bestimmen zu dürfen. Da er derjenige war, der den Fluss durchqueren wollte, durfte er bestimmen, wohin ihn das Wasser tragen solle.

Er erlaubte sich keinen Gedanken an den Tod. Tot war er bereits. Er hatte nicht vor, in dem rückwärts fließenden Fluss zu sterben.

Er blickte über das Wasser in die verschwommenen Augen der Toten. Wenn er den Fluss durchqueren würde, würde er ihn mit zurücknehmen in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der sie noch am Leben gewesen war.

Er hatte diesen Platz lange Zeit beobachtet, ihn erkundet, ihn ausspioniert. Diese Stelle gehörte zu seinem Leben, tatsächlich nahm sie einen geraumen Platz darin ein; doch er versuchte die Erinnerungen aus der Kindheit abzuspalten und ihn mit den Augen eines erwachsenen Mannes zu sehen, der vorhatte, in den rückwärts fließenden Fluss zu steigen.

Es gelang ihm kaum; die Erinnerungen und die neuen Betrachtungen verschmolzen immer wieder miteinander. Und noch immer war ihm diese eine kühle Stelle inmitten jener hängenden Riesen, die schon damals Riesen gewesen waren und sich schützend über ihn gebeugt hatten, die liebste. Jene Stelle, an der man die Frische riechen konnte und das Lachen der Kinder hinter den Stämmen verhallte.

 

Nun wollte er keine Zeit mehr verschwenden, keine einzige Sekunde mehr. Er zog sich das Shirt über den Kopf, kämpfte sich aus Hose und einem Schuh und sprang.

 

Der Fluss empfing ihn mit einer wohligen Wärme. Doch nur bis er zu seinem Bett hinunter gezogen wurde.

Er war ein guter Schwimmer, und er erreichte recht schnell die Mitte des rückwärts fließenden Flusses. Doch dann packte ihn etwas an den Knöcheln und zog ihn sanft, aber unnachgiebig in die Tiefe.

Das Flussbett war mit Kies und Schlamm gefüllt, und als er panisch die Augen aufriss, konnte er die unzähligen Schlingpflanzen sehen. Er ruderte wild mit den Armen und strampelte mit den Beinen, doch die grünen Finger gaben nicht nach. Als er nach oben blickte, sah er in die Welt der Toten, und er dachte daran, dass er nun hinaufgehen würde. Und dann sah er sie. Vielleicht spielte ihm sein Gehirn einen Streich, geschwächt durch den Sauerstoffmangel und die Erinnerungen.

Sie sah genauso aus wie immer. Ihre Haare flossen langsam hin und her, als sie ihn anstarrte und den Kopf schüttelte.

Er streckte die Hand nach ihr aus, er wollte sie berühren, sie beruhigen; er wollte ihr sagen, sie müsse sich nicht sorgen. Sie schüttelte immer weiter mit dem Kopf, und er war sich sicher, dass sie ihn davon abhalten wollte, zu ihr zu kommen, zu ihr, in die Welt der Toten.

Er wusste nicht, dass es etwas anderes war, eine Gewissheit, über die sie verfügte, doch er nicht.

 

Ein Fluss, der rückwärts fließt, nimmt einen mit zurück. Er nimmt einen mit zurück in eine Zeit, in der die Geschehnisse noch nicht geschehen waren. Man könnte es als früher bezeichnen, wenn man es sich einfach machen wolle. Doch einfach ist es nicht.

Wie von einem Kern, dem man die über Jahre gewachsenen Schalen abzieht, zieht man von der Zeit eine Schale nach der anderen ab. Die Schalen wachsen nach, ja, doch in einer anderen Form. Und so entwickelt sich auch das Leben nicht auf genau dieselbe Art und Weise weiter, wenn man aus dem Fluss steigt.

 

All das wusste er nicht, als er nun an sein Vorhaben dachte, heute keinesfalls zu sterben. Nicht seine Muskelkraft, doch sein verzweifelter Wille befreite ihn schließlich aus den Pflanzen, schnitt sie durch mit einem Messer aus Trauer.

Er schwamm an die Oberfläche.

 

Als er dem rückwärts fließenden Fluss entstieg, war sie wieder da, doch sie war anders. Alles war anders, der Platz sah völlig verändert aus. Die Bäume neigten sich nicht mehr der Erde zu, sondern ragten kerzengerade in den Himmel. Sie ließen das Sonnenlicht hindurch und auf die Wiese fallen, die nun keine kühlen Geheimnisse und Schätze mehr barg.

 

Er erblickte all dies und wurde stumm, als sich die Gewissheit in ihn hereinfraß. Sein Vorhaben war ihm nicht geglückt, er starb, hier und jetzt an dieser Stelle des Ufers; es war ein anderes Sterben, und es fühlte sich viel schlimmer an, als er es sich je hätte ausmalen können.

 

Ende

 

 

 

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