Die Traurigkeit schaut mich an.

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Wird denn hier gar nichts mehr gelesen?, fragt sich der eine oder andere.

Doch, gelesen wird immer, tatsächlich brauchte ich einige Zeit für meine letzte Lektüre. Genau genommen so lange, wie ich noch nie für ein Buch gebraucht habe, soweit ich mich erinnere.

Ich wollte mich leichter Kost widmen, das hatte ich berichtet. Wieso ich mir dann den Geschichtenerzähler vorgenommen habe? Tja, ich könnte meine Wankelmütigkeit jetzt hinter einer Aussage wie: „Nach einer Woche Salat braucht jeder ein Steak.“ verstecken. Außerdem habe ich mir irgendwann mal auferlegt, von jedem Literaturnobelpreisträger wenigstens ein Werk kennenzulernen.IMG_2805[1]

Den Geschichtenerzähler von Mario Vargas Llosa kann man nicht zwischendurch lesen, noch nebenbei, noch in einem Zug. Was mir am Anfang wie ein Mangel vorkam, wie ein Nicht-Gefallen, entpuppt sich im Nachhinein als Glücksfall. Der Geschichtenerzähler verlangt stets nach Zeit und Raum, ihn sacken zu lassen.

Die Tatsache, dass ich mir an dem Buch die Zähne ausgebissen habe, liegt auch an fehlendem Interesse am Thema, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Urwald, ferne Völker und ihre Religionen, hunderte von gleichklingenden Namen? Nicht meins, sorry. Warum ich drangeblieben bin? Tja, das hat mit dem Bann zu tun, in den mich der Geschichtenerzähler gezogen hat. Tagträume, Alpträume, Inspiration zu eigenen Erzählungen (Der rückwärts fließende Fluss). All das sind Zeichen, dass mich eine Erzählung aufwühlt. Hierbei gehe ich natürlich von mir aus.

Das Buch ist aus verschiedenen Erzählsträngen gewebt, deren Zusammenhang sich nach und nach erschließt. Es geht um die Freundschaft. Zwei Jungen, dann Männer, mit sehr verschiedenen Ansichten über die Welt und die Menschen, die sie bewohnen. Der eine, der Ich-Erzähler ohne Namen, rational und mit wissenschaftlichem Blick; der andere, Saúl, zwanghaft, schon fast besessen von den Einwohnern des amazonischen Urwaldes. Seitenlange Diskussionen mit detaillierten Schilderungen über Gesellschaft, Religion und Politik zwingen zum wiederholten Lesen und Zurückblättern.

Immer wieder schieben sich Geschichten über die Ureinwohner ein, dargeboten vom Geschichtenerzähler, Geschichten voller Mystik, teilweise grausam und brutal, und immer unverständlich und scheinbar unversöhnlich mit der westlichen Kultur. Der Autor legt einem nichts auf, er zwingt zu keinem Glaube oder Bekennen. Doch die eindringliche Art und Weise, mit der Mario Vargas Llosa erzählt, dieses Feuerwerk in einem einzigen Satz, diese Faszination von der Kultur greift nach einem, packt einen und zwingt dadurch, sich damit auseinanderzusetzen.

Der Geschichtenerzähler, der selbst ein sagenumwobenes Geheimnis und ein Tabu, über ihn zu sprechen ist; nimmt Abstand zu dem, was er weitergibt. Das ist zumindest, was ich erfahren habe., sagt er immer und immer wieder. Er geht auf Distanz, seine Aufgabe ist es lediglich, Geschichten weiterzugeben und damit die Kultur der Ureinwohner am Leben zu erhalten; er erlaubt sich keinerlei Urteil. Das bleibt am Leser hängen. Das ist anstrengend, sicher; doch das ist es auch, was ein ganz besonderes Werk der Kunst ausmacht.

Und während der Namenlose, der Nüchterne, den über Jahre hinweg die Faszination des Geschichtenerzählers umtreibt, sich schließlich auf die Suche nach ihm macht, verschwindet Saúl, der Fanatische, sein Freund, aus seinem und damit unserem Blickfeld und bleibt verschollen. Und hier setzt die Spannung ein, und die verbleibenden Seiten kommen einem plötzlich sehr wenig vor. Kann es ein, dass diese beiden Schicksale zusammenhängen, und wenn ja, wie?

Der Geschichtenerzähler wird mich noch eine lange, eine sehr lange Zeit verfolgen, hat er in mir doch Gedanken und Fragen erweckt, die ich nicht missen möchte. Es sind jene Gedanken und Fragen nach dem Leben, jene, die uns vorwärtstreiben und uns in jeglicher Weise bereichern.

(Überschrift: Zitat aus Der GeschichtenerzählerMario Vargas Llosa)

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  1. Liebe Julia,
    von Mario Vargas Llosa kenne ich bisher noch kein Buch, auch wenn ich diesem Schriftsteller in Buchläden schon häufiger begegnet bin. Es hat mich irgendwie nie gereizt, ein Buch von ihm zu lesen. Deine Besprechung macht mich nun sehr neugierig darauf, ihn vielleicht doch für mich zu entdecken. Danke dafür. 🙂

    • Hallo liebe Mara! Mich hat es ehrlich gesagt, auch nie gereizt. Allerdings haben sich die Artikel und guten Kritiken über diesen Schriftsteller gehäuft, und ich habe mich entschlossen, mal einen unbekannten Weg zu gehen. Nun steht auf der Liste „Tante Julia und der Schreibkünstler“, welches sehr lustig sein soll, und ich bin schon sehr gespannt, ob das wirklich der Fall ist und wenn ja, zeichnet sich Mario Vargas Llosa auch durch Vielseitigkeit aus!

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