Strohfeuer

 Strohfeuer – Teil 1

Julia von Rein-Hrubesch

 

„Hallo!“

„Was?“

„Rutsch rüber!“ Tonne schob die Schubkarre an Lenz, der nicht wirklich Platz gemacht hatte, vorbei und leerte den stinkenden Inhalt in die Grube, die sich auftat, nachdem man den Stall durch den Hintereingang verlassen hatte.

„Du weißt schon, dass das hier körperliche Arbeit sein soll?“, fragte er, als er wieder drinnen war und bremste am Schienbein des Imwegstehers ab. „Hör auf!“, rief der und widmete sich wieder seinem Smartphone.

Tonne seufzte. „Also…?“

Lenz grinste ihn an. „Ich arbeite an einer App.“

„Aha.“

„Nix aha. Das wird ne Stall App. Das gabs noch nie.“

„Ne Stall…Ich wills gar nicht wissen.“

„Das ist nix anderes als PR.“

„Hm.“ Tonne war schon wieder in den Boxen verschwunden.

„Werbung, du verstehst?“

„Beweg  jetzt deinen Arsch hierher!“

Lenz stemmte sich von der Wand ab und ließ das Handy in die Hosentasche gleiten. „Du hast dann alles auf einen Blick! Anfahrt, Termine, Projekte.“ Er ging in die Box zu Tonne und schaute ihm beim Ausmisten zu. „Sowas braucht jede Firma heute. Und ganz besonders, wenn sie neu ist.“

Tonne richtete sich auf. „Kannst du mal deine Klappe halten und mir helfen?“ Lenz krempelte demonstrativ die Ärmel hoch und fasste nach den Griffen der Schubkarre. „Du wirst schon sehen, dass das ein Riesending wird, du Banause!“

„Ach ja?“

„Ja! Wie ich schon sagte, so etwas braucht man heute! Ordentliches Marketing ist alles!“

Tonne hielt in seiner Arbeit inne. „Kannst du mir mal sagen, von was du da eigentlich laberst, Mann? Das hier ist ne Einmannfirma und wir misten Ställe aus! Was soll denn das für ne App sein? Melken nach Zeit, oder was?!“

Lenz starrte ihn an.

„Können wir jetzt weitermachen?“

„Das ist es!“

„Was?“

Lenz’ Zeigefinger schnellte in die Höhe. „Die Viecher als Zugpferd! Du bist genial, Alter!“

Tonne runzelte die Stirn. „Nimm mal den Finger runter.“

Lenz nickte begeistert. „Na klar! Warum bin ich da nicht gleich draufgekommen? Auf Viecher steht jeder!“

„Aber nicht auf ihre Scheiße. Wenn du also…“

„Jetzt fehlt nur noch der Name! Fällt dir was ein? Vielleicht ein Reim, das zieht immer! So was wie…Schaf im Schlaf, oder Schaf Liese auf der Wiese.“

„Das ist das dämlichste, was ich je gehört habe.“

„Herein mit Schwein!“

„Wie wärs mit Gaul oder aufs Maul?“

Lenz verstummte und hob wieder den Finger. „Gar nicht schlecht, Alter!“

„Mensch, Lenz, fass jetzt mit an, du Arsch!“

„Ich setz mich gleich mal dran, Bilder brauchen wir auch noch! Merk dir deine Gedanken! Schreib alles auf!“ Lenz drehte sich um und rannte davon.

„Hey!“, brüllte ihm Tonne hinterher. „Hey! Komm sofort zurück!“ Er wartete noch eine Weile, starrte verblüfft in die Richtung, in die Lenz verschwunden war und seufzte schließlich. „Arsch.“, murmelte er und machte sich wieder an die Arbeit.

 

„Was wird das?“ Leon beugte sich über den Herd.

„Gulasch.“, antwortete Paul knapp und schüttete rotes Pulver in einen Topf. Leon blickte ihn an. „Das waren Piri Piri. Extra scharf.“

Paul schien kurz zu überlegen und dann haute er Leon auf die Schulter. „Umso besser, Chef! Da können wir morgen ordentlich ranglotzen!“

„Wohl eher heute Nacht.“

Chris, der an irgendeinem Lederstück herumwienerte, fragte, ohne aufzublicken: „Was hast du hier eigentlich so viel exotisches Zeugs rumstehen? Ich dachte, du gehst back to nature.“

Leon drehte sich um. „Und Chilis kommen nicht aus der Natur?“

„Nicht aus der deutschen.“

Leon zog die Brauen nach oben.

Paul grinste und nickte ihm zu. „Du solltest dein Auswahlverfahren für Angestellte optimieren.“

Leon schaute ihn an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Paul zwinkerte ihm zu und rührte dann weiter in dem Topf.

Leon setzte sich an den Tisch. „Wieso machst du das nicht in der Sattelkammer?“, fragte er mit einem Blick auf das Zaumzeug.

„Da sind Pferde.“, antwortete Chris.

Leon runzelte die Stirn. „Ganz genau.“

„Ich kann Pferde nicht leiden.“

„Ach so.“ Mehr fiel Leon dazu nicht ein. „Wo ist Kathi?“, fragte er schließlich.

Paul drehte sich kurz um. „Die ist oben. Leidet an ESG.“

Leon lehnte sich zurück und wartete. Paul setzte den Deckel auf den Topf, wischte sich die Hände an der Schürze ab und setzte sich ebenfalls an den Tisch. „Extrem scheiße gelaunt.“

„Oh.“, machte Leon. „Gibt’s nen Grund?“

Paul hob die Schultern. „Bestimmt irgend ein Frauenzeugs.“

„Hoffentlich hat sie sich nicht überhoben.“, überlegte Leon. „Sie hat gestern die alte Scheune ausgeräumt.“

„Selbst schuld, wenn die immer alles alleine machen will.“, bemerkte Paul. „Und du solltest nicht so nett zu deinen Angestellten sein, Chef.“, sagte Chris.

„Könnt ihr mal aufhören, mich Chef zu nennen?“

„Ich meine ja nur, als Chef darf man heutzutage keine Muschi sein. Die tanzen dir dann alle auf der Nase rum.“

Leon blickte Chris, das Zaumzeug und das Lederfett prüfend an. „Tatsächlich?“, fragte er dann und Paul grinste.

Leon seufzte, erhob sich und hielt inne. Er blickte Paul an und deutete mit der Hand zum Herd. „Hast du das abgeschmeckt?“

„Nö, wird schon passen.“, antwortete Paul. „In einer Stunde gibt’s Essen.“

Leon zuckte mit den Schultern. „Alles klar.“

„Wo willst du hin?“, fragte Chris.

Leon rückte den Stuhl zurecht. „Ich schau mal nach Kathi.“

„Nimm ne Flinte mit, Chef.“

 

 

 

 

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