Strohfeuer-Teil 2

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Strohfeuer – Teil 2

Julia von Rein-Hrubesch

Leon stand im Flur im oberen Stockwerk und klopfte an die Tür.

„Lass mich endlich in Ruhe, Chris!“, kam es von der anderen Seite. Leon zog die Brauen nach oben. „Ich bin es!“

Er hörte ein Poltern, dann öffnete sich die Tür und Kathi erschien. Zu seiner Freude sah sie nicht verheult aus. „Oh, sorry Chef.“, sagte sie.

Er atmete tief ein und folgte ihr in das Zimmer. „Sag mal, das Ding mit dem Chef, macht ihr das, um mich zu ärgern?“, fragte er, als er die Tapete betrachtete.

„Nein, das mache nur ich.“, antwortete sie prompt.

Er drehte den Kopf und betrachtete sie. „Ah.“, machte er. „Sieht gut aus.“ Er deutete zur Wand.

„Ich hab dich doch gefragt, ob ich tapezieren darf.“

Er hob die Hände. „Schon gut.“

Sie blickte ihn unverwandt an.

„Wie geht’s dir?“, fragte er.

„Eins A.“

„Kathi…“

„Spitzenklasse. Bombe. Fantastisch.“

Er schwieg.

„Haben dich Chris und Paul geschickt?“

„Sie sagten, es geht dir nicht gut.“

Kathi verzog das Gesicht. „Alles in Ordnung.“

„Offensichtlich.“

Sie blickte aus dem Fenster.

Leon nickte ihr zu. „Wenn du dir gestern irgendwas getan hast, muss ich das wissen. Wenn du dich verletzt hast, muss ich das melden.“

Kathi drehte den Kopf. „Alles gut.“

Leon nickte weiter. „Na dann.“

„Mir geht es gut. Ich komme heute Nachmittag wieder runter und arbeite und nerve auch nicht mehr mit meiner Laune.“

„Ach weißt du, ich habe mit spanischen Kampfrindern gearbeitet, ich kann das ab.“

„Ha ha. Chef.“

Er legte den Kopf etwas schief. „Deine Laune hat nicht etwa was mit dem Kerl aus dem Club zu tun?“

„Was?“

„Du hast doch diesen Typen kennen gelernt, als wir neulich in der Stadt waren.“

Sie starrte ihn an. „Na jetzt bin ich aber mal gespannt.“, sagte sie.

„Na ja.“, fing er an. „Ich meine ja nur…Du kannst dich schnell für etwas begeistern. Du bist wie ein…Strohfeuer.“

Sie runzelte die Stirn. „Du kennst mich seit drei Wochen.“, sagte sie.

Er hob kurz die Schultern. „Ich bin ein Menschenkenner.“

„Du bist ein Kuhbauer.“

Jetzt grinste er breit.

Sie verzog das Gesicht. „Sag mal, was stinkt denn hier so?“

„Paul kocht.“

Sie verdrehte die Augen. „Da hast du dir echt nen tollen Haufen angelacht. Dein Projekt könnte auch locker als Resozialisierung durchgehen.“

„Herzlich Willkommen.“, sagte er, immer noch grinsend.

„Sehr witzig.“, entgegnete sie pampig. Dann wich ihr Trotz der Neugierde. „Was ist mit den Rentern?“

„Läuft gut.“, antwortete Leon. „Auf die Anzeige haben sich dreizehn Männer und acht Frauen gemeldet.“

Sie riss die Augen auf. „Ach du Scheiße!“, sagte sie beeindruckt.

„Allerdings.“

„Da scheinst du ja ne echte Lücke im Arbeitsmarkt entdeckt zu haben.“

„Entdeckt nicht. Ich versuche sie nur zu füllen.“

Kathi betrachtete ihn eingehend. Dann verzog sie wieder das Gesicht. „Sag mal, das ist ja abartig. Riechst du das nicht?“

Leon hob die Schultern. „Wir müssen uns heute wohl ne Pizza bestellen.“

Kathi schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nix aus der Küche…Das  riecht nach Rauch!“ Sie trat ans Fenster und blickte hinunter zur alten Scheune, aus deren Fenstern dunkle Schwaden krochen, die der blaue Himmel genüsslich einzog. „Leon!“, rief sie.

Leon trat neben sie, warf einen Blick hinab, und schwang sich ohne zu zögern aus dem Fenster. Er sprang auf das Dach des Wintergartens und von dort aus direkt in den Hof.

Kathi blickte ihm ungläubig hinterher, taxierte dann die Höhe und entschied sich für den Weg durch das Haus.

 

Als sie in der alten Scheune angekommen war, war das Feuer bereits gelöscht. Leon räumte den Feuerlöscher beiseite und Chris betrachtete die Balken. „Scheinen nix abbekommen zu haben.“, sagte er. „Ich würde aber trotzdem nen Gutachter kommen lassen.“

Leon nickte. „Gute Idee.“

Tonne gesellte sich zu ihnen. „Ich habe mir die Lampen angeschaut. Die sind ja Asbach! Typischer Schmorbrand.“

„Die hauen wir gleich raus, Chef.“

Leon nickte wieder. „Ja, macht mal. Danke euch. Ihr seid echt schnell.“

„Kathi?“, fragte Chris.

Kathi stand leichenblass neben ihnen.

„Kathi!“, machte Chris noch einmal. Dann schaute er die anderen fragend an.

„Das ist nicht so schlimm, Kathi.“, sagte Leon ruhig. „Du hast doch gehört, es lag an den Lampen. Die hätte ich schon lange auswechseln müssen…Kathi?“

Sie stand noch immer regungslos bei ihnen und starrte in den sich langsam auflösenden Rauch.

„Kathi!“

Sie zuckte zusammen und blickte sich um. Dann schluckte sie. „Hier hab ich gestern die Unterlagen hingelegt.“, sagte sie tonlos.

„Was?“, fragte Lenz.

Sie schaute ihn an. „Die Unterlagen. Ich habe sie gestern mit der Post bekommen. Ich habe sie hierhin gelegt, weil ich nicht wusste, was ich…“ Sie schwieg.

Leon blickte sie an. „Wichtige Unterlagen?“

Sie nickte.

„Was familiäres?“

Sie nickte erneut.

Sie schwiegen.

Dann schüttelte Kathi den Kopf. „Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden soll. Ich weiß es noch immer nicht.“

Tonne gab ihr einen Stubs in die Seite. „Na, dann sieh das doch positiv! Jetzt musst du dich nicht mehr entscheiden!“

Kathi blickte ihn an. Er grinste.

„Weißt du was?“, fragte sie.

„Jetzt kriegt er paar aufs Maul.“, raunte Chris.

„Du hast recht.“, sagte Kathi. Tonne grinste noch breiter.

Chris hob erstaunt den Kopf.

Lenz nickte zustimmend.

Paul lächelte.

Leon zwinkerte Kathi zu.

 

Als sie zurück ins Haus gingen, fragte Chris: „Was ist denn noch verbrannt, Chef? Also außer den Unterlagen?“

Leon blickte ihn an. „Ach, nichts weiter. Nur altes Stroh.“

Noch einmal zwinkerte er Kathi zu.

 

 

 Ende

 

 

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