Um himmels willen, Ellinor!

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Alles Andere

Julia von Rein-Hrubesch

 

Ich weiß nicht mehr, wann genau es war, ich kann mich nicht an das Datum erinnern. Auf jeden Fall müsste es um den zwanzigsten Mai herum gewesen sein. Ganz genau könnte ich es sagen, wenn ich in irgendwelchen Unterlagen wühlen würde, wie dem zerfallenen Kalender meiner Großmutter, die immer alles penibel aufschreibt; dann könnte ich den Tag bestimmen, zum Beispiel nach dem Eintrag: „Fabs kommt. Ankunft am Bahnhof um 14.15 Uhr.“ Das war zweifellos der Tag, denn ich holte Fabs vom Bahnhof ab. Naja, nicht ganz. Aber fast. Ich habe es versucht. Und beinahe hätte ich es geschafft.

Ich könnte mich also aufraffen und nach dem verlorenem Datum suchen, doch ich will nicht, außerdem muss ich auf die Geschichte konzentrieren, alles andere ist jetzt nicht wichtig.

Es war also Ende Mai, und es war tierisch heiß, ich weiß nicht, ob das die Ursache dafür war, dass mein Geist und mein Körper verrücktspielten und ich einen völlig neuen Blick auf die Welt hatte die mich umgab. Ich weiß nicht, woran es lag, dass dies der Tag war, an dem mein Leben begann.

Oder endete.

Ich versuchte an meinem Handgelenk die Uhrzeit abzulesen. Genauer gesagt versuchte ich irgendetwas zu erkennen, eine Form vielleicht, oder einen Fetzen Farbe. Mein Blick war vernebelt.

„Was ist?“, fragte eine rasselnde Stimme von irgendwoher.

„Nichts.“, antwortete ein Automatismus aus mir heraus. Dann drehte ich mich halb um. „Wie spät ist es?“

Ich konnte eine Bewegung erahnen, langsam schien sich der Nebel zu lichten.

„Nach zwei.“, sagte die Stimme.

„Scheiße!“, rief ich und erschrak über die Lautstärke meiner Stimme. „Ich muss Fabs vom Bahnhof abholen!“

„Mpfh.“, machte die Stimme und der dazugehörige Körper sank nieder.Ich sprang auf. Ganz schlechte Idee. Mein Kopf schien sich zu drehen, ich musste ihn festhalten und mit der anderen Hand den restlichen Körper auf eine Kommode stützen, die glücklicherweise in der Nähe stand.

„Wah.“ Ich runzelte die Stirn und die Figuren vor meinen Augen wurden klarer und offenbarten das Geheimnis meiner körperlichen Unzulänglichkeit. Auf dem Schränkchen standen ein paar halbleere Flaschen Hochprozentiges.

Ich richtete mich langsam auf und holte tief Luft. Auch kein guter Gedanke. Nach dem Trinken scheint Sauerstoff nicht gut für den Organismus zu sein. Merken. Ich grinste. Ich fand mich und meine persönlichen Notizen einigermaßen witzig.

Achtung, nicht kotzen!

Dann fiel mir Fabs wieder ein. Ich schaute an mir hinunter. Man war wohl Kummer von mir gewohnt, doch splitterfasernackt auf dem Bahnhof aufzukreuzen, war selbst für meine Verhältnisse zu viel.

Ich schaute mich suchend um(Achtung! Langsam drehen!) und fand mein Kleid ordnungsgemäß auf einem Bügel hängen. Das brachte mich dazu, mich über mich selbst zu freuen.

Ich schlüpfte also in das knitterfreie Kleid und verließ die kleine Wohnung, in der Basti und ich die Nacht zum Tag gemacht zu haben schienen.

Als ich in meinen klapprigen Polo stieg, zeigte der warnende Zeiger schon beinahe auf Drei. Ich erschrak, einerseits wegen der vorangeschrittenen Stunde, andererseits fragte ich mich, wo der Minutenzeiger der Uhr abgeblieben war.

Zum Bahnhof waren es etwa vierzig Kilometer, ich legte also den Turbogang ein und machte eine gedankliche Notiz, mit Restalkohol wohl eine bessere Fahrerin zu sein.

Der Frühling hatte die Welt mit einer Frische bepinselt, die mich zu beflügeln schien. Die Straße wandte sich wie eine Schlange durch die Felder. Ich kannte die Strecke sehr gut, und ich drückte aufs Gas, um in einem noch angemessenen Zeitraum zu spät zu kommen.

Die Gegend war sehr hügelig, hier in Großmutters Heimat, und so kam es, dass ich mir wie einer Berg- und Talbahn vorkam. Seltsamerweise wurde mir davon nicht schlecht, ich genoss die rasante Fahrt und spähte ab und zu sogar zum Seitenfenster hinaus.

Der Bahnhof lag verlassen.

Fabs und sein Begleiter, dessen Name ich vergessen hatte, waren wohl schon aufgebrochen. Ich wusste, dass Fabs gern wanderte, und er war regelrecht besessen von dem Ort, der etwa auf halber Strecke zwischen meinem jetzigen Standort und Gut Aue lag.

Ich drehte mich in die Richtung, in der das Städtchen liegen musste und seufzte. Vielleicht war Fabs ja auch mit einem Taxi gefahren. Doch dann verwarf ich diesen Gedanken, dieser Mensch würde sich unmöglich eine spontane Wanderung entgehen lassen.

Langsam drehte ich mich um mich selbst und fühlte mich mit einem mal völlig unentschlossen. Dann fiel mir ein, dass in dem -zugegebenermaßen-  netten kleinen Ort ein Trinkwasserbrunnen stand, und auf einmal fühlte sich meine Kehle staubtrocken an. Ich konnte kaum noch schlucken und mir wurde schlecht.

Ich lief also auf den Bahnhofsvorplatz zu meinem Auto.

Rückblickend werfen sich in mir ein Dutzend Fragen auf, wenn ich an jenen Tag denke. Wieso habe ich mir an dem kleinen Kiosk nicht eine Cola geholt? Ich habe immer Geld immer Auto rumliegen.

Doch das, was dann passierte, stellte alles andere in den Schatten, und ich kann es nur damit erklären, dass dies wohl der Zeitpunkt gewesen sein musste, an dem der Wahnsinn einsetzte.

Ich blieb kurz vor meinem Auto stehen, blickte dann wieder auf den Hügel, hinter dem das nette Städtchen lag und rannte los.

Ich wünschte, ich hätte mir auf dieser Stecke ebenfalls Notizen im Geiste gemacht, denn das, was ich tat, widerspricht jeder Vernunft.

Es mochten gute sechs Kilometer gewesen sein, die ich über die Felder entlang rannte, auch das könnte ich genau bestimmen mit einem Blick auf Großmutters Karten, die hier überall im Haus hängen, doch ich will mich auf die Geschichte konzentrieren, alles andere ist jetzt nicht wichtig.

Ich habe keinerlei Erinnerungen an jenen Lauf in der Nachmittagssonne, doch ich stelle mir gern vor, wie das Gras meine nackten Beine streichelte und der Weizen sich in dem weißen Stoff meines Kleides verfing.

Ich hatte also einen Blackout, doch ich weiß, dass ich kurz nach vier an meinem Ziel angelangt war, denn das war das erste, was ich tat, als ich die Felder verlassen und die Stadt betreten hatte: Ich schaute auf die Uhr des Kirchturmes.

Dann blickte ich zu dem Brunnen, der sich aus der Mitte des Platzes erhob und schritt auf ihn zu. Schließlich tauchte ich mein Gesicht in das kalte Wasser und hielt es so lang darin wie ich nur konnte. Ich weiß noch, wie erfrischt ich mich mit einem Mal fühlte; wann immer ich mich an jenen Tag zurück erinnere, kann ich beinahe noch das eiskalte Wasser auf meiner Haut spüren.

Ich richtete mich auf und spähte über den Dorfplatz. Er lag fast menschenleer vor mir, wie immer, wenn ich mich dort aufhalte, unabhängig von Tages-oder Jahreszeit.

Die meisten Anwohner saßen wohl in den Biergärten außerhalb oder in den Cafe’s, die sich in den engen Seitengassen versteckten.

Ich machte mich auf die Suche nach Fabs und seinem Begleiter, und ich fand sie sehr schnell.

Sie waren tatsächlich vom Bahnhof aus zu Fuß aufgebrochen und in das beschauliche Städtchen gewandert. Nachdem sie sich in einem der wunderschönen Kaffeeläden gestärkt hatten, machten sie sich auf zu einem Schaufensterbummel, bei dem ich sie antraf.

Fabs und ich kennen uns schon lange. Er ist mein Cousin. Genaugenommen ist er es nicht, doch irgendwie sind alle, die sich in Gut Aue aufhalten oder je dort aufgehalten haben, miteinander verwandt. Diese Tatsache kann sich manchmal von Vorteil zeigen. Und manchmal nicht.

Fabs und sein Begleiter waren eine der Seitengassen entlanggewandert; sie führte etwas bergauf durch eines der schmalen Stadttore, die sich in hohen schlanken Türmen befinden.

Als ich Fabs erblickte, lächelte ich sofort, dann runzelte ich die Stirn.

Fabs ist ein Büromensch, fast immer sieht man ihn im Anzug.

Doch als ich ihn antraf, trugen er sowie sein Begleiter helle Overalls, in denen sie sich nun nach vorn beugten und in eines der Schaufenster lugten.

„Hey!“, rief ich, und Fabs richtete sich langsam auf und drehte sich in meine Richtung. Das ist typisch für ihn, er tut alles langsam und mit Bedacht.

„Wen haben wir denn da?“, fragte er und betrachtete mich von Kopf bis Fuß. Fabs war schon immer verliebt in mich gewesen, doch an jenem Tag nahm mein Körper die Zeichen anders wahr und reagierte in entsprechender Weise darauf. Vielleicht war es die anfangserwähnte Hitze, oder es lag daran, dass ich mich in einem Stadium der vollständigen Reife befand, jedenfalls standen wir uns das erste Mal nicht mehr als raufende Kinder gegenüber , sondern als Mann und Frau.

Sehr verwirrend.

Und erregend.

Ich grinste. Ich konnte nicht anders.

Fabs zog ein bisschen die Augenbrauen nach oben, auch das war typisch für ihn, dann gingen wir aufeinander zu und fielen uns in die Arme.

„Schön, dich wiederzusehen, Ellie.“, sagte er.

„Es freut mich auch.“, sagte ich und grinste noch immer.

„Das ist mein Freund Tom.“ Fabs deutete auf seinen Begleiter, der neben uns aufgetaucht war.

„Hi.“ Wir gaben uns anständig die Hände.

„Ich war seit Ewigkeiten nur mehr auf dem Gut.“, meinte Fabs.

„Ich weiß.“

„Doch nach all der Zeit dachte ich, ich statte dem Städtchen einen Besuch ab. Du weißt ja, wie sehr ich es immer geliebt habe.“ Und dich, sagten seine Augen.

„Ja, mein lieber Fabs, das weiß ich.“

Jetzt grinste er ebenfalls.

Er verlor kein Wort darüber, dass er und Tom sich die ganzen Kilometer mit ihren Schultersäcken hier hoch gequält hatten, schließlich wusste er genau, dass ich die beiden hätte abholen sollen; auch das ist so eine Sache mit Fabs, er reitet niemals darauf herum, wenn jemand einen Fehler machte und nachtragend war er schon gar nicht.

„Es tut mir leid, dass ich nicht rechtzeitig da war.“, sagte ich trotzdem.

„Schon gut.“, sagte Tom fröhlich und blinzelte mich an.

Ich blickte mich kurz um. „Ihr schaut euch die Schmuckfenster an?“, fragte ich dann. „Suchst du eine Uhr, Fabs?“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Nichts dabei für mich.“

Fabs war immer auf der Suche nach einer Uhr, doch nie hatte ich ihn mit einer gesehen, was wohl darauf hindeutete, dass er nie die richtige fand. Früher hatte ich ihn oft damit aufgezogen.

„Dann wollen wir mal.“, sagte ich nun und nickte aufmunternd.

Wir schlenderten die Straße weiter entlang. Fabs betrachtete mich von der Seite. Wenn ich ihm einen Blick zuwarf, hielt er ihm stand. Er betrachtete mich aus einer Mischung aus Neugier und Interesse. Früher hatte Fabs immer Käfer gesammelt, sie auf Nadeln gepikst und in kleinen Holzkästen gesammelt. Er hatte die Insekten oft stundenlang betrachtet und der Ausdruck in seinem Gesicht war der gleiche gewesen wie jetzt.

„Wo steht dein Wagen?“, fragte Tom und ich sah, wie Fabs zu grinsen anfing, er dachte wohl an mein kleines verrostetes Gefährt.

„Äh.“, machte ich und blieb abrupt stehen. Die beiden schauten mich fragend an.

 

„Du hast dein Auto am Bahnhof stehenlassen und bist hier hoch gelaufen?“ Fabs sah mich an, als wäre er mein Vater oder so was. „Warum um himmels willen hast du denn das getan, Ellinor?“

Nun verdrehte ich die Augen, weil ich wusste, dass er mich hochnahm. Um himmels willen war etwas, was meine Großmutter zu sagen pflegte, und sie war die Einzige, die mich bei meinem vollen Namen ansprach.

Fabs und Tom blickten mich belustigt an, und in Fabs Ausdruck mischte noch etwas Sorge mit. Er sorgte sich immer um mich, auch das war typisch für ihn. Er sorgte sich um alles um jeden, außer um dicke glänzende Käfer, denen er als Kind die Leiber durchbohrt hatte.

Ich erklärte den beiden nicht, warum ich den Wagen hatte stehen lassen, die Wahrheit ist ja, ich wusste es selbst nicht.

Da Fabs und Tom keine Lust mehr hatten, ihr Gepäck zu schultern, fuhren wir mit dem nächsten Bus zum Bahnhof und dann mit meinem Auto auf Gut Aue.

 Ich lebe seit zwei Jahren auf Gut Aue, vorher war ich nur einer der vielen Gäste, die hier oben ihre Ferien verbringen.

Meine Eltern hatten mich hergebracht, als meine kleine Schwester unser Haus angezündet hatte. Meine Schwester hat Borderline. Als sie der Meinung war, wir alle könnten etwas Feuer unterm Hintern gebrauchen, war sie vierzehn.

Meine Eltern brachten mich auf Gut Aue und Tammy in eine Klinik.

 Wir fuhren den letzten Hügel hinauf und das Gut präsentierte sich uns in seiner vollen Schönheit.Im Rückspiegel sah ich, wie sich Toms Augen weiteten. So geht es jedem, der das erste Mal hier hoch kommt. Das alte Jagdschloss und der Park mit all seinen gestutzten Hecken nehmen einen in Besitz und lassen einen nicht mehr los. Nie wieder.

„Ach du Scheiße.“, sagte Tom und Fabs drehte sich nach ihm um. „Du kannst dich geehrt fühlen.“, meinte er. „Großmutter heißt nicht viele Fremde auf ihrem Gut willkommen.“

Tom konnte seinen Blick kurz von dem Anwesen lösen und betrachtete Fabs und mich. „Diese Sache mit eurer Familie, ich hab das immer noch nicht verstanden.“, begann er.

„Welche Sache denn?“, fragte ich scheinheilig.

„Seid ihr nun verwandt oder nicht?“

Ich zuckte die Schultern und schielte zu Fabs. „Sag mal, in welchem Verhältnis stehst du zu der alten Dame?“

Fabs zuckte ebenfalls die Schultern und schaute dann zur Frontscheibe hinaus. „Sie ist meine Großmutter.“

Ich grinste. Diese Versuche der Verhältnisaufschlüsselung der Personen, die sich auf Gut Aue aufhielten, gab es immer wieder, sie gehörten schon fast zur Tradition. Jeder, der es ernsthaft in Erwägung zog, hinter die komplizierten Verschlingungen zu kommen, musste verrückt werden.

Tom lehnte sich zurück, ich konnte mir denken, dass er verschiedene Vorstöße dieser Richtung bereits gewagt und von Fabs keine befriedigende Auskunft bekommen hatte. Doch er sah keinesfalls so aus, als würde er klein beigeben.

Ich fand das höchst amüsant, beinahe konnte ich ihn sehen, wie er vor dem flackernden Kamin hockte und in Großmutters alten Papieren wühlte.

Ich parkte den Wagen an gewohnter Stelle und schwang mich heraus.

Ui, Schwindel. Ich klammerte mich an der Wagentür fest.

„Wie wär’s mal mit Essen, Ellie?“, fragte Fabs, als er seinen riesigen Rucksack aus dem Kofferraum zog.

Ach ja, da war ja noch was.

Essen. Ich machte mir eine geistige Notiz.

Das Foyer war sicher der beeindruckendste Raum im gesamten Gebäude. Das Schloss zeigte sich sozusagen gleich zu Beginn von seiner besten Seite und wusste seinen Betrachter zu beeindrucken.

Wir waren natürlich viel zu spät, doch Großmutter würde sich eher einen Arm abhacken, als mit dem Essen zu beginnen, bevor alle Gäste anwesend waren.

„Weißt du eigentlich, ob sie etwas bestimmtes will?“, raunte mir Fabs zu, als er versuchte, Tom, der begeistert an die Decke starrte, mit sich zu ziehen.

„Nein.“, antwortete ich. „Nur der übliche Familienwahnsinn.“

„Im wahrsten Sinne des Wortes. Komm jetzt, Tom!“

„Ist das ein italienisches Fresko?“ Unser neuer Gast konnte den Blick nicht lösen von dem bunten Gewölbe über unseren Köpfen. „Wie viel wiegt der Kronleuchter? Habt ihr ihn je wiegen lassen?“

Fabs und ich warfen uns einen verwunderten Blick zu.

„Ellinor, würdest du dich bequemen, uns mit deiner Anwesenheit zu beglücken?“, kam eine beinah kreischende Stimme aus dem Esszimmer und Tom zuckte zusammen.

Fabs grinste mich an.

Ich setzte mich in Bewegung. „Woher weißt du, dass ich es bin, liebste Großmama?“

„Um himmels willen, dein umweltverpestendes Ungetüm  hört man auf drei Meilen! Gegen den Wind!“

Alltägliches Geplänkel.

Ich betrat das Esszimmer und Fabs und Tom folgten mir.

„Fabs, mein lieber Junge!“, rief meine Großmutter und breitete ihre langen Arme aus.

Ich schüttelte den Kopf. Die alte Frau tat immer so, als wäre sie halbblind, jeden Abend sollten ich oder ein anderes armes Würstchen ihr etwas vorlesen, doch wehe, das Dienstmädchen hat nicht ordentlich geputzt, dann sieht Großmutter nämlich jedes Staubkorn; und nun hat sie Fabs sofort erkannt, auch wenn er zehn Meter von ihr entfernt stand.

Nun ja, andererseits musste es Fabs sein, sie wusste ja, dass ich ihn abholen wollte. Doch sie hätte ebenfalls auf Tom deuten können, die beiden hatten die gleiche Statur und waren zudem noch gleich gekleidet.

Ach, das wäre ein Spaß gewesen!

Ich nickte allen, die hier versammelt waren flüchtig zu und setzte mich an meinen Platz.

„Ellinor, willst du dir nicht etwas drüber ziehen über dein Negligé?“, fragte meine Großmutter.

Ich stützte als Antwort meinen Kopf auf meinen Arm und seufzte. Ich hatte Kopfschmerzen.

„Du bist drei Stunden zu spät, meine Liebe!“, fuhr sie fort. „Das ist ein neuer Rekord.“

„Danke.“, erwiderte ich.

„Wir machen uns schnell frisch.“, sagte Fabs und drückte der alten Dame einen Kuss auf die Wange.

Schleimer.

Ich schielte über den Tisch, auf dem eine festliche Kaffeetafel gedeckt war. Das Hausmädchen lief mit einer Kanne umher und ich winkte ihr zu, was mir sofort einen warnenden Blick meiner Großmutter einbrachte.

Dann eben Wasser. Ich leerte mein Glas in einem Zug und das meines Nachbarn gleich mit. Onkel Henry ist in Ordnung, er macht sich eh nicht so viel aus Wasser.

Er lächelte mir zu. „Ist der Wagen wieder steckengeblieben?“, fragte er.

„Klar, was immer du willst.“, antwortete ich und dann tat es mir leid. „Musstet ihr die ganze Zeit hier am Tisch warten?“, fragte ich entschuldigend.

Er hob seine kantigen Schultern. „Keine Ahnung. Ich glaube, ich habe zwischendurch mal geschlafen.“ Ich grinste ihn an.

Dann betrachtete ich die Gäste, um festzustellen, wer hinzugekommen war oder uns verlassen hatte seit dem gestrigen Tage. Außerdem waren Fabs und Tom noch nicht aufgetaucht und das hieß, wir mussten warten.

Ich zählte zwölf Personen an der Tafel, Onkel und Tanten und ein paar Cousinen.

Tante Ma und Tante Undine waren abgereist, ich erinnerte mich dunkel an einen Abschied gestern früh.

Endlich kamen Fabs und Tom die Treppen herunter und ich griff nach einem englischen Muffin. Großmutter bemerkte es nicht, da sie voller Entzücken die beiden jungen Männer betrachtete. „Nun sieh dich einmal an, mein lieber Fabs!“, säuselte sie. „Was für ein stattlicher Hüne du geworden bist!“

Ich runzelte die Stirn und Krümel fielen mir aus dem Mund. Hüne war wohl etwas übertrieben, ich persönlich finde ja, dass Fabs zu dünn ist. Tom dagegen erwies sich als ein richtiges Prachtstück, sein Bizeps zuckte unter dem hellen Seidenhemd und sendete mir seltsame Signale.

„Alles klar, Ellie?“, fragte meine Cousine Helena, die mir gegenüber saß in einer beachtlichen Lautstärke.

Mir wurde bewusst, dass ich Tom mit offenem Mund anstarrte und ich verschluckte mich. Helena grinste.

Blöde Kuh. Ich überlegte, mit der Kuchengabel nach ihr zu werfen, das wäre legitim, denn sie war wirklich meine Cousine. Vielleicht konnte ich ihr später eins reinwürgen, ich wusste nämlich, dass sie auf Fabs stand.

Die anderen Gäste hatten von unserem kurzen Twist nichts mitbekommen, sie betrachteten Fabs nun ebenfalls und verglichen ihn immer wieder mit seinem Vater.

Ich mag Onkel Richard wirklich sehr, wahrscheinlich mag ich ihn von allen am liebsten, noch mehr als meine Eltern, doch das ist ja auch nicht schwer. Ich beneidete ihn und Fabs um ihre Beziehung zueinander, die Art wie sich vorhin in die Arme gefallen waren zeugte von echter Familienliebe.

Endlich setzten sich Fabs und Tom und wir konnten essen.

„Warum tragt ihr diese Uniform?“, fragte meine dumme Cousine Klara und ich überlegte, ob sie meine wahre Cousine sei oder nicht. Ich überlege heute noch. Ich könnte es wohl in Erfahrung bringen, doch ich will nicht, ich muss mich auf die Geschichte konzentrieren, alles andere ist jetzt nicht wichtig.

„Was meinst du, Klara?“, fragte Fabs.

„Ich meine diese seltsame Kluft, die ihr vorhin getragen habt. Was habt ihr darin gemacht, Tom?“

Fabs lehnte sich zurück und widmete sich seinem Tee, da es nun offensichtlich war, auf wen es die strohdoofe Klara abgesehen hatte.

„Wir haben ein paar archäologische Untersuchungen gemacht.“, sagte Tom.

„Wow!“, machte Klara ehrfurchtsvoll. Ich verdrehte die Augen. 

„Wart ihr auch unten im Tal, wo sie die Venusfigur gefunden haben?“, fragte Onkel Henry.

Tom nickte. „Wir haben dort einen Zwischenstopp gemacht.“

„Habt ihr was gefunden?“, fragte Klara gespannt.

„Nun ja, eigentlich macht man dort nur Führungen mit und darf nicht selbst suchen.“, erklärte Tom ihr höflich.

Ich konnte mich nicht zurück halten. „Und weil ihr so cool seid, seid ihr dort wie Indiana Jones aufgetreten?“

Tom blickte mich an und schwieg.

„Mach dir nichts draus, mein lieber Tom!“, sagte meine Großmutter. „Ellinor hat ihre gute Kinderstube wohl vergessen.“

„Das macht nichts.“, erwiderte Tom. „Ich werde sie daran erinnern. Bei Gelegenheit.“

Ich starrte ihn verblüfft an. Mit so einem offensiven Angriff hätte ich nicht gerechnet.

Meine Kopfschmerzen waren sofort verschwunden. Dafür schmerzte nun mein ganzer Körper.

Fabs blickte mich ruhig an und Klara, die dumme Ziege verzog ihr Gesicht.

„Mach den Mund zu, Ellinor.“, sagte meine Großmutter.

Das tat ich.

Dann aßen wir, die am Tisch Versammelten fragten die neuen Gäste weiter nach dem interessanten Hobby aus und ich stopfte so viel Gebäck in mich hinein, bis mir schlecht wurde.

Ich trank mindestens einen Liter Kaffee und blickte immer wieder zu Tom, der jedoch keine Anstalten machte, sich meiner zu widmen.

Ich stand auf.

„Ellinor?“

„Ich hab Kopfschmerzen.“, sagte ich. Die Wahrheit war jedoch, dass ich inzwischen solche Schmerzen verspürte, dass ich fast verrückt wurde.

Ich musste unbedingt zu Basti.

„Vielleicht solltest du etwas weniger trinken und etwas mehr schlafen?“, fragte meine Großmutter, doch ihre Stimme klang milde. Wenn es hart auf hart kam, hielt sie immer zu einem, und wenn man eine Frau war, hatte man es sowieso einfacher mit ihr.

Ich wusste, dass sie als Kind in einem Zuchthaus gewesen war, doch warum, darüber redete niemand. Ich wusste ebenfalls, dass gemunkelt wurde, meine Schwester hätte ihre Krankheit von Großmutter geerbt, und manchmal hatte ich das Gefühl, alle würden mich lauernd betrachten und warten, dass ich die nächste war, die dran glauben musste.

Mein Schmerz zog in mir und brachte mich dazu, mich vom Tisch zu entfernen.

„Vielleicht nimmst du ein Bad, Ellinor.“, sagte meine Großmutter und der Ton in ihrer Stimme brachte mich dazu, umzudrehen und die Treppen nach oben zu laufen.

Das Bad tat wirklich gut. Trotzdem konnte ich an nichts anderes denken als an Tom. Und Basti. Und Mario.

Ach Herrje!

Ihn hatte ich tatsächlich vergessen!

Nun wurde mir klar, dass ich, bevor ich zu Basti gefahren war, bei Mario gewesen war. Langsam fiel mir auch ein, was ich dort getrieben hatte.

Ich sprang auf und brauste mich eiskalt ab.

An der Tür hämmerte es. Ich wusste, dass es das Hausmädchen war, sie wog vielleicht vierzig Kilo und hatte Arme wie Streichhölzer, doch sie hämmerte immer an die Türen wie ein Berserker.

Ich stieg aus der Wanne und warf mir ein Handtuch um. Die Tür hatte ich nicht abgeschlossen, auch darüber wundere ich mich heute. Mein damaliges Handeln bleibt mir bis heute ein Rätsel.

Ich öffnete die Tür und blickte auf ein Tablett mit zwei kleinen Gläsern. Ich wusste nicht, was sie enthielten, doch ich kippte erst die beiden blauen Pillen in meinen Mund und dann die Flüssigkeit hinterher.

Die Tür wurde geschlossen und ich setzte mich auf den kleinen Schemel.

 

Als ich vollständig angekleidet war, fühlte ich eine benommene Ruhe in mir. Ich nahm meine Umgebung etwas schwammig wahr, doch das war mir lieber als die sonstige Schärfe, die sich mir unbarmherzig offenbarte.

Ich hörte Stimmen auf der Treppe und hob den Kopf.

Eine gut gelaunte Truppe aus Cousinen und Cousins polterte durch das Haus, und ich konnte mir fast bildlich vorstellen, wie Klara Toms Vorliebe für alte Dinge für ihre Zwecke missbrauchen würde.

Ich hörte, wie sich jemand von der Gruppe löste und auf mein Zimmer zusteuerte. Ich wusste auch, wer es war.

Fabs ging durch den Raum den ich mein Eigen nenne und klopfte an die Badezimmertür. Er ist sicher der Einzige, der genug Anstand hat, hier irgendwo in angemessener Lautstärke anzuklopfen.

„Ja!“

Er öffnete die Tür, blieb im Rahmen stehen und lehnte sich dagegen.

Wann immer ich mich an jenen Tag zurück erinnere, dies ist das Bild, welches sich am besten bewahrt hat über die Jahre.

Ich sehe es immer noch vor mir, das Badezimmer; und wie ich auf dem kleinen Schemel sitze und zu Fabs hochblicke.

Ich habe schon immer zu ihm aufgesehen, und es ist wohl das Bildhafte, was sich in mir eingeprägt hat.

„Wie geht es dir, Ellie?“

„Es geht mir gut.“

Er nickte langsam.

Eine Weile schwiegen wir.

Dann lächelte ich ihn an. „Gehen wir heute Abend auf das Festival?“

Er lächelte zurück. „Das machen wir doch jedes Jahr.“

 

Wir gingen alle auf das jährlich stattfindende Festival, wir sangen und lachten und tanzten durch die Nacht.

Es ist seltsam, doch wann immer ich mich auch zurück erinnere, ich kann keinen Tag nennen, an dem ich das Leben so deutlich gespürt habe wie an jenem Maitag. Nie wieder hatte ich den Geschmack des Lebens so deutlich auf der Zunge.

 

Nach dem Sommer wurde es still auf Gut Aue. Die Gäste wurden immer weniger.

Meine Schwester Tammy ist im darauffolgenden Herbst gestorben. Sie hat sich in der Bibliothek der Klinik mit ihrem Lieblingsgürtel erhängt.

Großmutter wurde im Winter krank. Der Arzt kam und sagte, sie hätte Alzheimer. Seitdem ging es mit ihr bergab.

In den Wochen davor haben wir viel Zeit miteinander verbracht, wir haben sehr viel geredet und manchmal hat sie mir die blauen Pillen gegeben.

Sie hat mir nie erzählt, warum sie als Kind in dem Zuchthaus gewesen war, doch sie sagte Dinge wie: „Wir müssen wissen, ob wir krank sind, oder ob wir nur leben. Alles andere ist nicht wichtig, meine liebe Ellinor.“

Einmal kam der Arzt völlig aufgekratzt und berichtete von einer neuen Studie, an der die Großmutter teilnehmen könne. Doch sie wollte nicht.

„Warum denn nicht?“, fragte ich sie.

Großmutter nahm meine Hand, blickte mich an und sagte: „Ich heiße das Vergessen willkommen, mein liebes Kind. Es gibt viele Dinge, an die ich mich nicht mehr erinnern möchte.“

Ich ließ sie mit der Studie in Ruhe, so sehr der Arzt mich auch drängte, sie zu überreden.

Manchmal, wenn sie ihre klaren Momente hat, sieht sie mich an und sagt: „Die Hauptsache ist, es geht dir gut, Ellinor. Alles andere ist nicht wichtig.“

Es wurde immer stiller auf dem Gut. Die Worte wurden immer weniger. Heute kann ich manchmal ihre Stimme in den Fluren hören. „Das Leben, Ellinor, das Leben.“

 

Als der Frühling zurück kehrte, war Großmutter bereits schwerkrank. Sie hockte in ihrem Ohrensessel und ihre Augen hatten eine milchig weiße Farbe.

Der Arzt untersuchte sie eingehend, richtete sich dann auf und sah mich an. „Wir könnten die Dosis erhöhen.“

Ich betrachtete Großmutter. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von leisem Entzücken. In ihren Augen konnte ich sehen, dass sie nicht mehr bei uns war.

Ich schüttelte den Kopf. „Es geht ihr gut. Alles andere ist nicht wichtig.“

 

 

 

Ende

 

 

 

 

 

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