Der Mandolinenspieler

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Mandoline1

-Eine Erzählung-

Julia von Rein-Hrubesch

 

Ich will euch heute eine Geschichte erzählen. Ich muss. Eigentlich handelt es sich auch nicht um eine Geschichte, sondern um eine Begebenheit, die mir wirklich widerfahren ist.

Ich heiße Sven und wohne in einer Großstadt und bin so ein Typ, wie ihr sie jeden Tag seht. Null-acht-fuffzehn bis Stino. Jedenfalls war ich das.

Am Mittwoch, also vor ein paar Tagen, machte ich mich auf den Weg zu einem Freund. Zu dem Freund, best buddy sozusagen. Auch wenn er total einen an der Klatsche hat. Doch diesen Umstand darf man mal getrost auf seine Alten schieben. Die sind nämlich streinreich und haben ihn verzogen. Sie haben es sogar fertig gebracht, einen halbwegs erwachsenen und erzogenen Mann zu verhunzen. Naja, egal, besagten Freund stört das nicht weiter, er macht sich eh nicht so viel aus dem üblichen Arbeiten, und so hängt er halt den lieben langen Tag zuhause rum. Weil er Angst vor Verasselung hat, führt er Ein-Tages-Projekte durch. Er macht das nun seit einem halben Jahr, also seit seine Eltern reich geworden sind, und ich kann sie euch nicht alle aufzählen, selbst wenn ich wollte. Letzte Woche waren es zum Beispiel das den ganzen Tag im Pyjama rumrennen Projekt, das eine Hyäne streicheln Projekt, das auf das den ganzen Tag nur in Zitaten aus Songtexten reden vorbereiten Projekt und schließlich das nur in Zitaten aus Songtexten reden Projekt an sich. Den Rest hab ich vergessen, oder ich weiß es schlicht nicht, ich geh ja auch noch arbeiten.

Im Gegensatz zu meinem Freund hab ich keine größeren Probleme, außer den üblichen natürlich; kein Bock auf die Arbeit, und nervende Eltern.

Ich war nun also in der Wohnung meines Freundes angekommen und nach dem traditionellen doppelten Espresso machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt. Mein Buddy versuchte mich zu überreden, an seinem kommenden Projekt teilzunehmen, dem ein Tag mal ein ganz anderer Mensch sein Projekt. An Geld fehle es natürlich nicht, so sein immer schlagendes Argument, doch ich hatte einfach keine Lust dazu, es klang mir einfach viel zu anstrengend. Das tut es heute auch noch, nebenbei gesagt, doch das ist nun hinfällig, denn heute bin ich bereits ein anderer Mensch.

Wir begaben uns also in die Stadt, rannten die Treppen zur U Bahn hinunter, fuhren mit der U Bahn bis zum Kreuz Alter Platz und rannten die Treppen an jener Stelle wieder hinauf. Dort trafen wir auf den Mann, der mich veränderte. Der meinen Freund veränderte, der alle Menschen veränderte, die auf ihn trafen, und der alle Menschen verändern wird, die noch auf ihn treffen werden. Er wird also die ganze Welt nachhaltig verändern.

Der Mandolinenspieler saß auf einem kleinen Koffer und tat nichts anderes, als das man von einem Straßenmusiker erwarten würde: Er spielte auf seinem Instrument. Und er sang. Meine Freund ich blieben stehen und hörten ihm zu. Das war alles.

Ich weiß nicht, wie ich mit Worten, die ich kenne, ausdrücken soll, was mir am Mittwoch am Kreuz Alter Platz widerfahren ist. Und vor allem wie. Das ist auch der Grund, warum ich es euch jetzt erst erzähle-Ich wusste einfach nicht, wie ich das tun sollte. Ich weiß es bis heute nicht, doch ich dachte, ich versuche es wenigstens.

Der Mandolinenspieler sang Lieder aus Worten, die sich wie ein Mantel um uns alle legten. Er sang jene Lieder, die mit Melodie geizen; auch waren sie sehr disharmonisch, was wahrscheinlich beabsichtigt war, denn Disharmonie zwingt zum Zuhören. Jene Lieder, die die Welt verändern, handelten nicht vom Krieg, von der Umweltverschmutzung und von uns Menschen als böseste Kreaturen im Universum; sondern von Bäumen, die so weit in den Himmel ragen, dass man ihre Kronen nicht sehen kann, von Wasser, welches bis ans Ende der Welt fließt, von der Prärie, und der endlosen Weite der Prärie.

Mein Freund und ich standen da und hörten dem Mandolinenspieler zu und wünschten uns eine Weite, in der man nichts sehen kann als den Horizont; und Bäume, die so weit in den Himmel ragen, dass man ihre Kronen nicht sehen kann.

Das war alles.

Das ist alles.

Was ich euch dazu sagen kann.

 

Ende

Thanks for inspiration:    Jatka

                                         Lord Huron

 

 

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