Die Manifestation eines Helden

eine Erzählung

Julia von Rein-Hrubesch

Stein

Es war immer die gleiche Strecke, die sie lief. Bis auf ein paar kleine Abweichungen oder einen Sprint über den kurzen Kiesweg verlief ihre abendliche Runde über eine Länge von 7,9 Kilometern, die sich trotz der zwanghaften Unabänderlichkeit immer von einer anderen Seite zeigte.

Gestern tat sich in der Senke neben der Straße ein Heer von roten Soldaten hervor, die wegen des anhaltenden Niederschlages ihre Köpfe hängen ließen. Dieses leuchtende Schauspiel hielt nur einen Tag an, da der Nachtwind über die Mohnblumen fegte und sie ihrer Pracht entledigte.

Sie bekam davon nichts mit, denn sie erlaubte sich keinen ablenkenden Blick in die Landschaft, die sie umgab. Dafür gab es keinen triftigen Grund, sie gehörte einfach zu der Gruppe Menschen, die neben der Arbeit nichts anderes wahrnehmen und wahrnehmen wollen. Jener Gruppe Menschen übrigens, die stetig wächst.

Nach etwa der Hälfte ihrer Joggingstrecke tat sich ein kleines Wäldchen auf, das zwar nicht groß, doch duster war und durch das ein kleiner Bach führte. Dieser Abschnitt zwang zu einem erhöhten Tempo, da die Furcht vor der Dunkelheit mitlief und zur Eile antrieb. Wenn sie aus dem Wald herausrannte, wurde sie mit einem ebenmäßigen Feldweg belohnt, der vorbei an Mais, Weizen und Kartoffeln führte.

An ebenjener Stelle, dieser Grenze zwischen der Dunkelheit und dem Licht, stand ein Stein, man könnte ihn auch einen Felsbrocken nennen. Im Sommer neigten sich Büsche und Bäume so weit über ihn, dass man ihn kaum sehen konnte, obwohl er eine stattliche Größe hatte.

Sie lief an dem Stein vorbei, beinahe jeden Tag, und sie hatte den Stein noch nie gesehen, das heißt, noch nie richtig gesehen. Sie streifte ihn vielleicht mit einem ausladenden Blick, der jedoch sofort wieder zurückgerufen wurde und keinerlei Bedeutung maß oder messen durfte.

Der Stein jedoch besaß eine raue, eine kantige Oberfläche, und so kam es, dass die Gedanken von ihr, wenn sie an dem Stein vorbeilief, daran hängen blieben. Anfangs war es eher ein Streifen, so wie einer ihrer Blicke, doch mit der Zeit geschah es, dass die Gedanken, besonders, wenn sie tiefer gingen, sich in der unebenmäßigen Beschaffenheit verfingen und sich auf ihr absetzten. Natürlich erlaubte sie sich keinerlei ablenkende Gedanken während sie lief, und schon gar nicht jene, die tiefer gehen und an der Oberfläche kratzen. Es kam jedoch vor, dass sich einige aus ihrem Unterbewusstsein hervor kämpften und nach außen schwirrten. Es mochte daran liegen, dass besonders nach dem schnellen Lauf durch den Wald ihr manchmal die Kraft fehlte, die Gedanken festzuhalten.

Die Gedanken, die in ihr schlummerten, waren solch naiver Natur, dass sie sich ihrer schämte. Vielleicht hatte sie sie auch vergessen, nachdem sie sie so tief begraben hatte. Doch nun setzten sich die Gedanken auf dem Stein fest.  Zuerst belagerten sie seine Oberfläche, ummantelten ihn; doch nach einigen Sommern, in dem das Moss an dem Stein hing, und nach einigen Wintern, in denen der Schnee den Stein und die Gedanken schützte, waren sie in ihn eingedrungen, breiteten sich in ihm aus und nahmen von ihm Besitz.

Und so kam es, dass nachdem viele Jahre vergingen waren, der Stein ein anderer war. Er hatte sich geformt, die Gedanken hatten ihn geformt; die Gedanken eines unbedarften Mädchens, welches die Welt immer als ein gute sehen wollte.

Wanderer, Angler und Spaziergänger blieben stehen, zuerst wussten sie nicht, woran es lag, dass sie inne halten wollten, doch dann erblickten sie den Stein. Jene, die diese Stelle schon länger kannten, runzelten die Stirn, weil sie im ersten Augenblick nicht sehen konnten, was anders war, was ihnen anders erschien. Bis sie den Stein erblickten.

Er sah nicht anders aus als bisher, er hatte seine Form nicht verändert; doch er schien sich hervorzutun, er schien zu leuchten.

Er leuchtete für jeden, der ihn betrachtete, in einer anderen Art und Weise.

Jeder, der ihn sah und stehenblieb, um ihn zu betrachten, nahm dieses innere Strahlen wahr, dieses Pulsieren.

Die Menschen blieben vor dem Stein stehen und spürten, wie dieses Leuchten auf sie übergriff, wie es sie einnahm und sie zwang, inne zu halten und in ihr Inneres zu lauschen.

Und sie lief weiterhin an ihm vorbei, Tag für Tag; ohne ihn je zu sehen, ohne ihn je richtig zu sehen.

 

Ende

Thx for pic: Est Trés Belle
 

 

 

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Die Manifestation eines Helden

  1. Wie oft man einfach an den schönen Dingen im Leben vorbei geht, weil sie einem zu klein erscheinen, dabei halten gerade diese Dinge uns am Leben!
    Eine wundervolle Geschichte! Man merkt erstmal wie bezaubernd Dinge sein können, wenn man über sie nachdenkt… Dieses Mädchen in der Geschichte erinnert mich irgendwie an mich selbst, ich erzähle meinen Freundinnen das ich gestern einen Dachsbau oder eine wundervolle Blume entdeckt habe, worauf hin ich dann zu hören kriege dass ich ein Freak sei, aber wenn sie nur einmal darüber nachdenken würden und nicht stumpfsinnig daran vorbei laufen, dann würde es ihnen wie in deiner Geschichte gehen… 😀
    Luv ya! Bella :-p

  2. Nein, Du bist nicht wie das Mädchen, Du läufst ja nicht daran vorbei 😉 Du bist eine Tagträumerin, und während dieser Titel für andere Menschen eine Beleidigung ist, ist er von mir ausgehängt wie eine Ehrenmedaille! Diesen Titel muss man sich hart erkämpfen, meine Liebe! Vielen Dank für Deinen Besuch und Deinen Kommentar, ich hoffe, bald Deinen Blog lesen zu können! …ach, und: Willkommen im Club!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s