Puzzleteile

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-eine Erzählung-

Julia von Rein-Hrubesch

puzzle

Räumliche Trennung ist immer gut.

Ich bin ein großer Fan von räumlicher Trennung. Ich rate jedem dazu, der sich mit Problemen rumschlägt. Heute tue ich das selbst. Aus diesem Grund habe ich meinen eigenen Lieblings-Lebens-Ratschlag befolgt und bin verreist.

Vermutlich ist dieser Rat der vernünftigste, den ich jemals jemandem gegeben habe. Das weiß ich nun, nachdem ich ihn selbst beherzigt habe.

Ich befinde mich nur gute hundert Kilometer von zuhause entfernt, und doch fühlt es sich an wie eine andere Welt, und dieser Umstand macht bereits den größten Teil des Heilungsprozesses aus. Ich nehme an, der tatsächliche Abstand ist bei der räumlichen Trennung Nebensache, manchmal reicht der Vorgarten oder selbst die andere Seite der Haustür aus.

Bevor ich mich auf und davon machte, bekam ich noch einen anderen Rat, und zwar von einem Freund. Zuerst fand ich die Idee mit dem Reisetagebuch etwas banal, doch nun bin ich froh, dass ich etwas habe, wo ich hineinkritzeln kann. Ich bin nicht lange fort, nur drei Tage, doch nun weiß ich, dass auch der zeitliche Umfang bei der räumlichen Trennung nicht wichtig ist.

Ich bin gestern Abend angekommen, habe den Koffer verstaut und die Pension verlassen, um die Stadt zu erkunden. Stadt ist vermutlich etwas übertrieben, es ist ein kleines ruhiges Örtchen an einem Hafen. Meine Herberge liegt auf dem höchsten Teil des Ortes, ich wanderte also die gepflasterten Gassen hinab, ich duckte mich durch Torbögen und schlängelte mich an Cafétischen vorbei. Ich spürte die laue Sommerabendluft und lauschte dem verhaltenden Geplapper der vielen Menschen. Bereits nach einigen Minuten wurde mir etwas überraschendes klar: Ich genoss die Gesellschaft.

Ich hatte die Menschen meiden wollen, ich habe gedacht, ich bin sie leid. Doch hier wurde mir bewusst, dass das ein Trugschluss ist. Ich brauche mehr Menschen, ich möchte sie um mich herum haben, ich möchte sie beobachten und ihnen lauschen. Hier, an diesem kleinen Ort, wusste ich, dass ich mehr von ihnen sehen wollte, mehr von ihnen und dem Leben, welches sie leben.

Nach einigen Metern veränderte sich der Ort. Die Straßen waren nicht mehr abschüssig, die Wege wurden schmaler und führten mich über das bucklige Pflaster zu dem kleinen Hafen. Ich atmete die kühlere Luft, ich schmeckte sie salzig auf meiner Zunge; ich hörte die Menschen, sie wurden lauter, das Treiben wurde lauter, hektischer. Und doch genoss ich es. Ich dachte, ich wolle den Geräuschen aus dem Weg gehen, doch hier lernte ich zu unterscheiden – zwischen dem Lärm, der mir weh tut, und dem lauten Tun der Menschen, dem lauten Leben.

Auch der Hafen wusste mit zwei verschiedenen Welten zu beeindrucken. Zeigte er sich in östlicher Richtung malerisch und verschlafen, war er in westlicher Richtung fleißig und munter.

Ich ging langsam ein paar Schritte, um den Scheitelpunkt zwischen diesen beiden Welten zu finden. Doch es gelang mir nicht, sie waren so unterschiedlich und gingen doch Hand in Hand. Ich schielte nach Osten, ich betrachtete die kleinen Bänke aus Eisen mit ihren verschnörkelten Mustern, die überall am Pier standen und zum Verweilen einluden. Dann beschloss ich, zuerst die fleißige Seite zu besuchen, die kleinen Boote und Kähne zu betrachten, die im Wasser schaukelten, den Fischern bei der Arbeit zuzusehen.

Als ich am Hafen entlang schlenderte, immer mal einen Blick zurück warf zu den kleinen Eisenbänken, und dann wieder hinauf in die Stadt blickte, in der die Glocke des Turmes gerade zur Abendstunde schlug; als ich das Wasser betrachtete, in dem sich nun die untergehende Sonne spiegelte, und das weiß schäumend unablässig an die kantigen Felsen schlug; bemerkte ich, dass ich falsch gelegen hatte. Ich wollte alles von mir abschütteln, wie einen Ballast versuchte ich Dinge loszuwerden. Doch nun wurde mir klar, dass ich Input brauchte, ich musste gefüttert werden. Gefüttert mit dem Leben, mit dem Leben der Menschen, mit ihren verschiedenen Lebensentwürfen und der Toleranz, damit umzugehen. Wie ein Puzzleteil nach dem anderen fügt man seine eigenen Bedürfnisse, Erfahrungen, Wünsche, Träume und Talente zu dem zusammen, was man Leben nennt. Das ist kein festes Konstrukt, jedem steht es frei, das Gefüge wieder auseinanderzunehmen und zu verändern. Das zu erkennen, ist schwer; einzusehen, dass das Bild nicht passt, noch schwerer; und es schließlich aufzulösen und neu zu ordnen, mühsam. Meist scheint es unmöglich, doch es ist immer möglich, zu jedem Zeitpunkt, auch wenn man denkt, man habe das Puzzle fertig gestellt und es bereits mit Kleber auf einer Unterlage befestigt.

 Ende

 

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  1. hallo Julia,
    ich glaube es ist nicht das Puzzleteil was anscheinend nicht passt, sondern der Kleber, wie du ihn so treffend beschreibst, der es festhält. Ich glaube, manchmal wollen wir auch den Kleber nicht lösen und verharren in der passiven Selbstmitleidsschiene….Ich kann ja nix dafür.Ich kann mein Leben nicht ändern.
    Deine Geschichte ist toll! Danke dafür

    Ich bin weiter auf der Suche nach Löse(ungs)mittel

    lg Jatka

  2. Liebe Jatka! Du hast ganz recht, der Kleber macht uns die größten Schwierigkeiten. Wir alle zögern, etwas Festes auseinanderzunehmen, was ja meist mit einem Risiko einhergeht. Ein Lösemittel? Sag Bescheid, wenn Du eins gefunden hast, auch ich probiere weiter…Grüße vom Hafen, Julia

  3. Hallo Julia,

    wirklich eine ganz schöne Geschichte. Du hast mich sogar dazu inspiriert, einen kleinen Wochenendtrip für mich selbst in Erwägung zu ziehen 🙂 Abstand kann tatsächlich Wunder wirken…
    Mal gucken, was es da für schöne Fleckchen in der Nähe gibt.

    Sonnige Grüße, Jasmin

    • Dankeschön! Ich bin eigentlich nicht der Typ, der Fernweh hat, doch aus irgendeinem Grund möchte ich ein kleines Städtchen am Hafen besuchen. Bis ich das auf die Reihe bekomme, schicke ich meine Geschichten-Figuren vor 😉 Ich wünsche Dir eine inspirierende Reise, und den Abstand, den Du suchst!

  4. Vielen Dank auch! 🙂 Ja das kenne ich. Meinen Romanfiguren dichte ich ab und an auch gerne die Dinge an, die ich in meinem eigenen Alltag (noch) nicht realisieren konnte.

    • Einer der Gründe, aus denen man schreibt? Ich auf jeden Fall wünsche das ebenfalls meinen Lesern, sie sollen auf eine Reise gehen…Und wenn sie Inspiration finden, freut mich das wahnsinnig und meine Bestimmung ist erfüllt;-) Wie kommst Du mit Deinen beiden Reisenden-Delah und Mary voran?

      • Ja, so sehe ich das auch. Eine Reise für die Gedanken. In meiner Vorstellung sind Bücher wie Millionen unterschiedliche Türen, die wiederum Abermillionen verschiedene Welten miteinander verbinden 🙂 oder so.
        Sehr gut, danke 🙂 Ich schreibe ja schon sehr lange daran – vermaledeite Pedanterie. Aber so langsam komme ich zum Abschluss des ersten Bandes und bin sogar halbwegs zufrieden.
        Ich hab gesehen du schreibst auch Romane 🙂 muss mir heute unbedingt mal die Leseprobe vornehmen.

      • Wie es der Zufall will, erscheint auch bald mein zweiter Roman, der Start einer Fantasy-Trilogie. Bleiben wie also beide dran…Ein wundervolles Wochenende wünsche ich Dir! Sag Bescheid, wenn der erste Band erscheint!

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