Tante Margrets Haus

Standard

-eine Erzählung-

Julia von Rein-Hrubesch

 Tante Margret

Ich habe Tante Margrets Haus geerbt.

Ich weiß nicht, was sich die Tante dabei gedacht hat, vielleicht hat sie sich gar nichts dabei gedacht, was schwer zu glauben ist, wenn man die alte Schreckschraube gekannt hat, doch ich möchte es gern glauben.

Nun sitze ich hier in dem kleinen Häuschen und drehe mich um meine eigene Achse.

Die Nachricht von Tante Margrets Tod ereilte mich auf Reisen, ich bin immer auf Reisen, doch als ich erfuhr, dass das Haus mir gehören sollte, schnappte ich sofort meinen alten Koffer und kam hierher.

Das Haus überwältigt einen, ich kenne niemanden, dem es nicht so geht, schon von weitem sieht man es auf dem Berg stehen, den Kopf in den Wolken. Die Berge hier sind keine gewöhnlichen Berge, sie sehen aus, als hätte sie jemand mit grüner Wolle überfilzt und dann liebevoll glattgestrichen. Auf der anderen Seite jedoch, der Wetterseite, ragen sie spitz und graubraun in den Himmel. Sie sind schön und hässlich, genau wie Tante Magret es war. Ich runzle bei diesem Gedanken die Stirn. Sollte die alte Schachtel mich aus diesem Grund ausgewählt haben, das Häuschen zu erben? Weil sie der Meinung war, wir beide wären uns irgendwie ähnlich? Ich schüttle den Gedanken von mir. Kaum stehe ich still, quellen die Gedanken über.

Wieder blicke ich mich um.

Als ich angekommen war, habe ich sofort meinen Koffer mit meinem ganzen Hab und Gut in das schönste Zimmer gestellt, dem Zimmer direkt unter dem Giebel. Auch mein Kopf steckt in den Wolken.

Jedenfalls war das das erste Anzeichen, dass ich hier bleiben wollte, hier in meinem eigenen Häuschen. Allein der Gedanke machte mich ganz selig. 

Und in meine neue Adresse bin ich ganz verliebt: Zum Gradierhaus.

Ich weiß nicht, wie sich das Häuschen diese Benennung verdient hat, denn das Gradierhaus steht unten im Ort, es ist eine ganze Weile Fußmarsch bis dorthin.

Das Gradierhaus erfüllt einige Tage in meinen Erinnerungen an die Kindheit. Ein faszinierendes, übermächtiges und dunkles Gebäude, in dem das Wasser aus dem Himmel in die Hölle tropft. So hat es uns Tante Margret immer erzählt, und wann immer wir leise und andächtig durch das Gradierhaus gewandelt sind, den Kopf in den Nacken gelegt, hörten wir diese Worte und beobachteten das Wasser, wie es sich auf den Weg zum Teufel macht.

Ich habe das Gradierhaus besucht, gestern Abend; gleich nachdem ich den Koffer in das Giebelzimmer gestellt habe, bin ich den ganzen Weg runter in den Ort gelaufen, um es mir anzusehen. Um es an mich zu erinnern, um ihm mitzuteilen, dass ich jetzt da bin.

Es hat sich überhaupt nicht verändert, kein bisschen. Es steht da, riesig und duster, und verschlingt die Menschen, die es aufsuchen, um sich heilen zu lassen.

Nun stehe ich in Tante Margrets Haus – in meinem Haus – und atme tief ein. Ich habe wunderbar geschlafen, so tief und wohl, wie ich es lange nicht mehr getan habe. Und schon wieder klopft in mir der Gedanke nach dem Warum.

Tante Margret war kein guter Mensch. Ich muss mir das eingestehen. Niemand konnte sie leiden, doch was noch schlimmer war: Viele fürchteten sich vor ihr.

Tante Margret hat einmal im Jahr, immer in der letzten Juniwoche, die gesamte Familie hierher in ihr Zuhause eingeladen. Ich erinnere mich an wundervolle Sommertage, in denen wir Kinder den lieben langen Tag die Gegend erkundet haben und in den Bergen geklettert sind.

Ich hole tief Luft und beschließe, eine Bestandsaufnahme zu machen. Ich weiß nicht, warum das so ist, doch ich habe das erste Mal in meinem Leben das Bedürfnis, an einem Ort bleiben zu wollen; und ich denke, ich sollte dem folgen.

Also werde ich das Haus und das Grundstück inspizieren und nach dem Haken Ausschau halten, den diese Hinterlassenschaft der alten Giftspritze mit sich bringt.

Ich arbeite mich von oben bis unten durch das Häuschen, ohne etwas zu finden. Nichts, außer Dingen, die es schon immer gab, und die ich schon immer geliebt habe. Die knarrenden Dielen, die staubigen Kristallleuchter, die bei einem Gewitter anfangen zu schaukeln, die antiken Möbel und die bunt gestrichenen Fensterläden. Jetzt gehören sie alle mir.

Ich schaue mich glücklich um und verlasse das Haus. Hinter dem Häuschen, im Garten, beginnt sich der Berg zu erheben, eine krumme und hügelige Wiese, die sich nach ein paar Metern in ein Tannenwäldchen verwandelt, ist der Schreck jedes Rasenmähers. Ich zucke unbewusst mit den Schultern. Ich habe nicht vor, den Rasen zu mähen.

Der Vorgarten jedoch ist ebenmäßig und erinnert mit seinen gestutzten Hecken und den sauberen Wegen an eine englische Grafschaft, mitten in den bayrischen Bergen. Tante Margret war besessen von England, und aus diesem Grund glich unser jährlicher Aufenthalt hier oben immer einer sieben Tage lang währenden Teeparty. Die Abende waren wunderbar, weiße Pavillons und Festzelte, innen geschmückt mit bunten Lampions und Stehtischen mit einer roten Schleife. Ich kann es beinahe vor mir sehen, wenn ich durch den Vorgarten blicke.

Nun sind die Festzelte verschwunden, ich fahre mit dem Fuß über vergilbte Vierecke im Rasen, verblassende Erinnerungen an meine Kindheit.

Dann beginne ich zu lächeln. Ich beschließe, die gesamte Familie einzuladen, ich werde die Pavillons wieder aufstellen und ein rauschendes Fest feiern, diesen Sommer noch! Ich werde dieses Häuschen mit jedem teilen, der es genauso liebt wie ich.

Ich beende meinen Rundgang und gehe an dem Swimmingpool vorbei, der eigentlich nur noch ein Loch im Boden ist, welches mit zerklüfteten Fliesen ausgeschmückt ist.

Mein Häuschen betrete ich zum Seiteneingang, gehe durch die Küche und den Flur, und mein Blick fällt auf die Kellertür.

Ganz sicher, den Haken gefunden zu haben, marschiere ich drauf los und lege meine Hand auf den alten Türknauf. Die Tür öffnet sich nach innen, was ist das denn für ein Unsinn? Ich versuche sie zu öffnen, doch sie ist verschlossen.

Ich verziehe das Gesicht. Dann probiere ich es noch einmal, stemme mich gegen die Kellertür und spüre, wie sie sich bewegt. Sie ist nicht verschlossen, etwas drückt von innen dagegen.

Ich lasse von der Tür ab und stemme die Arme in die Hüften.

Diese alte Schreckschraube! Sie hat mir einen Keller überlassen, der bis obenhin mit Unrat vollgestopft ist! Ich grüble. War die Alte ein Messie, hat sie Dinge gehortet und konnte sich von nix trennen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich drehe mich um und suche in der Küche nach einer Taschenlampe. Nachdem ich fündig geworden bin, wende ich mich wieder der Kellertür zu, werfe mich dagegen und leuchte in den schmalen Spalt, der sich auftut. Ich runzle die Stirn.

Ich kann etwas erkennen, doch ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe viele Dinge, Gesichter, Orte, Namen, die irgendwie im Raum umher schweben. Eine Menge an Papieren; Zettel, Pamphlete, Listen über Listen.

Ich drücke etwas fester und die Tür gibt federnd nach. Das Licht in meiner Hand fällt auf hunderte, tausende Fetzen, die sich wie eine gallertartige Masse träge auf und ab bewegen. Ich gebe nach und die Tür fällt zurück in den Rahmen.

Ich lehne mich dagegen und hole Luft. Das da im Keller sieht aus, als hätte jemand ein gesamtes Leben mit Gelantine übergossen und dann eingesperrt. Ich schlucke. Ich habe keine Ahnung, was da drinnen ist, doch ich habe nicht vor, auch nur eine einzige Nacht in dem Haus zu schlafen, bevor ich es raus gefunden habe.

Kurz denke ich darüber nach, den Anwalt anzurufen, dann darüber, sofort eine Entrümpelungsfirma kommen zu lassen. Doch mit einem Mal fallen mir die Kisten mit Tante Margrets Tagebüchern ein, von denen der Anwalt gesprochen hat.

Unter der schmalen Holztreppe, die nach oben führt, werde ich fündig. Ich zerre die Kartons hervor, schleppe sie in das Wohnzimmer und schütte sie aus.

Ich seufze. Das sind bestimmt an die hundert Büchlein, Kladden und Hefte. Doch ein mir bisher unbekannter Ehrgeiz zwingt mich dazu, nach den Tagebüchern zu greifen und eines nach dem anderen durchzugehen, auf der Suche nach dem Geheimnis im Keller.

Gott sei Dank bin ich eine Meisterin im Querlesen, und so habe ich bereits nach zwei Stunden die Hälfte der Bücher geschafft. Meine Augen brennen und ich versuche mich, von dem zu distanzieren, was Tante Margret geschrieben hat, doch die Gewissheit, dass ihr Blut meinem ähnelt, macht sich breit. Ich schüttle entschlossen den Kopf und lese weiter.Und endlich finde ich die Antwort, zumindest stoße ich auf etwas, was mich stutzig macht.

„Und wieder verstreift ein weiterer Sommer, und ich weiß nicht, wo er geblieben ist. Die Liste der Dinge, die ich noch tun will, bevor meine Zeit abgelaufen ist, mahnt mich jeden Tag. Der Arzt ist ein elender Quacksalber, er macht es sich einfach und sagt immer wieder: „Margret, sie müssen sich Zeit freischaufeln.“ Was soll das eigentlich bedeuten? Wie soll ich denn die ganzen Termine, Verpflichtungen und was weiß der Geier noch auf eine Schaufel bekommen? Und wo zum Kuckuck soll diese ganze Zeug denn hinschaufeln?! Ich …“

Ich halte inne und das kleine Buch sinkt auf meine Knie. Mein Blick wandert zu der Kellertür, hinter der sich Tante Margrets böser Nachlass für mich befindet. Die garstige Alte hat sich einfach der Dinge entledigt, die sie der Zeit beraubt haben. Die sie …des Lebens beraubt haben. Ich starre schweigend die Kellertür an, dann das Heft in meinem Schoß.

Und so sitze ich noch immer.

 Ende

 

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    • Na ja, ich weiß nicht. Ich liebe ihr Haus, und auch meistens die Berge, aber ich möchte lieber nicht in der Haut der Beerbten stecken.(Ist das ein Wort?) Vielleicht erzählt sie uns ja eines Tages, was sie mit dem ganzen Müll angestellt hat…Danke für Deinen Besuch!

      • Es freut mich, wenn es Dir gefällt! Nach Kafka fühl ich mich immer etwas krank, ich hoffe, dass die alte Margret nicht dieselbe Wirkung auf Dich hat!

      • Echt? Ich bin ja nicht so ein Kafka Fan, ich halte mich lieber an Hesse. Kafka verstört, Hesse heilt. 😉 Falls Du aber Interesse hast an dusteren Geschichten, schicke ich Dir gern etwas zu. Ich habe sie hier nicht veröffentlicht, weil ich einige jugendliche Leser habe, denen ich das nicht antun möchte…Aufbauende Grüße, bis bald…

      • Hesse heilt tatsächlich, da gebe ich dir recht. Lag vor knapp zwei Jahren im Krankenhaus und neben dem physischen Schaden, brauchte ich auch eine seelische Genesung und fand sie in Siddhartha 🙂
        Momentan brauche ich noch keine Schocker-Geschichten, aber das ändert sich ja immer wieder und dann komme ich auch gern auf dein Angebot zurück. Mag nur jetzt nicht Texte von dir bekommen, die ich dann unkommentiert lasse und die womöglich auf der Festplatte verrotten… das wäre einfach blöd
        Viele Grüße zurück 🙂

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