Sollbruchstelle

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-eine kurze Erzählung-

Julia von Rein-Hrubesch

Sollbruch

Er hatte die Kerbe vor zwei Tagen entdeckt.

Als er aus der Dusche gestiegen war, nach dem Handtuch gegriffen hatte und sich von Kopf bis Fuß trocken geschrubbt hatte, war ihm die Kerbe aufgefallen.

Sie befand sich direkt auf der Wirbelsäule, im Bereich der Lendenwirbel. Hastig war er in den Flur gelaufen, doch hatte dann vor dem Spiegel gezögert, sich umzudrehen. Er fürchtete sich vor der Gewissheit. Es war nicht so, dass er nichts geahnt hatte, er hatte schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass er auseinander bräche, doch wenn er es nun sehen würde, würde es zur Wahrheit werden.

Er hielt den Atem an und drehte seinen Rücken dem Spiegel zu. Er konnte die Kerbe deutlich sehen, wie ein Spalt trennte sie seinen oberen Körper von seinem unterem. So stand er eine Weile und betrachtete sich im Spiegel, betrachtete die Kerbe, die das Leben in ihn hineingetrieben hatte, hineingetrieben mit einer Axt aus Wut und Ohnmacht, in einen Körper aus Angst und Ohnmacht.

Gestern hatte er dann den Entschluss gefasst, den Entschluss, die Kerbe zu vertiefen. Er wollte der Axt des Lebens entgegen kommen, sie damit aufhalten.

Fight fire with fire.

Es war die erste Nacht, die er in dieser Position ausgeharrt hatte. Schlafen konnte man es nicht nennen, nicht wirklich, doch er würde sich schon daran gewöhnen. Und als er sich heute Morgen betrachtet hatte, hatte er den Eindruck, die Kerbe sei bereits größer, tiefer, schwärzer.

Er hatte die Stühle so gestellt, dass ein paar Millimeter Platz zwischen ihnen herrschte, ein paar Millimeter Raum, freie Sphäre, die er mit seinem Rücken überbrücken musste. Und jeden Tag würde er diesen Raum erweitern, und damit die Kerbe auseinanderzerren, bis er bräche.

Und der Axt damit zuvorkommen.

 

Ende

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    • Naja, ich könnte mir was Schlimmeres vorstellen:-) Wenn es in irgendeiner Art und Weise berührt und zum Innehalten zwingt, wenn auch nur für einen kleinen Moment, bin ich zufrieden mit meinem Geschreibe. Ich sage also vielen Dank! Völlig kafkafreie Grüße, Julia

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