Das Bullauge

eine Erzählung

Julia von Rein-Hrubeschbullauge

Der Regen malte einen Spiegel auf die Straße.

Der Junge versuchte sich noch sattzusehen, bevor er das Haus betrat, doch es gelang ihm nicht. Die Hand auf der Klinke, zögerte er, doch schließlich übermannte ihn die Neugier und etwas, was er noch nicht kannte. Er ahnte wohl, dass es sich um ein Gefühl handeln musste, doch dass man dieses Gefühl eine Vorstufe von Sehnsucht nannte, lernte er erst später. Im Moment war es nur ein großes schwammiges Ding, welches namenlos durch die Luft schwirrte, und das, wenn es ihn packte, ihm ein wohlig kribbeliges Gefühl in den Magen zauberte.

Er lächelte, und auch dieses Lächeln war neu an ihm, es war dabei, sich zu verpuppen, um sich in jenes Grinsen zu verwandeln, welches sich auf die Lippen eines Jungen stiehlt, wenn er an ein Mädchen denkt.

Nicht nur, dass ihn heute zum ersten Mal ein Mädchen besuchen würde, nein, er hatte ebenfalls vor, diesem Mädchen von seinem Geheimnis zu erzählen.

Der Junge drückte die Klinke herunter und zwängte sich durch den engen Spalt.

Er warf einen Blick in den Garten, als er durch den Korridor lief. Der Regen hatte aufgehört, und der große Bruder saß auf einer Bank und telefonierte. Der Junge beobachtete ihn beiläufig und las in seinem Gesicht.

Die Mutter hatte gesagt, der große Bruder wäre unglücklich, doch das stimmte nicht. Er war nur wütend.

Im Vorbeigehen zuckte der Junge mit den Schultern. Im Gegensatz zu dem Bruder war er weder unglücklich noch wütend nach dem Umzug hierher, ganz im Gegenteil. Er fühlte sich ausgesprochen wohl. Und das nicht nur, weil er viele wahre Freunde gefunden hatte, und nicht erst, seitdem er Luise kennengelernt hatte; nein, er hatte sich vom ersten Tag an in seinem neuen Zuhause wohlgefühlt.

Seit er das Bullauge entdeckt hatte.

Er stand unter der Treppe, die nach oben führte und überlegte, ob er den Keller betreten sollte. Doch dann beschloss er, auf Luise zu warten und mit ihr zusammen durch das Bullauge zu sehen.

Unter der Treppe, die nach oben führte, befand sich die Tür zum Keller. In seinem alten Zuhause lag der Keller unter der Erde, doch hier nicht. Er befand sich auf derselben Ebene wie die anderen Zimmer im Erdgeschoss. Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass man hier die Häuser so baue, wegen dem Wasser, das manchmal komme und erst kurz vor der Haustüre Halt machte. Der Junge atmete tief ein und seine schmalen Schultern hoben sich.

Er dachte daran, wie er den Keller das erste Mal betreten hatte. Und dann daran, wie er ihn seitdem immer wieder besuchte, jeden Tag.

Seine Familie ging nur selten in den Keller, und wenn, dann nur ungern.

Doch für ihn war es das Paradies.

Seine Mutter schimpfte über die Spinnweben, doch er sah, wie sich die untergehende Sonne in ihnen verfing und sie in gesponnenes Gold verwandelte.

Doch das wahre Geheimnis des Kellers befand sich in der Wand zur Straße.

Das Bullauge.

Das Fenster, welches zur Straße zeigte, war rund und klein, und der Vater nannte es Bullauge. Doch dass dieses Fenster kein normales wahr, wusste nur der Junge. Und heute würde er Luise davon erzählen.

Das Bullauge war verzaubert.

Er erinnerte sich, wie er am ersten Tag durch das Fenster zur Straße geblickt hatte. Es gingen nicht viele Menschen an dem Haus, in dem er wohnte, vorbei, doch wenn sie es taten, wurden sie durch das Bullauge verzaubert. Und er hatte es schon am ersten Tag gesehen.

Nun stand er vor der Kellertür und zappelte ungeduldig, und immer wieder wanderten seine Augen zu der großen Standuhr. Um fünf Uhr wollte Luise kommen, um ihn zu besuchen; und dann würde er ihr von dem verzauberten Fenster erzählen.

Der Junge hatte am ersten Tag, an dem Tag, an dem sie in das neue Haus gezogen waren, durch das Bullauge hinaus auf die Straße geblickt. Und dann hatte er es gesehen. Und seitdem immer wieder.

Es klingelte.

Der Junge zuckte zusammen. Das namenlose Gefühl packte ihn sofort und drängte alle Gedanken und Erinnerungen beiseite.

„Hey.“, sagte er zu Luise, weil das cool war.

„Hey. Danke für die Einladung.“, sagte Luise, als sie eintrat, weil sie cool und höflich war. Das namenlose Gefühl steigerte sich ins Unermessliche. Es kitzelte so stark im Inneren seiner Gedärme, dass ihm fast ein wenig schlecht wurde.

Sie aßen die Kekse und tranken den Eistee, beides hatte die Mutter in der Küche bereit gestellt. Der große Bruder telefonierte noch immer im Garten und warf böse Blicke durch die gläserne Tür in die Küche. Der Junge blickte Luise an und verdrehte die Augen, und Luise lächelte ihn verständnisvoll an.

Und jetzt wurde es Zeit, Luise mit in den Keller zu nehmen.

Als sie die Tür unter der Treppe öffneten, erklärte er ihr, warum der Keller nicht unter der Erde lag, und Luise nickte ihm zu und sagte, dass sie das bereits wusste und sie fragte ihn, wie denn die Keller sonst wären.

Dann bewunderte sie die goldenen Fäden in der Luft und staunte über die Schätze in dem Keller, die seine Eltern nur als Gerümpel abgetan hatten.

Der Junge konnte glückseliger gar nicht sein.

Und dann standen sie vor dem Bullauge.

Der Junge war aufgeregt, er wartete darauf, dass jemand auf der Straße an dem Haus vorbeigehen würde; und er war gespannt, wer es sein würde. Luise stand neben ihm und wartete ebenfalls.

Er atmete sehr flach. Jemand näherte sich dem Haus.

Der Junge hielt den Atem an. Wer würde es sein?

Er hoffte, dass es nicht der Mann mit dem Bart sein würde, denn vor ihm gruselte er sich, und vor ihm würde sich Luise gruseln. Der Mann mit dem Bart sah verzaubert komisch aus. Eigentlich sahen alle Menschen durch das Bullauge komisch aus, doch der bärtige Mann sah seltsam aus. Schlimm. Vielleicht konnte man es auch böse nennen.

Die anderen Menschen sahen nicht böse aus, nur komisch. Die Dame von gegenüber zum Beispiel, die mit den riesigen Hüten, die sah durch das Bullauge kaum verzaubert aus, doch wenn man genau hinsah, dann sah man ihre schwarze dünne Zunge mit dem Schlitz in der Mitte. Und der junge Mann hatte immer dieses Leuchten an sich, dieses pulsierende Leuchten unter seiner Windjacke, und zwar an der Stelle, wo sein Herz sitzen musste. Und der ganz alte Mann, der unten an der Fabrik wohnte, der zog ein schwarzes rauchendes Bein nach.

Er war es auch, den der Junge am ersten Tag gesehen hatte. Er hatte nach draußen geblickt, durch das Bullauge, und der ganz alte Mann war an dem Haus vorbei gelaufen. Der Junge hatte das schwarze dürre Bein gesehen und hatte inne gehalten. Dann war nach draußen gelaufen und hatte den Mann betrachtet. Er sah ganz normal aus, seine beiden Beine unter der Stoffhose sahen aus wie alle anderen.

Und da hatte der Junge gewusst, dass das Bullauge verzaubert ist.

Und nun stand er hier mit Luise und im nächsten Augenblick würde sie es ebenfalls wissen.

Die Gestalt tauchte vor dem Fenster auf, und der Junge hatte noch einen ganz kleinen Moment Zeit, zu hoffen, dass es nicht der Mann mit dem Bart sein würde. Der Mann mit dem Bart war nicht an einer bestimmten Stelle verzaubert, wie die anderen Menschen auch. Wenn er an dem Fenster vorbeiging, war er ganz in Schwarz gehüllt, von Kopf bis Fuß, die Schwärze summte um ihn herum wie ein Schwarm wütender Bienen und hatte ihn ganz und gar eingehüllt.

Der Junge schluckte.

Die Gestalt ging nun an dem Fenster vorbei. Es war nicht der bärtige Mann, sondern der ganz junge. Der mit dem Herz.

Der Junge atmete auf. Dann lächelte er. Was konnte es schöneres geben, als das Bullauge zum ersten Mal auf diese Weise zu entdecken? Er hätte sich für Luise genau diesen Menschen ausgewählt, wenn er eine Wahl gehabt hätte.

„Siehst du es?“, flüsterte er ihr zu, ohne den Blick von dem Leuchten unter der Windjacke zu nehmen.

„Was meinst du?“, flüsterte Luise zurück.

Der Junge löste seinen Blick von dem Bullauge und sah Luise an. Er blickte in ihr unbekümmertes Gesicht und er wusste, dass sie es nicht gesehen hatte, dass sie es nicht sah.

Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann blickte er noch einmal durch das Bullauge, er blickte zu dem pulsierenden Herzen unter der flatternden Jacke, und dann wieder zu Luise, die ihn erwartungsvoll angrinste.

Ende

 

 

 

 

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3 Gedanken zu “Das Bullauge

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