Kassia schießt.

-eine Kurzgeschichte-

Julia von Rein-Hrubesch

kassia 1

Der Weg schlängelt sich wie eine Kette, die aus perfekt geformten Gliedern besteht, durch den Garten. Der hintere Teil liegt vorwiegend im Schatten, aus diesem Grund ist das Grün hier wohl besonders saftig, nicht so wie vor dem Haus, wo der Rasen trotz des unermüdlichem Einsatz des Sprengers aussieht wie ein Stück verbrannte Erde.

Ich schüttle mich kurz und setzte meinen Weg fort. Die Tasche schleudere ich im Vorbeigehen durch das Fenster, eine Bewegung, die ich während des letzten Jahres perfektioniert habe.

„Grandma?“, plärre ich durch das Haus. Ich bleibe stehen und lausche. Dann runzle ich die Stirn. Es ist kurz nach Eins, ein Blick durch das Fenster auf die Uhr und ein Lauschen in meinen Magen bestätigen diese Tatsache erneut. Ich kratze mir den Kopf. Es kommt schon mal vor, dass Grandma das Essen vergisst, doch heute bin ich sehr unleidlich, und meine Toleranzgrenze bewegt sich gegen null. Ich seufze tief. Dann lasse ich die Schultern hängen. Es bleibt mir nichts anderes übrig – Ich werde mich auf eine Wanderung begeben müssen.

Als meine Großeltern dieses Stück Land vor achtundvierzig Jahren gekauft haben, war es nichts als ein verwilderter Acker. Kaum zu glauben, wenn man heute durch diesen bunten Urwald wandert. Doch ich kenne die Bilder, sie sind verblichen und haben alle diesen vergilbten „damals“-Stich, doch es ist durchaus etwas darauf zu erkennen. Es war Grandmas Idee gewesen, die Wildnis in ein fruchtbares Fleckchen Erde zu verwandeln, und so hatte sie begonnen, den Acker zu bearbeiten. Wenn man den Erzählungen Glauben schenken darf, hatte sie ein Areal von fünf Quadratmetern abgemessen; so gut wie es ging, gekennzeichnet und sich dann an die Arbeit gemacht. Sie hatte gegraben, entwurzelt und bestimmt eine Menge geflucht. Mein Grandpa, der anfangs immer nur mit dem Kopf geschüttelt und seiner Frau einen Vogel gezeigt hatte(das würde er sicher heute immer noch gerne tun), war schließlich in die Kultivierung seines Grundstückes mit eingestiegen.

„Glaub mir, Junge.“, höre ich ihn sagen, als ob er hier neben mir stehen würde. „Das war eine Knochenarbeit, wie du sie dir gar nicht vorstellen kannst. Ich musste mich mit einer Machete durch diesen Dschungel kämpfen!“

Nach dem Sommer, es waren etwa vier Monate vergangen, hatte sich ein winziges Puzzleteil aus diesem Dschungel in ein bezauberndes Gartenstück verwandelt. Grandma pflanzte Ballonpflanzen an und ein paar Tomaten, und die Großeltern hätten es damit belassen können. Doch das taten sie nicht. Sie hatten Blut geleckt. Schließlich heckten sie einen Plan aus. Es sollte ein Garten entstehen, ein parkähnliches Gelände, welches sich von dem bereits kultivierten Fleckchen bis zum Haus erstrecken sollte. Ich habe diesen Abschnitt abgemessen, die Stelle ist noch heute zu sehen, fünf mal fünf Meter Fläche, auf denen blaue und weiße Ballonblumen leuchten. Es sind einhundertsechsundachtzig Meter bis zum Haus.

Ich könnte jetzt mit Zahlen auftrumpfen und langweilen, denn ich kenne sie alle. Ich weiß genau, wie lange meine Großeltern gebraucht haben, sich durch den Dschungel hinterm Haus durchzupflügen, ich weiß, an welchen Tagen es besonders schwer war, ich weiß genau, an welchem Tag sich Grandpa an einem rostigen Nagel eine Blutvergiftung eingefangen hatte.

Doch was wirklich wichtig ist, neben Grandpas Genesung, ist der Tag, an dem meine Großmutter auf dem verwilderten Acker die Ahlbeere entdeckt hatte. Große, schwarze Beeren versteckten sich zwischen Lilien, Disteln und anderem Unkraut. Es waren nicht viele Beeren, doch Grandma wusste sofort, dass sie einen Schatz entdeckt hatte.

Es stellte sich heraus, dass diese Art der Beere eine ganz besondere war, die auf einem bis heute ungeklärtem Weg aus Mittelasien in unseren Garten gelangt war.

Grandma legte die Beeren frei, erntete sie, schnitt sie zurück und begann schließlich, sie zu züchten.

Meine Großeltern machten ein Heidengeld mit der Ahlbeere, und die Beere selbst gab meiner Grandma einen Namen, den sie nie mehr ablegen sollte: Kassia.

Ich laufe durch den Park. Rasenfläche, schattenspendende Birken und Linden wechseln sich auf meinem Weg ab und begleiten mich in den abgelegenen Teil, der ganz am anderen Ende liegt.

Hier beginnt die Gärtnerei, in der die Ahlbeere gezüchtet wird. Ein großes gußeisernes Tor steht auf der Grenze zwischen privatem Garten und Geschäft.

Ich biege nach links ab und gehe an dem Tor vorbei. Hier hinten bin ich eigentlich am liebsten, nach den gestutzten Hecken wird man von dicht bewachsenem Garten begrüßt, und mit ein bisschen Phantasie kann man sich vorstellen, wie dieses Stück Erde einst ausgesehen haben mag. Dieser kleine Teil des Grundstückes ist lediglich so gezähmt, dass man ihn betreten kann, wild und schattig lädt er mich immer auf’s Neue ein. Hier hinten steht eine Gartenlaube, die man jederzeit in ein Festzelt verwandelt kann, und in die kleine Rasenfläche ist ein Pool eingelassen.

Der Pool ist es, der Grandma in letzter Zeit Sorgen bereitet. Eigentlich hat sie ständig schlechte Laune wegen dieses Pools. Oder besser gesagt, wegen der Person, die ihn benutzt:

Grandma hat einen ungebetenen Badegast.

Kein Grund, das Essen zu vergessen, denke ich mürrisch, und ducke mich unter dem Kirschbaum hinweg, der Dutzenden von Amseln Asyl und Nahrung spendet.

Ich betrete das Gartenhäuschen und lausche. Dann stelle ich mich auf die Zehenspitzen und versuche, durch das Fenster zu sehen. Ich kann nichts erkennen, der Pool ist zu weit weg. So kann ich auch nicht hören, ob Elise da ist.

Elise kommt jeden Tag zum Baden. Und das, obwohl sie niemand eingeladen hat. Elise wohnt ganz unten im Dorf, sie sieht aus, als wäre sie weit über hundert Jahre alt, und fährt jeden Tag mit dem Auto zu dem Anwesen meiner Großeltern, um sich ein Bad zu gönnen. Durch das gußeiserne Tor kommt man nur mit dem Schlüssel in den Park, doch auf der anderen Seite, durch den Vorgarten, könnte ihn jeder betreten. Was natürlich niemand tut. Außer Elise. Ich sehe sie manchmal, sie schwebt durch den Garten wie ein Geist, und eines Abends hatte sie mich beinahe zu Tode erschreckt. Doch mir ist das egal, Elise kümmert mich nicht, besonders im Moment nicht, denn ich habe Hunger.

„Grandma!“, plärre ich wieder und strecke mich. „Mann!“ Verzweifelt lasse ich die Schultern hängen. Ich habe keine Lust, zum Pool zu gehen, es ist heiß, und Elise will ich auch nicht begegnen. Doch ich habe Hunger. Und wütend bin ich nun auch. Ich kann mir schon denken, was Grandma sagen wird. „Iss halt ein paar Beeren!“ Doch mit ihren Kassias kann sie mich heute nicht ruhig stellen, heute nicht!

Ich stapfe los. Ich habe fast die Tür erreicht, die aus der Laube hinausführt, als ich innehalte. Ich bleibe stehen. Trotz der Hitze kriecht mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich schlucke. Schließlich setze ich einen Fuß zurück. Dann noch einen und noch einen. Ich drehe den Kopf und blicke in die alte Werkstatt meines Grandpas. Auch wenn ich ich es nicht wahrhaben will, ich den Unterschied sofort. Ich sehe, was anders ist als sonst.

Über der Werkbank fehlt eine Waffe.

Mein Grandpa hat über seine Werkbank keine Sägen und Sonstiges aufgehängt, wie jeder normale Mensch auch, sondern seine Ansammlung von Gewehren.

Heute schreit mir das fehlende Luftgewehr entgegen. Nur noch ein helles Abbild mit einer staubigen Umrandung hängt an der Wand.

Ich starre den Luftgewehrschatten an. „Grandma?“, sage ich leise und langgezogen. Ich weiß, dass Grandma eine hervorragende Schützin ist, sie und Grandpa sind seit Jahren Ehrenmitglieder im hiesigen Schützenverein. „Grandma?“, frage ich etwas lauter, doch ich ziehe den Kopf ein und sehe vor meinem geistigen Auge, wie ich Elise unter der Ahlbeere vergrabe, während ich in dem alten Schuppen stehe und auf den Schuss warte.

 

Ende

 

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3 Gedanken zu “Kassia schießt.

      1. Also ich fand dieses Abdriften sehr erfrischend, weil es so unerwartet kam. Alles war recht idyllisch…wobei, warum eigentlich „WAR“, es bleibt ja bis zum Ende sogar idyllisch…

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