Marla und Julius

Standard

-eine Kurzgeschichte-

Julia von Rein-Hrubesch

berg hell

Der Himmel hing gelb und irgendwie schwer über mir. Ich blickte missmutig aus dem Fenster. Ich hasste es, dass der Sommer vorbei war. Genaugenommen war er das nicht, noch nicht, es war der 23. August; doch mich konnte er nicht täuschen. Ich weiß genau, dass dieses schwere Gelb der Vorbote des Herbst ist, genau wie der schwere schwüle Atem, der sich mit der kühleren Luft vermischt. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass mir die Hingabe dieser Gedanken gefiel, ich grollte noch immer meinen Eltern, die mich zu diesem Ausflug ans Ende der Welt gezwungen hatten. This is not the end, this is just the world, sagte James Vincent McMorrow in mein Ohr, und ich seufzte wohlig und blickte auf die Berge, die sich neben der Autobahn immer mehr erhoben.

Ich schickte meiner Mutter einen grimmigen Blick rüber, als ich aus dem Auto gestiegen war und mir klar wurde, dass ein langer Fußmarsch vor uns lag. In den Ort selbst durfte man nicht weiterfahren, und meine Eltern sagten mir in weiser Voraussicht nicht, dass zu unserem Ziel selbst nochmal ein weiterer langer Weg lag.

„Wollt ihr mich verarschen?“, rief ich unter die schwere Himmeldecke, die über uns hing, und blieb stehen. Ich beschloss, keinen Schritt weiterzugehen. „Stell dich nicht so an!“, sagte mein Vater und meine Mutter grinste mich nur an. „Viel Spaß in der Wildnis!“ Sie zwinkerte mir zu und drehte sich um. Ich machte einige schnaufende Geräusche und auch unanständige Gesten, doch schließlich setzte ich mich in Bewegung und holte meine Eltern ein. „Wohin, zum Teufel gehen wir?“, blökte ich von der Seite. „Das haben wir schon hundert Mal gesagt.“ „Ja, aber nicht, dass die bei den Amish wohnen.“ Ich blickte mich um. Erst jetzt bemerkte ich diese Luft, die mir in den Lungen strömte und die mir würzig auf der Zunge lag. Ich blickte mich kurz um. Das Örtchen hatten wir hinter uns gelassen, nun führte uns dieser Trampelpfad den Berg hinauf. Oder in den Berg hinein. Doch ich täuschte mich. Nach einiger Zeit öffnete sich der Wald und vor uns lag beinahe kahl der Berg. „Da ist es.“, sagte meine Mutter mit leisem Entzücken und zeigte zu einem Turm, der aus einzelnen Bäumen hervorragte. Ich blieb ruckartig stehen. „Und wie sollen wir da rüber kommen?“, fragte ich entgeistert, denn zwischen dem Wald und dem Turm da drüben lag zwar keine Schlucht, doch eine Senke voller Geröll und Stein. Meine Eltern waren schon weitergewandert und steuerten auf ein Gebäude zu, aus dem ein dünnes Seil hing. Ich folgte ihm mit den Augen und landete an dem steinernem Turm. „Äh, ich stieg da sicher nicht ein.“ „Viel Spaß beim Klettern!“, rief meine Mutter fröhlich. Ich grummelte. Sie sollte dringend ihren Wortschatz erweitern. Ich grummelte noch immer, als ich in die wackelnde Gondel einstieg. Als sich das altertümliche Gefährt mit einem Ruck in Bewegung setzte, klammerte ich mich reflexartig an den Haltegriffen fest. „Hast du Angst, Florian?“, fragte mein Vater. Ich funkelte ihn an. Diesen spöttischen Unterton konnte er sich sparen. Ich schwieg und blickte aus der vergilbten Scheibe, die wie ein Stück Plastik aussah. Der steinerne Turm kam immer näher, und langsam tat sich das gesamte Gebäude vor uns auf, welches auf mich wie eine Festung wirkte.

Ich war froh, als ich aus der Gondel klettern konnte. Meine Eltern hüpften wie zwei Trottel auf und ab und rannten auf das Paar zu, welches uns erwartete, und sicher ihre alten Schulfreunde waren. Ich ächzte. Ich war abgeschrieben.

Langsam folgte ich meinen Eltern und unseren Gastgebern. Ich betrachtete die Festung, die sich an den Berg zu schmiegen schien. Wir betraten den Innenhof, in dem Tische und Stühle und ein Buffet aufgebaut waren. „Florian, steig doch mal in den Turm und mach dich mit Marla und Julius bekannt!“, rief mir Vaters alter Schulfreund zu, bevor die Erwachsenen sich entfernten und in den Innenhof schlenderten. Ich seufzte. Botengänge. Ganz toll. Ich drehte mich um und lief auf den Eingang der Festung zu. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass diese Burg mich nicht beeindruckte. Ein Geruch schlug mir entgegen, den ich nicht kannte. Ich hätte erwartet, dass es feucht und modrig in der Festung wäre, doch das war es nicht. Es war trocken und warm. Allerdings genauso dunkel, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich wandte mich nach rechts, in die Richtung, in der der Turm lag. Hölzerne Stufen knarrten unter meinen Füßen, als ich die steile Wendeltreppe emporstieg. Oben angekommen, eröffnete sich mir eine Plattform, von der aus drei Türen in Kammern führte. Ich trat um das Geländer und blickte aus dem kleinen Fenster. Ich hielt den Atem an.

„Du bist bestimmt Florian?“ Ich fuhr herum. Ein Mädchen in meinem Alter stand vor mir und lächelte mich an. „Hallo. Ich bin Marla.“ Sie streckte mir die Hand hin. Ich schüttelte sie und schwieg verdutzt. Marla wartete einen Augenblick, dann wandte sie sich ab und verschwand in einem der Zimmer. „Sieh dich ruhig überall um, Florian.“ Ich folgte ihr zögernd. Bevor ich die Kammer betreten konnte, in die sie verschwunden war, stellte sich mich mir ein Junge in den Weg. „Hallo, Florian, ich bin Julius.“ Er hatte einen kräftigen Händedruck, und allgemein sah  Julius aus wie ein cooler Hund. Er wäre es auf jeden Fall, wenn er in besseren Klamotten stecken würde. Er betrachtete mich eingehend und dann stahl sich ein Grinsen in seine Mundwinkel. „Warte mit dem Urteilbilden, bis du unsere Zimmer gesehen hast.“ Damit ging er voraus und nickte mir einladend zu.

Ich betrat die Kammer, die wohl Julius gehören musste. Alles war aus Holz. Und alt. Und spärlich eingerichtet wäre wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Julius zog eben ein Hemd aus dem wuchtigen Kleiderschrank. „Keine Sorge, Florian. Das geht allen Stadtmenschen so, die das erste Mal hier sind.“ Stadt?, war ich versucht zu entgegnen. Eher Zivilisation. Ich öffnete den Mund. „Ich wollte mir wirklich kein Urteil bilden.“ Julius hielt inne und sah mich an. „Schon gut. Ich zeig dir mal, wie wir hier feiern können. Vielleicht könne wir damit punkten.“ Er schob sich an mir vorbei und haute mir auf die Schulter. Ich drehte mich um. „Ihr müsst nicht …“, rief ich ihm hinterher. Als Julius nach einer Weile immer noch nicht aufgetaucht war, setzte ich mich in Bewegung und ging in Marlas Zimmer. Auch sie hatte sich umgezogen, sie sah etwas festlicher aus und flochte sich eben eine Blume ins Haar. Sie sah mich in dem Spiegel ihrer Kommode und drehte sich um, ohne mit dem Frisieren innezuhalten. „Sehnst du dich nach deinen Freunden, Florian?“ „Ich …“ Ich überlegte kurz. Tatsächlich hatte ich das letzte Mal an meine Freunde gedacht, als ich in die Gondel gestiegen war. „Was machen sie grade?“, fragte Marla weiter. Sie hatte sich nun ganz zu mir umgedreht und lächelte mich an. Es interessierte sie wirklich. „Sie liegen am See und feiern das Ende des Sommers. Oder trauern um ihn.“ Marla zog die Augenbrauen hoch. „Der kommt doch wieder!“ Darauf konnte ich nichts einwenden. Marla betrachtete sich prüfend im Spiegel, dann schien sie fertig zu sein. „Also, kommst du?“ „Ja, äh …wohin?“ „Zur Hochzeit unten im Dorf.“ „Aber …“ „Markus und Johanna sind mit uns zur Schule gegangen, ich freue mich so sehr für sie!“ „Ich bin nicht eingeladen.“, sagte ich schwach. Ich fühlte mich, als hätte mich ein Sog erfasst, aus dem ich mich nicht befreien konnte. Wollte ich das überhaupt? „Ach!“, winkte Marla ab. „Wenn bei uns geheiratet wird, sind alle eingeladen. Also du auch!“ Ich sah an mir herunter. „Um die Klamotten mach dir mal keine Sorgen! Wir finden ein Hemd für dich. Es ist eine Mittelalterhochzeit.“, setzte sie erklärend dazu. Ich runzelte die Stirn. „Und da macht jeder mit?“ Marla blickte mich an und auf ihrem Gesicht lag Verwunderung. „Das ist eine Tradition! Traditionen sind doch was Schönes, findest du nicht, Florian?“ Ich schwieg, Ich hatte noch nie darüber nachgedacht. Schließlich wurde ich einfach mitgezerrt von Marla.

Wir fuhren mit der Gondel in das Dorf, in dem ich mir ein Leinenhemd kaufte, und dann gingen wir auf eine Hochzeit, auf der alle eingeladen waren. So ein Fest hatte ich noch nie erlebt. Und als ich mir überlegte, dass ich mit meiner Toleranz überall gut zurechtkam, wurde mir klar, dass das ein Trugschluss war. Diese Menschen, die wegen ihrer Lebensweise mitten in der Pampa sicherlich oft schräg angeschaut wurden, nahmen mich mit einer Selbstverständlichkeit auf, die mein Herz mit einer seltsamen Wärme füllte.

Ich blicke unter dem gelben Himmel zu der steinernen Festung hinauf. Bald werden die Berge wieder kleiner werden. Die Burg in dem Felsen verschwindet immer mehr, und ich ertappe mich dabei, dass ich mich dorthin zurücksehne, ich würde gern den Trampelpfad durch den Wald rennen und in der lebensgefährlichen Gondel zu der Festung schweben und Marla und Julius besuchen.

Ende

Thx for pic: Claudi

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