Kontaktstoned

Standard

karl

Als es hieß, der neue Roman von Sven Regener ist draußen, gab es für mich kein Halten mehr. Der gute alte Karl Schmidt hatte mich sofort in der Mache, er hat es sogar geschafft, mich von dem Kutschbock zu drängen, auf dem ich seit ewiger Zeit neben Tschitschikow sitze und russische Gutsbesitzer heimsuche.

Ich halte Sven Regener für einen der begnadetsten Erzähler, Element of Crime für die besten deutschen Musiker und war seit Anfang an in Karl Schmidt verliebt. So. Aus diesen Zutaten eine objektive Kritik schreiben? Na, das sollt ihr mir mal vormachen!

Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt ist natürlich ein Muss für alle Herr Lehmann Fans, sozusagen vierter Teil der Reihe. Der gute Karl, eigentlicher Held von Anfang an, hat ja im ersten Teil einen eher traurigen Abschied hingelegt: Er verschwand in der Psychiatrie. Der Gedanke also, wie man ihn nach so langer Zeit wieder auferstehen lassen könnte, kann einen nur trübsinnig machen. Tatsächlich fällt ja meistens das Wort lustig, wenn man mit Menschen spricht, die Herrn Lehmann und Konsorten schon kennengelernt haben. So richtig kann ich das nie nachvollziehen, und damit meine ich nicht, dass ich nicht lauthals darüber lachen kann.

Karl haut aus seinem Betreuungsheim ab, um mit …nennen wir sie mal Musiker auf Tour zu gehen. Die Tatsache, dass er clean ist und auch vorhat, es zu bleiben, und von heute auf morgen zwischen dauerhaft zugedröhnten Menschen hockt, scheint da mal völlig nebensächlich. Bei den Zutaten, aus denen Magical Mystery besteht, denkt man ja gleich an wuchtigen Psychokram, und genaugenommen ist es das auch: Das Entzugs-Tagebuch von Karl Schmidt. Doch wenn es einem gelingt, uns diese bitteren Zutaten als süße Bonbons zu verkaufen, dann ist es Regener mit seinen seitenlangen Schachtelsätzen, Monologen, Dialogen, erfundenen oder zumindest neu zusammengebastelten Wörtern; diese an  Verben gesparten Wortgruppen, die sich auf wirklich wunderbare Weise zu etwas formen, das sich ganz tief in einen reinbohrt, festsaugt und bleibt.

Eine wichtige Erkenntnis ereilt den Leser gegen Ende des Romans, und die will ich euch nicht vorenthalten: Es ist eine Szene, in der so ziemlich alles droht zu kippen. Wenn Karl Schmidt, der für jeden Arsch noch ein nettes Wort übrig hat, „kritisch“ sagt, dann sollte einem das bewusst sein. Es ist eine Szene, in der alles überschwappt: Die Stimmung, Die Aggression, Der Alkohol. Der gute alte Brummbär Karl steht direkt am Abgrund und schaut hinunter. Doch dann denkt er sich: Am Arsch, ich bin der Chauffeur, einer muss doch nüchtern und am Leben bleiben und die kleinen irren Schizos nach Hause in ihr Bett bringen. Was sagt uns das? Nicht nur, dass Karl Schmidt der gutherzigste Mensch der Welt ist. Er ist erwachsen geworden.

Ich habe noch eine Bemerkung zur Aufmachung: Die Printausgabe zeigt der ganzen digitalen Welt aber mal richtig den Stinkefinger: Entfernt man die Schutzhülle des Hardcovers, zeigt sich, dass hier die Kunst mit aller Konsequenz durchgezogen wurde – innen wie außen. Ach, und der Roman ist mit fünfhundert Seiten ein passabler Schinken, den man Regener Kritikern auch ordentlich um die Ohren hauen könnte.

(Überschrift: Zitat aus Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt von Sven Regener)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s