Also, spannen wir mal den Gauner vor!

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Gogol

So, habe ich Russland nun auch hinter mir gelassen.

Ich erwähnte ja bereits, dass ich mich auf der Reise durch Russland, immer an Tschitschikows Seite, ausgesprochen wohlfühlte. Jedenfalls bis zum zweiten Teil, dann nimmt nämlich die Erzählung eine ungemütliche Wendung.

Ungemütlich geht es jedoch von Anfang an zu. Der Reisende Tschitschikow ist nichts als ein Gauner, der Gutsbesitzern ihre Seelen abschwatzt. Wohlgemerkt ihre toten Seelen. Während sich diese und allmählich auch der Leser fragen, was um Himmels willen denn Tschitschikow mit toten Seelen anfangen will, geht die Reise schon weiter. Auf jedem Gutshof, auf dem Halt gemacht wird, werfen wir einen genauen Blick hinein, und dieser ist so detailliert und bildlich, dass es schon mal zwanzig Seiten kosten mag. Der Autor, der sich übrigens recht bald vom fragwürdigen Treiben seines Titelhelden distanziert, scheut sich nicht, jedes auch noch so kleinste Übel der Menschen ans Tageslicht zu zerren. Im Vordergrund steht ganz eindeutig der Genuss-hier beschrieben mit regelrechten Fressorgien. Es gibt Stellen in dem Roman, da wird seitenlang nichts anderes getan, als gegessen, getrunken oder wenigstens die nächsten Mahlzeiten geplant. Dass hier die überbordende (Genuss) Sucht des Menschen angeprangert wird, als auch die Gier in all ihren Facetten, dürfte schnell klar werden. Und doch ist es etwas anderes, was mich an Gogol fasziniert: Das Handwerk. Der Autor beschreibt in einer akribischen Leidenschaft Landschaft, Höfe und den Menschen an sich. Jeder, den Tschitschikow heimsucht, wird dem Leser sorgfältig vorgestellt. Und obwohl das meist negative Eigenschaften sind, kommt Gogol ganz ohne belehrenden Ton oder schwingender Moralkeule aus. Ganz im Gegenteil, es ist ein scharfer Blick völlig ohne Wertung, der den Leser zwingt, sich selbst eine Meinung zu bilden. Und noch nie ist so etwas mit soviel trübem Humor geschehen. Ich habe wirklich laut gelacht, Stellen wiederholt gelesen und auch zurückgeblättert. Ich bitte euch, wem ist es je eingefallen, den Hausherr mit seinen Möbeln zu vergleichen und dabei ansehnliche Ähnlichkeiten festzustellen? Und Gesichter werden schon mal als schlecht aufgegangene Semmeln beschrieben.

Köstlich sind auch die Dialoge, die den Menschen als strunzdumm entlarven. Ich würde hier gern alle aufzählen, um euch ebenfalls in den Genuss kommen zu lassen. Es gibt da zum Beispiel eine Szene, in der ein Herr seine Bauern anpreist, wohl, um den Kaufpreis hochzutreiben. „Entschuldigen Sie“, wirft Tschitschikow ein. „Warum zählen sie eigentlich all diese guten Eigenschaften Ihrer Leute auf? Das hat doch jetzt, wo sie tot sind, gar keinen Sinn mehr. Mit Toten kann man höchstens noch einen Zaun stützen.“

Oder die Ermittlungen der Polizei, nachdem alle unserem Gauner auf die Schliche gekommen sind. So ergaben alle Nachforschungen der Beamten mit absoluter Sicherheit nur folgendes: einerseits, dass sie nicht wussten, wer Tschitschikow war, und auf der anderen Seite wussten sie doch, dass er bestimmt irgendwer sein musste. Äh, ja…

Die toten Seelen durchzulesen hat einiges an Zeit gekostet, auch, weil die Schrift des Taschenbuches extrem klein ist und die Seiten sehr eng beschrieben, ein Manifest gegen die Verschwendung sozusagen. Tschitschikow kommt einem nicht unsympathisch daher, auch wenn der Autor in der Hälfte des Buches ausdrücklich davor warnt. Im zweiten Teil fehlen leider Textpassagen, da das Originalmanuskript unvollständig ist. Was die Erzählung mit dem Leser macht, bleibt trotzdem ohne Frage. Wir sehen uns konfrontiert mit Umständen, die wohl nie ihre Aktualität verlieren, da sie aus der Fehlbarkeit des Menschen bestehen: Macht, Gier und Korruption. Die toten Seelen ist daher eines der Bücher, die den Blick auf sich selbst und das Leben verändern und ändern können.

Im Übrigen hat mich einer der köstlichen Dialoge zu meinem neuen Spruch als Gastgeber inspiriert: „Schon zu Mittag gespeist?“ – „Schon gespeist.“ – „Was? Sie kommen wohl nur, um sich über mich lustig zu machen? Was soll ich denn mit Ihnen anfangen, wenn sie schon gegessen haben?“

(Überschrift: Zitat aus Die toten Seelen von Nikolaj Gogol. Alle anderen Zitate sind benannt oder gekennzeichnet.)

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    • Kann ich absolut nachvollziehen. Doch keine Scheu! Die toten Seelen verzeihen auch größere Pausen, hab einige Bücher dazwischen gelesen 😉 Man könnte sich zum Bespiel erst mal den ersten Teil vornehmen, das ist etwa die Hälfte. Viel Vergnügen!

      • Hehe, ja ja, irgendwie sind mir diese russischen Schriftsteller ans Herz gewachsen 🙂
        Manchmal mach ich mir auch meinen speziellen Schuss, aber ich bin nicht so der auf Alkohol steht.
        Nix Vodka! 🙂
        Liebe Grüße, Gregor

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