Kleine Geister

Standard

-eine Erzählung-

Julia von Rein-Hrubesch

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Es regnete Blätter.

Vor einigen Tagen hätte er das noch anders bezeichnet, wenn er es überhaupt wahrgenommen hätte.

Nun stand er an dem Fenster, welches sich über die gesamte Höhe der Wand erstreckte, und blickte in den Hof hinunter. Die gusseiserne Sitzgruppe war eigentlich viel zu kitschig, das war überhaupt diese ganze Kulisse hier.

„Was denn für eine Kulisse?“, hatte sie ihn gefragt. „Das hier ist doch alles echt.“

Es war alles echt, sie hatte recht. Und alles, was er, seit er sie getroffen hatte, angeblickt oder angefasst hatte, schien immer echter zu werden, sein gesamtes Leben wurde das.

Er streckte sich etwas, um den ganzen Innenhof überblicken zu können. Das war nicht schwer, der Hof war nicht sehr groß, ein paar gepflasterte Wege, Rasenstücke, Buchsbaumhecken und eben jene Sitzgruppe, auf der es jetzt große gelbe Blätter hinunter regnete. Er betrachtete die riesige Linde, die den Innenhof einnahm. Viel zu kitschig für seinen Geschmack, diese ganze Herbstkulisse mit den übertriebenen Farbtönen und dieser Bank, die zu offensichtlich zum Verweilen einlud. Tatsächlich verspürte er den Wunsch, hinunterzugehen und sich auf die Bank zu setzen. Er fühlte wieder die Echtheit, die ihn umgab und schüttelte kurz den Kopf. Er mochte es ja lieber subtil. Darüber hatte sie wiederum den Kopf geschüttelt. „Ihr Künstler mit eurem Subtilem.“

Später, in der Nacht, hatte sie das Thema noch einmal aufgegriffen. „Mir ist schon klar, dass du als Maler die Welt anders darstellst. Doch läufst du nicht Gefahr, dass dieser verschleierte Blick, den du zeichnest, sich auf deine reale Welt legt?“ Ihre Frage war nur die höfliche Form gewesen, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Und er nahm an, dass ihr das klar war.

Das Seltsame war, dass ihm in dieser Realität, die sich immer mehr ausbreitete, ihr Zusammensein total surreal vorkam. Sie beide, sie und er, waren beinahe übereinander gestolpert, hatten sich unterhalten, und schliefen nun zusammen in dieser Wohnung unter dem Dach einer kitschigen Pension. Er hatte sie eingeladen, bei ihm zu bleiben, ohne den Wunsch, ihr körperlich nahe zu kommen. Surreal.

Sie hatten den ganzen Abend an dem Fenster mit Ausblick auf die malerische Kulisse gesessen, gegessen, geredet und geschwiegen.

Als er heute früh aufgewacht war, war sie schon weggewesen. Er wusste, dass sie arbeitete, sie hatten einander so ausgiebig ausgeleuchtet, dass da kein Fleckchen mehr übrig war. Er wusste alles über sie. Und sie alles über ihn. Sie hatten keine Lebensläufe ausgetauscht, es war einfach die Sicht der Dinge, die sie sich gegenseitig geschildert hatten, und durch die sich ihre Persönlichkeiten vor dem anderen völlig ausgebreitet hatten.

„Entfaltet.“, hatte sie es genannt.

Er drehte sich um und blickte die Treppe hinauf. Dort oben ging es zu dem kleinen Schlafzimmer, in dem sie geschlafen hatte.

Er wollte, dass sie wiederkam.

Irgendwann in der Nacht, als die Laternen einen kitschigen Schimmer auf das regennasse Pflaster zauberten, hatte sie ihm von ihrer Großmutter erzählt.

„Weißt du, sie war eine seltsame Frau.“, hatte sie gesagt, und dabei immer wieder ihre Arme umfasst, als würde sie frieren. „Sie teilte die Menschen in angenehme und unangenehme Menschen ein. Etwas anderes gab es für sie nicht. Und dann redete sie von den kleinen Geistern. Das sind diese Unebenheiten, die in der Welt schweben und sie durcheinanderbringen.“

Vor ihm waren Muster entstanden, wie immer, wenn die Inspiration ihn an der Hand nahm. Er driftete dann völlig ab, und war nicht mehr in der Lage, seinem Gesprächspartner zu folgen. Doch gestern Abend war das anders gewesen. Ihre unaufdringliche Präsenz zwang ihn dazu, bei ihr zu bleiben. Sie war echt. Er war echt.

„Weißt du.“, hatte sie weiter erzählt, „Die kleinen Geister waren in ihren Augen etwas Störendes, etwas, was uns ablenkt. Dabei sind doch die kleinen Geister das, was das Leben ausmacht, oder?“

Und sie hatte ihn fragend angeblickt, mit dieser Offenheit, und alles war echt, auch er war echt; und nun, als er sich wieder umdrehte und in den Innenhof blickte, sehnte er sich nach ihr, nach einem weiteren Abend mit ihr, einer weiteren Nacht, in der sie beide in dieser echten Kulisse sitzen würden und die kleinen Geister um sie herumschwirren würden.

Ende

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