Wie ist es, eine andere Person zu sein?

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Das Buch, von  dem ich euch heute erzählen möchte, habe ich in einer Nacht durchgelesen.

Autobiographische Erzählungen sind immer so ein Ding, besonders, wenn sie von Krankheiten handeln. Auf Feuer im Kopf bin ich durch eine Vorstellung aufmerksam geworden, der eine Videoaufzeichnung der Betroffenen im Krankenhaus beigefügt war. Es gab und gibt noch immer ein Gedanke, der mir beim Betrachten durch den Kopf geschossen ist, und ich würde ihn nicht äußern, hätte es die Autorin nicht selbst getan: Es mutet wie eine Szene aus Der Exorzist an.

Susannah Cahalan, eine 24-jährige Frau, Journalistin bei der New York Post, erkrankt wie aus heiterem Himmel an einer psychischen Krankheit. Was folgt, ist die übliche Diagnostik-Prozedur, die man auch als Wahn oder einen Abwärtsstrudel bezeichnen könnte. Ich verallgemeinere dies und lasse meine Erfahrungen mit dem deutschen Medizinsystem da mit einfließen. Cahalan beschreibt ihren Weg in dieser Zeit, wobei hier die Grenzen zwischen Autobiographie, Fachliteratur und einem Krimi verwischt werden, denn der Autorin ist das widerfahren, was an ein Wunder grenzt: Sie wurde in letzter Sekunde gerettet.

Die Wesensveränderung von Cahalan folgte beinahe von heute auf morgen: Paranoia, Aggression, Schizophrenie. Was der Neurologe als harmlose Feier-Lebensphase mit zuviel Alkohol abtat, steigerte sich sehr schnell zu einer ausgewachsenen psychischen Krankheit, die nur darauf hinaus laufen konnte, in einer geschlossenen Psychiatrie zu enden. Und zwar auf Lebenszeit. Tatsächlich gab der zuständige Experte den „Fall“ ab und gab beschämt zu, keinen Rat mehr zu wissen.

Susannah Cahalan litt an einer Autoimmunerkrankung, die dazu führte, das Gehirn anzugreifen – es folgte eine Encephalitis. Da vor allem der Frontallappen betroffen war, kam es zu Wesensveränderungen und Symptomen, die z.B. einer Schizophrenie untergeordnet werden und dazu führten, dass die Betroffene halluzinierte oder in jenen angsteinflössenden Zustand fiel- der Katatonie.

Um uns von ihrer Krankheit zu erzählen, sammelte die Autorin Erinnerungen und Erzählungen zusammen und bedient sich eines Handwerks, welches sie gelernt hat: Sie nennt uns Fakten. Sicher ist dieser distanzierte Blick von außen, den sie wählt, ein Teil des Verarbeitungsprozesses. Dem Leser geht dieser Stil seltsamerweise besonders nahe, was auch an dem Widerspruch mit dem Ich-Erzählen liegen mag. Die Autorin hat große Erinnerungslücken an die Zeit im Krankenhaus, die während der Entstehung des Buches teilweise gefüllt werden und damit dem Leser die faszinierende Möglichkeit geben, an dem Heilungsprozess teilzunehmen.

Was macht uns Menschen aus? Was macht unsere Persönlichkeit aus? Susannah Cahalan stellt diese Fragen und gibt uns die Möglichkeit, Antworten zu finden. Es werden viele medizinische Fakten genannt, Ärzte kommen zu Wort, die Forschung unseres Gehirns wird etwas beleuchtet. Familie und Freunde, die während der sieben Monate nicht von ihrer Seite gewichen sind, steuern ihre Erlebnisse bei und Gespräche werden rekonstruiert. Aus alledem hat Susannah Cahalan ein Buch geschrieben. Man hätte es nicht besser machen können. Neben all den Empfindungen während des Lesens, werden auch andere Themen angesprochen, z.B.: Wie können wir das medizinische System aufbrechen, Wie kommen Fachärzte aus ihrem Tunnelblick raus, Wie kann man erreichen, dass die Psychologie und die Neurologie zusammenarbeiten, was ja eigentlich der Logik entspricht?

Gegen Ende des Romans tritt das ein, was Susannah Cahalan und ihr gesamtes soziales Umfeld gehofft haben: Die ursprüngliche Person, der Mensch, tritt wieder hervor, (die Autorin selbst benennt es als eine „verschüttete Persönlichkeit“), und mit ihren besser werdenden kognitiven Fähigkeiten ändert sich auch der Schreibstil und offenbart ein großartiges Talent.

Die Autorin, die am Ende die Station besucht, auf der sie als ein anderer Mensch Patientin war, wirft auch Fragen auf, die sich nicht erst seit heute viele Experten stellen: Bei wie viel der als psychisch unheilbar krank geltenden Menschen auf der Welt liegt eine organische Ursache zugrunde? Die Antwort scheint heutzutage unmöglich, denn es spielen Dinge ein, die sich schwer vereinbaren lassen: Flexibilität, Weitsicht, Einsicht von Fehlern. Und Geld. Sehr viel Geld.

Feuer im Kopf ist ein Buch, welches nicht nur vermag, den Leser dazu zu bringen, sein Leben kritisch oder dankbar zu betrachten. Als Fachbuch kann es tatsächlich in der Lage sein, Leben zu retten.

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  1. Ich danke dir für diese lesenswerte Besprechung. Es ist bereits einige Wochen her, dass ich genau über diese Autorin und ihr Buch einen Artikel im SPIEGEL gelesen habe – ihre Kranken- und Lebensgeschichte hat mich lange nicht loslassen wollen. Ihr Buch wandert direkt auf die Wunschliste, danke dir! 😀

    • Sehr gern! Es gibt sicher sehr viele erwähnenswerte Erfahrungsberichte, doch dieses Buch sticht hervor. Wahrscheinlich dauert es ein wenig, bis es aufrückt, Deine Wunschliste ist bestimmt nicht kurz 😉

      • Z.B. „Die Sonnenposition“ von Marion Poschmann. Dieser Roman war ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert. Auf der Messe habe ich eine Lesung mit anschließenden Interview besucht. Ich war schwer beeindruckt. Sowohl von den vorgelesenen Passagen als auch von der sympathischen Autorin. Auch auf der Shortlist „Nie mehr Nacht“ von Mirko Bonné. Und dann noch zwei Erzählbände von Alice Munro – „Himmel und Hölle“ und „Zu viel Glück“. Ich konnte mich nicht entscheiden …
        Tja, mein Stapel wächst …
        Liebe Grüße, Iris

      • Oje…Das klingt nach harter Arbeit ;-)Danke ebenfalls für die Tips, Alice Munro hab ich bereits einkassiert(Buzzaldrinsblog ist schuld!) Auf weniger arbeiten, mehr lesen!

    • Hortest Du etwa auch Zeitschriften und Magazine? 😉 Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, im SPIEGEL gab es die Auszüge der Videoaufzeichnung, die übrigens die Autorin nach ihrer Genesung geschockt haben.

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