Manche Bücher erzählen Geschichten, von denen der Autor nichts ahnte.

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wechsler

Eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.

Die Leinwand von Benjamin Stein erzählt uns eine Geschichte in zwei Strängen, was allein nicht ungewöhnlich ist. Doch hier geht es um zwei völlig eigenständige Bücher, jedenfalls was die Aufmachung betrifft: Von beiden Seiten geschrieben, treffen sie sich in der Mitte und überlassen so dem Leser, wo er anfängt, in die Geschichte einzutauchen. Ist in Romanen mit verschiedenen Erzählsträngen streng vorgegeben, mit welchem Protagonisten oder welchem Schicksal es weitergeht, ist es hier dem Leser selbst überlassen, wann er mit dem jeweiligen Buch pausiert und in dem anderen wieder einsteigt. Es wird ausdrücklich dazu geraten, so seine eigene Erkundung zu gestalten, und in diesem Fall geht es um nichts weniger als ein Abenteuer.

Ich habe rein nach Zufall mit Jan Wechsler begonnen, und wurde bereits nach wenigen Seiten für diese Auswahl belohnt-Es geht um einen in Berlin lebenden Autor, der sich der Literatur verschrieben hat und sich von seiner Kindheit in der DDR geprägt sieht. Beides Themen also, die mich mehr als interessieren. Wechsler lebt streng nach jüdischer Religion, die so lebensnah und informativ beschrieben wird, dass auch dieser Teil des Autors mein Interesse weckt, obwohl ich mich, wenn ich ehrlich bin, sonst weniger mit Religion beschäftige. Wechsler hat einen eigenen kleinen Verlag, eine Familie, und seinen Glauben; mehr hat man von ihm noch nicht erfahren; außer, dass er einen Koffer erhalten hat, der nicht ihm gehört, obwohl er, beschriftet mit seinem Namen und seiner Adresse, an einem Flughafen gefunden wurde. Jener Koffer steht nun in einer Ecke von Wechslers Büro, da er nix mit ihm zu tun haben und so auch nicht öffnen will. Ein Krimi?, fragen wir uns. Ich bin kein Fan von Krimis, und der Umstand, dass ich nicht aufhören kann, weiterzulesen, zeugt vielleicht davon, dass es keiner ist, wohl aber, ein Buch, welches es versteht, Genres zu vermischen und uns aus unserem Schubladendenken zu befreien.

Ich wechselte bald zu Amnon Zichroni, einfach aus purer Neugierde und der Frage, ob und wie die beiden Geschichten miteinander verwoben sind. Amnon, geboren in Israel und streng religiös erzogen, sieht sich konfrontiert mit einer Gabe Gottes, dem Ewigen, von der er nicht weiß, ob er sie als ein Geschenk oder eine Bürde betrachten soll-Er kann die Erinnerungen anderer Menschen erleben. In diesem Buch erfahren wir sehr viel über die jüdische Kultur, was ich nur als Bereicherung bezeichnen kann, denn ich habe mich noch nie dabei ertappt, mitten in einer Lektüre selbst zu recherchieren. Grob gesagt könnte man es wohl als die oft auftauchende Gegenüberstellung von Wissenschaft und Glaube beschreiben, das würde aber dem Roman bei weitem nicht gerecht werden. Amnon sucht schon als Kind fiebrig nach Fragen neben seiner Religion, ohne seinen Glauben selbst in Frage zu stellen; und als er, weil ein als Verbrechen geltendes „weltliches“ Buch gelesen, verstoßen wird; landet er bei seinem Onkel in der Schweiz, in der er weiterhin streng gläubig unterrichtet und erzogen wird, sich jedoch auch mit der Welt außerhalb des Jüdischen konfrontiert sieht. Dies erreicht seinen Höhepunkt natürlich, als er beginnt, in New York Medizin zu studieren-aus der Motivation heraus, die menschliche Psyche zu erkunden und so seine Gabe verstehen zu lernen und nutzen zu können.

Beide Stränge sind in der Ich-Form geschrieben, und während man Schauplätze überall in der Welt bereist, fühlt man sich bald eins mit dem Protagonisten, was einem nach einiger Zeit einen Schauer über den Rücken jagt, denn als Wechsler den Koffer doch öffnet, findet er unter anderem ein Buch, welches er nicht kennt, doch auf dem er als Autor genannt ist. Nach einigen Nachforschungen stellt sich heraus, dass es keinen Zweifel gibt-Er ist der Jan Wechsler, der dieses Buch geschrieben hat. Und noch während er fast schon krank darüber grübelt, warum er sich nicht an jenen Roman erinnern kann, tun sich immer weitere Abgründe auf, die sein bisheriges Leben ins Wanken bringen. Es stellt sich nämlich heraus, dass er ganz und gar nicht in Berlin geboren und aufgewachsen ist, sondern in Israel…

Das Buch Die Leinwand hat einen einzigen Mangel: Es ist zu schnell zu Ende.

(Überschrift:Zitat aus Die Leinwand-Jan Wechsler von Benjamin Stein)

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    • Bitteschön! Ich habe mich auch schon bei der Freundin bedankt, die mir dieses Buch geschenkt hat 😉 Ich habe mir nun auch andere Rezensionen über Die Leinwand zu Gemüte geführt, und es zeigt sich, dass es beinahe jeden Leser sehr berührt hat und teilweise noch immer beschäftigt. Eine wärmste Empfehlung also…

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