Das Böse kann das Gute gebären.

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Ich habe einmal, ganz zu Beginn, geschrieben, dass ich mich scheue, einen Roman von Dirk Kubjuweit zu lesen. Nun habe ich es doch getan.

Ich bin großer Kubjuweit Fan, ich lese alle seine Essays und Artikel, die ich in die Finger bekomme. Er schreibt lakonisch, ironisch und zeitweilen gehässig. Das macht sich ganz hervorragend, möchte man eine Person, besonders wenn sie in einer Krise steckt, beleuchten und vielleicht ihr Handeln erklären. Hinsichtlich der Familie, um die es in Angst geht, und die von einem Nachbarn bedroht wird, macht das auch Sinn. Doch kann dieser Stil, der oft zu kurzen Sätzen führt und teilweise sehr nüchtern daherkommt, einen Roman füllen? Ich kenne die Antwort darauf nicht. Ich weiß nicht so recht, was ich von dem Roman halten soll. Erstens habe ich bei dem Titel und dem Thema Stalker etwas anderes erwartet. Und zweitens, und das ist zweifellos der Fall, geht Kubjuweits stilistischer Wortwitz in der Länge einer Erzählung verloren. Sicher, ein Essay mit einem Roman zu vergleichen, ist unzulässig, doch es gibt Absätze, da schimmert diese feine filigrane Textzeichnung durch, und ich dachte jedes Mal: Da ist er doch!

Der Inhalt an sich ließe sich eher als ein Tagebuch beschreiben, ein Bericht, von welchem der Familienvater, der aus der Ich-Perspektive erzählt, selbst spricht. Die ersten fünfzig Seiten beschreiben die Kindheit des Mannes; es sind aneinandergereihte, sachliche Aufzählungen, politische Rückblicke, und deren Sinn hat sich mir nicht recht erschlossen. Als Journalist ist Kubjuweit politisch versiert, und er gehört einer Generation an, die sich oft zerissen zeigt-Die Kriegserlebnisse der Eltern auf der einen, der politische Wandel in Deutschland, dem sich die Jugend mit einer riesigen Verantwortung unterwirft auf der anderen Seite. All das wird  am Anfang beleuchtet und auch immer wieder im folgenden Text aufgenommen. Allerdings war mir schon nach ein paar Seiten klar, warum der Erzähler erklärter Pazifist ist und es nur sein kann. Der Vater spielt eine übermächtige Rolle, für mich persönlich eine viel zu große. Ein Vater ist immer eine gute Adresse für einen Dämon. (Zitat) Etwas weniger Macht hätte ebenso ausgereicht, um den Kreis Sohn-Vater, besonders den der Nachkriegszeit zu beleuchten und wieder zu schließen. Ich fühle mich überversorgt mit ewigen Fragen über die Wende(mein selbsterlebtes politisches Ereignis) sowie uns Kinder, die die Sorgen ihrer Eltern weitertragen und ihre Kriege kämpfen müssen. Doch das ist mein persönliches Empfinden, und hätte ich gewusst, dass diese beiden Themen in Angst regieren, hätte ich es nicht gelesen.

In der Mitte des Buches wurde ich mit ihm warm, die Sätze wurden länger, und die Figuren nahmen Gestalt an, und Kubjuweits Würze, mit der er das Leben beschreibt, waren das Lesen auf jeden Fall wert. Würzig, melancholisch, nüchtern und bitter beschreibt er es. Sehr bitter. Ich fühlte mich oft unheimlich traurig beim Lesen, denn die Beziehung der Eheleute, die unter der Bedrängnis des Nachbarn stehen und leiden, ist meisterhaft beschrieben. Alles drum herum ist mir einfach zuviel gewesen.

Der Schluss überrascht. Und wenn ich nun auf die Worte blicke, die ich geschrieben habe, bin ich mir noch immer unschlüssig, wie mir das Buch gefallen hat. Missen möchte ich diese Erfahrung jedoch nicht.

(Überschrift: Zitat aus Angst von Dirk Kubjuweit)

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