…wie ein Tanz des Lebens auf einem Leichnam.

Er wollte nicht gerettet werden.

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Auf der einen Seite habe ich noch laut geschluchzt, auf der nächsten schon schallend gelacht. Stoner hat ja die Herzen aller Leser im Sturm erobert. Da ich mich gezwungen hatte, keine Kritiken und sonstiges zu lesen, wusste ich nicht, worum es in dem Roman geht, als ich die ersten Seite aufgeschlagen habe.

Stoner von John Williams erzählt uns vom Leben. Und er schildert es anhand des Lebens eines Mannes – William Stoner. Eine Biographie, gekennzeichnet von Kälte und Krieg. Wir lernen Stoner schon als Kind kennen, und bis er dreißig Jahre alt ist, macht er den Eindruck, als tue er alles, weil es jemand verlangt, erwartet, und nicht aus eigenem Bedürfnis. Er arbeitet auf der Farm seiner Eltern, und rein aus der Begebenheit, dass jemand seine Klugheit und Begabung entdeckt, wird er auf eine höhere Schule geschickt, und von dort aus weiter auf die Universität, bis wieder jemand da ist, der ihm sagt, dass er zum Unterrichten geboren ist. Und erst ab diesem Zeitpunkt scheint sich Stoner dem Leser zu öffnen, bisher kam er nüchtern, verstockt und lieblos daher. Etwas anderes hat er auch nie gelernt, und seine mitunter schroff wirkende Persönlichkeit darf ihm so wahrscheinlich nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es ist trotzdem schwer zu beschreiben, wie weh mir dieses Buch getan hat. Das Leben ist schwer, hart und lieblos. Es ist gebeutelt von den zwei Weltkriegen, und auch wenn diese nicht näher beschreiben werden, schweben sie doch wie ein Dämon über der Geschichte und färben das Land und das Leben schwarz.

Der Umstand oder der Auslöser, der Stoner letztlich und endlich zum Erblühen bringt, ist die Kunst. Erst nun, zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er die vage Bedeutung eines Sinnes seines Daseins. Es ist die Liebe zur Literatur, die ihn schließlich vor der Tristesse des Dahinsiechens zu retten scheint. Und nun offenbart der Autor Wünsche und Bedürfnisse, er gewährt uns Einblick in Stoners Persönlichkeit; und der Eindruck, dass der Roman autobiographische Züge enthält, erklärt vielleicht, warum der Leser im ersten Drittel eher auf Distanz gehalten wird.

Man könnte meinen, es geht nun bergauf mit der Titelfigur, doch dem Leser wird nichts gegönnt: Die Frau, die Stoner in sehr jungen Jahren ehelicht, ist zu keinem Gefühl, was man auch nur annähernd als Liebe bezeichnen könnte fähig, und es entbrennt etwas zwischen den beiden, was der Autor als Kalten Krieg beschreibt. Man wünscht Stoner von ganzem Herzen etwas Glück, da er sich als ein guter und warmherziger Mensch entpuppt, und es ist ihm erst vergönnt, als er eine junge Dozentin kennenlernt. Doch auch hier lauert das Schicksal in Form eines rachsüchtigen Kollegen, und natürlich wird es zuschlagen…

Es fällt mir schwer zu erklären, wie dieser neutral wirkende oder ruhig bleibende Roman solche Wellen schlagen kann. Es gibt keine typischen Höhepunkte, eher eingewebte Szenen, die sich erst nach einiger Zeit auszubreiten scheinen. Der Roman ist so dicht geschrieben, dass er trotz des Schmerzes, den er hervorruft, jenes Lesegefühl erweckt, welches ich schon vermisst habe. Dieses unbedingte Eintauchen in eine Erzählung, das Weiterlesenwollen.

Stoner wird lange nachwirken. Da ist es endlich wieder: Das Nachhallen.

(Überschrift und erster Satz: Zitat aus Stoner von John Williams.)

 

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2 Gedanken zu “…wie ein Tanz des Lebens auf einem Leichnam.

  1. Liebe Julia,

    mit großer Begeisterung habe ich deine Besprechung gelesen, durch die ich noch einmal in dieses wunderbare Buch eintauchen konnte, das auch mich tief berührt und begeistert hat. Wunderbar wenn Literatur so intensiv wirken kann, oder? 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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