Wen könnten wir denn erschießen?

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Nach einem Jahr des Bloggens und dem hundertsten Follower beschloss ich zur Feier dieses Jubiläums mich endlich dem Roman von John Steinbeck zu widmen. Das war vor einigen Wochen. Der Grund für das niedrige Lesetempo lag keinesfalls an Nichtgefallen. Vielmehr fühlte ich mich kaum in der Lage, mehr als zehn bis zwanzig Seiten am Stück zu lesen, dann verlangte die Erzählung eine Ruhepause, ein Sackenlassen.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Buch in den Händen gehalten habe, welches mich dermaßen vereinnahmt hat. Die Geschichte um die Familie Joad, die ihre Farm in Oklahoma verlassen muss und sich auf den Weg nach Kalifornien macht, ist so dicht geschrieben, dass man nur unter einer ständigen Anspannung lesen kann. In dem Text, der aus der Sicht des einfachen Mannes geschrieben ist, halten sich so viele Überraschungen und Schätze bereit, dass ich immer wieder nachgelesen habe. Es braucht keine Schachtelsätze oder irgendwelche handwerklichen Kunststücke, das ist mir einmal mehr bewusst geworden. Knapp gehaltene Hauptsätze, Wiederholungen und massenweise Sätze, die mit und beginnen, würde einem heute jedes Lektorat um die Ohren knallen. Doch gerade darin steckt diese Zauberei – Das Gefühl der Nähe, dieses unbedingte Dabeisein inmitten der Erzählung, da man durch innere Monologe und sehr viele Dialoge direkt in die Gedanken der Menschen reinzuhören scheint. Und dann, nach einer Weile, wenn man sich an diese Art des Lesens gewöhnt hat, erkennt man das, was die Faszination und das Staunen über diesen Roman ausmacht: Die absolute Wahrheit. Alles, was man über die Menschen und das, was sie sich selbst anzutun in der Lage sind, sagen könnte, steckt in dem Meisterwerk von John Steinbeck. Dazu braucht es keine wortreichen Höhenflüge, sondern Sätze wie: Wie sollen wir denn Leben ohne unsere Leben? Woher sollen wir wissen, dass wir’s sind-ohne unsere Vergangenheit?

Der große Dämon, der über der Geschichte, die in Früchte des Zorns erzählt wird, schwebt, heißt Industrialisierung. Der Mensch beugt sich unter dem, was er selbst geschaffen hat. Und die Abwärtsspirale, der Teufelskreis, bringt nichts außer großem Leid über das Land und kriecht tief in die Herzen der Menschen, von wo aus sich Trauer und schließlich Wut ausbreitet. Und ebenfalls aus dem Hunger entsteht Wut. Mir hat der Roman gefallen, wären dementsprechend die falschen Worte. Doch er hat mich so tief berührt, wie es bisher nur Hesse geschafft hat.

Scheint so, als hätten wir alle unser Herz verloren.

Vielen Dank, liebe Buechermaniac, für diesen Tip!

(Überschrift: Zitat aus Früchte des Zorns von John Steinbeck. Alle anderen Zitate sind gekennzeichnet)

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2 Gedanken zu “Wen könnten wir denn erschießen?

    1. Ab sofort ist es meine Mission, jedem dieses Buch aufzudrängen 🙂 Ich war mir sicher, dass Du es schon kennst. Es mag den Anschein erwecken, krank zu machen, doch letztendlich vermag es zu heilen. Eine gute Reise wünsche ich Dir mit Steinbeck!
      Übrigens habe ich grade bei Dir gestöbert, war ja eine zeitlang nicht da…Dein Lesetempo ist beeindruckend!
      Heilende Grüße, Julia

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