Das Geheimnis des Baumes

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Das Geheimnis des Baumes

 

-eine Erzählung-

 

Julia von Rein-Hrubesch

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Das Cottage sollte mein Zuhause werden. Nur ein Wort, doch es steckt so viel mehr darin. Zuflucht, Geborgenheit, Sesshaftigkeit. Tatsächlich ist ein Haus, ebenso wie ein Zuhause, nur das, was ein Mensch daraus macht. Zu dieser Erkenntnis bin ich natürlich nicht durch die vier Wochen gekommen, in denen ich nun in meinem Cottage lebe, es ist der ganze Ort, es sind die Menschen, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist.
Zuerst muteten sie etwas verschroben an, die Einheimischen, zu denen man übrigens erst nach mindestens zwanzig Jahren gehört. Doch nachdem ich meine Arroganz und meine Weltgewandtheit abgelegt hatte, durfte ich einen Blick in die Herzen der Menschen werfen, und er erst dann ließen sich mich einen Blick gewähren. Sie sind viel klüger als ich, und falls sie es doch nicht sind, sind sie viel reicher. Denn sie haben alles, weswegen wir anderen rennen, und zwar unser gesamtes Leben lang. Erst hier, in diesem rauen nordischen Klima, sehe ich klar. Es ist nicht das Haus, und der Garten, es sind auch nicht die verwinkelten Straßen und Gassen, es sind nicht die Felder, die sich bis zum Horizont erstrecken, es ist auch nicht der Wind, der uns Worte zuraunt, die uns staunen lassen. Es ist das, was wir aus diesen Worten machen.

Ich habe schon immer Buch geführt über meine Reisen, und nun ist es zu einem Tagebuch geworden. Ich habe mir extra ein neues dafür gekauft, eine hübsche Kladde mit hunderten blütenweißen Seiten, von denen ich gleich im Laden die ersten gefüllt habe. Die Erkenntnis, warum die Besitzerin des Schreibwarenhandels nicht mehr grantig wie am ersten Tag war, sondern mich sogar bei meinem Namen nannte, hatte mich dermaßen übermannt, dass ich es aufschreiben musste, an Ort und Stelle. Den Menschen, die hier im Ort leben, ist diese Erkenntnis nichts neues, vermutlich fließt sie in ihren Adern, vielleicht kommen sie schon damit auf die Welt.
Als ich den Laden am ersten Tag betreten hatte, lag noch der Staub der Welt auf meinen Schultern, und die Arroganz in meinem Herzen spiegelte sich in meinen Augen. Nun, da ich alles Überhebliche abgelegt habe, heißt man mich willkommen. Zwanzig Jahre auf Reisen, und erst in den letzten vier Wochen lerne ich das wirklich Wichtige.
Ich schreibe nun eine Begebenheit auf, die mir gestern Abend widerfahren ist. Jeden Tag erkunde ich die Landschaft, ich will mich an ihr laben, ich will sie mir einverleiben, mich von ihr heilen lassen. Sie zerrt an mir voller Ungeduld, sie hält mir einen Spiegel vor.
Auf einem Feldweg, den ich vorher noch nicht gegangen war, begegnete ich einem alten Mann, dem der Wind und das Wasser tiefe Furchen ins Gesicht gezeichnet hatte. In seinen Augen las ich neben kostbarem Wissen unbändige Freude. Gern hätte ich ihn nach dieser Freude gefragt, mehr noch als nach seinem Wissen, doch wir stellen uns zunächst vor. Und dann redeten wir über eine andere Sache, die nicht minder faszinierend war.
„Haben sie schon den Baum kennengelernt?“, wollte der Alte von mir wissen.
Ich runzelte die Stirn und öffnete den Mund, um etwas zu antworten, doch dann folgte ich seiner Hand, die in eine Richtung wies, und blieb mit meinem Blick an jener riesigen Eiche hängen.
„Das ist er.“, sagte der Alte nur. „Das ist der Baum, den man in jedem Ort findet. Unserer ist recht stattlich, finden sie nicht?“ Fragend schaute er mich mit seinen wissenden Augen an.
„Bitte klären sie mich auf.“, bat ich, zugebenermaßen sehr knapp, doch die Neugierde verstärkte meine ungeduldige Natur und verbat mir sämtliche höfliche Floskeln.
Der alte Mann richtete sich etwas auf, als wundere er sich über mich, doch dann erklärte er mir Folgendes:
„Jeder Ort hat einen Baum dieser besonderen Art. Es heißt, man müsse sich vor ihn stellen und an ihm heraufblicken. Dabei soll man seine Gedanken schweifen lassen. Man solle an sein Leben denken, und es überdenken. Hat man andere Wünsche, andere Forderungen an das Leben, welches man führt, so soll man den Baum dreimal beherzt umschreiten, mit langen Schritten. Und das Gewünschte würde eintreffen.“
Ich lauschte den Worten des alten Mannes, und als er seine Erklärung beendet hatte, sah ich ihn an, noch verwunderter als vorher. Doch er blickte nur wissend und lächelnd an dem Stamm der Eiche hinauf, und so tat ich es ihm gleich. So standen wir eine Weile, und in meinen Gedanken formten sich Fragen über Fragen, die ich an den alten Mann richten wollte. Doch bevor es dazu kam, hatte er schon die Hand zum Gruß gehoben und war davongegangen.
Das Geheimnis des Baumes wollte sich mir nicht preisgeben, so sehr ich auch danach forschte. Ich wusste sehr wohl, dass ich nur alleine darauf kommen konnte, das hatte ich in der Zeit, in der ich hier lebe, schon gelernt.
Erst nach vielen, vielen Jahren konnte ich das Geheimnis des Baumes ergründen, und ich vermute, dass es einen Grund dafür gibt.
Nun stehe ich an der Gabelung des Feldweges, die Bäume, die noch Winzlinge waren, als ich herzog, ragen nun weit hinauf in den Himmel, doch jener Baum erhebt sich noch immer über alle anderen. Ich sehe einen Wanderer kommen, einen Spaziergänger, und nach einer Weile erkenne ich in ihm den jungen Mann, der in eines der alten Cottages gezogen ist. Ich richte mich auf. Denn ich habe ihm eine Geschichte zu erzählen.

Ende

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