Hallo, alter Freund. Stirb noch ein wenig mehr.

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Es ist wieder soweit. Gut, dass ich im Urlaub bin und einen Bogen um sämtliche Supermärkte machen kann. Es fliegt also nichts außer Steine, Fische und Pilze. Nun ja, reicht auch…
Ich verbringe eine Woche meines Urlaubes im Thüringer Schiefergebirge, es ist dunkel, kalt und windig; der perfekte Ort, um mich auf eines meiner nächsten Projekte einzustimmen. Mit dem Roman „Das Leitmann Syndrom“ werde ich einen Ausflug in das Horror Genre wagen. Jawohl, Horror.
Was eignet sich besser, die düstere Einstimmung abzurunden als ein Horror Roman?
Ich widmete mich also King, obwohl ich vorhatte, es nicht mehr zu tun. Von seinen neuen Werken war ich einfach zu enttäuscht. Und nicht in dem Sinne Mann, das kann er aber besser!, sondern auf emotionaler Schiene. King begleitet mich, seit ich bewusst lese, und er hat mir Inspirationen geschenkt, von denen ich heute noch zehre. Von den Alpträumen ganz zu schweigen.
„Doctor Sleep“ ist die Fortsetzung des großartigen Shining, erster Minuspunkt sozusagen. Ich halte generell nicht viel von Fortsetzungen, jedenfalls, was Romane betrifft. Außerdem war ich froh, zusammen mit Danny Torrance der Hölle einigermaßen entkommen zu sein, und ich weigerte mich vor einem Blick in seine Zukunft. Dieses Gefühl schien sich auf den ersten Seiten zu bestätigen. Die Geschichte schien auserzählt.
Der gute King hat mir alle Vorurteile um die Ohren geknallt. Während ich hier sitze, habe ich die Hälfte durch, und ich bin so beeindruckt, dass ich das erstmal festhalten muss. Wäre ich fies, würde ich sagen, King trinkt wieder. Sein Genie, sein meisterhafter Blick in unsere tiefsten Abgründe, schreien mir in Doctor Sleep entgegen, alles, was ich vermisst hatte, versteckt sich auf den Seiten dieses Wälzers. Als hätte es auf mich gewartet.
Doctor Sleep ist Fantasy. Horror Fantasy, wenn es so etwas gibt. So etwas Ähnliches kam schon in Der Talisman auf, doch in jenem Roman waren es nur ein paar Seiten, auf denen ich dachte: Hey, da ist er ja wieder!
In Doctor Sleep baut der Meister des Horrors mächtige Stränge um Danny Torrance auf, der inzwischen erwachsen ist. Und wieder schafft es King, uns einen offensichtlichen Verlierer so sympathisch zu verkaufen, dass man sich beinahe ihn in verlieben muss. Dan ist trockener Alkoholiker-Die Geister unserer Eltern sowie Autobiographisches werden ganz öffentlich zur Schau gestellt-und das Shining, welches durch den Alkohol geschwächt wurde, ist stärker als je zuvor. Dan hat gelernt, damit zu leben, böse Geister wegzuschließen, und mit seiner Gabe sogar Gutes zu tun. Halleluja! So etwas ist man von King nun wahrlich nicht gewohnt. Er selbst auch nicht, und diese Gewissheit zaubert uns jenen Schauer auf die Haut und ins Herz, den ich sehnlichst vermisst habe.

Es gibt einen Gegenspieler. Natürlich. Dieses Etwas wird langsam von King aufgebauscht, es erhebt sich langsam und irgendwie unscheinbar aus dem Hintergrund, und hier werden die Grenzen dessen, was wir eindeutig als das Böse benennen würden, so verwischt, dass ich nur von einem stilistischen Wunder sprechen kann. Eine Perfektion des Handwerkes.
Ich bin kaum mehr ansprechbar. Doctor Sleep muss ich beenden, heute noch, und wenn es das Letzte ist, was ich tun werde.
Schönen Dank auch, mein Meister!

(Überschrift: Zitat aus Doctor Sleep von Stephen King)

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