Der Tod hat alle Zeit der Welt.

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Es ist immer das Gleiche. Ich stehe in der Buchhandlung, blicke an den Regalen auf und ab, nehme einen Roman in die Hand, blättere darin und stöhne.

Nein, man muss nicht immer das Rad neu erfinden. Das verlange ich als Leser gar nicht. Aber muss es echt immer derselbe Einheitsbrei sein? Und auf der anderen Seite dieses hochgestochene pseudointellektuelle Geschwafel, durch das ich mich durchquäle? Ich meine, es muss doch so etwas wie einen Mittelweg geben. Bücher sind doch Kunst, da sollten alle Wege möglich sein.

Ein Leben

Ein Leben mehr war ein Lustkauf, in einer Nische, versteckt, habe ich es entdeckt, das Cover und ein paar Zeilen auf der Rückseite, die über das abgelegene Leben drei alter Männer in den kanadischen Wäldern erzählten, reichten aus, um mich einzufangen.

Und das hat er, der Roman. Er hat mich gefangen. Ich konnte ihn nicht an einem Stück durchlesen, immer wieder waren ein paar Tage Pause nötig, um sacken zu lassen, was Joselyne Saucier uns hier erzählt. Es ist eine Ode an das Leben, und die Autorin benötigt kein seitenlanges Geschwafel; ein paar Worte reichen aus, um einen zum Nachdenken zu bringen, dazu zu zwingen. Teils lakonisch, nüchtern berichtet sie über das Leid, unzählige Geschichten sind es, die sich in der Geschichte selbst verstecken, und dem muss man schon etwas Zeit gönnen. Denn hat man eine Geschichte verdaut, sich mit einem Schicksal angefreundet, ist in ein Leben mehr eingetaucht, springt Saucier schon zum nächsten. Manchen mag das zu schnell sein, zu eilig, mir aber nicht. Ein Leben mehr zeigt, dass es sehr wohl ausreichend ist, an den Gedanken der Leser, der Menschen, zu kratzen, um sie zum Innehalten zu bringen. Der Roman besticht darin, dass jeder sein eigenes Leben mitbringen muss.

Bei allem Leid, von dem erzählt wird, darf natürlich das Wichtigste nicht fehlen. Die Liebe. Sie wird erst spät von der Autorin angekündigt, doch je mehr man liest, umso mehr wird einem klar, wie sehr der rote Faden der Liebe sich bereits von Anfang an durch die Geschichte zieht. Er spinnt sein eigenes Netz. So wie es die Liebe immer tut.

Jocelyne Saucier ist es gelungen, eine sehr komplexe, vielschichtige Geschichte in doch recht kargen 190 Seiten einzufangen, ohne dass etwas verloren geht. Sie hat die richtige Dosis für sich entdeckt. Und für mich auch.

(Überschrift: Zitat aus Ein Leben mehr von Joselyne Saucier)

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