Willst Du schocken oder …

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anöden?

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Diese Frage stellte gestern der große Schriftsteller John Irving. Er stellte sie an das Publikum. Und an sich selbst natürlich.

Ich bin kein großer Irving Fan. Ich mag eher das knappe, kurze. Mich beeindrucken Texte, die knackig sind und auf den Punkt kommen, wobei einem dieses AufdenPunktkommen erst später bewusst wird. Nach dem Lesen. Nach dem Sackenlassen. Weil man selbst drauf gekommen ist. Also, wenn es optimal läuft.

John Irving ist ein begnadeter Erzähler, keine Frage. Aus diesem Grund sollte man auch Lesungen besuchen. Wenn einer nur rumhockt und vorliest … hm, nun gut. Es gibt aber Autoren, die erzählen. Und nichts anderes ist ja das Schreiben. Jemand erzählt uns Geschichten. Vielleicht auch Märchen. Und wir, die uns Bücher kaufen und verschlingen, wollen Geschichten hören. Irving jedenfalls las ein paar Passagen, abwechselnd deutsch und englisch, danach ging es in so etwas wie eine Gesprächsrunde. Und hier wurde ich, Leserin und Autorin zugleich, hellhörig. Ich wurde überflutet. Irving verlor sich in seiner Darstellung über das Schreiben, über den Prozess an sich, der auch einfach mal Arbeit bedeuten kann. Als Leser mag das interessieren, wie eine Geschichte entsteht; als jemand, der selbst schreibt, und zwar, weil er gar nicht anders kann, war es schon beinahe eine Offenbarung. Ich lese immer mal Ratgeber, Sachbücher. Wenn man es so nennen kann. Schließlich sprechen wir hier von Kunst. Doch die einzigen Ratgeber, die man so nennen kann, sind die, die von derselben Leidenschaft angetrieben werden wie man selbst. Ich fühle mich am meisten inspiriert, wenn ich erfahre, wie andere schreiben. Es ist motivierend und tröstlich.

John Irving erzählte über verschiedene Dinge, die ihn bewegen und über die er schreiben muss. Vielleicht verändert sich dadurch etwas. Meine Freundin, die großer Fan und Kenner ist, berichtete mir, seine ersten Werke kamen ihr immer mehr märchenhaft vor. Tja, zuerst ist da die Leidenschaft. Man will etwas erzählen, fühlt sich berufen. Und dann, immer mehr, kommen Dinge hinzu, die einen bewegen, und sie nehmen immer mehr Platz in den Geschichten ein. Wenn das einer schafft zu vereinen, dann hat er es richtig gemacht. Er macht es gut. Bei Irving zum Beispiel kamen viele religiöse Themen auf. Und diese fanden sich auch in seinem Werk, welches er vorstellte, wieder.

Straße der Wunder ist sein neuestes Werk. Ich fühlte mich gut unterhalten, aber lesen werde ich es wohl nicht. Viele seiner Fans berichten vom Genuss einzelner Szenen, die sich schon mal seitenlang ziehen können, gespickt mit unzähligen Details. Liebevollen Details, sicher, genauso gut beobachtet wie beschrieben. Aber das ist nicht das, was ich als Leser suche. Das ist okay. Es ist Geschmackssache. Doch auf das, was er über das Schreiben gesagt hat, und vor allem, wie er es gesagt, möchte ich nicht verzichten. Niemals.

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