Mehr Mut beim Schreiben!

Letztes Jahr las ich einen Artikel darüber, dass man sich mehr trauen sollte beim Schreiben. Oder überhaupt was trauen. Exhibitionistisches Schreiben. Immer wieder denke ich an die Worte, die der Schriftsteller an alle, die schreiben, richtete. Und am meisten an sich selbst.

Ich versuche das auch. Es gehört immer dazu, was von sich preiszugeben, das ist klar. Kunst ist immer dann am besten, wenn sie persönlich ist. Das macht sie authentisch. Kunst drückt etwas aus. Eine Geschichte tut das, sie erzählt nicht nur. Ich muss zugeben, dass ich damit Probleme habe. Viel zu oft halte ich eine Figur zurück, weil ich denke, ich selbst würde das jetzt nicht tun. So ein Unsinn!

Bei meinem derzeitigen Projekt geht es auch schon wieder los. Die Heldin ist die 17jährige Sarah (mit dem Namen bin ich noch unzufrieden), die zwar sensibel und empathisch ist, aber auch aufbrausend, wild, und gern mal Jungs eine scheuert. Wie entwickelt man solch einen Charakter, der einem selbst nicht ähnlich ist? Wie baut man ihn aus und hält an den geschaffenen Merkmalen fest? Nicht einfach, die Aufgabe, aber ich freue mich drauf. Ich muss mir mehr trauen. So einfach ist das …

Wenn ihr irgendwelche Tipps habt, immer her damit!

Schreiben.jpg

Advertisements

12 Gedanken zu “Mehr Mut beim Schreiben!

  1. Du hast doch sicher schon mal Phantasien gehabt, jemandem eine runterzu hauen oder ihn oder sie langsam zu vergiften, was auch immer. Das Großartige beim Schreiben ist doch, dass du alles ausleben kannst, was du im echte Leben niemals tun, dich niemals trauen würdest. Auch alles erleiden. Denn selbst, wenn es schmerzhaft ist – auf dem Papier hältst du es aus.

    1. Guter Ansatz, Danke dafür!
      Ich schätze, das wirklich Schwierige ist die Konsequenz-Das Einhalten des Charakters.
      Deine letzten beiden Sätze gefallen mir sehr gut, darf ich das bei Gelegenheit benutzen? 😉

  2. Hey there! Also ich habe auch schon mal sowas in der Oberstufe als Seminararbeit schreiben müssen. Hatte am Anfang auch Probleme damit meinen Protagonisten so auszubauen, wie ich es eigentlich wollte. Ich habe einen groben Plan bezüglich seiner Charakterzüge erstellt und ungefähr die Story erfunden.
    Eine Vorgehensweise die mir sehr geholfen hat war,

    1. dass ich zu den für vorgeplanten Charakterzügen des Protagonisten (wie z.B. einfühlsam und nett) die Gegenteile (z.B. empathielos, verlogen) rausgesucht habe. Diese Gegenteile haben selbstverständlich beim Anwenden an ausschlaggebenden Stellen die Story bzw. das Schicksal des Protagonisten verändert/verzerrt. Da ich die Story ja schon geplant hatte, entschied ich dann, ob mir dieser Charakterzug immer noch passt oder nicht.

    2. dass ich versucht habe Überraschungen in die Story zu integrieren. Überraschungen im Sinne von völlig untypischen Reaktionen des Protagonisten. So ergriff beispielsweise mein eher schüchterner und regelkonformer Protagonist an einer Stelle die Initiative anstatt nur passiv im Hintergrund zu bleiben.

    3. dass ich vor einer ausschlaggebenden Stelle, versucht habe einen Stream of conscioussnes einzubauen, in welchem ich die Proteste, Wünsche, Probleme und Gedanken des Protagonisten eingebunden. Dieser SoC hat mir eben bei der allmählichen Charakterbildung geholfen.

    Hoffe es hilft dir weiter und viel Erfolg weiterhin!

    1. Puh, das ist ja eine wahre Abhandlung 😉 Vielen Dank dafür!
      Zu Punkt 3.: Das ist vermutlich das Wichtigste beim Ausbau einer Figur. Bei mir passiert das meist so, dass ich in die Figur hineinschlüpfe, das geschieht nach einer gewissen Zeit ganz automatisch. Sicher, Empathie ist ein wichtiger Punkt, aber auch dahingehend gefährlich, dass mich meine eigene Persönlichkeit ausbremst. Oder besser gesagt, die Entwicklung in der Figur ausbremst. Ich muss also raus aus dem Konstrukt und es eher von außen betrachten … Nicht so einfach.
      In meinem letzten Roman ist mir die Hauptfigur auch in einigen Dingen unähnlich, da half dann nur die Hammer-Methode: Immer wieder rufen: Stop! Das würdest du tun, aber nicht sie. Oder eben umgekehrt.
      Vielen lieben Dank fürs Lesen und Kommentieren!

  3. Persönlichkeitstypen nach Jung! Seit ich vor ca. drei Jahren angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, war mir eine Sache klar: ob die Theorie in der Realität nun zutrifft oder nicht, sei mal dahin gestellt, aber in der Fiktion hilft sie allemal dabei, einen authentischen Charakter zu erschaffen!

    Ich fühle mich jetzt etwas blöd, hier Werbung für meinen Blog zu machen, deshalb nur der ganz dezente Hinweis, dass ich darüber schreibe und mit einigen meiner Posts versuche, das zu erklären.

    Wichtig dabei: nicht einfach nur nach den vier Präferenzen (Introvertiert/Extrovertiert, Denker/Fühler, Empfinder/Intuierer und Urteiler/Beobachter) gehen, sondern wirklich nach den kognitiven Funktionen nach Jung. Dadurch werden die Charaktere ausgeglichener und wirken nicht mehr so sehr wie Karikaturen, die ABSOLUT extrovertiert sind, NUR nach dem Herzen handeln, etc. …

    Um weniger Fachkauderwelsch, sondern ein konkretes Beispiel zu zeigen, erstelle ich mal ad hoc einen fiktiven Charakter, angelehnt an deiner 17-jährigen Sarah. Oder sagen wir einfach mal, ich baue Sarah mit Hilfe der Funktionen weiter aus.

    Sarah als ENFP: Sarah’s erste Funktion ist das extrovertierte Intuieren, was sich darin äußert, dass sie äußerst schnell denkt, Schlussfolgerungen zieht, Dinge miteinander in Beziehung setzt und versucht, zwischen den Zeilen zu lesen. Das macht sie äußerst kreativ und aufgeweckt, doch wird allerdings sie auch öfters mal gerade wegen diesen Eigenschaften nicht ernst genommen. Gerade mit ihrer todernsten Schwester Rita hat sie manches Male Probleme, nicht selten ermahnt diese Sarah, weniger herumzualbern, mal an einer Sache zu bleiben und sich zu konzentrieren.

    Aufgrund Sarahs zweiter Funktion, dem introvertierten Fühlen, ist sie gegenüber Kritik sehr empfindlich, weshalb es öfters Mal zu Streitigkeiten kommt, nicht nur mit ihrer Schwester. Wenn Sie den Eindruck hat, dass irgendjemand unrecht behandelt wird, steht sie sofort für diese Person ein. Sie ist ein wahrer Freigeist, es kümmert sie herzlich wenig, was andere für Regeln und Normen aufgestellt haben, wichtig ist, dass jeder gerecht behandelt wird. Sie kann sich leicht in andere hineinversetzen und fühlt dementsprechend stark mit. Das macht sie äußerst leidenschaftlich und emotional.

    Dennoch sollte man nicht denken, sie sei eine weiche, verträumte Mimose. Zwar ist ihr extrovertiertes Denken nicht sonderlich ausgeprägt, aber wenn sie sich Ziele setzt, dann kommt es ziemlich stark zum Vorschein: sie ist direkt und geradlinig. Obwohl sie stets versucht freundlich zu sein und eher ein fröhlicher Mensch ist, kann sie auch sehr laut und dominant werden, wenn die Situation es erfordert. Als ihr das letzte Mal einer der Jungs an den Hintern gefasst hatte, gab sie ihm gleich zwei Ohrfeigen und brüllte ihn so lange an, dass sie am nächsten Tag heiser war. Ähnlich extrem kann sie auch in anderen Bezügen werden, wenn es zB darum geht, eine ihrer spontanen Ideen umzusetzen. Dann redet sie so lange auf ihre Freundinnen ein, bis sie endlich zustimmen, gemeinsam Fallschirmspringen zu gehen.

    Sarah muss bei all diesen Eigenschaften nur aufpassen, ihr introvertiertes Empfinden, welches ihre unterdrückte Funktion ist, nicht vollkommen zu ignorieren. Das Problem dabei ist nur: sie findet es überhaupt nicht schlimm, dass sie ständig Dinge vergisst, so verstreut und sprunghaft ist und aus Prinzip gegen Konventionen und Traditionen aufbegehrt. Während es sie bis zu einem gewissen Grad tatsächlich sympathisch macht und sie nicht ganz zu unrecht stolz auf ihr rebellisches Verhalten sein kann (welches im Vergleich zu anderen gleichaltrigen tatsächlich authentisch ist und höchstwahrscheinlich auch noch in hohem Alter bemerkbar sein wird), übertreibt sie es nicht selten und gerät deswegen in Schwierigkeiten.

    1. Okaaayyy, jetzt fühle ich mich befangen. Du darfst gern nach Nathen kommen und ein bisschen hinter Sarah her rennen und aufschreiben 😉
      Im Grunde genommen hast Du mit allem recht, das ist aber in meinem Kopf. Ich schätze, es ist wichtig, es so explizit aufzuschreiben, um auch das Geühl des Betrachters zu bekommen, des Beobachters, oder? Wenn es nur im Kopf ist, hab ich ja wieder diese Gefahr, dass zu viel von mir reinfließt.
      Die Charakterentwicklung, von der Du sprichst, hatte ich auf Deinem Blog schon gelesen, und warum sollst Du nicht ein wenig werben dürfen?
      Ich habe noch zwei Dinge, die sich Sarah und mir in den Weg stellen: 1. Ich arbeite mit Menschen, besonders mit Kindern und Jugendlichen. Das heißt, diffizile Charakterstrukturen kann ich täglich beobachten und studieren. Vieles, von dem, was meine Helden tun, ist sicher angelehnt an das, was ich an „echten“ Menschen sehe. Sicher, niemand kann wissen, wie der eine oder andere in einer (Extrem)Situation handeln würde, das funktioniert nicht. Das wissen wir ja nicht mal von uns selbst. Trotzdem passiert es immer wieder, dass z.B. Testleser sagen: „Warum reagiert X oder Y jetzt so? Das verstehe ich nicht.“ Verstehst Du, ich will es trotz komplexer Charaktere realistisch halten, authentisch. Für die jugendlichen Leser ist das gar nicht so einfach, weil sie sich IMMER im Protagonisten sehen. Es ist also schon vorgekommen, dass ich losgehe und den 16jährigen Manuel frage. „Hey, was würdest du machen, wenn …“ Was ich eigentlich sagen will, ist, bei aller schöner theoretischen Ausarbeitung muss man auch in der Praxis dranbleiben.
      Der 2. Punkt ist der, dass meine Sarah bei allem, was sie ist (das mit der Rebellin hast Du sehr schön gesagt), auch immer aus der Bahn geworfen wird, weil … Nun ja, weil sie nun mal in eine Dark-Fantasy Geschichte geraten ist. Sie hat es also nicht nur mit ganz realen Weltretterproblemen wie Macht, Politik usw. zu tun, sondern auch mit Dingen, die sich ihrer Logik völlig entziehen. Was also wird sie tun? Spaaannend … Vor allem spannend, weil ich vieles selbst noch nicht weiß.
      Ich danke Dir ganz herzlich fürs Lesen und Kommentieren, ich mag besonders das introvertiertes Fühlen. Solche Menschen haben es meist schwer, auch wenn sie dann noch Idealisten sind. Deine Zeilen werden mir also auf jeden Fall weiterhelfen!
      Liebe Grüße, Julia

  4. Für mich ist Schreiben eine Art Schauspieler sein auf imaginierter Bühne. Will heißen: Endlich kann ich mich austoben, kann auch das „tun“, was ich als realer Mensch mich nie trauen oder was mit meinen moralischen Grundsätzen nicht zusammenpassen würde. Aber manchmal habe ich schon Lust „böse“ zu sein, ohne es natürlich sein zu wollen (äh???). Aber als Schauspieler auf meinem Papier darf ich endlich der strahlende Held sein, kann ich endlich mal eine Frau sein, kann ich endlich ein fieses, kleines Arschloch sein. Oder ein Gott. Oder …
    Und mit dieser Brille habe ich eigentlich wenig Probleme, mich von meinen Charakteren zu trennen. Hm, wenn ich mir das jetzt so durchleses …. ich hoffe, Du ahnst doch irgendwie, was ich meine 🙂

    1. Doch, doch, ich verstehe das. Die imaginäre Brille ist vielleicht ein gutes und wichtiges Hilfsmittel.
      Bösewichte habe ich auch, das ist nicht so das Problem, eher die filigranen Einschläge einer Persönlichkeit, die da sind; ich aber selbst nicht habe. Ich orientiere mich in erster Linie an mir selbst, das ist vermutlich der Fehler. Im Moment bin ich dabei, mir zwei der wichtigsten Figuren aus meinem neuen Projekt als eine Art Konstrukt zu erschaffen: Ich erbaue zwar, betrachte es aber von außen, soweit es geht. Warum soll ich mich immer in jeden heineinversetzen können?
      Sich von seinen Charakteren zu trennen … gut gesagt. Da will ich hin!
      Ganz lieben Dank für Deinen Kommentar!

      1. Es ist bestimmt kein „Fehler“, sich an sich selbst zu orientieren – eigentlich geht’s ja gar nicht anders. Die Schwierigkeiten sind eher, wie Du und Deine Kommentatoren ja auch schon meinten: 1. Diese spezielle Charakterfärbung in sich selbst zu finden, zu identifizieren (denn ich glaube wirklich, dass jeder von uns alle nur möglichen Tendenzen bsitzt). 2. Diesen Charakter dann auch wirklich kohärent zu beschreiben und ihn konsequent zu zeichnen. 3. Die Distanz zu bewahren – sich von ihm zu trennen (was bei mir über die „Schauspieler-Idee“ funktioniert). Und ich denke: Du schaffst das schon locker 🙂

      2. Oh, ein Zuspruch, Vielen Dank! Klar, schaff ich schon, es ist halt immer mal Hadern und so … Aber nun hab ich das Problem mal benannt, und dann geht es auch besser, damit umzugehen. Mangelnde Distanz. Und ja, ich denke auch, dass unsere Persönlichkeiten verschieden gefärbt sind. Nur wollen wir es nicht immer wahrhaben. Unterdrücken ist auch nicht gut. Sind wir also wieder beim therapeutischen Schreiben 😉

  5. Dieses „trau Dich“ ist manchmal gar nicht so einfach, weil der ’normale‘ gesunde Menschenverstand einige Handlungen gar nicht gutheißen würde. Das Autorenherz sieht das aber ganz anders. Meine Protagonisten sind meistens Männer. Ehrlich gesagt macht es das leichter, mich zu trauen. Da ich kein Mann bin, muss ich mutmaßen wie meine Figur nun denkt oder handeln würde und dann übernimmt er von allein. Inzwischen kann ich auch ganz gut loslassen und ihn selbst entscheiden lassen. Manchmal schauen wir uns zwar gefühlte 2 Stunden in die Augen, als müsste die Machtfrage noch geklärt werden, aber oft überlasse ich ihm dann einfach die Entscheidung und bin überrascht wie gut sie mir gefällt.
    Danke für die Motivation es weiter so zu handhaben
    lg
    J. s. Ann

    1. Auch guter Punkt. Und bei der Machtfrage geht es ja auch darum, Distanz zu nehmen. Erst mal muss man sie aber zulassen. Und davor diesen Aspekt erkennen …
      Bei mir persönlich gibt es noch einen Stolperstein, und bei dem geht es um das Subtile. Wenn jemand offensichtlich böse ist, okay, dann rennt der halt los und tut böse Dinge. Wenn aber ein Mensch ambivalent ist (meinetwegen soziopathische Züge trägt), macht es das sehr schwer. Du willst ja auch, dass gerade dieser Protagonist nicht nur negative Gefühle beim Leser auslöst, wahrscheinlich magst du ihn ja selbst irgendwie. Ihn nun aber etwas wirklich Schlimmes tun lassen … Diese Hürde versuche ich mit meinem aktuellen Projekt zu nehmen. Spaaaaannend 😉
      Und auch spannend und unheimlich inspirierend, mit anderen Autoren darüber zu sprechen.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s