Leserkritik …

… und wie ich damit umgehe.

 

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Letzten Monat erschien „Das Flüstern der Pappeln“, ein Kurzroman. Passend zum letzten Post über das Schreiben, und welchen Mut es bisweilen kostet, kann ich sagen, dass dieses Werk mein persönlichstes ist. Augen zu und durch, lautete das Motto beim Schreiben; und manche Passagen konnte ich nur unter Zwang überarbeiten, weil es einfach zu schmerzhaft war. Nun ja.

Nun kommen die ersten Leserstimmen rein, und angeregt durch einen Austausch mit dem Autor Benjamin Spang und euren Kommentaren auf den Mut-Post, erzähle ich heute davon.

Hier der Auszug der Kritik von Phat Girl: (Enthält Spoiler)

„Hennie. Ich weiß  nicht, was ich über sie denken soll. Mir ist sie zu derb im Bezug auf die Oma und die Mutter. Sehr deutlich, direkt, krass und so bissl Arschloch und Egomane. Zynisch. Sie sagt, was sie denkt und kümmert sich einen Dreck darum, wie es bei anderen ankommt. Der einzige, der sie zu nehmen weiß, bei wem sie sich zu benehmen weiß, ist der Vater. Sie, die einst abgehauen ist und die große weite Welt gesehen hat, kommt nun wieder angekrochen und denkt, sie weiß, wie das Leben und Arbeiten funktioniert und das gibt ihr das Recht, denkt sie zumindest, alle zur Veränderung zu drängen und deren Lebensweisen infrage zu stellen.“

Die Leserin ist damit unzufrieden, wie es scheint, ich aber nicht. Ich wollte den Charakter so. Bei einer Geschichte wie „Das Flüstern der Pappeln“, bei der eher die Charakterstudie als der Plot an sich im Vordergrund steht, sollten es die Persönlichkeiten sein, die an einem rütteln. Allerdings, und das ist der große Unterschied, ist Hennie-Hauptfigur in der Geschichte- der Leserin total unsympathisch, mir aber nicht. Das hat mich verwundert. Darüber könnte ich eine lange, eine sehr lange Zeit nachdenken. Was sagt uns das? Dass jeder Leser seine eigene Geschichte mitbringt. Natürlich, so muss es sein! Wenn meine Protagonisten nichts auslösen beim Leser, keine Emotionen, sondern nur regristiert werden, dann wäre ich sehr bestürzt und todtraurig. Ehrlich. Weiter geht’s:

„Die Mutter ist gefangen im jahrelangen, gleichen Schema und Muster. Trottet so vor sich hin. Lebt und liebt ihr ländliches Dasein, auch die damit verbundene Eingeschränktheit. Nicht weltoffen. Zu inkonsequent mit Hennie. (…)“

Mir hat das mit der Eingeschränkheit gefallen: Ein Punkt, den ich nicht beschrieben habe, und der trotzdem so wahrgenommen wurde, wie es meine Absicht war.

„Das ständige Erwähnen der Suche, des Fährmanns, und Hennie immer wieder als Künstlerin darzustellen – Das hat mich richtig genervt. Ich hatte das Gefühl, dass man hier unbedingt diesen Stempel aufdrücken will.“

Okay. Da schluckt man erstmal. Genervt. Ui. Da habe ich etwas, was auch das Handwerk betrifft. Wiederholungen. Das habe ich schon mehrmals gehört. Etwas, woran ich arbeiten muss. Nicht nochmal, Julia! Ich habe also lange darüber nachgedacht. Das Erste ist, dass ich einfach auf Wiederholungen im Text stehe. Zweitens: Ich habe mich zu sehr als Hennies Anwältin gesehen. Ja, sie ist, wie sie ist, und das ist nicht einfach. Doch es sind Dinge geschehen, die sie zu dem gemacht haben. Genauso wie ihre Mutter, die zweite polarisierende Figur. In Hennie ist vielleicht zu viel von der Autorin drin, oder die Autorin hat zu wenig Distanz genommen. Ähem …

Und das sagt BlaueNadine:

„Hennie finde ich nicht zu depressiv. Sie ist ja gerade in einer Umbruchsphase. Durch ihre sehnuchtsvolle Seite ist das Depressive nicht so spürbar.
Die Eltern kommen sympathisch rüber und gleichzeitig sind sie mit ihrer Fürsorge nervend. Ich vermute, dass das noch mehr wird …
Hennie ist agressionsgehemmt und hat Schuldgefühle. Ich kann sie gut leiden. Oft erkenne ich mich in Hennie wieder.“

Aha! Das sind sie nun, die Packen eigener Dinge, die jeder mitbringt. Im Grunde genommen ist das ganz interessant, Phat Girl ist die Mutter sympathischer, und BlaueNadine die Tochter.

„Die Mutter ist ne Nervensäge. Sie scheint besessenes Arbeiten zu kennen, das macht sie wieder sympathisch … Ich hätte mir noch mehr Streit gewünscht … Jetzt hab ich mit der Mutter Mitgefühl. Das stört mich etwas, weil ich mich gerne noch aufgeregt hätte …“

Persönlichkeiten zu entwerfen, die jedem gefallen, ist unrealistisch und sollte auch nicht Ziel des Autors sein. Mir ist das klar, dennoch bin ich überrascht, wie verschiedenen die beiden Hauptfiguren ankommen. Schon klar, das ist alles sehr psychologisch, aber was soll ich sagen? Es geht um Menschen, um das Zwischenmenschliche.

Zum Abschluss noch ein Satz, der für alle Kritik entschädigt: „Die Leidenschaft beim Schreiben habe ich richtig gespürt. Die Art des Schreibens, die Wahl der Wörter, den Ausdruck und Satzbau – Das hat mich fasziniert. Davon, genau so, möchte ich mehr lesen.“ (Phat Girl)

😉 Das macht einen doch happy, oder?

 

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5 Gedanken zu “Leserkritik …

  1. ich sehe es immer als etwas Positives an, wenn man mittels der Romanfiguren, egal welche es sind, Emotionen im Leser hervorruft. Deshalb habe ich mich auch über dein Kommentar (Nayara sei blöd, arrogant, übergreifend) gefreut. So etwas, wie du beschrieben hast, also dass die Leser verschiedene Charaktere sympathisch/unsympathisch finden und vollkommen andere Meinungen haben, ist ein gutes Zeichen, wie ich finde. Dadurch kommen Leser untereinander über dein Werk ins Dialog! Und wenn man anfängt, über ein Buch zu sprechen, anstatt es nur zu lesen, dann hat man meiner Meinung nach als Autor erst wirklich Erfolg damit. Die Charaktere sind einfach das wichtigste Element in einer Geschichte und dürfen unsympathisch, polarisierend und/oder unkonventionell sein.

    A Song of Ice and Fire, bzw mittlerweile eher als Game of Thrones bekannt, ist nicht deshalb in aller Munde, weil die Charaktere etwa so sympathisch sind. Vor allem, weil sie interessant sind (auch jene, die als schurkisch wahrgenommen werden) will man wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

    1. Du hast recht. Ich hatte anfangs Probleme damit, wenn ein Protagonist, den ich absichtlich sympathisch gezeichnet hatte, abgelehnt wurde. Das ist etwas, was man auch lernt beim Schreiben.
      Seltsam ist, dass in vielen … sagen wir mal, Mainstreamwerken, eher Wert auf Äußeres gelegt wird; ich hatte auch schon Nachfragen von Lesern, wie denn jetzt ein Typ aussieht. Dann denke ich „Hä?“ Ich meine, ich streue schon mal Kleinigkeiten mit rein, aber ist es dann Bequemquelichkeit der Leser, die sich nicht mit tiefgehenden Strängen eines Charakters beschäftigen wollen?
      Dein Beispiel mit Eis und Feuer ist so was von passend, da hat man ja so viele Querulanten drin, dass es an jeder Theorie über das Schreiben vorbei schrammt 😉 Da bin ich wieder bei meinem Mut. Etwas, was ich auf jeden Fall beibehalten und ausbauen will.
      Wir können auch als Beispiel den einzigarten Heathcliff herbeisehnen, einen so düster gefärbten Charakter in der Sturmhöhe, bei dem ich mich immer, und zwar immer wieder frage, warum ich an seinem Schicksal teilhaben will. Er ist ein regelrechter Widerling. Nun ja, das ist Kunst. Hohe Kunst.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich musste über das Blöd und Arrogant schmunzeln, nicht grad so ein konstruktiver Kommentar 😉

  2. Freut mich, dass Dir die Rezi gefällt – ich hoffe man merkt, wie sehr mir Deine Geschichte gefallen hat. Der Dank geht natürlich direkt zurück, nehme ich doch stark an, dass Du Dich hinter „wildinthestreets“ verbirgst 🙂
    Mit dem rechthaben könntest Du Recht haben. Ich weiß nur noch, dass meine Frau immer mal wieder darauf hingewiesen und ich stellenweise geändert haben. Liegt an dieser fluchwürdigen Rechtschreibreform. Seid laut Duden beide Möglichkeiten erlaubt sind, stolpert bei mir alles drüber und drunter.
    Liebe Grüße zurück!

    1. Ja, dahinter verberge ich mich.
      Falls Dich noch die Meinung meiner Tochter interessiert, sag Bescheid. Dazu bräuchte ich allerdings etwas mehr Platz, das passt hier nicht (hin). Mit dem Recht … ich habe mir angewöhnt, es klein zu schreiben, diese Grauzonen immer …

  3. Dann meinen direkten Dank dafür! Und klar interessiert mich die Meinung Deiner Tochter. Wenn Du irgendwann Zeit findest, kannst Du (oder sie??) Dich ja auf meinem Blogeintrag zu „Rosa Wolke“ melden.
    Ansonsten: Gerne diese „Interna“ hier von Deiner Webseite löschen 🙂
    Liebe Grüße!

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