Die Liebe ist …

… eine schallende Ohrfeige.

Kurzgeschichten, meine Liebe!

Bevor ich mich an den Plot für das nächste große Projekt mache, hatte ich Appetit auf etwas Leichtes zwischendurch. Als ob die Liebe etwas Leichtes wäre. Gut, nennen wir es etwas Kurzes.

 

Weites Land

eine Kurzgeschichte

weites Land.jpg

 

„Es war also Jan?“

Melissa drehte sich um, sie hatte nicht die Absicht, zu antworten. Was sie jedoch interessierte, war Leonies Gesichtsausdruck, während sie das fragte. Nicht, dass sie je viel von sich preisgab. Aber diese Augen …

Es waren die Augen, die sie immer verrieten. Wenn verraten das richtige Wort war. Vermutlich war es das nicht. Vielleicht für Leonie. Ganz sicher sogar. Für sie waren Emotionen etwas, was es nicht preiszugeben galt. Warum das so war, konnte Melissa nur erahnen. Und im Grunde genommen spielte es keine Rolle. Wir alle, dachte sie, tragen unser Päckchen mit uns.

„Jan?“ Wenn es etwas gab, was Leonie ebenso hasste, waren es Gegenfragen. Melissa war klar, dass das kindisch war, doch sie wollte die Freundin aus der Reserve locken. Es funktionierte nicht. Leonies Augen wurden klein, als wären sie Zugänge zur Außenwelt, die sich schlossen. Bullaugen, dachte Melissa. Leonie ist der Ozean, und ihre Seele ist ein U-Boot.

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Melissa hielt den Kopf schief und beäugte die Freundin. „Du bist eine Schnecke, die sich viel zu oft in ihrem Haus verkriecht.“

Jetzt wurden die Augen groß, der Zugang öffnete sich; und der Ozean zeigte all seine Pracht. Melissa liebte es, die Freundin so zu sehen. Sie labte sich daran.

Leonie lächelte nicht, es war also nur ein Zugang auf Zeit. Doch das war Melissa egal. Zeit war etwas, womit sie nur schwer etwas anfangen konnte. Nennen wir es Vorsicht.

„Das ist schade“, fuhr sie fort. „Ich würde gern mehr von ihr sehen. Die Welt würde gern mehr von ihr sehen. Und du würdest sicher gern mehr von der Welt sehen.“

Die Augen schimmerten, doch sie blieben groß. „Ich sehe genug.“

„Aber nicht alles.“

„Das tust du auch nicht. Niemand tut das.“

Melissa blieb stehen. „Ist das dein Ernst? Das denkst du?“

Leonie schien kurz zu überlegen, und wenn sie das tat, tat sie es gründlich. Beinahe schmerzte es, dabei zuzusehen. Das U-Boot tauchte ab und glitt hinab zu den tiefsten Seelengründen.

„Das ist das, was ich denke, ja.“

Melissa überlegte nun auch, doch es gelang ihr nur oberflächlich. Sie war jemand, deren Grundsätze fest verankert waren, und an denen man nur schwer rütteln konnte. Außerdem wurden ihre Gedanken von etwas anderem beherrscht. „Das finde ich traurig.“

Leonie starrte sie an. Eine ganze Unterwasserwelt. „Aber … wieso?“

„Wieso?“ Melissa stieß einen Seufzer aus, halb Entrüstung, halb Resignation. „Weil … Du davon ausgehst, die Welt nicht zu kennen. Und weil das klingt, als würdest du es nicht mal versuchen wollen. Du schließt es von vornherein aus.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ist es doch! Ich würde so gern mehr von dir sehen. Doch wenn ich an dir ziehe, ziehst du dich nur mehr in dein Schneckenhaus zurück.“

Leonie öffnete den Mund, doch Melissa kam ihr zuvor. „Du kennst das doch: Du berührst die Fühler einer Schnecke, und dann schrumpft sie in sich zusammen, sie wird dann ganz schrumpelig, total faszinierend. Nur bei dir ist es so, als … würde ich dir mit einem Hammer auf den Kopf hauen.“

Leonie runzelte die Brauen, und um ihren Mundwinkel herum schlich ein Grinsen. „Was sollen denn die ganzen Metaphern … Ah!“ Nun weiteten sich ihre Augen, und Melissa musste ebenfalls grinsen.

„Du musst noch schreiben!“, rief Leonie.

Melissa verzog das Gesicht. „Naja, ich …“

„Und missbrauchst mich, um deine ganzen Ergüsse rauszulassen!“ Leonies Zeigefinger schnellte vor Melissas Augen auf und ab. „Du solltest dich was schämen!“

„Nix! Worte sind Worte.“

Leonies Augenbrauen machten einen staunenden Bogen. „Jetzt kommen die Phrasen. Auweia. Und damit willst du heute noch schreiben?“

Melissa spürte, dass sie lieber wütend sein wollte, anstatt sich ein Lachen verkneifen zu müssen. Leonie schaffte es immer wieder, von sich abzulenken. Die Seelenspäher auf eine andere Fährte zu leiten. Niemand sollte sehen, wo sie vor Anker lag.

Doch sie konnte nicht wütend sein, jedenfalls nicht so richtig. Es war eher eine überlagerte Wut. Eine verschobene. Melissa wusste, woher sie kam. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie in den letzten Tagen nur so vor sich hingegammelt hatte, obwohl ihr der Abgabetermin im Nacken saß.

Rumgegammelt? Komm schon. Es war Jan.

Pfff, Jan! Ein Kerl und eine Deadline.

„Oh oh“, machte Leonie. Nur sie konnte den Mund so schön verziehen, eine mimische Glanzleistung, die gleichzeitig Schuldgefühle und Beschützerinstinkt beim Betrachter auslöste.

„Was?“

„Ich kenne den Blick! Da kam eben eine Idee, nicht wahr? Die Muse hat angeklopft.“

„Ja“, antwortete Melissa nur knapp, dann packte sie nach Leonies Arm und setzte sich in Bewegung. „Los! Ich weiß jetzt, wie ich das Kapitel abschließen kann!“ Sie zerrte die Freundin mit sich.

„Hey!“, rief Leonie. „Du tust mir weh!“

„Das tut Kunst immer. Los jetzt, schneller!“

Leonie schnaufte entrüstet, doch sie lächelte, als sie die Freundin betrachtete.

„Ach, jetzt freust du dich?“, fragte Melissa, die den Blick auffing. „Das bereitet dir Freude? Mich mit dieser Qual zu sehen? Diese Qual, die alles auffrisst, die mich zwingt, in meinen tiefsten Seelengründen zu fischen? In den Gedärmen der Welt zu wühlen, sie auseinderzureißen und ihr Blut sprudeln zu sehen?“

„Spar dir die Worte fürs Papier“, erwiderte Leonie lakonisch, dann blieb sie stehen und stütze die Arme auf die Knie. „Mann, ist je einer diese Treppe so schnell hochgerannt wie wir eben?“

„Niemals.“ Melissa hatte keine Zeit, auszuruhen. Sie musste so schnell wie möglich an den Rechner, um das Kapitel fertig zu schreiben. Sie kannte das. Diese Wellen, die mit einem Mal kamen und einen mit sich rissen. Wogen aus Bildern, Gedanken und Worten; denen man sich nicht entziehen konnte. Und das wollte sie nicht. Was aber sollte sie … Sie drehte sich nach Leonie um, die die Hände hob. „Schon gut, ich kann mich selbst beschäftigen.“

„Wir wollten in die Ausstellung …“, fing Melissa an. „Es tut mir leid.“

„Tut es nicht. Und das sollte es auch nicht. Mir jedenfalls tut es nicht leid. Komm schon, du wartest schon lange auf eine Eingebung! Du warst regelrecht verzweifelt!“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„Letzte Woche wolltest du dir einen Bleistift ins Auge rammen.“

„Das war nur, weil ich betrunken war. Also … angeschwipst.“

„Und die Flasche Whiskey hast du warum getrunken?“

„Es war eine halbe. Und das war nicht mal ein richtiger Satz, er zählt also nicht.“

„Ich bin ja auch keine Autorin. Du schon. Also husch husch!“

Melissa sah sie zweifelnd an. „Husch husch? So beenden wir diesen Dialog?“

„Mann, Melissa, hau jetzt ab und schreibe! Ich werde hier schon was finden! Ich nehme mir ein Buch und setze mich auf die Terrasse. Obwohl die Auswahl schwierig werden dürfte unter diesen Millionen hier …“

„Du bist ein Schatz“, sagte Melissa. „Und würdest du dann …“

„Ja, ich lese den Entwurf dann gegen. War das korrekt ausgedrückt?“

Melissa nickte. „Korrekt.“

„Bis dann, Melissa.“

„Bis dann.“

Leonie hatte damit gerechnet, dass sie die Freundin in ihr Zimmer schieben musste, doch das war nicht nötig. Melissa drehte sich um und war augenblicklich verschwunden. Leonie blickte ihr nach, dann drehte sie sich unschlüssig um. Seit Jan ausgezogen war, war sie nicht mehr hier gewesen. Melissa lebte in einer Künstler-WG, ein Umstand, vor dem sich Leonie immer etwas fürchtete. Da waren so viele Bilder und Worte; so viele Emotionen flogen umher, soviel …

Menschsein.

Die Wohnung lag im Dachgeschoss, sie war, im Gegensatz zu dem dunklen Treppenhaus mit den knarrenden Stufen, lichtgeflutet und warm. Von der Terrasse aus konnte man die ganze Südstadt überblicken. Leonie hatte sich immer vorgestellt, dass die Künstler dort am besten schaffen konnten, doch seltsamerweise hatte sie nie jemanden angetroffen. Es schien, als konnten alle in ihrem abgedunkelten Kämmerlein am besten arbeiten.

Was zwischen Melissa und Jan vorgefallen war, wusste sie nicht. Sie nahm an, dass es etwas mit seinem Auszug zu tun hatte, der schon länger geplant war. Schon bevor die beiden zugeben konnte, dass sie Gefühle füreinander hatten.

Nun ja, irgendwann würde Melissa ihr davon erzählen. Vielleicht schrieb sie es eben auf. Leonie blickte wieder zu der Tür, hinter der die Freundin saß und hoffentlich auf ihrer Tastatur herum tippte. Sie selbst hatte keine Ahnung, wie das Schreiben funktionierte, doch sie hatte die schöne Vorstellung, dass, während man tippte oder einen Füller über das Papier bewegte, alle Gedanken aus dem Kopf herausflossen.

Sie wünschte Melissa, dass sie vorankam.

Leonie beschloss, nach einer Zeitschrift zu suchen und es sich auf der Dachterrasse gemütlich zu machen. Für ein Buch hatte sie heute nicht die nötige Konzentration. Außerdem wusste sie nicht, nach was sie aussuchen sollte. Da war viel zu viel intellektuelles Geschwafel dabei, mit dem sie nichts anfangen konnte.

„Fuck!“

Leonie zuckte zusammen. Sie fühlte sich ertappt, als hätte sie etwas verbotenes getan. Für einen Augenblick stand sie unbeweglich, als könne sie sich damit unsichtbar machen, dann drehte sie langsam den Kopf in die Richtung, aus der das wütende Fluchen gekommen war. Es war das einzige Zimmer auf dieser Seite, links neben der offenen Küche. Aus diesem Raum war …

„Mann ey!“

Wieder zuckte Leonie zusammen, und danach schalt sie sich selbst. Wahrscheinlich haderte dort jemand mit der Kunst, kein Grund, jedes Mal einen Schrecken oder gar ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Sie drehte den Kopf und betrachtete grübelnd die Bücherwand. Ein Blick hinter diese Tür zu werfen, wo vielleicht ein zerstreuter Schriftsteller saß, war sicher interessanter als so ein Uralt-Wälzer. Oder? Hatte Melissa nicht gesagt, sie solle mehr aus ihrem Schneckenhaus kommen? Auch wenn sie es vor der Freundin vielleicht nicht so zeigte, es ging ihr nahe, was sie sagte. Sie dachte darüber nach, grübelte unentwegt.

Leonie brauchte keine weiteren Überlegungen, sie ging einfach zu der Tür, von der sie nicht wusste, wer dahinter saß. Sie folgte einer Stimme in ihrem Inneren, die sie nicht kannte. Sie war neu. Oder sie war bisher einfach zu leise gewesen. Bevor diese Stimme wieder verstummen konnte, hob Leonie die Hand und klopfte mit den Knöcheln an das Holz.

„Was?“, machte die Stimme, und Leonie schluckte. Jetzt war sie doch verzagt.

„Was ist?“, kam ein erneutes Rufen, und es klang keineswegs einladend.

„Hier ist Leonie“, rief sie zurück. Echt, wie dämlich.

Nichts kam zurück. Der Typ in dem Zimmer hatte wohl beschlossen, sie aufgrund der Dämlichkeit zu ignorieren.

„Komm rein.“ Noch immer klang es nicht nach einer freundlichen Einladung, aber ein Herein war ein Herein.

Leonie drückte die Klinke herunter und steckte den Kopf durch den sich öffnenden Spalt.

Es war unglaublich.

Sie kannte das Zimmer von Jan. Es war dunkel gewesen, immer, abgehängt mit schwarzen Stoffbahnen. Leonie war nur einige Male drin gewesen, doch immer erschüttert über die Atmosphäre; eine künstlich geschaffene Nacht, in der Staubpartikel wie Glühwürmchen tanzten.

Jetzt war das Zimmer hell und groß. Im ersten Moment wirkte es wie ein völlig anderer Raum. Die Stoffbahnen waren von den Wänden gerissen worden, im Fenster hing lediglich ein Bambusrollo.

Leonie sah ein in die Ecke gedrängtes schmales Bett, einen niedrigen Beistelltisch und ansonsten nichts anderes als Staffeleien. Und Bilder.

Dutzende von Bildern, lose oder gerahmt, schmuckvoll umrandet; einzelne Blätter, Leinwände, Skizzen über Skizzen.

Jedes von ihnen war eine eigene Welt, und obwohl Leonies Augen nur kurz in ihnen verweilten, sog sie doch jede von ihnen auf.

Dutzende Welten, und zwischen ihnen hing der derbe Geruch von Ölfarbe und Terpentin.

Leonie drehte den Kopf und blickte zum Fenster, vor dem ebenfalls eine Staffelei stand. Und vor ihr der Flucher.

„Hallo. Ich bin Leonie.“ Und schon wieder.

„Jepp, das sagtest du bereits.“ Der Künstler sah sie erwartungsvoll an. Oder war es eher geringschätzend?

„Achso, ich … äh …“ Leonie drehte den Oberkörper, als suche sie etwas. „Ich war nur erschrocken, weil du dich offensichtlich sehr über etwas geärgert hast.“ Den ersten Platz für Dämlichkeit konnte ihr heute keiner mehr streitig machen.

„Erschrocken? Wieso? Machst du da draußen eine Stillesitzung?“

„Nein, ich …“ Sie zog die Brauen zusammen. „Was?“

„Stillesitzung. Das ist sowas wie das Finder der inneren Mitte, Bla Bla. Ein riesengroßer Bullshit, hab ich mal in einem Kurs über Motivation gelernt. Das war wohl die Strafe.“

„Aha.“ Leonie schluckte wieder. Wenn es ein Bild gab, welches am besten das Klischee eines Malers darstellte, so war es das hier. Dieses Zimmer … Der Typ … Schlacksig, ungeordnete Frisur, Farbe an den Händen, zweifelnder Blick. So viel Zweifel.

„Na ja, egal. Ich bin Ben.“

„Oh“, machte Leonie. Jetzt war es sowieso schon egal, was sie sagte.

„Ja, oh. Ich würde dir ja die Hand reichen, aber …“ Er hob die Arme und drehte die Handflächen nach außen und nach innen.

„Schon gut“, sagte Leonie. „Und ähm … Entschuldige bitte.“

„Ach ja? Und wofür?“

„Dass ich einfach hier … dass ich dich störe.“

„Kein Ding. Läuft grad sowieso nicht. Naja, hast du ja schon vernommen, nicht?“

„Ja.“

„Ich weiß aber nicht, wofür du dich entschuldigen musst.“

„Naja …“ Leonie blickte erneut durch das Zimmer. „Ich habe irgendwie das Gefühl, hier einzudringen. In diese Welten.“

Ben sah sie schweigend an. Dann kniff er kurz die Augen zusammen und nickte schließlich langsam. „Okay. Da könntest du Recht haben.“

Leonie ließ weiter ihren Blick gleiten. „Hast du sie geschaffen? Sie alle?“

„Ja.“

„Das ist …“ Sie sah ihn wieder an. „Das ist wirklich beeindruckend.“

„Danke.“

Eine Weile schwiegen sie, dann grinste Ben. „Du kannst ruhig eintreten. In die Welten. Und in das Zimmer.“

„Ja, okay. Danke.“ Leonie schloss die Tür hinter sich, dann trat sie näher. Sie konnte Ben sehen, betrachtete ihn, wie er auf dem Stuhl saß vor der Staffelei. Sie sah die Leinwand, doch konnte nicht erkennen, was darauf war.

„Nimm dir einen Hocker. Irgendwo muss da einer rumstehen.“

Sie suchte danach, und als sie ihn gefunden hatte, zog sie ihn näher und setzte sich darauf. Etwas weiter in den Raum hinein, doch nicht zu nah an Ben und seinem Bild. Irgendwie hatte sie das Gefühl, nicht zu sehr eindringen zu dürfen. „Und warum hast du geflucht? Ist es die Muse?“

„Nein, die ist es nie. Eher ganz realistischer Kram. Mir ist eine Farbe ausgegangen.“

Leonie sah ihn verwundert an. „Aber … dann kannst du eine neue kaufen.“

Ben nickte wieder, diesmal schien er abwesend. Er blickte auf das Bild, welches vor ihm stand und schien sich in ihm zu verlieren. „Ja, das könnte ich. Aber ich kann hier nicht weg.“

Leonie schwieg. Die Fragen lagen ihr auf der Zunge, doch sie hielt sie zurück. Ben schien in diesem Moment nicht wirklich anwesend, und das was er sagen würde, würde sie sicher sowieso nicht verstehen.

Es dauerte eine Weile, bis er den Blick von dem Bild löste. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, eine Geste, die ihn mit einem Mal verletzlich und schüchtern wirken ließ. „Das ist vielleicht blöd oder so, aber mich hält das hier fest“, sagte er. „Also das Bild. Oder die Welt, wie du es nennst.“

Leonies Augen weiteten sich. „Ich finde das gar nicht blöd“, sagte sie leise.

Wieder schwiegen sie.

„Weißt du“, fing Leonie nach einer Weile an. „Ich könnte dir Farbe holen. Melissa schreibt sicher noch zwei Stunden, und ich … hab keine Lust zu lesen.“

Ben sah sie an. „Ich überlege noch, wie schmeichelhaft das ist.“

Leonie schüttelte den Kopf. „Nein, nein, so war das nicht gemeint. Ich meine … Ich würde es wirklich gern machen.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich.“

Ben betrachtete sie eingehend, und Leonie wurde bewusst, dass er sie erst jetzt richtig wahrnahm. „Du bist eine Freundin von Melissa?“

„Ja. Wir wollten in eine Ausstellung gehen, aber …“

„Verstehe. Und du?“

„Und ich?“

Er schien amüsiert und hob kurz die schmalen Schultern. „Na, schreibst du auch?“

„Achso“, rief Leonie entrüstet. „Nein, nein. Ich bin keine Künstlerin.“

„Naja, du bist mit einer befreundet. Das macht dich automatisch zu einer.“

„Meinst du?“

„Meine ich.“

Leonie scheute sich davor, ihn näher zu betrachten. „Und du malst schon lange?“

„Schon immer“, antwortete er. „Die ganz typische Geschichte. Schon immer, leidenschaftlich, mein Leben lang.“

„Wow“, machte sie leise. „Das finde ich schön.“

„Ich auch.“ Wieder sah er sie an, mit diesem Blick aus Belustigung und Neugierde.

Sie fühlte sich davon eingeschüchtert. „Ich könnte das nie“, sagte sie, nur um etwas zu sagen. „Also so malen. Oder schreiben.“

„Okay, schreiben finde ich auch krass.“

Nun wechselte die Neugier zu Leonie. Neugier und Erstaunen. „Wirklich? Warum denn?“

„Na.“ Wieder das Schulterzucken. „Worte sind doch viel zu eindimensional. Sie haben keine Fläche. Wie soll man da etwas entstehen lassen können? Tiefe schaffen?“

„Du kennst keinen Text, der in die Tiefe geht?“

Er überlegte kurz. „Okay, da hast du recht. Lass es mich so sagen: Ich würde es niemals zustande bringen, aus der Fläche eines Wortes etwas Dreidimensionales zu machen.“

„Du machst es mit Bildern. Die sind auch dreidimensional.“

„Ja. Aber das sind sie sowieso.“

„Es ist trotzdem eine Kunst, das so hinzukriegen.“

„Hm.“

„Das denkst du nur, weil du es kannst. Glaub mir ich kenne das. Künstlerfreundin.“

Er grinste sie an.

Dann fragte er: „Worüber schreibt sie denn? Melissa?“

„Über die Liebe.“ Leonie erwartete, dass er mit den Augen rollte, doch das tat er nicht. „Siehst du“, sagte er stattdessen und blickte wieder auf sein Bild. „Dazu würden mir keine Wörter einfallen. Geschweige denn ein ganzer Satz.“

„Ach, wirklich nicht?“ Die Neugier war inzwischen etwas größer als die Scheu. Nicht erwähnenswert größer, doch es reichte aus.

„Ja“, antwortete Ben. „Liebe ist eine schallende Ohrfeige. Das würde mir dazu einfallen.“

„Das ist doch ein guter Satz.“

Nun sah er sie an. „Findest du?“

„Ja.“

Ben blickte wieder auf die Leinwand, die vor ihm auf der Staffelei stand. Er schwieg. Und Leonie schwieg mit ihm.

Sie musste nur warten.

„Die Liebe ist ein weites Feld“, sagte Ben schließlich.

Leonie zog die Brauen zusammen. Es war ihr völlig unverständlich. „Ein Feld?“, fragte sie. Leise zwar, doch eindringlich.

„Ja.“ Er sah sie wieder an. „Ein Feld. Wie das Leben. Auch das ist ein weites Feld. Weites Land.“

Sie war verblüfft, und er sah es. „Was? Du siehst irgendwie mitgenommen aus.“

„Das Land nimmt mich mit. Also das Wort“, sagte sie sofort, und darüber war sie erschrocken. Sie machte einfach den Mund auf und sagte das, was sie dachte. Das tat sie üblicherweise nicht. Nie. Niemals.

Ben wandte sich nun ganz von dem Bild ab. Er drehte den Oberkörper und beugte sich etwas nach vorn. „Ich bin ganz Ohr.“

„Land“, sagte Leonie. „Es ist kein Land. Es ist Wasser. Das Leben ist Wasser.“

Er hielt den Kopf schief. „Ach ja?“

„Ja!“, sagte sie. „Es ist wild und bunt, voller Wogen und Wellen! Es trägt dich, nimmt dich mit! Und es … zerschlägt dich.“

Ben überlegte, dann erwiderte er: „Es ist Land. Es ist staubig und trocken und tot und dann wieder satt und voller Schätze.“

Leonie starrte ihn an.

Es war still in dem Zimmer. Das Sonnenlicht tanzte zwischen den Bildern umher, und der Geruch machte die Luft schwer. Es fühlte sich himmlisch an.

Leonie wusste nicht, was sie sagen sollte. Und dann tat es Ben. „Um ehrlich zu sein, ich war mir nicht sicher, ob da noch was rein muss. Mehr Gelb. Und das ist mir ausgegangen. Willst du mal sehen?“

Sie schluckte. Dann nickte sie. „Ja.“

Leonie stand auf, und Ben drehte sich wieder zu seinem Bild und wartete, bis sie heran war.

Und dann sah sie es. Es war ein Feld, Weizen und Mohn und die Sonne. Es gab nichts, was noch hineingehört hätte. Es war vollständig. Es war perfekt. Und während sie das Bild betrachtete, es mit den Augen abtastete, staunend und ohne Luft zu holen; waren seine Blicke kritisch, er suchte nach etwas, was er ihm hinzufügen konnte.

Wenn er mit Worten gezeichnet hätte, dann hätten sie wohl so geklungen: „Das Leben ist ein weites Land. Du streifst durch die Ebenen, atmest seine kalte und seine heiße Luft. Du siehst ein Feld, weich und wogend sieht es aus, doch wenn du näherkommst und mit den Fingern über die Halme streichst, fühlen sie sich nicht danach an. Das Leben hat Stacheln. Und doch willst du es spüren. Du willst es spüren und schmecken und atmen.“

So wären die Worte gewesen, die Ben gesprochen hätte. Doch das tat er nicht.

Und das war auch völlig unnötig.

 

 

Ende

 

 

 

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14 Gedanken zu “Die Liebe ist …

  1. War für mich etwas schwer, in die Geschichte reinzukommen, brachte Melissa und Leonie anfangs ständig durcheinander. Ihr Gespräch, obwohl mit tollen Sätzen und Metaphern (U-Boot-Augen, tut weh – das macht Kunst immer, etc) gespickt, empfand ich letztlich als für die Geschichte nicht notwendig. Eine Kurzgeschichte ist als Form sehr schwierig, weil sie eben kurz ist: Alles Überflüssige muss raus (finde ich!). Mir hätte als Einstieg genügt, wenn Leonie in der WG-Küche steht, von Melissa ob ihrer Schüchternheit zurechtgestutzt wird und dann Bens Fluchen hört. Denn erst ab da wird die Geschichte erst zu einer Geschichte.
    Hast Du übrigens „Ein weites Feld“ vom Grass gelesen und hier absichtlich drauf angespielt? Wahrscheinlich nicht, aber bei einem gutbürgerlichgebildetem Typen wie mir schwingt das leicht störend mit rein, zumal Grass selbst sich mit dem Titel wiederum explizit auf Fontane bezieht.
    Ganz liebe Grüße
    vom Simon

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Hast recht, als sie dann in der Wohnung stand, und ganz besonders bei dem Gespräch mit Ben, merkte ich, dass der zweite Teil, ursprünglich als letztes Drittel geplant, zu mächtig ist. Zumindest im Zusammenhang mit dem Anfang. Dann aber wieder hat mir dieser Kontrast behagt : hier schwere Realität zu Beginn, dann diese … träumerische Parallelwelt.
      Dennoch verstehe ich, was Du meinst.
      Grass … Bin nicht der größte Fan und diese Geschichte kenne ich nicht. Ich zerre dieses Foto von dem Feld seit einem Jahr ganz verliebt mit mir rum und wollte es immer als Bild zu einer Geschichte haben. Das hat gestern dann mal gepasst.
      Vergleiche sind ja immer so ein Ding, nicht? Was aber meintest Du mit störend erinnert?
      Ein sehr konstruktiver Kommentar, Danke.

      1. Naja, wenn Ben sagt „ein weites Feld“ muss ich unweigerlich an Fontane/Grass denken und das passt nicht bzw. stört. Deshalb wär es für mich (mit meinem privaten Bedeutungshof zu Wörtern!) schöner, wenn der Titel Deiner Geschichte auch im Dialog so bleibt, eben: ein „weites Land“. Aber wie gesagt, das geht von 1000 Lesern wahrscheinlich nur einem (halt mir) so 🙂
        Liebe Wocheendgrüße!

  2. Immer diese Leute, die behaupten sie wären keine Künstler 🙂

    Mir hat interessanterweise das Gespräch mit Melissa besser gefallen als das mit Ben, auch wenn es mir so vorkam, als wenn Letzteres eigentlich „wichtiger“ in der Geschichte war. Aber ich bin ein Freund von schwerer Realität.

    Ich kann verstehen, warum Simon meinte, dass der Melissa-Teil nicht notwendig war, zumindest nicht in der Ausführlichkeit, aber mir hat es Spaß gemacht, ihn zu lesen.
    Vor allem:
    „Hey!“, rief Leonie. „Du tust mir weh!“
    „Das tut Kunst immer. Los jetzt, schneller!“
    Ich mag es, wenn mich Texte zum Schmunzeln bringen. Allerdings, tatsächlich verwechselt man anfangs Melissa und Leonie häufig. Du erzählst nämlich aus der Sicht von beiden („Wenn es etwas gab, was Leonie ebenso hasste, waren es Gegenfragen. Melissa war klar, dass das kindisch war […]“). Das bringt durcheinander, man weiß nicht so richtig, wem man jetzt als Leser direkt „folgt“. Bei dem Gespräch mit Ben ist das viel deutlicher, hier machst du das nämlich nicht, man ist nur an Leonie. Deshalb lässt sich der Part auch leichter lesen.

    Und auch, wenn ich nicht so der Freund von „literarischen Gemälden“ bin, nicht so viel Wert auf die Ästhetik des Wortes lege, hat mir die Geschichte sehr gefallen. Das Bild vom Feld trifft’s sehr gut, finde ich.

    1. Oh, interessanter Kommentar, Danke dafür!
      Das mit den wechselnden Perspektiven ist ein richtiger Knackpunkt. Darüber muss ich erst mal schwer nachdenken … Ich erinnere mich jedoch, bei einem meiner Romane – Die Sprache der Drachen- dies beim Lektorat ebenfalls anbemerkt bekommen zu haben. Man könnte ja meinen, ich hätte was draus gelernt 😉
      Wie aber kann man das anders lösen? In einer kurzen Geschichte ist es auch vielleicht einfach nicht nötig, zwei Personen und ihr Gedankengut zu beleuchten, oder?
      Aha, Realitätsfan, das Thema hatten wir ja schon. Mir gefällt der zweite Teil besser, das Schwere nervt doch total 🙂 Wie gesagt, diesen Kontrast, der hat mich gereizt.
      Aber was? meinst Du mit ästhetischem Wort? Da bekomme ich gleich Schnappatmung. Komm schon, Du erzählst doch nicht nur eine Geschichte um der Geschichte wegen, sondern auch wegen der Schönheit der Worte. Oder? Oder?
      Danke auch für Dein Lob, ich habe festgestellt, dass es viel schwieriger ist, Menschen mit einer Erzählung zum Lachen zu bringen als sie tieftraurig zu machen. Beides jedoch ist besser als gar keine Emotionen.
      Inspirierte Grüße, Julia

      1. Da hast Du absolut Recht: Auf die Tränendrüse drückt sich um einiges leichter als auf die Lachmuskeln (was ja schon an sich interessant ist). Die Mehrfachperspektive an sich ist noch nicht mal das Problem – ein auktorialer Erzähler denkt sich in alle Figuren ein. Nur ist das in einer Kurzgeschichte eben wirklich schwieriger als im Roman. Da muss man nicht so schnell hin- und herspringen. Wie gesagt, für mich persönlich hätte hier eine Perspektive aber vollkommen genügt und auch die Identifikation leichter gemacht.
        Liebe Grüße!

      2. Stimmt.
        Nun gut, mit dem allwissenden Erzähler ist das Argument an sich, aber dem Leser leicht machen … Warum? Ich meine, hinterher kann ich das natürlich so sagen: „Hey, war Absicht!“ :-), aber allgemein wünsche ich mir keine Glätte beim Schreiben, weil beim Lesen auch nicht.
        Aber ich werde einfach darauf achten, den Über-Erzähler in einer Kurzgeschichte nicht zu sehr springen zu lassen, das ist in einem Roman angebrachter. Jetzt hab ich mir widersprochen, oder? Maaann, das ist ja echt wieder was heute mit den Worten!
        Halt, ich habe jetzt die perfekte Erklärung: Das war ganz und gar impulsives Schreiben. So. 😉
        Über das mit dem Lachen und dem Weinen habe ich auch schon sehr oft nachgedacht. Ein ganz interessantes Thema!

      3. Also, wenn du meine Meinung wissen möchtest… ich hätte eben ausschließlich aus Leonies Perspektive erzählt.
        „Melissa drehte sich um und ihr schiefer Mund ließ Leonie bereits wissen, dass sie darauf keine Antwort erhalten würde“ statt „Melissa drehte sich um, sie hatte nicht die Absicht, zu antworten.“

        Nur so als Beispiel. Ich kenne das Problem. Für mich ist auch jeder Charakter absolut wichtig und interessant und sollte möglichst greifbar dargestellt werden. Jetzt kannst du vielleicht verstehen, weshalb ich meine Dialoge immer so sehr mit Beschreibungen, wie jemand etwas sagt, ausschmücke 😀
        Du musst es mir ja nicht gleichtun und es damit total übertreiben.

        Ich glaube, ich stehe mit meiner Meinung, dass der erste Teil mehr gefällt, auch alleine da. Rein objektiv (sofern so etwas überhaupt geht, also nach technischen Maßstäben…) ist der zweite ja tatsächlich auch besser. Kannst du ja einfach als ein zusätzliches Lob betrachten, dass ich beim ersten Abschnitt dennoch mehr Spaß hatte. Ich glaube das lag an Melissa, ich mag den Charakter!

        Und was ich mit ästhetischem Wort meine… ich werde mich damit zwar komplett unbeliebt machen, aber doch, es ist wahr: die Sprache ist für mich nur ein Mittel zum Zweck. Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, ich erzähle eine Geschichte nicht um ihrer selbst wegen, sondern in erster Linie, um Charaktere und deren Konflikte zu schaffen. Je nach dem wie man das auslegt, denn meines Erachtens nach bestehen Geschichten im Kern genau daraus: aus Charakteren und Konflikten.

        Ich kann Schönheit in Worten erkennen und bewundern, aber um ehrlich zu sein ist sie mir nicht wichtig. Ich vergleiche das ein wenig mit Nahrung. Ich kann ein Essen zwar schön herrichten, mit Kräutern garnieren, es auf meinem schönsten Teller servieren, etc, aber wenn man mich fragt, kommt es letztlich nur darauf an, wie es schmeckt und wie ich mich fühle, wenn ich es gegessen habe. Ich verpacke auch keine Geschenke, es sei denn, ich weiß, dass der/die Beschenkte großen Wert darauf legt. Ich mache total gerne Geschenke, aber die Verpackung ist mir sowas von egal.

      4. Auweia. Das muss ich erstmal verarbeiten. Hast Du keine Angst, dass da zu viel Nüchternheit reinkommt? Nun gut, Du könntest ja die Charaktere blumig gestalten … Aber da sind wir wieder bei der Wucht der Dialoge, bekanntes Thema. Ehrlich gesagt, empfand ich es so bei Deinem letzten Kapitel. Bis jetzt überlege ich, welche Worte ich zum Kommentieren hernehme 😉
        Aber auch, wenn wir anders schreiben und die Meinungen weit auseinanderdriften, der Ausstausch bringt mich weiter. Danke dafür!

      5. Es gibt keine Regeln. Wann immer ich von diesen Schreib-Regeln höre, runzeln sich bei mir sowohl Fußnägel wie Augenbrauen hoch. Nein, man muss nicht nur eine Perspektive haben, nein, man muss es den Lesern nicht leicht machen, nein, man kann soviel Adjektive reinknallen wie man möchte, nein, das „und“ ist das schönste aller Worte 🙂
        WENN: Es dem Text dient. Den Worten. Der Sprachkunst. Der Literatur, die mich mit dieser faszinierenden Mischung aus (reiner) Geschichte plus (faktischer) Wörter berührt.
        Will sagen: Ich bin keiner der Künstlertypen, für die jedes einmal gesetzte Wort sakrosant ist. Ich ändere viel und höre gern auf andere Meinungen. Aber wichtig bleibt zum Schluss nur: Dass es Dir gefallen mag 🙂
        (Ende des Wortes zum Mittwoch …)

      6. Amen.
        Ich stimme in allem zu, aber das mit dem Und werde ich mir einrahmen.
        Nach Regeln suche ich schon immer mal, aber nur, um ein Gerüst zu haben. Ben würde jetzt sagen; auch nur, um davon runterzuspringen. Oder es zum Einstürzen zu bringen. Auch schön destruktiv, aber nicht ganz so selbstzerstörerisch.
        Und irgendwann werde ich mal einen Roman schreiben, in dem alle Sätze mit Und anfangen.

  3. Absolut. Ich habe total Angst davor, dass meine Texte für den Leser trocken und öde scheinen, weil ich mir darüber bewusst bin, dass ich oft nach völlig anderen Maßstäbe bewerte. Was ja einer der Hauptgründe ist, weshalb ich online schreibe – damit ich möglichst viele verschiedene Meinungen höre, was daran nun als gut empfunden wird und was nicht.

    Ich habe Angst davor, dass meine Geschichten eher wie Fachbücher anmuten. Ich bin nicht geübt darin, mich blumig auszudrücken, weder an der Tastatur, noch mit der Zunge. Ich habe nie sonderlich viel wert darauf gelegt, weil ich stets zum Punkt kommen will. Weil ich sehen will, was sich unter dem schweren Nebel verbirgt, den man als Höflichkeit bezeichnet, als Zierde, als Kunst oder Etikette. Manchmal stehe ich nach meiner Suche nach dem Kern der Sache enttäuscht da und halte nichts außer zerrissener Verpackung in den Händen.

    Du weißt, ich beschäftige mich sehr viel mit Persönlichkeitstypen und unterschiedliche Typen, behaupte ich einfach mal, haben auch in der Belletristik unterschiedliche Vorlieben. Ich weiß, dass ich es nicht allen gerecht machen kann, aber ich versuche es zumindest. Und wenn die Mehrheit der Meinung ist, dass ich zu nüchtern schreibe, dann weiß ich, sollte ich meinen Schreibstil dementsprechend anpassen, sofern ich nicht vorhabe, ewig nur für mich zu schreiben. Deshalb freue ich mich auch über jeden Kommentar, gerade wenn er vielleicht etwas härter ist…

    Aber… wenn es nach mir gehen würde, könnte jeder Roman fast durchweg wie ein Theaterstück geschrieben sein. Ich liebe Dialoge. Der Großteil der Handlung wird meiner Meinung nach in der Kommunikation zwischen den Personen dargestellt. Ich bin mir aber bewusst, dass es nicht nur so funktioniert und behaupte mal, dass ich auch dazu lerne und beginne, mehr auf Äußerlichkeiten zu achten.

    1. Na, so kritisch nun auch nicht. Dieses Zerren und Suchen nach dem Kern ist doch eine sehr gute Voraussetzung für eine Geschichte, der man gespannt folgt.
      Ja, Sach-und Fachlichkeit. Das kann schnell hölzern wirken.
      Und ich giere gar nicht nach Blumen, ich nun wirklich nicht. Ich denke, ein beherztes Kürzen würde oft ausreichen. Das widerum ist schwer für Theoretiker … ; )
      Das mit dem Nebel ist schön. Und vielleicht muss man einfach nur schnell hineinrennen, um zu finden, was sich dahinter verbirgt.

      1. Ja, kürzen ist schon mal eine der besten, weil einfachsten Lösungen überhaupt. Fast immer gewinnt der Text dadurch. Mit der Prämisse „es allen recht machen zu wollen“, wäre ich aber vorsichtig. Erstens geht es um Dich als Schreibenden (es sei denn, Du schreibst als Brotjob gezielt für Perry Rhodan, die nächste SOKO München-Folge, als Gag-Autor oder als sonstwas). Zweitens empfinde ich es so, dass es hauptsächlich um die Geschichte und ihre Figuren geht. Beim Korrigieren versuche ich das zu verändern, was meiner Geschichte zu gute kommt. Ich hätschel sie, male hier und dort noch etwas aus, radiere da etwas weg. Aber eben um der Story willen, nicht ob der Leser.

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