Wer schenkt mir …

Geduld?

Ich bin noch immer beim Auf-und Ausbau meiner Protagonisten meines neuen Projektes. So richtig wollen sie sich mir nicht erschließen, wollen mir ihre Beweggründe nicht mitteilen, ihre tiefsten Seelenabgründe nicht offenbaren. Ich frage mich, woran das liegt. Ein Punkt könnte sein, dass ich noch nie solch komplexe Persönlichkeiten in meinen Werken getroffen habe. Vielleicht habe ich sie nicht benötigt, vielleicht war ich auch nicht mutig genug. Meine Figuren waren womöglich zu einseitig gezeichnet, waren entweder gut oder böse, auf jeden Fall meist gut zu durchschauen. Obwohl z.B. Shane (Fantasy) ja sehr ambivalent handelt; weil sie unter einem Fluch geboren ist, im Herzen aber gut sein will. Man weiß also, aha, sie tut schlimme Dinge, aber sie ist eine von den Guten.

In Nathen ist das nicht (immer) der Fall. Hier gibt es viele Figuren, durch deren Innerstes sich so viele verschiedene Stränge ziehen, dass es mich beinahe ein wenig scheut. Es mag daran liegen, dass mir der Umfang dieses Werkes bewusst ist. Ich wollte das nicht mehr, so ewiglange Geschichten, schon gar keine Trilogie. Doch es hat mich gepackt. Es brennt. Es geht nicht anders. Ich werde also warten müssen. Puhhh, Geduld. Woher nehmen? Ich bin immer sehr für das impulsive Schreiben, für den Wahn, den auch Sam so treffend beschrieben hat. Und nun bin ich gezwungen, abzuwarten. Der Einladung zu folgen, in einer Stadt zu wandeln, die sich nach und nach formt, einem Universum beim Wachsen zuzusehen. Das Schreiben lehrt uns also Geduld. Wie so vieles anderes.

Interessanterweise habe ich heute diese Karte entdeckt:

Kunst.jpg

Keine Sorge, ich lasse jetzt nicht die Eso-Tante raushängen. Aber werfen wir mal einen Blick auf die Dame auf der Kunst-Karte: Da haben wir sie ja: Die Ambivalenz. Ganz interessant, was sie uns über das Schaffen sagt: Ruhige, stetige Weiterentwicklung, aber auch: übertriebene Aktivität und Kräfte vergeuden – Destruktivität.

Ui. Ein schlimmes Wort. Und vielleicht wäre ich destruktiv, würde ich jetzt überhastet plotten und Charakterzüge einfangen wollen. Vielleicht ist es auch die Zeit, die ich brauche nach einem doch sehr emotionalem Werk wie Das Flüstern der Pappeln. Auf jeden Fall scheint es ein Raum zu sein, in dem ich etwas sammeln sollte. Warten. Aushalten. Da muss ich jetzt einfach durch. Das Schreiben lehrt mich mal wieder. Ist doch schön, oder? Ja. Unheimlich schön.

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9 Gedanken zu “Wer schenkt mir …

  1. Kritzeln, notieren, sich in den Text werfen wie in eine Welle – oder einfach nur am Strand liegen, Sonne tanken, den Brunnen auffüllen, die Samen wachsen lassen. Das Auf und Ab des kreativen Spiels (und ein Auf-Ab impliziert die Höhen und Tiefen …). Wichtig ist nur, dass man jedes Niveau genießen kann. Meine Kunst-Karte ist übrigens die Melancholia von Albrecht Dürer: Die sitzt auch sinnend da und gleichzeitig so, dass man ahnt, bald explodiert sie in Kreativität …
    Liebe Grüße

    1. Wie wahr! Besonders mit dem Genießen, da hast Du recht. Ich strenge mich aber an … Sonne und lesen und lesen und lesen, funktioniert schon mal ganz gut. Heimlich denke ich auch oft, dass es kontinuierliches Arbeiten bei Autoren nicht gibt. Also bei den leidenschaftlichen. Das steckt ja schon in dem Wort drin: Leiden …
      Liebe Grüße zurück!
      P.S.: Kreativ-Explosion. Da hab ich ja was, auf das ich mich freuen kann 😉

      1. Na, dann weiter viel Spaß beim Sonnen-Lesen 🙂
        Kontinuierliches Arbeiten geht, wenn ich „richtig“ angefangen habe mit nem Text und dranbleibe. Aber davor, danach und dazwischen brauche ich unbedingt Pausen. Wie Friedrich Schiller sofort nach dem einen Theaterstück mit dem nächsten loszulegen – never.

      2. Dankeschön, das krieg ich sicher hin. Der Stapel an Büchern ist jedenfalls nicht zu verachten … Auch ist mir aufgefallen, dass ich immer im Sommer, wenn ich ein Projekt beende, im Herbst wieder begonnen habe zu schreiben. Ist doch meine liebste Jahreszeit die inspirierende von allen! Also werde ich es wohl auch dieses Jahr so beibehalten …

  2. Schöner Beitrag! Geduld ist gerade im Wachsen einer Geschichte nicht besonders ausgeprägt. Jedenfalls nicht bei mir. Bei meinem Erstling habe ich ohne Charakterbögen oder vorheriges Plotten einfach drauf los geschrieben. Die Geschichte ist wahnsinnig komplex, so wie auch ihre Figuren. Nachdem die Rohassung dann fertig war, wusste ich viel mehr über die Hintergründe der Figuren und erstelle jetzt erst die Charakterbögen. Die Figuren entwickeln sich ganz oft erst in der Geschichte und erlauben einem auch erst dann einen Einblick in ihre Geheimnisse. Was aber auch hilft, wenn man nicht einfach drauf los schreiben möchte, sich mit der Figur in eine befremdliche Situation zu begeben. Man stellt sich einfach eine Situation vor, in der man die Figur normalerweise nicht findet und wartet ab, wie sie reagiert. Ich wünsche dir viel Glück beim geduldig sein 😉
    Liebe Grüße
    J. S. Ann

    1. Ganz genau! Ich finde Deine Herangehensweise absolut nachvollziehbar, so habe ich es auch in meinem ersten Fantasy-Werk gehandhabt. Schön auch, was Du über die Geduld sagst. Gerade, wenn man verliebt ist in das Schreiben, in die neue Idee, in ein neues Projekt – da haben Geduld und Vernunft nicht viel zu suchen 😉
      Was Du mit den Figuren ansprichst – da hatten wir eine schöne Diskussion mit SimonSegur, kannst Du ja mal reinschauen. https://einbuchwiekingsturm.wordpress.com/2016/07/14/der-held-oder-was-haben-batman-hamlet-und-harry-potter-gemeinsam/#comments
      Nun ja, ich habe beschlossen, bis September eine Schreibpause zu machen. Vielleicht eine Kurzgeschichte, aber mit dem großen Projekt fange ich erst nach den Ferien an.
      Ganz liebe Grüße zurück!

      1. Oh! Danke für den Link. Das sehe ich mir gleich mal an.
        Bis September setze ich auch aus, allerdings wegen meinem Umzug in eine größere Wohnung, wo ich hoffentlich wieder mehr Raum verspüre und Platz für all meine Gedanken finde. Das ist auch etwas, was mich oft hindert, Figuren und Geschichte im Ganzen zu betrachten, obwohl man meinen sollte, die tatsächliche räumliche Begrenzung dürfte darauf keinen Einfluss haben. Aber sie hat es doch. Kein Platz für alle Notizen und Ideen, kein Platz im Kopf. Kennst du das auch?

      2. Eine gute Frage … Da muss ich erst mal schlimm nachdenken 😉 Ich könnte mir vorstellen, dass andere Dinge einfach zu viel Raum fordern, die Du für den Wachstum Deiner Geschichte benötigst.
        Ich brauche immer viel Weite, deswegen treibts mich raus, vielleicht ist das der gleiche Punkt? Auf jeden Fall höchstinteressant, Danke für den Anstoß! Darüber könnte man sicher ganz wunderbar philosophieren …
        Puh, Umzug. Dann wünsche ich Dir, dass Du alles gut schaffst, besonders flott und ohne Komplikationen! 🙂

      3. Weite ist der treffende Begriff dafür. Draußen habe ich die besten Ideen und drinnen, versuche ich sie dann umzusetzen. So als fange ich draußen alles ein und verstaue es dann auf engerem Raum. Nur wird der Platz langsam knapp 😀
        Dankeschön! Und danke für den Tipp. Die Diskussion ist sehr interessant!

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