Paul T. -Teil 2-

„Er kommt“, sagt Theo, als sie das Handy in die Hosentasche geschoben hat.

„Und wie lang wird das dauern?“, fragt Freddie. „Ich meine, wir haben schon drei Stunden gebraucht.“

„Es waren wohl eher zwei“, erwidert Theo. „Und die Nachmittagsschicht fängt an. Zeit für die guten Menschen, sich wieder an ihren Arbeitsplatz zu scheren. Die Straßen werden sich langsam leeren.“

Sie blickt die drei an, die im Schatten des Autos am Boden kauern. Freddie hat einen vergilbten Grashalm aus dem sandigen Boden gerissen und zwirbelt ihn zwischen den Fingern. Und während er das tut, starrt er irgendwohin in die Ferne. Es sieht aus, als suchten seine Augen nach dem Horizont.

Marie tut so, als wäre sie mit ihrem Handy beschäftigt, doch Theo weiß, dass sie sie insgeheim beobachtet. Wie ein Tier, das auf der Lauer liegt. Sie wartet auf den Startschuss.

Und Chrissie … ist halt Chrissie. Sie ist gut, doch ihr Misstrauen ist nervig. Wenn man den Tehmann braucht, braucht man ihn eben. Er ist gut darin, Menschen zu bequatschen. Der Beste. Theo hat keine Ahnung, wie er das anstellt, und es ist ihr auch egal. Vielleicht sollte man sowas besser nicht wissen. Oder verstehen. Das eine Mal, bei dem sie dabei gewesen war, hatte sich echt seltsam angefühlt. Unheimlich.

Alle drei kauern im sandigen Schmutz in dem kläglichen Fleck Schatten und warten. Sie wissen, dass Theo die guten Menschen absichtlich erwähnt hatte. Und sie wissen, dass es ein weiteres Mal darauf hinauslaufen würde. Die Gespräche über die Guten und die Schlechten waren mühsam, doch vonnöten. Diese Diskussionen waren das beste Mittel, um sich von dem schlechten Gewissen reinzuwaschen. Theo ist das bewusst. In dieser Hinsicht ist sie pragmatisch; ein steter Pragmatismus, der sie alle vor der Hölle bewahren wird, in die einen das eigene schwarze Gewissen führt.

„Was hat er denn hier draußen gesucht?“, fragt Freddie. Er ist neugierig, jungenhaft neugierig. Er will immer alles wissen. Was er mit diesem Wissen anstellt, dahinter ist Theo noch nicht gestiegen.

„Na was wohl?“, fragt sie zurück. „Er sucht den Koffer.“

„Was will er damit?“

Theo starrt ihn an, und Marie tut es auch. „Sag mal, bist du bescheuert oder was? Was will er wohl mit dem Koffer? Das Gleiche wie wir. Gott, du bist so ein Honk.“

„Nenn mich nicht so. Dieser Tehmann, der macht sich doch nichts aus Geld. Was also soll er den Koffer suchen wollen?“

„Er macht sich nichts aus Geld?“ Marie spuckt ihn beinahe an. „Mann, hol deinen Kopf aus dem Arsch! Jeder macht sich was aus Geld! Die ganze Welt dreht sich ums Geld. Sie besteht daraus! Aus Scheiße und Kohle.“

„Amen“, macht Theo.

„Nun, das sehe ich nicht so“, sagt Freddie, und Theo rollt mit den Augen.

„Ach nein?“ Marie wird ihm gleich eine scheuern, man wäre wohl gut beraten, Wetten darauf abzuschließen. „Dann sag mir mal, was du hier willst, Gandhi.“

„Ich mache meinen Job. Genauso wie du.“

„Und was springt dabei raus?“

„Mein Anteil.“

„Ha!“

„Hör auf. Das ist keine Antwort. Eigentlich ist das nicht mal ein Wort. Ha, was soll das überhaupt bedeuten?“

Marie starrt ihn wieder an, als würde sie nicht glauben können, was er da sagt. Und so ist es ja auch. „Ha bedeutet, dass ich recht habe und du nicht. Du kriegst Geld, so wie wir alle. Wir kriegen einen hübschen Batzen von der Kohle, ich hoffentlich mehr als du, und dann gehen wir alle wieder schön nach Hause.“

„Nicht, ohne vorher über die Guten zu sprechen“, wirft Theo ein, und Marie gibt ein verächtliches Geräusch von sich. „Ja, meinetwegen reden wir vorher wieder über den Menschenscheiß, aber dann gehen wir hübsch ordentlich nach Hause.“

Freddie zwirbelt weiter den Grashalm. „Ich brauche das Geld für meine Mutter.“

Marie schnaubt. „Gott, ich hoffe wirklich, dass ich mehr kriege als du. Eine Menge mehr!“

„Sie ist krank.“

„Interessiert mich einen Scheiß, okay? Laber mich nicht mit deiner Alten zu!“

„Du wolltest doch wissen, warum ich hier bin.“

Marie hebt den Kopf. Ihr Blick sieht gequält aus, so als würden ihre Augen leiden. Ihr ganzer Kopf, das ganze Gehirn. „Darf ich ihn umlegen? Bitte?“

„Nein“, sagt Theo.

„Ich mach auch sauber.“

„Nix. Den brauchen wir.“

Marie schnaubt wieder, dann lässt sie den Kopf hängen.

Chrissie lehnt sich zurück und sieht Theo an. „Was machen wir so lange?“

„Wir suchen den Koffer“, antwortet die. „Das war der Plan. Ich überlege aber noch.“

„Und was?“

Theo zuckt mit den Schultern. „Wir sollten uns nicht so weit vom Wagen entfernen. Das ist nicht gut.“

„Fahren wir doch die Straße nach und nach ab“, schlägt Freddie vor.

„Fahren wir doch die Straße nach und nach ab“, äfft ihn Marie nach.

Er sieht sie an. „Halt die Fresse.“

„Halt du die Fresse!“

Freddie öffnet den Mund, und Marie sieht aus, als wollte sie aufspringen, da hebt Theo die Arme. „Ihr haltet beide die Fresse, okay?“

Die beiden halten inne und blicken sie an. Freddie widmet sich wieder dem Grashalm.

„Ich weiß, es ist heiß und wir gehen uns alle auf den Sack. Aber heute Abend, wenn ihr euch jetzt alle benehmt und schön brav seid, werden wir auf unserem Gehaltscheck ein paar Nullen mehr haben. Dafür müsst ihr arbeiten. Und mit arbeiten meine ich Fresse halten- jetzt, und tun was ich sage- später. Ist das angekommen?“

Sie nicken.

Theo nickt auch. Dann sieht sie sich um. „Die Idee ist gar nicht schlecht. Wir halten und suchen die Straße und das Feld in einem Umkreis von zehn Metern ab. Mehr ist nicht drin. Nicht so lange Tehmann nicht da ist. Okay?“

Wieder nicken sie einheitlich.

„Okay“, murmelt Theo. „Hier ist er nicht. Lasst uns also ein Stück weiter fahren.“

 

Tehmann hat die Klinik verlassen und schätzt nun ab, wie am besten wieder raus aus der Stadt kommt. Der Verkehr nimmt gegen drei ab, das weiß er, aber noch immer sind die Straßen voll. Und die U-Bahn fährt nicht so weit raus, jedenfalls nicht in die Richtung, in der die Straße liegt. Klassische Fehlplanung der Verkehrsführung.

Tehmann steht vor der Klinik und überlegt hin und her. Dann entscheidet er sich für das Taxi, steckt sich zwei Finger in den Mund und pfeift.

Er hasst es, mit dem Taxi zu fahren. Nun ja.

„Hi“, sagt der Fahrer, und Tehmann beugt sich runter, um Maß zu nehmen. Menschenmaß. Jung, aber brav.

Er steigt ein. „Hi. Ich muss raus zur Straße.“

„Äh“, macht der Fahrer. „Was wollen Sie denn jetzt da draußen? Bei der Hitze?“

„Geht Sie nix an. Fahren Sie einfach. Wir haben 30 Minuten.“

Der Typ reißt den Kopf rum. „Wollen Sie mich verarschen?“

„Nein, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt, wenn Sie das meinen. Gas geben. Pedal ganz rechts.“

Der Fahrer starrt ihn weiter an, noch volle zwei Sekunden, dann fährt er los.

Tehmann lässt ihn nicht aus den Augen, er kontrolliert die Strecke, die der Taxifahrer wählt, er kontrolliert die Richtung, die sie einschlagen. Erst nachdem sie sich auf dem südlichen Ring eingefädelt haben, lehnt er sich zufrieden zurück. 30 Minuten sind utopisch, doch manchmal braucht es ein wenig Druck.

Mehr kann er nicht tun, er wird seine ganze Energie noch benötigen.

Und während sich Tehmann in das Polster lehnt und die Augen schließt, hofft er innbrünstig, dass er den Koffer geschlossen hat.

Er ist sich sicher, aber nicht zu hundert Prozent. Er weiß, dass er den Deckel zugeschlagen hat, ganz klar, das muss er ja getan haben, sonst wäre er jetzt nicht mehr am Leben. Sonst wäre kein Mensch mehr am Leben. Alle tot.

Es muss also so sein, dass wir den Koffer geschlossen haben, denkt sich Tehmann. Hör mit dem wir auf.

Und dann: Es könnte im Moment nichts geben, was unwichtiger wäre als das Wir.

Aber er muss daran denken, muss den Gedanken in seinem Hirn hin und her drehen. Sie hat das gesagt, und das, was sie gesagt hat, kommt immer dann zum Vorschein, wenn es ihm nicht allzu gut geht. Wenn er gestresst ist. Und wenn er es eilig hat, so wie jetzt grade.

Vielleicht hätte er Theo sagen sollen, den Koffer nicht zu öffnen. So ein Unsinn, die hört auf niemanden. Ganz im Gegenteil, wenn er das gesagt hätte, würde sie den Koffer erst recht öffnen. Und wenn sie das Schloss durchbiss.

Ja, aber wir hätten es ihr befehlen können.

Durch das Telefon? Tehmann runzelt die Stirn. Das hat er erst einmal probiert. Es hatte hingehauen, doch danach war ihm das Blut aus der Nase geflossen wie ein fröhlicher Wasserfall. Und er kann sich keine Energieminderung erlauben. Nicht, wenn Theo den Koffer findet. Vor ihm.

Und eine andere Frage macht sich breit. Sie sitzt eine geraume Weile dort rum, in dem Moor des Unterbewusstseins. Nicht ganz unten, nicht im Delirium und dem, was danach kommt. Nur in dem Zwischenraum. Und jetzt ist sie aufgestiegen. Sie dachte sich wohl, jetzt wäre sie auch mal dran. Und das ist sie.

Oh ja, das ist sie.

 

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10 Gedanken zu “Paul T. -Teil 2-

  1. Schöne Passagen (die Frage im Moor, die wie das Swamp-Thing nach oben grabscht). Und ziemlich cool: Eine völlig andere Richtung als ich erwartet hatte. Anfangs war ich verwirrt, weil die Abkürzung „Theo“ im ersten Teil noch nicht eingeführt wurde. Chrissie kommt mir jetzt extrem ordinär vor, im ersten Teil sagt sie noch „Bitte“ :-). Und die geheimnisvolle Nika? Sitzt die noch im Kofferraum? Bin weiter gespannt!

    1. Ui, dachte, das wäre drin. Nach dem Telefonat, oder währendessen.
      Sehr interessant, was Du über Chrissie sagst …
      und ja, Nika sitzt noch im Kofferraum 😉
      Gemein das alles, wo ich doch arbeiten muss … auch ich bin nämlich gespannt! Danke Dir!

  2. Okay. Man hat zwar immer noch keine Ahnung, worum es geht und wie genau die Dinge in Zusammenhang stehen, aber das macht nichts mehr, weil hier eindeutig wird, dass das auch so gewollt ist 🙂
    Sehr schönes Dialog. Man merkt, dass du Umgang mit Jugendlichen hast. Im Positiven! Es kommt auch nicht aufgesetzt herüber, die Schlagabtausche wirken frisch und flott. Leute wie Freddie kenne ich. Da reagiere ich dann auch gerne wie Marie, wenn auch nicht so extrem. Was übrigens sehr cool ist. Also, extreme Charaktere, solange sie noch authentisch dabei wirken und hier könnte man nicht sagen, dass dies nicht der Fall sei.

    Dass ich so lange gebraucht habe, um weiterzulesen liegt nicht etwa an Desinteresse, sondern aus den gleichen Gründen, weshalb ich selbst gerade Schwierigkeiten habe, zu schreiben: Ferien. Jetzt habe ich *gar* keinen geordneten Tagesablauf mehr und bekomme dementsprechend wenig auf die Reihe. Habe effektiv weniger Zeit, in gewisser Hinsicht fühle ich mich dadurch sogar ironischerweise gestresst. ABER – es geht mir gut dabei 🙂
    Und wenn ich lese, will ich mir auch die Zeit nehmen, ein ordentliches Feedback zu geben.

    1. Oh, Freizeitstress, übel, übel.
      Mit Freddie meinst Du was? Seine Neugierde? Sein Nachfragen? Ich mag Freddie sehr, was wohl auch daran liegt, dass ich ihn schon länger kenne und er hier sowas wie einen Cameo Auftritt hat 😉
      Tja, das mit den Ferien. .. Du hast unterm Strich weniger Zeit, weil Du alles auf einmal machen willst?
      Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße!

      1. Seine relative Gutgläubigkeit/Gutherzigkeit. Neugierig sein und ständig nachfragen tue ich ja auch stets 🙂
        Ja, alles auf einmal und auch Dinge tun, für die ich sonst keine Zeit habe. WC renovieren zum Beispiel. Meine Hände tun echt weh, ich bin da sooo eine Mimose… das Gegenteil von einem Handwerker, sofern man von Instrumenten absieht.

      2. Ja, das ist Freddie. Ein wirklich Guter. Ansonsten hänge ich etwas bei der Geschichte, die ja auf ihr Finale wartet. Mein Herr T. grätscht mir etwas in die ursprüngliche Idee, und da sind ja auch noch andere Charaktere, die gern das Ruder an sich reißen würden. Puuuhhh …
        P.S.: Ich hab gesehen, dass Du die „Rechtfertigung“ der Typologie rausgenommen hast.

  3. Muss selbst noch weiterlesen, dann geb ich dir dazu auch noch meinen Senf. Davon habe ich richtig viel. Senf.

    Ja, siehe letzten Kommentarverlauf zum Beitrag. Wirkt tatsächlich sehr negativ.

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