Paul T. -Teil 3-

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Der Verkehr wird weniger, die Blechschlange, die in weichen Kurven vor ihnen durch die Stadt kriecht, bekommt immer mehr Lücken und zieht sich auseinander, als würde sie versuchen, sich aufzulösen.

Herr Tehmann beobachtet dies mit einer Faszination, die ihm beinahe unheimlich ist. Es sollte ihm klar sein, dass es nur ein kläglicher Versuch von Verdrängung ist, und das ist es. Und Verdrängung macht müde. So müde. Wirklich müde.

Wirklich.

Wirklich.

Er spürt, wie sein Kopf nach unten kippt, wie das Kinn die Brust berührt, er spürt die samtige Hand des Schlafes und die kalten Klauen des Traumes, und er würde sich beiden so gern hingeben. Vielleicht kann er sich einen Augenblick der Erholung gönnen, nur fünf Minuten, in denen sein Kopf im Takt der Schlaglöcher auf seiner Brust wippt und ein langer Speichelfaden aus seinem Mund hängt …

„Und wieder ist es der Balla-Bande geglückt, zu fliehen“, flötet von irgendwoher eine frohe Stimme. „Und während die Polizei ohnmächtig da steht und weiter rätselt, finden die Einwohner immer mehr Gefallen an den vier Maskierten, die unsere größten Banken und Geschäftshäuser ausrauben und die Beute angeblich spenden. Einem anonymen Hinweis nach …“

Herr Themann schreckt hoch. Er langt nach vorn in das Fahrerhaus. „Machen Sie das mal lauter.“ Bevor er den Knopf des Radios berühren kann, sieht er, wie sich die Augen des Taxifahrers weiten.

„Ist das eine Patek Philippe?“ Und seine rechte Hand verlässt das Steuer, um nach der Armbanduhr zu greifen, die Tehmann trägt.

Sie fahren in diesem Moment nicht mehr als 20 Stundenkilometer, was nicht nur gut ist, sondern höchstwahrscheinlich dazu beiträgt, dass sie keinen Unfall haben. Tehmann könnte sich damit zufrieden geben, die Hand einfach wegzuschlagen, doch das tut er nicht. Er packt nach ihr und dreht sie um. Der Taxifahrer ist erschrocken, er quiekt auf wie ein Ferkel, und erst dann spürt er den Schmerz.

„Fassen Sie sie nicht an“, hört er eine Stimme in seinem Ohr, die wie das Zischen eines Feuers klingt, kurz nachdem man einen Eimer Wasser darüber geschüttet hat. Wenn es stirbt und sich in heiße Glut verwandelt. Und auch die Hand, die seine umklammert, fühlt sich danach an.

Der Taxifahrer bremst, eine Reflexhandlung, und nur das sofortige Hupen des Autos hinter ihm, kann den Reflex umwandeln und seinen Fuß aufs Gas treten lassen. Das Taxi macht einen kleinen Satz, mehr aber auch nicht.

Der Fahrer hat noch immer die Augen aufgerissen, sie sind schreckgeweitet, und als der Klammergriff nachlässt, zieht er sofort seine Hand zurück und drückt sie gegen seine Brust.

Tehmann lehnt sich langsam zurück, wie in Zeitlupe, und dann sieht er aus dem Fenster.

 

„Einsteigen“, schreit Theo. Sie haben das Areal abgesucht, nichts. Nun müssen sie weiter fahren. Es muss gegen vier sein, doch es kühlt überhaupt nicht ab. Ganz im Gegenteil, es scheint heißer und heißer zu werden, die Sonne steht über ihren Köpfen und sendet erbarmungslos Hitzestrahlen nach unten.

Theo wartet nicht ab, bis alle Türen geschlossen sind, sie gibt einfach Gas und fährt los.

Die Felder neben der Straße sind gelb, ausgedörrt und gebleicht. Es macht keine Freude, durch die Halme zu schreiten, sie fühlen sich an wie lange Sperre und kratzen an den Beinen. Theo hasst es, zu spüren, wie das Blut an den Waden runterläuft, doch sie bringt es auch nicht über sich, die Felder den anderen zu überlassen. Sie geht davon aus, dass es am besten läuft, wenn sie es selbst macht. Und zwar immer. Obwohl sie sich besonders auf Freddie verlassen kann. Freddie hat nicht nur Adleraugen, er scheint einen Röntgenblick zu haben. Wenn jemand einen Koffer in dieser Ödnis hier findet, dann er. Und dennoch stapft sie hinter ihm her, als würde sie ihm nicht trauen. Es geht einfach nicht anders. Sie kann nicht aus ihrer Haut.

 

Die restliche Fahrt verläuft schweigend. Der Taxifahrer scheint sich verbissen auf den Verkehr zu konzentrieren, doch Tehmann weiß genau, dass er ihn ab und zu im Rückspiegel misstrauisch beäugt.

Er selbst hat die Hand über die Uhr gelegt und dreht sie hin und her. Das heißt, er versucht es. Das dicke Lederband hat sich in die Haut eingefressen, und trotzdem ist dazwischen genug Platz für Nässe. Schweiß hat sich angesammelt und verwandelt alles in eine brühendheiße Suppe, die sich bald zur Wunde ausbreiten wird.

Egal. Er kann sie nicht abnehmen. Er hat sie von ihr. Auf der Innenseite des Armbandes steht sein Name. Paul. Nur Paul. Nicht Für Dich oder Für Paul, nur der Name. Er hätte sich ein Für gewünscht, doch er hat es nicht bekommen. Es fühlte sich an, als hätte sie auf Nüchternheit bestanden. Es fühlt sich noch immer so an.

Er könnte die Uhr abnehmen und seiner Haut ein wenig Zeit der Regeneration gönnen.

Auf einmal verspürt er den Drang zu kichern. Das ist witzig, das alles hier ist ein Aberwitz ohnegleichen. Sitzen wir im Taxi und machen uns Sorgen über einen Uhren-Dekubitus, während am anderen Ende der Stadt vielleicht ein Koffer geöffnet wird, der unser aller Verderben beinhaltet.

Womit wir wieder zu der Frage kommen, mein lieber Paul.

Das hat man davon. Das hat man von Wir. Es splittet sich auf, und dann steht es auf einmal auf der anderen Seite. Wir bedeutet Du und Ich, es splittet sich auf, weil es das darf. Und nun steht es grinsend auf der anderen Seite, zeigt seine hübschen weißen Zähne mit den Spitzen an den Enden und sagt: „Womit wir wieder zu der Frage kommen.“

Da ist sie also. Sie hat sich empor gekämpft aus den Schlämmen des Moores, und dann aus den Schlingen des Urwaldes. Und nun ist sie da, ganz oben im Turm der Erleuchtung, und sie drängt alles anderes beiseite. Mühelos. Vielleicht ist es auch so, dass alles andere Platz macht, ohne zu murren.

„Warum hast du den Koffer stehen lassen?“

Das ist alles. Nur ein paar Worte. Warum habe ich den Koffer stehen lassen, fragt sich Tehmann, während er im Taxi sitzt und auf den Weg zu Theo ist und der Fahrer sich sein angebrochenes Handgelenk gegen die Brust drückt.

Warum habe ich ihn nicht an mich genommen um ihn an einen sicheren Ort zu bringen? Wollte ich etwa …

Verdrängung. Macht müde, ist aber verlässlich zur Stelle.

Verdrängung an. Jetzt.

 

„Woher kennst du ihn eigentlich?“, fragt Chrissie, als sie am Auto gelehnt in der wallenden Hitze auf der Straße stehen.

„Aus dem Knast“, antwortet Theo knapp und setzt die Wasserflasche an.

Chrissie starrt sie an. „Du hast Dich schnappen lassen?“

„Hast du sie noch alle?“ Theo reicht ihr die Flasche. Sie sieht wütend aus. „Jemand hat mich verpfiffen.“

„Oh.“

„Ja, oh.“

„Ein Kerl?“ Dafür erntet Chrissie zusammengezogene Brauen, die ein Unwetter ankündigen. Das kennt sie schon. Theo ist wütend, spricht aber trotzdem weiter. „Kerl, Wichser, Arschloch, nenn ihn wie du willst. Er soll in der Hölle schmoren.“

„Und Paul …“

„Hat mich aus der Untersuchungshaft geholt.“

„Ist er ein Bulle?“

Theo starrt sie an. „Sag mal, hast du sie noch alle? Ich lass mich doch nicht auf einen Bullen ein!“

„Was dann?“

„Keine Ahnung. Irgendein Mediziner, glaub ich. Laberte was von forensischen Gutachten, was weiß ich. Interessierte mich auch nicht. Er wurde mir empfohlen, das ist alles.“

„Also ging es um Geld.“

„Chrissie, Schätzchen, es geht immer um Geld. Wegen Geld sind wir heut hier. Wegen Geld stehe ich morgens auf. Genauso wie du.“

„Ist schon klar“, erwidert Chrissie. „Aber so einer wie der macht sich doch nichts aus Kohle. Ich meine, ich hab den nur ein paar Mal gesehen, auch nur kurz, aber …“

„Es ist mir egal, okay? Er hat mich rausgeholt und gut. Vielleicht hat er irgendwo ne kranke Alte, so wie Freddie, was weiß ich.“

„Hm“, macht Chrissie. „Vielleicht.“

„Ist ja auch rille.“

„Ich hab noch ein paar Fragen.“

Theodora verdreht die Augen. „Muss das sein?“

„Was willst du denn sonst machen? Er ist noch nicht hier, also kannst du auch mit mir reden. Oder willst du vielleicht Scharade spielen?“

Theo dreht den Kopf und betrachtet sie stirnrunzelnd. „Sag mal, ist das immer so, dass du mit einem Mal anfängst zu labern und Menschen auf die Eier gehst?“

Chrissie zuckt mit den Schultern. „Ich werd erst nachmittags wach. Ist genetisch.“

„Gut zu wissen“, murmelt Theo.

„Also“, setzt Chrissie an. „Was kann er?“

„Was kann wer?“

„Komm schon, hör auf. Wir stehen hier auf dem Präsentierteller. Diese Straße ist eine Sackgasse. Kein Mensch weiß, wann sie endet, auch wenn sie angeblich bis ins nächste Bundesland führt. Wir kommen hier nicht raus. Die Bullen können jederzeit da sein, wenn die auch auf den Gedanken kommen, dass die Ballas den Koffer hier verloren oder versteckt oder was auch immer haben.“

Theo bleckt die Zähne, doch Chrissie lässt sich nicht einschüchtern. „In den Koffer sind Diamanten, okay. Trotzdem ist er es nicht wert, dass du das Risiko eingehst, geschnappt zu werden. Das und diese Geschichte mit der U-Haft bringt mich zu der Frage, was Pauls Geheimnis ist. Was kann er, das dich veranlasst, hier lustig durch die Gegend zu spazieren und einfach abzuwarten?“

Theo beäugt sie, noch immer sind ihre Zähne zu sehen. „Ich hätte nicht übel Lust, dir die Nase zu brechen.“

Chrissie zuckt unbekümmert mit den Schultern. „Was soll das ändern?“

„Dass du die Fresse hältst.“

„Oder du antwortest mir einfach. Wir sitzen im selben Boot. Mein Arsch hängt auch mit drin.“

„Ein hübscher Arsch.“

„Komm schon, Theo. Und Danke.“ Chrissie grinst. Und Theo verdreht wieder die Augen.

 

„Hier ist er nicht.“

Theo und Chrissie drehen die Köpfe und blicken Marie und Freddie an.

Freddie hebt die Schultern. „Nix da. Fahren wir weiter.“

„Okay“, macht Theo und stößt sich vom Wagen ab. Als sie ins Auto steigt, spürt sie die lauernden  Blicke von Chrissie auf sich.

 

Tehmann hat sich wieder aufgerichtet. Sie sind aus der Stadt raus, und zur Straße ist es nicht mehr weit. Er hat das dringende Bedürfnis, endlich aus dem Wagen zu kommen, und er hofft, dass der Fahrer keine Zicken machen wird. Vielleicht sind Knochen gebrochen, sehr wahrscheinlich sogar, doch er kann sich keine Energieminderung leisten, also muss er einfach hoffen, dass der Typ seinen Mund hält.

„Stop!“, ruft er, als in der Ferne den Geländewagen stehen sieht. Das Taxi ist gerade erst auf die Straße eingebogen, vielleicht haben sie zwei Kilometer hinter sich, vielleicht auch mehr. Sehr lange kann Theo also noch nicht hier sein. Außer, sie sucht alles gründlich ab. Sehr gründlich.

„Ich steige hier aus“, sagt er zum Fahrer, als das Auto steht.

„Sechsunddreißig vierzig“, erwidert der mit dünner Stimme, und Tehmann weiß, dass er stillhalten wird. Er bezahlt, steigt aus und wartet, bis das Taxi mit einigen Zügen wendet. Und dann ist es verschwunden.

Tehmann dreht sich langsam um. Es ist unglaublich heiß. Die Brille rutscht auf der Nase hin und her, doch er kann sie nicht abnehmen. Wenn er das täte, müsste er sie reinigen, und er hat nichts zum Reinigen hier. Außer das Hemd, welches er am Körper trägt. Doch das wird er nicht tun. Es ist schon schlimm genug, dass er es überhaupt trägt.

Tehmann holt einmal tief Luft und setzt sich dann in Bewegung. Er selbst wollt heute Morgen nur nachsehen, ob die Diamanten tatsächlich hier sind. Im Gegensatz zu Theo nimmt er an, dass die Ballas eine Art krankes Spiel spielen. Sie hatten den Koffer absichtlich auf der Straße platziert. Vielleicht wollten sie sehen, was passiert, wenn ein paar Menschen, angetrieben von Idealismus und Geldnot und Wut auf das System zu giergetriebenen Kriegern werden. Vielleicht wollten sie einen lynchenden Mob sehen. Vielleicht aber auch nicht. Das spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr.

Tehmann ist gut in Form, trotzdem hat er noch eine lange Strecke zu bewältigen. Und an der Staubwolke dort vorn kann er sehen, dass sich der Wagen wieder in Bewegung gesetzt hat.

 

 

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