Paul T. -Teil 5-

Nika sieht ihn an, ihr Blick ist müde, doch Tehmann erkennt den Funken in den Augen. Vielleicht ist er der Rest des Feuers eines jungen Menschen, vielleicht ist er auch eben wieder neu entzündet. Das Feuer muss nicht lodern, doch es muss brennen. Sonst ist sie innerlich tot. Das denkt Tehmann, und er blickt sie an, versucht in das Innere ihrer Seele zu schwimmen, während ihm klar ist, dass er seine spezielle Fähigkeit hier nicht anwenden kann.

„Du … hast sie doch nicht mehr alle“, sagt Nika, doch sie tut es zögerlich. Auch sie hat den Funken entdeckt, vielleicht spürt sie ein erstes Tropfen in ihrem Inneren; Seelenwasser, das von einem Eis-Stalaktit fällt. Sie führt die Zigarette zum Mund, doch Tehmann nimmt sie ihr aus der Hand. „Was denkst du, hat deine Schwester getan, Nika? Was denkst du?“

Sie hört ihm zu, auch wenn sie nicht will; der Funken bringt sie dazu, ihm zuzuhören, und nun schluckt sie. Und schüttelt den Kopf. Sie kann nichts sagen, es schmerzt zu sehr.

„Ich weiß“, sagt Tehmann. „Aber so unglaublich es auch klingen mag, Nika, ich muss an diesen Koffer gelangen, bevor es jemand tut, der …“ Und er hebt den Blick und betrachtet die Bande aus mittelmäßigen bis professionellen Gaunern, die durch das Feld stakt. Nika nutzt diesen Moment, um in seinem Gesicht zu lesen, um es abzutasten, auf der Suche irgendetwas, was ihr Angst macht. Doch da ist nichts.

Tehmann blickt sie wieder an. „Was denkst du, Nika, was passiert, wenn der Koffer von jemand anderem gefunden wird?“

„Was“, flüstert sie mit großen Augen. „Was ist denn drin in dem Koffer?“ Und dann zuckt sie zurück. Tehmanns Augen sind mit einem Mal dunkel. Kleine, dunkle Schlitze. „Nika“, sagt er, als wolle er sie auf seine Seite ziehen. Auf die andere Seite. Sie versteht das nicht, auf dieser Seite ist sie doch schon längst.

Sie weicht zurück, dann bewegt Tehmann seine Hand, um die glühende Asche der Zigarette von der Haut zu schütteln, und als er erneut aufsieht, sind seine Augen wieder klar.

„Weiter geht’s!“, ruft jemand neben dem Wagen, und Nika und Tehmann sehen sich an und schweigen. Es gibt nichts mehr zu sagen. Nicht in diesem Augenblick.

 

Als der Jeep ein weiteres Mal stoppt, springt Tehmann von seinem Sitz, genauso wie es Theo tut. Er muss sie abpassen, jetzt.

„Hey!“, ruft sie, als er nach ihrem Arm greift.

„Wir müssen uns unterhalten“, sagt er, dann dreht er den Kopf und blickt die anderen an. Sie alle sind stehengeblieben, es gibt absolut keinen Zweifel, wer ihre Anführerin ist. Nur Nika steht etwas außerhalb, auch sie wartet ab, auch wenn sie nicht weiß, was es ist.

„Sucht ihr weiter“, sagt Tehmann laut, dann zerrt er Theo mit sich.

Erst, als sie ein paar Schritte gegangen sind, lässt er sie los.

„Was wird da, Paul? Ich suche diesen verdammten Koffer, das hatten wir doch schon.“

„Ja, das hatten wir schon. Und ich sage dir noch einmal, dass du deine Zeit vergeudest. Mehr noch, du gefährdest dein Leben.“

Sie sieht ihn verwundert an, beinahe lächelt sie. „Echt? So eine Nummer jetzt? Na, ich bin ganz Ohr.“

Tehmann grübelt. Soll er ihr die Geschichte erzählen? Von dem Koffer und dem Bösen und all dem? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie sich am Boden wälzen wird vor Lachen. Was also soll er tun?

Zuerst hebt er die Hände, als müsse er sie besänftigen, und sie schaut noch verwunderter. „Es ist dir Ernst, was? Gott, es muss echt eine Menge Schotter sein, dass du dich so reinhängst.“

„Nein, hör zu, Theo, das ist es nicht. Du musst mir glauben, der Koffer, den du suchst, der ist nicht hier. Er ist irgendwo, aber sicher nicht …“

„Na wenn du dich da mal nicht täuschst“, unterbricht sie ihn und bleibt stehen. Ihre Augen sind nach vorn gerichtet, und ein seliges Lächeln liegt auf ihren Lippen.

Tehmann bleibt ebenfalls stehen, und es braucht nur diesen kurzen Moment, in dem er seinen Kopf wendet, um Theos Blick zu folgen, um zu wissen, was er sehen wird. Es ist kaum ein Wimpernschlag, und trotzdem weiß er es. „Das kann nicht sein“, sagt er tonlos.

„Oh doch“, flötet Theo. „Ich wusste es. Du verarschst mich! Da liegt er, in seiner vollen Pracht.“ Und dann fängt sie an zu laufen.

Und das ist der Augenblick, in dem sich Tehmanns Geist vom Körper löst. Seine Beine bewegen sich, um Theo nachzurennen, doch sein Geist bleibt stehen, er hält inne und setzt sich auf den heißen Boden der sandigen Straße.

„Das kann nicht sein“, sagt der Geist und hilft Tehmann beim Grübeln. Er weiß genau, wo er den Koffer entdeckt hat, heute Morgen. Er hat sich den Abschnitt der Straße genau eingeprägt – ein schmaler Graben neben dem Asphalt, mehrere Meter lang. Hier steht kniehohes Gras, gelbes dürres Gras, und es steht auch dort vorn. Neben dem Koffer.

Die Stelle von heute Morgen liegt viel weiter hinten, viel weiter entfernt.

Wie also …

Er muss näher gekommen sein.

Der Geist von Paul Tehmann trommelt mit den Fäusten auf den Asphalt, weil er es nicht glauben will. Er kann es einfach nicht.

Und Tehmanns Beine laufen und laufen und haben Theo beinahe eingeholt. Er ist gut in Form, und als er den Arm nach ihr ausstreckt, ist das der Moment, in dem sich Geist und Körper wieder vereinen. „Das Bild, Theo“, schnauft er. Der Koffer ist noch etwa 150 Meter von ihnen entfernt, liegt wie ein Tier in der flimmernden Hitze und wartet. Er wartet auf sie. Zwischendurch war er wohl etwas ungeduldig und ist irgendwie, auf eine gespenstische Art und Weise, nähergekommen.

„Das Bild von  dem Koffer, Theo“, ruft Tehmann. „Hast du eines?“

Sie schüttelt seine Hand weg, als wäre sie eine lästige Fliege. „Zisch ab, Tehmann.“

„Du hast doch sicher ein Bild!“, ruft er. „Eine Beschreibung, wie er aussieht. Komm schon, haben die nichts im Funk gesagt?“

Er spürt ihr Zögern, und er merkt, wie sie langsamer wird. Jetzt muss er die letzte Dosis setzen. Und er hat nur diese eine Chance. „Die Beschreibung des Koffers, Theo. Es ist nicht der, den die Ballas verloren haben. Es ist ein anderer. Sieh dir die Beschreibung an!“

Jetzt bleibt sie stehen, und er tut es auch. Sie atmen die heiße Luft ein, stoßweise, prustend. Und genauso stoßen sie sie wieder aus. Es ist noch immer nicht kühler geworden, obwohl der Abend naht.

„Theo“, sagt Tehmann und stützt die Arme auf die Knie. „Du wirst doch nicht deine wertvolle Zeit damit vergeuden, nach einem Koffer zu suchen, in dem sich nichts befindet außer Dinge … die einem Spinner wie mir am Herzen liegen.“

Sie beäugt ihn misstrauisch, und dann beugt auch sie sich etwas nach unten, um sich auf die Knie zu stützen. „Was?“, fragt sie schließlich, und das wird die einzig vernünftige Frage sein, die je ihre Lippen verlassen hat, dessen ist sich Tehmann sicher. „Was ist in dem scheiß Koffer drin?“

Er hebt den Kopf, und als sie seine Augen sieht, zuckt sie nicht zusammen wie Nika vorhin, doch es reicht aus, um dem Zweifel weiter zu nähren. Langsam richtet sie sich auf und zieht ein Handy aus der Tasche ihrer kurzen Jeans. Noch einmal wirft sie Tehmann einen abschätzenden Blick zu, dann widmet sie sich ihrem Telefon.

 

„Schnappverschluss“ liest sie laut. „Silbern. Handelsübliches Schloss. Schwarzes Glattleder.“ Dann sieht sie Tehmann an, und der muss kurz die Augen schließen. „Das ist er nicht“, sagt er schließlich und dreht den Kopf. Der Koffer ist …

… nahe. Näher als eben. Oder?

Oder spielt ihm die Hitze einen Streich?

„Dieser hier hat einen goldenen Verschluss. Und es ist Krokodilleder. Dicke, goldene Schnallen …“

„Das sehe ich mir an!“, ruft sie.

Tehmann seufzt. „Gut. Aber geh nicht so nah ran. Am besten, du machst nur einen Schritt. Am besten, du bewegst dich gar nicht.“ Er ist matt, und es wird im ein bisschen schwarz vor Augen, was nicht weiter verwunderlich ist, weil es dahinter ebenfalls schwarz ist. Wenn innen kein Platz mehr ist …

„Was zur …“, sagt Theo, und der Ton ihrer Stimme ist mit Fragen gefärbt, mit Dutzenden von Fragen. Und hinter diesen Fragen steht etwas, was sich sicher einen Platz ganz vorn erkämpfen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit …

Angst.

Und Tehmann weiß, was es ist, bevor er es sieht. Der Koffer steht direkt vor ihnen.

 

 

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