Paul T. -Teil 6-

Theo sagt nichts. Sie starrt nur zu der Stelle, an der der Koffer steht. Herr Tehmann kennt das schon, er kennt diesen Ausdruck im Gesicht der Menschen: Es ist das zu Bild gewordene Gerangel zwischen Realität und Traum; zwischen dem, was sie wissen, was sie gelernt haben und dem, was sie sehen. Dem, was da ist. Unwiderruflich ist es da, obwohl es doch nicht sein kann.

Tehmann kennt diesen Ausdruck gut, er kennt ihn besonders von sich selbst, und doch ist es immer wieder ein neues Grauen. Etwas, was man lieber nur einmal sieht, wenn überhaupt. Er hat schon einige Male gehört, dass es ein wundervolles Erlebnis ist, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung zu überschreiten, doch das ist Unsinn. Es ist nicht wundervoll.

Tehmann starrt den Koffer an, ein monströses Ding mit goldenen Zähnen und einem Rachen, der die Welt schluckt. Und vermutlich ist das noch milde ausgedrückt, vermutlich will das Ding die Welt erst ein bisschen jagen, bevor es sie verschlingt. Ein bisschen mit ihr spielen.

„Ein guter Trick“, sagt Theo neben ihm. Ihre Stimme klingt blass und hohl, wie einer der ausgetrockneten Halme, die sich unter der Sonne winden.

„Ja, aber er ist nicht von mir“, erwidert Tehmann. Und nun blickt Theo ihn an, seltsam gequält, als würde sie sich wünschen, dass er lügt.

„Diesmal nicht“, sagt Tehmann nochmal, und Theo schluckt.

„Was …“, fängt sie an, ohne zu wissen, was sie sagen wird.

Wie soll man das auch wissen, fragt sich Tehmann. Wenn mir je einer begegnen wird, der weiß, was er in solch einem Moment sagen soll, dann kann ich mir sicher sein, dass ich tot bin.

„Der Koffer“, fängt Tehmann an, nur ein kläglicher Versuch seinerseits, „Das ist nicht der, den du willst. Also verschwindest du besser auf der Stelle.“

„Was ist da dr…“, will sie sagen, doch sie wird von seinem Blick unterbrochen. Tehmanns Augen sind dunkle Schlitze, und Theo hat für einen Augenblick lang das Gefühl, dass zwischen ihm und dem Koffer etwas geschieht. Für einen winzigen Augenblick könnte sie schwören, dass es so ist. Doch dieser Moment geht vorüber, und sie will gar nichts mehr beschwören. Ihr Verstand zieht die Reißlinie, mehr kann er nicht fassen, vorerst nicht.

„Nichts, was dich interessiert“, sagt Tehmann. „Nimm deine Gang und verschwinde. Ganz, ganz schnell.“ Und die letzten Worte spricht er langsam, und seine Augen sind dunkel.

Sie blicken sich an, schweigend, und dann hören sie ein Klacken.

Tehmann reißt den Kopf rum, und Theo reißt etwas aus ihrer Gesäßtasche. Sie richtet die Waffe auf den Koffer, es ist eine Schlagbolzenschlosspistole, klein und schwarz. Und doch macht sie mächtig Eindruck.

Tehmann reißt den Kopf zurück und starrt Theo an. „Bist du wahnsinnig?“, schreit er und wirft die Arme über den Kopf. „Nimm das Ding runter!“

Theo starrt noch immer auf den Koffer, ihre Augen sind nur noch weiße Kugeln mit blutigen Rändern und einer winzigen Pupille. Er hatte recht. Sie ist wahnsinnig. Ihr Verstand hat die Reißleine gezogen, doch nicht rechtzeitig genug.

„Theo!“, brüllt Tehmann. „Die Waffe runter! Sofort!“

Und dann klackt der Koffer wieder, es sind die Schnallen, und es sieht aus, als öffnen sie sich.

 

Auf der Straße, etwas weiter hinten, stehen vier weitere Personen, doch es ist nur Nika, die es sehen kann. Die anderen sehen es auch, ebenso die Polizisten die eben eintreffen, doch sie erblicken es nur, die Weiterleitung zum Gehirn wird von ihrem Verstand unterbunden.

Es ist Teer, der aus dem Koffer fließt, er fließt träge und behänd zugleich. Er färbt alles ein, mit dem er in Berührung kommt; Gräser und Halme, Asphalt und Erde, sogar die Luft, den Himmel; doch ganz besonders Menschen. Der Teer fließt in Theos Augen, er frisst sich in ihre Haut, in jede einzelne Pore. Rasend schnell geht das, und dennoch wie in Zeitlupe langsam.

Nika sieht das alles, und obwohl sie dachte, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als das, was sie bereits gesehen hat, wird ihr klar, dass das falsch war. Es war ein Trugschluss. Es ist nicht ihr Verstand, der anfängt zu schreien, es ist das Kind in ihr: Kindliches Urvertrauen, welches zwar erschüttert ist und gebrochen, aber nicht bereit zu sterben.

„Nein!“, schreit Nika, als der Teer in Tehmanns Augen fließen will, es ist ein langgezogener Schrei, und die Polizisten hinter ihnen beginnen zu laufen und ihre Waffen zu ziehen.

Themann erschrickt, und er hat es nicht als seinen Reflexen zu verdanken, dass er Theo beiseite stößt und sich auf den Koffer wirft.

Das Klacken verstummt, und der Teer kriecht zurück in den Koffer.

 

Und Nika weiß, wie es ausgehen wird. Es scheint, als wüsste sie es vor Tehmann selbst, doch dem ist nicht so. Es ist eher so, dass Tehmann einen Entschluss fällt, von dem  niemand etwas erfahren darf, nicht einmal er selbst. Zumindest der Teil in ihm, der von der Vernunft gesteuert wird.

„Nein“, sagt Nika noch einmal, dieses Mal leise, und sie wünschte, dass er es hören kann. Sie würde sich gern verabschieden.

 

Tehmann liegt auf dem Koffer, er liegt auf der Seite, und dann dreht er sich um. Er hat keinen blassen Schimmer, wie er es anstellen soll, doch er nimmt an, dass das, was in dem Koffer ist, ihm diese Entscheidung abnehmen wird. So war es immer mit dem Teer. Mit der Schwärze, die aus den Menschen fließt. Sie ist das Böse, doch anders, als er am Anfang – ganz am Anfang – angenommen hatte, ist es nicht das eigene Böse. Nicht immer.

Bei Nikas Schwester hat er es ganz deutlich gesehen. Es war aus ihr herausgeflossen, als sie geredet haben. Nicht viel, und sicherlich bei weitem nicht alles, doch es war etwas da. Der Teer kam aus ihr herausgekrochen; aus den Augen, aus den Poren. Er erhob sich in die Luft, wo er sich auflöste, ein seltsam anzuschauendes Verpuffen war das. Und ein kleiner Teil kroch in ihn herein.

Eine Weile schon hatte Herr Tehmann das bemerkt. Doch er hatte es verdrängt. Dieser Riese war stärker; war es vielleicht die ganzen Jahre schon gewesen.

 

Der Koffer wartet nicht lange. Das Böse wartet nie lange, denkt Herr Tehmann noch, bevor die Schwärze ihn einsaugt.

Die Schnallen springen mit einem lauten Knacken auf, der Koffer öffnet seinen tiefschwarzen Schlund, der die ganze Welt für einen halben Wimpernschlag lang dunkel färbt, und dann ist Herr Tehmann verschwunden. Und der Koffer auch.

 

Nika schluchzt. Sie versucht, es zu unterdrücken, doch es gelingt ihr nicht. Es schmerzt in der Kehle, so wie es das immer tut, wenn man das Weinen zurückhalten will.

Sie sieht nicht, was passiert, es scheint, als würden der Koffer und Herr Tehmann verschmelzen und dann in der flimmernden Luft verpuffen wie bei einem billigen Zaubertrick.

Sie hätte sich gern verabschiedet von ihm. Das hätte sie wirklich gern. Sie hätte gern mit ihm geredet. Und sie hätte ihm Fragen gestellt.

Am meisten hätte sie ihn fragen gewollt, warum er sie so angesehen hat. So, als würde er sie auf die andere Seite holen wollen.

Denn dort war sie ja schon längst.

Oder?

 Ende

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13 Gedanken zu “Paul T. -Teil 6-

  1. Schöner Abschluss. Passt. Ich würde den Einbruch des Surrealen aber doch stärker vorbereiten, sonst fühlt man sich als Leser vielleicht überrumpelt. Insgesamt fehlt mir noch ein bisschen Harmonisierungs-Arbeit am Text, aber das ist ja klat, weil noch nich überarbeitet. Tehmann und Teer – absichtliche Alliteration? Theo dito? Falls nicht, würde ich den Namen ändern, weil ich bis zum Schluss Theo und Themann durcheinander gebracht habe beim eher flüchtigen Lesen.
    Das sind nur Eindrücke – ich hoffe, Du kannst damit was anfangen. Jedenfalls hat mir Dein sommerliche Heißluft-Charakter viel Spaß gemacht!
    Liebe Grüße!

    1. Spaß gemacht – damit bin ich zufrieden. Nun ja, das Surreale hat mich ja selbst überrascht, wieso sollte es euch da anders gehen? 😉
      Genau, harmonisieren werde ich noch, aber nicht heute; heute gefällt mir das so. Da muss ich mal egoistisch sein. (Schon wieder)
      Danke Dir!
      Wann geht’s mit der MS Cohiba weiter? Bin Fan, da musst Du jetzt durch…

      1. Die Cohiba liegt ja nun hinter ihnen. Jetzt geht’s aufs Eis!
        „Spaß gemacht“ beinhaltet natürlich auch, nur um das klar zu sagen, dass die „dunkle“ Seite mich berührt hat. Und positiver Egoismus ist mit das Wichtigste überhaupt!

      2. Schon klar.
        Und was das andere betrifft: Sehe ich genauso. Hat gedauert, aber jetzt weiß ich Bescheid.
        Hm, „berührt“ finde ich natürlich noch besser, nehme ich.
        Ja ja, wann geht’s auf dem Eis weiter? 🙂

  2. Hab’s in Japan dann auch endlich mal geschafft, mir genug Zeit dafür freizuräumen, alles am Stück zu lesen. Ich glaube, anders geht’s bei mir manchmal nicht. Erstes Gefühl: cool. Schön geschrieben, sehr temporeich und vor allem anders/originell. Dann die Gedanken – ich verstehe nicht ganz so sehr, weshalb du Paul T. als Antihelden beschreibst. Ich verstehe die Rollen der vielen Nebenakteure nicht. Ich komme mir auch jetzt am Ende nicht so vor, als würde ich die Geschichte komplett verstehen. Zum Teil ist das ja, denke ich auch so gewollt: das Gesamte sieht für mich ein wenig aus, wie ein Ausschnitt aus einem Bild, zB der Mund der Mona Lisa, aber irgendwie fühlt sich das nicht ganz rund an. Aber womöglich ist auch das gewollt und du willst deine Leser ein wenig trollen 😉

    1. Wow. Ich fühle mich total geehrt, eine Nachricht aus Japan zu bekommen, das ist bisher noch nie vorgekommen! Dankeschön, lieber Sam!
      Was die Geschichte betrifft … wieder einmal sind wir verschiedener Ansicht 😉 Ich finde es bemerkenswert, dass Du Herrn T.als Antihelden beschreibst. Für mich ist es der absolute Held. Ohne Anti.
      Und unrund-eines meiner liebsten Worte. Ja, das will ich. Ich will, dass man sich Fragen stellt. Über Hauptfiguren oder vermeintliche Nebenrollen. Vielleicht sieht man sich in ihnen?
      Ich erkläre jedoch gern alle protas, wenn Du es wünschst.
      Danke nochmal für Deinen Kommentar! Liebe Grüße.

      1. Ne, ich beschreibe ihn selbst ja auch nicht als Antihelden, ich habe mich auf dein „Paul T. und was er mir erzählt, haben mich einiges über das Schreiben gelehrt. Und es sind weitere Fragen entstanden, nach deren Antworten ich auf der Suche bin. Zum Beispiel: Wieviel Raum haben andere Figuren neben einem dominanten Charakter? Oder: Wieviel Anti-Sympathie verträgt die Leitfigur?“ bezogen.

        Ja, wäre sehr interessant, eine Erklärung aller Protas zu bekommen und was ihr Zweck in der Geschichte ist. Das Angebot nehme ich doch gleich an!

      2. Frag einfach. Mir zum Beispiel war mir Nika wichtig, eine Figur, die nur eine sehr kleine Rolle einnimmt, aber vielleicht die wichtigste Kurbel der Geschichte dreht. So was finde ich sehr spannend.
        Was macht Japan so mit Dir?

      3. Naja. Nika nimmt ja gerade gegen Ende eine eher prominentere Rolle ein. Ich verstehe nicht, weshalb Theo so viele Leute benötigt. Ich verstehe nicht, welche Funktion Frau Meister (in einer Kurzgeschichte) hat. Hätte man Chrissie und Marie nicht irgendwie eine Person sein lassen können? Was war Freddies Daseinszweck? 😛

        Bin schon gar nicht mehr in Japan 😉

      4. Ach da ist er ja wieder, der Sam 😉 Han dann auch irgendwann gemerkt, dass die Nachricht nicht mehr aus Japan kamen… Aber das ist ja auch nicht wichtig, über Kommentare freue ich mich, egal woher.
        Puh, jetzt kommen die Fragen also.
        Frau Meister war für mich als Instrument wichtig, als eine Art Spiegel oder Katalysator, weil ich selbst nicht so recht wusste, wie Herr T. so drauf ist. Ich wollte ebenso darstellen, dass er über Menschen urteilt. Am Anfang war er mir zu nett und zu devot.
        Die anderen Charaktere sind so entstanden im Plot. Zu viel?
        Freddie… Ja, berechtigte Frage 😉 Da war ich einfach zu egoistisch. Freddie ist eine Figur aus einem anderen Projekt. Ich vermisse ihn schlicht.
        Findest Du, es muss jede Figur in einer Geschichte einen Zweck erfüllen?

      5. Neeein, um Himmels Willen. Manchmal ist eine Nebenfigur ja auch bereits in sich selbst ein Zweck, etwa, weil sie unterhaltsam ist.
        Deshalb kann ich deine vielen Charaktere so allgemein auch nicht kritisieren. Ich finde nur, dass für eine Geschichte in der Länge einfach eingeführt wurden. Die meisten waren danach auch wieder weg, bzw wurden nicht weiter erwähnt oder kamen mir sehr austauschbar vor. Ist jetzt aber echt nicht so, dass mich das ernsthaft gestört hätte. Es war nur komisch, aber das ändert nichts an meinem unter’m Strich sehr positiven Fazit.

      6. Hm? Das verstehe ich nicht-für die Geschichte einfach eingeführt wurden.
        Wenn ich nochmal drüber gegangen wäre, hätte ich vielleicht etwas geändert, aber irgendwie wollte ich das dann nicht. Vielleicht war es wie eine Fingerübung – dem Charakter beim Entwickeln zusehen und ihm alle Beihilfen zugestehen, die er benötigt. Und dann denke ich wieder, dass ich eine Art Roadmovie im Sinn hatte, schon etwas größeres wie eine Novelle. Vermutlich habe ich aus diesem Grund mehr Raum zugelassen. So gesehen ist die Geschichte nur ein Auszug, eine Momentaufnahme.
        Positives Fazit – nehme ich. 😉

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