Wispernde Ringe

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Dann war es still. Sarah wusste nicht, wie lange sie schon hier stand, den Blick stur geradeaus gerichtet. Hier, in dem Waschraum der Mädchen, von dem nur noch der Name übriggeblieben schien.

Sarah war klar, dass die Grundschüler in ihren Zimmern auf sie warteten, doch sie konnte sich nicht von der Stelle rühren, warum, wusste sie nicht.

Du weißt es sehr genau; kein Grund, Spielchen zu spielen.

Sarah schluckte.

Auf dem Flur herrschte das ganz normale Treiben eines Spätnachmittags, die meisten Kinder waren mit Hausaufgaben beschäftigt, und die, die es nicht waren, vertrieben sich die Zeit mit Brett-oder Videospielen. Vielleicht waren ein paar von ihnen draußen, auf dem hässlichen Fleck Stadt, der sich Spielplatz nannte. Es herrschte der ganz normale Trubel, so wie Sarah ihn kannte, doch etwas war anders.

Sie zwang sich, den Blick von der Tür zu nehmen, die noch immer geöffnet war. Und noch immer lag der Hockeyschläger an der Wand; zwei Arme aus Kunststoff, die aussahen, als wären sie einer hässlichen Puppe aus dem Körper gerissen wurden.

Das mechanische Herz …

Wieder schluckte Sarah, dann sah sie sich langsam um. Nichts, was sie nicht kannte, nichts, dass ihr nicht auf eine so traurige Art vertraut vorkam, dass es zum Davonlaufen war.

Die niedrigen Waschbecken, die eher an eine überdimensionale Tränke erinnerten, und die sich über die gesamte Länge der Wand hinzogen. Gegenüber die Duschen, Gemeinschaftsduschen, die nichts weiter waren als leicht abfallende Fliesen am Boden und einer Sprinkleranlage darüber. Genau zwischen ihnen, in der Mitte des Raumes, stand Sarah. Und ihre Augen blieben an den Duschen hängen, an der Schiene in der Decke, die zum Ausgang hin eine Kurve nahm und dort den Vorhang sammelte. Ein verranztes Stück aus irgendeinem Stoff, welches sicher nie zugezogen wurde. Anders als der Vorhang ganz links, an der Seite der Fenster. Sarahs Augen waren nun an der Einzeldusche angekommen, einer Parzelle mit einer dicken Mauer und einem ebenso dicken Einstieg. Sarah hatte sich schon einige Male gewundert, was das sollte. Der Einstieg war nicht behindertengerecht, dass das in den 60er Jahren noch keine Rolle gespielt hatte, war ihr klar. Aber was war der Sinn dieser Einzeldusche gewesen? Hatte sich da das Personal gewaschen, in einer Art privatem Rückzugsraum?

„So ein Unsinn“, hörte sie sich murmeln und zuckte zusammen. Ihre Stimme klang seltsam blechern in diesem kahlen Raum.

Blechern …

Die Dusche ganz links hatte ebenfalls eine Schiene. Doch anders als bei den Gemeinschaftsduschen, über denen kleine Ösen aus Plastik schwebten, baumelten von dieser mächtige Ringe aus Metall. Und der Duschvorhang …

Sarah runzelte die Brauen. Warum fiel ihr das erst jetzt auf? Der Duschvorhang war zugezogen.

Sie war sich sicher, dass das noch nie der Fall gewesen war, auch wenn sie einen Augenblick darüber nachdenken musste. Jedes Mal, wenn sie den Waschraum betreten hatte, hatte man die Dusche einsehen können. Das wusste sie deshalb so genau, weil sie sich jedes Mal geekelt hatte. Das Haus war alt, und mit ihm die sanitären Anlagen. Das Putzpersonal konnte schrubben, wie es wollte; gegen den Schimmel, der sich in den Fugen festgesetzt hatte und in die gebrochenen Fliesen kroch, war es machtlos. Rost und der Geruch nach Modder taten ihr Übriges.

Sarah bemerkte, wie sie den zugezogenen Vorhang anstarrte, und blinzelte. Mit einem Ruck nahm sie den Blick von der Dusche und drehte sich um. Steif setzte sie sich in Bewegung. Irgendjemand musste die Teile des Hockeyschlägers aufräumen, und wenn sie nicht wollte, dass die Jugendlichen aus dem linken Flügel sie nachts im Hof verheizten, war es das Beste, sie würde sie einfach mitnehmen. Sarah ging auf die Plastikstücke zu und bückte sich nach ihnen, als sie innehielt. Hinter ihr war etwas. Ein Geräusch.

Sie erstarrte in der Bewegung, und eine Haut aus Eis legte sich über ihre eigene. Sie lauschte angestrengt. Doch es war nichts zu hören. Nicht mehr.

Langsam drehte sich Sarah um, noch immer in den Knien gebeugt, und mit einer Hand nach einem Schlägerteil tastend.

Das Geräusch war aus der hinteren Ecke des Waschraumes gekommen, ganz sicher.

Ganz sicher? Vielleicht hat dir dein Unterbewusstsein einen Streich gespielt. Ganz sicher hat es das, komm schon!

Sarah hob eine Hälfte des einstigen Hockeyschlägers auf und erhob sich langsam. Mit den Augen tastete sie die letzte Dusche ab. Der Vorhang sah schwer aus, irgendein so ein altmodisches Ding, der genauso heruntergekommen war wie der ganze Rest. Wie hatte man diese Baracke nur durch die gesetzlichen Vorgaben winken können? Wie …

Sarah hielt erneut inne. Einer der Ringe aus Metall hatte sich bewegt.

Sarah spürte ihre Augen brennen, doch sie erlaubte sich nicht zu blinzeln, ebenso wenig erlaubte sie sich einen Blick nach rechts; zur Tür, die noch immer geöffnet war. Wenn jemand draußen vorbeilaufen würde, könnte sie nach ihm rufen, doch natürlich kam da niemand. Und was sollte sie sagen?

Es war erst früher Abend, doch die milchigen hohen Fenster mit dem Rundbogen ließen nur spärlich Tageslicht herein, zudem waren sie verdreckt, und die Energiesparlampen, die Tesser überall hatte anbringen lassen, wurden durch einen Timer geregelt. Es war düster.

Sarah kniff die Augen zusammen, um ihnen etwas Erholung zu gönnen. Sie umklammerte ihr Schwert aus Plastik und machte einen Schritt.

Der Mann mit dem mechanischen Herz.

Beinahe konnte sie Leos Stimme hören. „Bitte, Sarah, sag es ihnen! Du hast ihn auch gesehen, nicht wahr?“

Und beinahe wünschte sie sich, dass sie es nicht tun würde, bewaffnet mit einem Spieß aus Kunststoff auf die Dusche zugehen, deren Vorhang niemals zugezogen war. Niemals. Außer heute.

Es war still. Auf einmal drang überhaupt kein Ton an ihr Ohr; kein aufgeregtes Plappern oder Schreien der Kinder, die sich stritten. Kein Straßenlärm von draußen. Gar nichts. Es gab nur sie und den Klang ihres Atems, der sich beschleunigte.

Sarah, komm schon. Du hast Dinge gesehen, die …

Ja, aber sie waren nicht echt. Und wenn sie es waren, war David da. Doch er ist nicht hier.

Sie zog die Brauen noch stärker zusammen, und hinter ihrer Stirn meldete sich ein stechender Schmerz.

Inzwischen war sie ganz nahe an der Dusche angelangt. Die Ringe bewegten sich nicht. Der Vorhang stand steif vor ihr wie die Falten im Kleid einer Marmorfigur.

Sarah musste nur noch einen Schritt machen und die Hand ausstrecken. Nur noch einen …

Ihre Hand war ein zitterndes Bündel aus Knochen und Fleisch; Sarah starrte mit aufgerissenen Augen den Vorhang an, während ihre Finger sich darauf zu bewegten. Mit der anderen Hand hielt sie den Schläger, doch das kam ihr mit einem Mal lächerlich vor. Und dann sah sie hinter dem Vorhang den Umriss des Mannes mit dem mechanischen Herz.

Sie wusste, dass es nicht sein konnte, natürlich nicht, der Duschvorhang war steif und dicht, man konnte nicht durch ihn hindurchsehen. Und auch, wenn sie sich das in Bruchteilen von Sekunden selbst zuschrie, wusste sie genau, dass sie ihn sah. Und wenn sie den Vorhang zurückziehen würde, würde er dort stehen, rot vor Blut und goldbraun vor Rost. Und zwischen dem roten Muskelfleisch würden die alabasterfarbenen Rippen durchschimmern, hinter ihnen das mechanische Herz. Wie ein goldener Schatz lag es dort.

Sarah schrie auf. Der Vorhang schnappte mit einem Mal zurück, zerrte und zog an ihrer Hand und hinter dem Vorhang … war nichts.

Die Dusche war leer.

Sarah stieß den Atem aus, sie wankte zurück und ließ den Schläger fallen. Keuchend taumelte sie, die Dusche nicht aus den Augen lassend. Sie war leer. Uralt und hässlich und von Scheuermilch gebleicht, aber leer. Sarah stütze die Arme auf die Knie und zwang sich tief durchzuatmen. Und in diesem Moment wusste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

 

– Auszug aus Nathen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Starke Szene, kommt mir grad ein bisschen so vor wie eine Mischung aus „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Shining“ und „Psycho“ (hach, der Duschszenen werde ich nit leid – sehr schön gespielt mit der Erwartung). Nur der letzte Satz stört mich irgendwie, der scheint mir überflüssig und verwässert die Dramatik irgendwie.
    Gefällt mir sehr.

    • Freut mich sehr! Ich hatte tatsächlich gedacht, Duschen sind so was von abgedroschen, aber … der Mann mit dem mechanischen Herzen war nun mal dort, was soll ich machen? Ich habe nun noch zwei weitere Szenen, inzwischen denke ich, ich habe die Richtung gefunden, in die ich steuern will mit dem neuen Projekt. Das ist wahrlich sehr beglückend.
      Okay zum letzten Satz. Da gucke ich nochmal drüber.
      Extra Danke für den King Vergleich. Yeah.

      • So soll es sein 🙂
        Es kommt beim Abgedroschensein immer, immer darauf an. Denn letztlich: Ist nicht, was weiß ich, der endlich verpasste Kuss einer langen Lovestory an sich ziiiiiiemlich abgedroschen? Und soll man also deshalb nicht darüber schreiben? Aber sicher doch.
        Liebe Grüße!

      • Hast ja recht. Aber bei der Dusche musste ich tatsächlich an die Dame aus Zimmer 213 denken. 217? Nun ja… Die Zutaten mögen sich manchmal ähneln, alles gleich schmecken muss es deswegen noch lange nicht.
        Grüße zurück!

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