Röntgenblick

Röntgen

Das Büro von Tessler zeigte nach Norden, war so der Abschluss des Flügels. Und als Büro konnte man es nun wirklich nicht bezeichnen, es war ein Verschlag mit einem kleinen Fenster, vollgestopften Regalen und Schränken und einem überladenen Schreibtisch in der Mitte, als wolle er auf all die Arbeit hinweisen, die es zu erledigen gab.

„Sarah“, sagte Tessler, als er von den Papieren aufsah, mit denen er im Moment beschäftigt schien.

„Geld?“, fragte sie nur mit einem Blick auf die Unterlagen und schloss die Tür hinter sich.

Der Heimleiter wartete, bis sie sich gesetzt hatte. „Das ist es doch immer“, sagte er schließlich mit einem Lächeln. „Doch darüber möchte ich nicht mit dir sprechen. Obwohl …“ Mit einer Hand schlug er das Blatt des Tischkalenders zurück und studierte es über seine randlose Brille. „Du machst Extraschichten, wie ich sehe. Ich kann dir die nicht bezahlen.“

„Ich weiß. Das macht mir nichts aus.“

Tessler nahm den Blick vom Kalender und betrachtete sie. Er fixierte sie. Das konnte er gut. Sarah dachte hin und wieder, dass Tessler die Menschen mit seinem Blick durchleuchtete; durch die äußersten Schichten ihrer Persönlichkeit bis ins dunkelste Mark ihrer Seele.

Sie wusste, was er dachte. Und er hatte recht. Doch was sollte sie sagen? Dass die „Sonne“ ihr inzwischen mehr Heimat war als ihr Zuhause? Vermutlich wusste Tessler das auch, das eigentlich Wichtige, was ihn interessierte, war die Frage nach dem Warum. Tja. Darauf hatte sie auch keine Antwort. Zumindest schien es ihr so.

Tessler seufzte, dann verschränkte er die Hände über seinen Unterlagen. „Sarah“, sagte er nochmal. „Ich bin dir unheimlich dankbar für das, was du hier tust.“

Sie schwieg.

„Die Hausaufgabenbetreuung könnte ich ohne dich nicht stemmen. Es wäre schlicht unmöglich.“

„Haben wir die Gelder bewilligt bekommen?“, fragte sie, und sein gütiges Lächeln war ihr Antwort genug.

Sie atmete hörbar aus und lehnte sich zurück. „Dann versuchen wir es weiter. Jede Woche einen Brief. Und wir werden uns an die Presse wenden. Wenn Sie wollen, kann ich das übernehmen.“

„Sarah, ich habe dir schon gesagt, es ist unnötig, dass du mich siezt.“

„Ich finde es besser so“, erwiderte sie knapp.

Er betrachtete sie noch einmal genau, noch einmal der Röntgenblick, dann lehnte auch er sich zurück. Er würde nicht weiter bohren. Nicht heute. Doch vielleicht wünschte sie sich das auch nur.

„Das mache ich. Kümmere du dich um deinen Abschluss. Das ist jetzt wichtiger.“

Sarah sah ihn an, dann wanderte ihr Blick über seinen Kopf, zu dem kleinen schmucklosen Fenster. Nicht, dass man nach draußen sehen konnte, doch das war unnötig. Sie kannte die Stadt, kannte jeden ihrer Schönheitsflecken. Und das waren einige. Ganz Nathen war ein riesiger Fleck Hässlichkeit.

„Wann beginnt denn dein Praktikum?“, riss Tessler sie aus ihren Gedanken.

Sarah blickte kurz auf ihre Hände. Trockene, spröde Haut, verblassende Kratzer der Rosen am Spalier. „Ich habe mich umentschieden. Ich werde Wirtschaft studieren.“

Tessler sah sie eindringlich an. Wenn er überrascht war, ließ er sich das nicht anmerken. „Weiß deine Mutter davon?“

Beinahe hätte Sarah aufgelacht. „Sie wird einen Freudentanz aufführen.“

Tessler seufzte erneut. Leise zwar, doch sie konnte es hören. Zumal ihn der Ausdruck in seinem Gesicht verriet. Dieses Bedauern. „Sarah. Du kannst auch mit den Sprachwissenschaften einiges in der Stadt bewirken. Was ist mit Journalismus?“

Sie schwieg. Und ihr Gesicht fühlte sich an, als wäre es in Stein gemeißelt. Marmor. Wie die Falten im Kleid einer … Sie verbot sich den Gedanken daran.

„Ich fände es sehr schade, wenn du dein Talent nicht nutzen würdest“, wagte Tessler einen erneuten Vorstoß. „Wenn du es nicht fördern würdest.“

„Die Sprachen laufen mir nicht davon“, sagte Sarah, und die Worte kamen ihr automatisch über die Lippen. Sie hatte sie geübt. Automatisch und … mechanisch.

Tessler nickte. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass er im Moment nicht zu ihr vordringen konnte. „Es geht um Leo“, sagte er also. Der Heimleiter war einer von den Guten, doch was er nicht hatte, war Zeit.

Sarah spürte, wie ihr Körper sich spannte. Und Tessler sah es auch. Er quittierte es mit einem winzigen Stirnrunzeln. „Ihr habt doch ein gutes Verhältnis“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Kannst du mal ihr sprechen?“

„Worüber?“, fragte Sarah steif.

„Über das, was sie belastet“, antwortete Tessler langsam und fixierte sie mit seinem Blick. Eine lange Sekunde schweigen sie sich an.

Sarah schluckte. „Ist sie …“ Sie räusperte sich. „Das vorhin im Waschraum, das war nicht das einzige Mal?“

„Es war das vierte Mal“, erklärte Tessler. „Noch einer dieser … Vorfälle, und ich muss sie wegschicken.“

„Aber …“, machte Sarah entrüstet, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. „Das können Sie nicht! Das hier ist ihr Zuhause!“

„Ich sagte nicht, dass ich es will, Sarah. Aber mir sind die Hände gebunden. Ich habe kein entsprechend ausgebildetes Personal. Mal abgesehen davon, was das für die anderen Kinder bedeutet. Sie sind alle verstört. Das muss aufhören.“

„Leo hatte eine schwierige Zeit“, fing Sarah an. Sie fühlte sich hilflos. Natürlich wusste Tessler alles über seine Schützlinge, auch über Leos gestörte Mutter.

Der Heimleiter sah sie nur an.

Schließlich seufzte Sarah. „Wohin würde sie denn kommen? In die Meinthal-Klinik?“

Tessler nickte. „Vorübergehend.“

„Und dann?“, fragte sie wütend. Ihr war klar, dass Tessler nicht willkürlich handelte, doch ihre Wut bahnte sich ihren Weg, ihr war es herzlich egal, wen es treffen würde.

Jetzt lehnte sich der Heimleiter wieder nach vorn und legte die Unterarme auf den Schreibtisch. „Ich will sie doch nicht weggeben, Sarah. Doch Leo braucht professionelle Hilfe. Die kann ich ihr hier nicht geben. Und das weißt du.“ Er appellierte an ihre Vernunft, und es schürte ihre Wut. Doch Sarah packte sie beiseite und ließ den Blick senken. „Ich weiß.“

Wieder schwiegen sie kurz, bis Sarah sagte: „Ich rede mit ihr. Wir dürfen sie nicht wegschicken. Bitte.“

Tessler überlegte kurz, dann nickte er. „Mach heut nicht zu lange, Sarah. Es ist ein Unwetter angesagt.“

„Ist gut“, erwiderte sie, als sie sich erhob.

„Und grüß deine Mutter von mir.“

Sarah hielt kurz inne. Dann öffnete sie die Tür und schob sich wortlos hinaus.

 

 – Auszug aus Nathen

 

 

 

 

 

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Röntgenblick

  1. Schöne Technik, über den Dialog mehr von Sarah zu erfahren – clever (oder auch, dass Du Nathen als Stadt hier so wunderbar beiläufig einführst). Auch der Dialog an sich schön geschrieben („Sarah?“ – „Geld?“) Auch die „maschinellen“ Anspielungen gefallen mir sehr.
    By the way: Zufall oder Absicht, dass Tessler schon vom Namen her an T. erinnert? 🙂
    Warum Sarah so wütend wird, ist mir allerdings nicht klar. Wut worauf? Wird das noch erklärt? Nur, weil einer ihrer Schützlinge vertrieben werden könnte, müsste man nicht unbedingt „wütend“ werden. Traurig, resignierend, aggressiv meinetwegen. Aber die Wut, sie richtet sich gegen wen? Gegen was?
    Ein paar winzige Sprachstolperer hatte ich:
    „Und als Büro konnte man es nun wirklich nicht bezeichnen“ (klingt nach Umgangssprache, warum nicht einfach: Als Büro konnte man es nicht wirklich bezeichnen?)
    „riss Tessler sie aus ihren Gedanken“ (dieses „aus den Gedanken reißen“ ist mir als Wendung ein bisschen zu abgelutscht)
    “ … und ließ den Blick senken“ (müsste das nicht heißen: und ließ den Blick sich senken? Oder: senkte den Blick??)
    zum Schluss das dreimalige „kurz“: Wieder schwiegen sie kurz, Tessler überlegte kurz, Sarah hielt kurz inne.
    Jedenfalls eine sehr schöne Szene. Und: Ich freue mich schon seeeeehr auf das kommende Unwetter!

    1. Ach, das Namensding. Ähnlichkeiten rühren eher vom Pragmatischen her;) Paul jedenfalls ist ein anderer Charakter, soweit ich das beurteilen kann…
      Ja, Sarah zeigt sich mir immer mehr, allerdings bin ich noch ganz am Anfang, sie und ihren Charakter einzufangen. Die Wut ist etwas Großes, darauf komme ich noch zu sprechen. Heißt, ich plane es 😉
      Danke wieder für die Hinweise, da gehe ich drüber. Im Moment skizziere ich ja noch… Uh… das Unwetter …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s