Sirren und Summen

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Als sie das Gebäude verließ, war es bereits nach sieben Uhr. Es dämmerte. Die Trauerweide malte ein krakeliges Bild in die Dunkelheit, und das Gerüst mit der Schaukel und das rostige Karussell wirkten wie Skelette. Durch den Hof kroch ein undefinierbarer Geruch.

Sarah gähnte. Es war heute ungewöhnlich still gewesen in der „Sonne“. Man könnte meinen, dass den Kindern die Hausaufgaben und das Lernen auf diese Weise leichter fallen müssten. Doch das tat es nicht. Alle waren ruhig gewesen, ruhig und leise, doch ebenso unkonzentriert.

Sarah zwang sich, das Tempo etwas zu erhöhen. Gern wäre sie jetzt durch den Innenhof geschlurft, die zwei gebrochenen Teile des Hockeyschlägers hinter sich herziehend. Doch sie musste dringend nach Hause, sie selbst hatte noch einiges für die Schule zu tun; außerdem war es kühl geworden, und sie hatte nur einen dünnen Sweater dabei. Es war kalt geworden.

Und dunkel.

Sarah schluckte und sah sich hektisch um. Der Hof war kaum beleuchtet, erst weiter oben, im ersten Stock des Heimes, zeigte sich Licht in den Fenstern.

Zu ihrem Rad waren es noch ein paar Meter, und sie war froh, dass sie es nicht ganz hinten, in der dunkelsten Ecke, abgestellt hatte. Bei Tageslicht mochte das keinen Unterschied machen, doch der Tag hatte sich längst verabschiedet. Noch immer nach allen Seiten blickend, beugte sich Sarah zu dem Cityrad, um das Schloss zu öffnen. Die Reste des Schlägers hatte sie in dem großen Korb, den ihre Mutter auf dem Gepäckträger montiert hatte, verstaut. Sarah drehte hastig an dem Zahlenschloss hin und her, als sie hörte, wie der Wind aufkam und durch die Äste der Weide strich. „Haare“ nannte Ben sie immer. Und nun zog der junge Sturm an den Haaren wie ein ungezogenes Gör.

Sarah hatte noch immer den Kopf gesenkt, das Rauschen der tausend Blätter war ihr vertraut, sie mochte es. Im Grunde genommen mochte sie es, hier zu sein, sie mochte die „Sonne“, auch wenn sie ein altes, zerfallendes Gebäude war. Von denen gab es einige in Nathen, wichtig war nur, was in ihnen war.

Unter das Rauschen der Blätter mischte sich ein weiteres Geräusch, und Sarah wusste augenblicklich, dass es nicht hierher gehörte. Sie erstarrte. Das Schloss bereits in den Händen richtete sie sich langsam auf.

Es war ein Sirren. Es klang, als würden Zahnräder ineinandergreifen und etwas in Bewegung bringen. Sarah drehte sich langsam um.

Hinter ihr, ganz hinten in der dunkelsten Ecke des Hofes, stand der Mann mit dem mechanischen Herz.

Sarah griff nach dem Sattel ihres Rades, mit der anderen Hand nach dem Lenker. Sie hob das Raleigh an, drehte es ein wenig und stellte es wieder ab, bis es wie ein Schutz zwischen ihr und dem Mann stand. Sie tat es langsam, mit flüssigen Bewegungen, und dabei ließ sie die Gestalt nicht aus den Augen. Es war ein Mensch, zumindest das, was sie von hier aus erkennen konnte. Sie sah das, was sie bereits kannte: Die weißen, fast leuchtenden Rippen, darunter das Herz. Muskelfleisch darüber, wie ein aufgeklappter Mantel.

Das, was Leo gesehen hatte, musste ihr natürlich eine Heidenangst einjagen: Das blutige Fleisch, das scharrende goldene Ei, faustgroß und in dieser typischen Form eines menschlichen Herzens. Und doch war es etwas anderes, was Sarahs Blick fesselte.

Für sie war es nicht der Mann mit dem mechanischen Herzen, sondern der Mann mit dem mechanischen Auge. Sein Gesicht war schlecht zu erkennen, doch die goldschimmernde Kugel sah sie genau. Und es war ja auch nicht so, dass sie sie nicht kannte.

Das linke Auge des Mannes gab dieses Sirren von sich, die Pupille bewegte sich, der ganze Augapfel tat es, es summte und sirrte, und ab und zu schloss sich das Lid, und das verursachte ein Klacken.

Der Mann sah aus, als wolle er sich in Bewegung setzen, und das war der Moment, in dem Sarah reagierte.

„Lass Leo in Ruhe!“, schrie sie ihn an. „Du sollst sie in Ruhe lassen, hast du gehört?“ Ihr Herz begann zu rasen, es stolperte hastig, und das Lid des mechanischen Auges schloss sich dem wilden Takt an. „Sie ist ein Kind, okay? Lass sie in Ruhe!“

Der Mann, diese hohe schlanke Gestalt, hatte in seiner Bewegung innegehalten, und nun stand er still. Nur seine Augen bewegten sich, und das Herz sirrte.

Sarah hielt den Lenker des Rades umklammert. „Wehe, du lässt dich auch nur noch ein einziges Mal bei ihr blicken!“ Was tat sie da? Drohte sie diesem … Wesen? Und die andere Frage war: Dass sie überhaupt mit ihm sprach, bedeutete das nicht etwas? Das hatte sie noch nie getan. Bedeutete es, dass …

Durch die Gestalt ging ein Rucken.

Sarah klammerte den Lenker noch fester, und dann ließ sie mit einer Hand los. Tastete mit den Fingern vorwärts, suchte nach einem abgebrochenen Schwert aus Plastik.

Der Mann mit dem mechanischen Auge machte einen Schritt. Und dann noch einen. Er kam auf sie zu. Der Wind frischte auf und säuselte, und dazwischen war das Sirren und Summen des Auges zu hören, welches sich öffnete und schloss.

Jetzt, wo er immer näher kam, war sein Auge allmählich besser zu erkennen, die Kugel war tennisballgroß; ein goldener Apparat, in dem es pausenlos arbeitete.

Sarah dachte an David, sie dachte an Jan; versuchte sich daran zu erinnern, was sie taten, wenn sie auf die … Wesen trafen. Sie kämpften. Oder?

Sarah hatte es nie wissen wollen, sie wollte es auch in diesem Moment nicht, doch dieser Moment bedeutete für sie vielleicht etwas sehr Großes. Sehr wahrscheinlich tat es das. Vermutlich ging es für sie dabei darum, am Leben zu bleiben. Sarah atmete tief ein, sie schmeckte den lauen Wind auf den Lippen, dann straffte sie die Schultern.

Der Mann mit dem mechanischen Herz war jetzt nur noch zwei Schritte von ihr entfernt. Sein Brustkorb war geöffnet, und Sarah starrte ihn in einer lähmenden Faszination an. Wie konnte es sein, dass er hier war? Dass er überhaupt war? Wie …

Sie umklammerte den Hockeyschläger. Der Mann machte einen letzten Schritt. Der Wind heulte auf.

Sarah starrte auf das goldene Auge; ein Ding, welches Abscheu und Faszination gleichermaßen in ihr auslöste. Und dann lösten sich ihre Finger vom Lenker des Fahrrades.

 

„Sarah?“

Sie riss den Kopf herum. Es war Tessler, er stand im Eingang des Gebäudes und hatte die Arme in die Hüfte gestützt. Als er loslief, spürte Sarah den ersten Regentropfen auf ihrer Wange. Sanft strich er über ihre Haut, als wollte er sie streicheln.

„Sarah, was machst du denn immer noch hier?“, rief Tessler. „Du wirst noch ganz nass! Komm, lass das Rad stehen. Ich fahre dich.“

Sarah schüttelte kraftlos den Kopf. „Nein, ich …“

Tessler stand jetzt direkt vor ihr, er blickte in den schwarzen Himmel und dann in ihr Gesicht.

„Ich schätze, ein wenig frische Luft wird mir gut tun“, sagte Sarah mit dünner Stimme. Natürlich merkte er es. Zum Röntgenblick dieses sensible Ohr. „Und das Unwetter?“, fragte er.

„Regenjacke“, erwiderte Sarah knapp und zwang sich zu einem Lächeln. Sie vermied den Blick in den Korb, in dem unter dem zweiten Plastikschwert der gelbe Mantel lag.

„Hm“, machte Tessler, dann stemmte er wieder die Hände in die Hüfte. „Wenn du meinst.“ Sein Blick taxierte sie. Sarah bewegte das Rad, um irgendwie von ihm fortzukommen. „Also, dann bis morgen“, sagte sie, und der Heimleiter sah sie stirnrunzelnd an. Endlich nickte er. Und als er sich umdrehte, tat sie es ebenfalls.

Der Mann mit dem mechanischen Herz war verschwunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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