Blut und Honig

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– You Foolish Girl –

Affenbaum.jpg

Wie jedes Mal, bevor sie eintrat, sah sie sich um. Das Grundstück lag direkt an der Straße, und es war nicht ungewöhnlich, dass sie auf Spaziergänger traf oder Touristen, die ihre Nasen neugierig überall reinstecken mussten. Neugier. War es nicht das gewesen, was sie einst hierher geführt hatte? Sie kniff die Augen zusammen und grübelte, doch es fiel ihr nicht ein. So vieles hatte sie vergessen. Es war ihr abhanden gekommen. Und mehr als einmal dachte sie, dass sie es hier verloren hatte, hier in diesem Garten. Er hatte es eingefordert.

Anne zwängte sich zwischen dem aufgebogenen Drahtzaun hindurch und ordnete das wilde Efeu erneut. Es war unnötig; das Gewächs fand stets seinen Weg zurück, schwang seine unnachgiebigen Zweige um das Portal, als wolle es jenes beschützen, und doch Anne tat es trotzdem. Sie tat es jeden Tag, und sie würde es immer tun. Immerfort. Sie hielt inne. Kam sie jeden Tag hierher? Auch das wusste sie nicht sicher, nur der Garten konnte die Zeit benennen, an der sie ihn heimsuchte. Und er natürlich.

Sie blieb neben dem Eingang stehen und zwang sich, sich umzusehen. Nicht, dass sie nicht jeden Winkel auswenig wusste, doch sie versuchte gegen den Drang anzukämpfen. Sie war seinetwegen hier, und er war ihretwegen hier. Oder? Leicht schüttelte sie den Kopf und schloss die Augen. Es wollte ihr nicht einfallen.

Der Garten war riesig, ein Grundstück von über 130 Hektar. Niemand vermochte zu sagen, wie er einst ausgesehen hatte, es gab weder Bilder noch Menschen, die ihr davon erzählen konnten, doch der Garten gab ihr Antworten genug. Sie wollte sie nur nicht sehen. Und wenn sie sie sah, vergaß sie sie wieder. Doch nun, als sie den Blick hob und die haushohen Bäume betrachtete, sah sie ein Bild aufflackern. Gepflegter sattgrüner Rasen, ein schmaler Wasserlauf, Hügel, die sich leicht erhoben. Davon war heute nichts mehr zu erkennen. Das Grundstück war vollkommen verwildert, lediglich weiter hinten, zwischen wuchernden Hecken, war ein letztes Stück Rasen zu erkennen. Noch immer war er tiefgrün, satt schmatzte er unter ihren Füßen, wann immer sie ihn betrat. Und sie wusste, dass auch er bald nicht mehr zu erkennen sein würde.

Anne setzte sich in Bewegung, den schaukelnden Eimer in der Hand. Sie versuchte, darauf zu achten, dass das Blut nicht herausschwappte. Sie wollte keine Tiere anlocken. Sie wollte nicht, dass sich eine andere Kreatur in diesem Garten aufhielt außer ihm. Anne lauschte in die Stämme, Äste, Zweige und Abermillionen von Blättern. Nichts. Kein Gezwitscher, kein Summen und Brummen. Lediglich der Wind gesellte sich zu ihr.

Sie hatte die Stunde des Zwielichts gewählt, so wie sie es immer tat. Am Tage wollte sie ihn nicht sehen, es kam ihr zu real vor. Und bei Tage war es zu oft geschehen, dass der Garden sich verfromt hatte. Er hatte dann ausgesehen wie früher. Vielleicht wie vor dreihundert oder vierhundert Jahren. Dieses Alter hatte sie anhand des Affenbaumes geschätzt, den sie eines Tages entdeckt hatte. Er stand ganz hinten, beinahe an der Grenze des eingezäunten Grundstückes. Anne kannte diese Art von Bäumen, sie waren meist in Schlossgärten zu finden, doch in dieser Größe hatte sie ihn erst zweimal gesehen. Es war also davon auszugehen, dass dies hier ein Schlossgarten war, oder als einer geplant.

Der Affenbaum war an die 30 Meter hoch, er breitete seine Äste und Zweige wie Arme aus, bereit, ein ganzes Heer zu überschirmen. Doch dorthinter hatte sich Anne nicht mehr gewagt, seit sie ihn entdeckt hatte. Es war zu dunkel.

Ganz am Anfang, als sie noch ein Kind war, hatte sie den Garten durchschritten, sie hatte ihn vermessen und versucht zu kartografieren. Oft hatte sie ein Heft mitgebracht, Blätter und Skizzen, doch der Garten hatte sie ihr entrissen. Sie hatte versucht, ihn zuhause niederzuschreiben, ihn zu skizzieren. Doch die Linien waren verblasst, innerhalb von Tagen. Und in anderen Zeiten, vielleicht als sie zwanzig Jahre alt gewesen war und mit dem Fotografieren begonnen hatte, waren die Filme überbelichtet. Oder der Garten verformte sich, und alle Bilder waren verschwommen. Schließlich hatte Anne es aufgegeben. Es war ohnehin nicht wichtig. Der Garten war in ihrem Herzen, er wohnte in ihr. Und sie wohnte in ihm.

Anne blieb stehen und stellte den Eimer neben sich ab. Sie sah sich um. Das Tor mit der Eisenkette war frei, keinerlei Pflanzen rankten sich darum, und das Schild mit der Warnung war von außen gut zu sehen. Anne hatte kein einiziges Mal versucht, das Schloss aufzubekommen, seit Jahrzehnten stahl sie sich zwischen dem Draht hindurch, so als ob es ihr nicht vergönnt wäre, das Grundstück offiziell zu betreten. Und andererseits fürchtete sie sich davor. Manchmal war sie sich sicher, dass der Garten zerfallen würde, würde man die Kette zerstören. Er würde sich dann einfach auflösen.

Es dauerte nicht lange, und er erschien. Die Zeit, die sie gewählt hatte, um ihn zu besuchen, gestattete keinen guten Blick auf ihn. Es war die Zeit des Zwielichtes, die Zeit, an der sich Tag und Nacht trafen. Außerhalb des Gartens konnte man bei gutem Wetter einen orange leuchtenden Streifen am Horizont sehen. Doch hier drin war es dunkel. Das Auge erfasste Umrisse, mehr nicht. Und sie kannte ihn gut genug. Sie wusste, wie er aussah.

Als Kind wäre sie beinahe gestorben. Doch daran erinnerte sie sich nicht mehr. Sie wollte es nicht mehr wissen. Als sie sieben Jahre alt gewesen war, hatte sie ihn das erste Mal gesehen. An das Datum konnte sie sich noch erinnern, denn es war der Tag nach ihrem Geburtstag gewesen. Sie hatte das Warning-Schild gelesen und die Eltern nach dem Grundstück gefragt, doch die hatten ihr keine befriedigende Antwort gegeben. Sie hatte ihr gesagt, sie solle sich davon fernhalten. Vielleicht hätten sie das nicht tun sollen. Es gibt keine bessere Methode, ein Kind in einen Garten zu locken, indem man ihm sagt, es solle sich davon fernhalten.

Er erschien zwischen den Bäumen, den Kopf gesenkt. Er war ein Tier, eine Bestie, ein Wolf vielleicht. Früher, als sie den Garten am hellichten Tage betreten hatte, war er ihr auf zwei Beinen erschienen, vielleicht als ein Mensch, doch das wusste sie nicht mehr.

Nun kam er heran, ihr Wolf, er beäugte sie, gelbe Augen tasteten sie ab. Und steckte er seinen Kopf in den Eimer und trank das Blut. Und während er das tat, ließ sie den Honig hineinträufeln. Blut und Honig, damit fütterte man so ein Wesen. Woher sie das wusste, hatte sie vergessen. Doch es spielte keine Rolle. Inzwischen kannte sie ihn. Sie wusste, dass er das Blut am meisten mochte, wenn es schon eine Weile gestanden hatte und fest wurde. Doch heute hatte keine Zeit gehabt.

Nach mehr als dreißig Jahren kannte sie ihn. Und er kannte sie.

-Forstsetzung folgt –

castle garden 1.jpg

Zu dieser Geschichte wurde ich in einem Ort inspiriert, von dem etwas Magisches ausgeht. Nun gut, vielleicht ist magisch nicht das passende Wort. Vielleicht etwas Großes. Außergewöhnliches. Wie außergewöhnlich, stellte ich erst hinterher fest, einen Tag nach dem anderen. Der zweite Teil folgt in Kürze …

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