Die gepanzerte Spinne

 

Einmal im Monat konnte Jona seine Tante besuchen. Sie sagten immer, er dürfe, doch so war es nicht. Er musste. Alle taten immer so, als wäre es toll, aus der Sonne rauszukommen, aber er verstand das nicht. Außer vielleicht bei Leo. Sie war defintiv … krank … und gehörte dementsprechend in ein Krankenhaus.

Auf dem Weg zu Tante Hedwig überlegte er, ob „krank“ das richtige Wort war. Lukas sagte, Leo hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ein Sprung in der Schüssel. Und er sagte, Leute wie sie gehören in eine Gummizelle. Lukas war Tante Hedwigs Sohn, aber er war ein Idiot. Immer, wenn Jona zu Besuch kam, hatte Lukas nichts Besseres zu tun, als ihm unter die Nase zu reiben, was er alles verpasste. Weil er „nicht draußen“ war. Einmal hatte er ihm im Keller eingesperrt und erst nach Stunden wieder rausgelassen. Jona hatte geheult, doch nur ganz kurz, und später war er irgendwie stolz auf sich gewesen.

Aber Lukas war ein Idiot. Ein gehässiger Fiesling.

Das Haus von Jona’s Tante war schön. Das war aber auch das einzig Schöne. Jona wünschte, Leo könnte ihn begleiten, sie mochte solche alten Häuser. Doch sie konnte nicht mit, weil sie diese … Krankheit hatte. Weil es außerdem verboten war. Und weil Tante Hedwig eigentlich keine Heimkinder mochte.

Lukas war da, Jona hörte ihn von weitem brüllen, als er aus dem Auto kletterte. Jeden letzten Samstag im Monat holte Hedwig ihn ab und fuhr die zwölf Kilometer ans Ende von Nathen. Sie benahm sich dabei sehr seltsam, mal plapperte sie die ganze Fahrt über und manchmal sagte sie kein einziges Wort. Da sie die Sonne nie betreten wollte, nahm Jona an, dass die Tante das Heim nicht mochte. Und deswegen auch keine Heimkinder. Er wünschte, sie würde aufhören mit dem Theater und ihn einfach in Ruhe lassen.

„Hey, Jona, alter Kumpel“, rief Lukas, als er die Treppen in den Garten heruntersprang. Da er eine riesige Sporttasche über die Schulter geworfen hatte, nahm Jona an, dass er zum Fußball wollte. Er hoffte, dass es so wäre.

„Genau, das Training ruft“, sagte Lukas, als er heran war. „Aber erst essen wir zusammen. Wie eine schöne große Familie. Nicht wahr?“ Und er lächelte ihn an. Das Lächeln sah aus wie das von einem dieser Kürbisse, die im Herbst überall zu sehen waren. Die mit den geschnitzten Gesichtern. Sie sahen keinesfalls freundlich aus. Sie sahen aus, als hätten sie Hunger.

„Na, dann komm, alter Kumpel!“ Lukas haute ihm auf den Rücken. „Bist bestimmt ausgehungert, oder?“

Jona sah zu Tante Hedwig, doch die lief nur hin und her und versuchte, die Kinder zu ignorieren. So wie sie es immer tat.

Jona seufzte und griff nach seiner Tasche. Nur zwei Tage. Nur zwei.

Der Abend war schön. Der Garten und das Haus von Tante Hedwig machten ihn schön. Alles andere versuchte Jona auszublenden. Na ja, außer das Steak und die frische Kräuterbutter. Die waren wirklich nicht zu verachten.

Gegenüber von dem Haus, auf der anderen Seite der Straße, verliefen die alten Bahnschienen. Den Jungs war es verboten, sich dort aufzuhalten. Tante Hedwig hatte vor allem Angst, was alt war. Die Schienen hatten Jona schon immer fasziniert. Genauso wie der stillgelegte Bahnhof, von dem er sämtliche Geschichten kannte. Wenn er nicht so weit weg wäre von der Sonne, hätte Jona ihn schon längst aufgesucht. Vielleicht konnte er Leo überreden, dass sie einmal mit ihm abhauen würde. Sicher würde sie das machen. Obwohl sich Jona ein bisschen vor ihr fürchtete. In den letzten Tagen machte sie ihm Angst. Vielleicht könnte er Sarah fragen …

Jona kniff die Augen zusammen. Dort drüben an dem alten Haus war etwas. Etwas war von dem Balkon geklettert.

Sicher nur ein Schatten, dachte Jona. Das Licht lässt nach, und die Pflanzen, die von dem steinernen Vorsprung herabkrochen, sahen vielleicht so aus, als ob …

„Jona, was ist denn?“, fragte Lukas, und als Jona sich nach ihm umdrehte, sah er das gemeine Kürbislachen. „Vermisst du die Sonne, hm? Anders lässt es sich nicht erklären, dass du immer zu der Ruine da drüben starrst.“ Seine überaus weißen Zähne blitzen aus dem ketschupumrandeten Mund hervor. So hatte er auch ausgesehen, als er ihn aus dem Keller geholt hatte. Befreit. Erst eingesperrt, dann befreit.

Tante Hedwig stand auf und ging ins Haus, Jona und Lukas starrten sich an, und in diesem Moment hörten sie das Klacken.

Es war nur ein Schatten, den sie mit den Blicken erwischten, als ihre Köpfe herumfuhren.

Von den Treppen, die vom Garten in das Haus hineinführten, ging ein kleiner Weg ab, der an einem niedrigen Podest aus Marmor endete. Hier standen ein paar Steinfiguren und Blumentöpfe. Über dieses Rechteck aus Stein war etwas gekrabbelt. Schwarz und laut. Und riesig.

Acht Beine. An den Enden Spitzen. Aus Metall. Diese Spitzen hatten ein Geräusch verursacht, das Jona bis ins Mark kroch. Klack Klack Klack. Ein metallenes Trippeln.

Ganz kurz nur sah er die gepanzerte Spinne, nur einen winzigen Augenblick lang. Sie verschwand hinter der Garage. Und mit ihr das Geräusch.

Wenn sie überhaupt echt gewesen war, dachte Jona. Doch egal, was es gewesen war, Lukas hatte es auch gesehen. Ganz sicher. Er starrte zu dem Podest aus Marmor, totenbleich im Gesicht. Mit seinem rotem Ketschup Mund sah er aus wie ein Clown.

„Ich muss zum Training.“ Der Cousin sprang auf.

„Aber…“, fing Jona an. „Du hast es … Was war das?“

„Was war was?“, fragte Lukas zurück und kippte den letzten Rest Cola runter. „Gar nichts war. Und jetzt halt die Klappe. Oder denkst du, ich lasse mich auf irgendwelche Gruselgeschichten von einem Heimkind ein?“

Er plärrte irgendwas in Richtung Haus und verschwand. Und Jona saß allein in dem schönen Garten, in dem die Schatten länger und länger wurden.

nathen-hedwig

– eine Erzählung aus Nathen

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3 Gedanken zu “Die gepanzerte Spinne

  1. Oh, eine andere Perspektive. Interessant – da bin ich schon auf den szenischen Wechsel gespannt. Oder bedeutet Dein kryptisches „eine Erzählung aus Nathen“, dass Du einen Kosmos mit unterschiedlichen Geschichten planst?
    Liebe Grüße!

    1. Nein, diese Perspektive ist nur für euch hier 😉 Die Spinne selbst wird es im Buch schon geben, nicht aber aus der Sicht von Jona. Fand es irgendwie schön, euch sie so vorzustellen.
      Liebe Grüße zurück!

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