Mach die Augen zu.

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Und wieder auf.

Leo saß an dem klobigen Eichenholztisch, der in jedem Zimmer stand, und war mit Basteln beschäftigt. Sie sah kurz auf, taxierte Sarah, und machte dann weiter.

Sarah schloss leise die Tür und setzte sich dem Mädchen gegenüber. Es waren Wollfäden in verschiedenen Farben, die Leo ineinanderflocht. Ihre Bewegungen waren langsam. Das passte nicht zu ihr, bei ihr musste es immer schnell gehen.

„Hallo Leo. Wie geht es dir?“

„Gut.“

Sarah überlegte kurz. „Es tut mir leid. “

Das Mädchen hob den Kopf. Sie sah Sarah aus dunklen Augen an, dann blickte sie wieder auf ihre Hände.

„Dass du so etwas erleben musst, das tut mir leid.“

„Schon gut“, kam die knappe Antwort. „Ist ja nicht deine Schuld.“

„Nein, das ist es nicht. Trotzdem will ich es nicht.“

Leo zuckte nur mit den Schultern.

Sarah beugte sich etwas über den Tisch. „Leo. Das, was du siehst, das … ist nicht echt.“

„Ich weiß.“

„Unser Gehirn spielt uns Streiche. Ganz besonders dann, wenn wir unsicher sind. Wenn wir uns alleine fühlen. Wenn wir Angst haben. Und wenn wir schlimme Dinge erlebt haben.“

Jetzt hob Leo den Kopf. In ihren Augen stand etwas, von dem Sarah hoffte, dass sie es nicht aussprechen würde.

„Du bist nicht allein“, sagte Sarah.

Wieder der Ausdruck in den dunklen Augen. Schließlich nickte Leo. „Ich weiß.“ Dann fing sie aufs Neue an, bunte Fäden zu einem Strang zu flechten. Sarah lehnte sich zurück. Sie hatte keinen Schimmer, ob es klug war, weiter in das Mädchen zu dringen. Den Gedanken, dass sie sich vor dem Ausdruck in Leos Augen fürchtete, verdrängte sie. Dass es da etwas gab, das ihren Namen trug.

„Alle die hier sind, haben schlimme Dinge erlebt“, sagte Leo auf einmal. „Ich habe wohl einfach einen an der Klatsche.“

„Das ist nicht …“ Sarah zögerte. Es war klar, was Leo versuchte. „Willst du mir davon erzählen?“, fragte sie, und das Mädchen hielt in seinen langsamen Bewegungen inne.

Schließlich zuckte sie wieder mit den Schultern. „Meine Mutter war krank. Immer hat sie gedacht, dass sie Pusteln hätte, also so Pickel. Das stimmte aber nicht. Die Pickel waren gar nicht da, verstehst du?“

„Ja.“

„Sie hat sich immer gekratzt, immer und immer wieder. Manchmal haben Tabletten geholfen. Und dann ging es ihr ganz gut. Ich durfte wieder bei ihr wohnen. Das war schön. Wir haben immer Pasteten gebacken. Kennst du Pasteten, Sarah?“

Sarah schluckte, nickte jedoch.

„Und dann, irgendwann kamen die Pusteln wieder. Sie waren auf einmal da. In ihrem Auge. Und meine Mutter hat gekratzt und gekratzt. Bis sie kein Auge mehr hatte.“ Leo verstummte, sie sah Sarah genau an. Dann ging ihr Blick aus dem Fenster und wurde verträumt. „Ich wünschte oft, ich könnte fliegen. Wünschst du das auch, Sarah?“

„Ja, Das wünscht sich wohl jeder.“

„Ja“, sagte Leo leise. Dann drehte sie wieder den Kopf. „Ich habe gar nicht gewusst, dass man ein Auge einfach so herauskratzen kann.“

Sarah hielt dem Blick stand. „Sie war krank, Leo.“

„Ich weiß. Und vielleicht habe ich die Krankheit auch.“

Sarah schwieg. Leo taxierte sie weiterhin. Dann beschäftigte sie sich erneut mit den Wollfäden. „Warum hast du nichts gesagt? Dass du ihn auch gesehen hast?“, fragte sie beinahe beiläufig.

„Weil es da nichts gab, Leo. Weder im Waschraum noch sonstwo. Hast du das verstanden?“

Leo sah sie an. Ausdruckslos. Dann nickte sie. „Ganz wie du meinst.“

Sarah schwieg. Und wartete. Es kam nichts. Leo hatte gesagt, was sie zu sagen hatte. Und sie hatte gefragt. Vielleicht hatte Sarah den Zugang zu dem Mädchen verloren.

Sie wollte sich erheben, als Leo sagte: „Warte.“ Sie setzte sich aufrecht und holte etwas aus ihrer Hosentasche. Es war ein geknüpftes Band. „Das habe ich für dich gemacht.“

„Oh“, machte Sarah. „Danke. Das ist lieb, Leo.“

„Ich habe es ein bisschen breiter gemacht. So sieht man die Narbe nicht.“

Sarah runzelte die Stirn. Ein Gefühl von Kälte kroch über ihren Rücken.

Leo hielt das Band in den Händen und sah sie nur an. Sie wartete. Das Mädchen war nicht für seine Geduld bekannt, doch nun saß es einfach da und wartete. Und Sarah legte ihren rechten Arm auf den Tisch. Leo befestigte das Band über dem Pflaster. „Du kannst es beim Duschen dranlassen. Du kannst es für immer dranlassen.“

„Danke.“ Sarah betrachtete ihren Arm. „Das sind schöne Farben.“

„Ja.“ Leo betrachtete es ebenfalls. „Ich dachte, es sind deine Lieblingsfarben. Grün und lila, so sah dieses Board aus, mit dem du mal hier warst.“

Sarah sah sie an. Das stimmte, ihr Longboard hatte eine Grafik in dieser Farbe.

„Und schwarz passt überall dazu. Außerdem gefällt es mir. Magst du es auch, Sarah? Schwarz?“

„Ja.“ Sie nickte. „Schwarz ist gut.“ Schließlich stand sie auf. „Danke, Leo. Ruh dich aus.“

„Mach ich.“

Sarah war an der Tür angekommen, als der kalte Schauer auf ihrem Rücken zurückkehrte. Sie drehte sich um. Leo saß an dem Tisch und flocht Bänder. „Falls du den Trick probieren willst, kann ich dir gleich sagen, dass er nicht funktioniert, Sarah. Du weißt schon, das, was alle sagen. Wenn du etwas siehst, was es gar nicht gibt, dann mach die Augen zu und wieder auf, und es wird verschwunden sein. Es funktioniert nicht. Ich habe es ausprobiert.“ Sie hob den Kopf und blickte sie an. Dunkle Augen. Und der Ausdruck.

Sarah nickte. Dann verließ sie das Zimmer.

 

Spielplatz.jpg

– Auszug aus Nathen –

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