Das grazile Mädchen

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„Spiel uns was!“, rief Ben, und die anderen stimmten sofort mit ein. „Ja, Sarah, du musst etwas spielen!“

Sarah schüttelte den Kopf. „Oh nein, ich kann nicht spielen.“

„Doch, du kannst!“

Sie blickte die Kinder wieder an, die erwartungsvoll geweiteten Augen, die gespannten kleinen Körper.

„Nein, tut mir leid. Ich spiele nicht.“

Ben öffnete den Mund, doch er schloss ihn wieder, als Josephine neben ihm erschien. Sie bewegte sich beinahe lautlos. In der Hand hielt sie ein Blatt, und sie reichte es Sarah.

Auch wenn sie wusste, um was es sich handelte, und sich alles in ihr sträubte, es anzunehmen, tat sie es trotzdem. Sarah faltete das Papier auseinander, warf einen Blick darauf und sah dann Josephine an. „Chopin.“

Das grazile Mädchen nickte, und es schien, als würde ihrem Kopf ihr gesamter Körper folgen. Sie blickte Sarah auf diese wissende Art an, und Sarah klappte den Notenständer aus und stellte das Papier hinein.

Ben schob ihr einen Stuhl vor den Flügel, und die Kinder verstummten und standen beinahe unbeweglich.

Sarah nahm Platz. Sie kannte das Stück, doch es waren Jahre gewesen, seit sie das letzte Mal gespielt hatte. Überhaupt gespielt. Sie sah von dem Notenblatt auf und blickte zu Josephine. Das Mädchen wirkte fragil, als würde ein Windhauch ausreichen, um sie fortzutragen. Und Sarahs Finger berührten die Tasten, trafen auf Anhieb das B und stimmten beim zweiten Takt mit der linken Hand mit ein. Sie mochte Chopin, besonders sein Nocturne op.9, es war in einer unaufgeregten Art und Weise wild und ungestüm, auch wenn es sich auf den ersten Eindruck nicht danach anhörte. Man musste es nur richtig hören. Und spielen. Ihm die nötige Tiefe geben.

Josephine begann ab dem sechsten Takt zu tanzen, und die Augen der Kinder wanderten zu Sarahs fliegenden Fingern zu dem grazilen Mädchen, welches sich anfangs nur leicht hin und her wog, doch dann die Schritte immer weite setzte und mit den Armen immer weiter ausholte.

Sarah sah sie nur aus den Augenwinkeln, doch nach und nach wurde sie sicherer und nahm für einige Takte die Augen vom Blatt. Noch nie hatte sie einen Menschen gesehen, der sich bewegte wie es Josephine tat.

Das Mädchen hatte sich bald in dem gesamten Raum fortbewegt, sie machte immer größere Kreise, und sobald die Musik drängte, tat es auch Josephines Körper. Er bog sich dann, streckte sich, als würde er sich sammeln und dann, das was er gefunden hatte, in einem langen ausgestreckten Arm weitergeben, an einem einzigen Finger in die Welt hinaustragen.

Die Kinder betrachteten Josephine in einem atemlosen Staunen, und bald tat es Sarah ebenso. Josephine setzte einen Schritt nach dem anderem, beugte sich, streckte sich und fuhr mit den Fingern die Wand entlang. Und dort, wo sie sie berührte, dehnte sich die Wand, flimmerte einen Augenblick lang und zog sich zusammen. Wie die Oberfläche eines Sees, und so sah der Gemeinschaftsraum in diesem Moment aus: Wie Wasser, das einen Tropfen aufnahm und ihn dann wieder ausspuckte.

Sarah hatte keine Zeit, zu hinterfragen, was sie sah;  ihr Verstand vermerkte zuerst, dass es wahr war, was sie sah, und verstaute dann den Gedanken unter dem schwarzen Tuch. Es gab keinen Zweifel daran, dass die Kinder es auch sahen, und doch war nichts in diesem Augenblick seltsam oder unwirklich; in diesem Augenblick, an dem Sarah an dem Flügel saß und Nocturne von Chopin spielte und Josephine sich in einer einzigartigen Anmut bewegte.

Alles war richtig, und alles war wahr, und auch dieser Gedanke kroch unter das schwarze Tuch in Sarahs Gedanken.

Josephine stand still, als die Musik endete. Die Kinder taten es ebenfalls, noch immer standen sie still, mit großen Augen und einem Ausdruck von Faszination und Ehrfurcht auf den Gesichtern. Und noch etwas anderes war in ihnen zu lesen. Der Ausdruck der Wissenden. Ein wenig von dem, was Josephine wusste und kannte und gesehen hatte, hatte sie nun an die Kinder weitergegeben.

Und an Sarah.

Sie stand auf, nahm das Notenblatt und klappte den Deckel des Flügels zu; das reine Weiß und das tiefe Schwarz verschwanden.

Es war still in dem großen Raum, niemand wagte die Ruhe, die entstanden war, zu stören. Langsam bewegten sich die Kinder zu den zusammengeschobenen Tischen am Eingang, setzten sich und schlugen ihre Hefte auf. Immer wieder blickten sie auf und betrachteten Josephine, das grazile Mädchen.

„Du spielst gut“, sagte diese, als sie zu Luft gekommen war. Sie stellte sich an den Flügel und betrachtete ihn verträumt.

„Na ja, etwas holprig, aber Danke“, erwiderte Sarah.

„Warum spielst du denn nicht mehr?“ Es dauerte eine Weile, bis Josephine den Blick von dem edlen Holz nahm und Sarah ansah. Es lag kein Argwohn darin.

„Ich … weiß nicht. Ich kann nicht.“

„Du konntest nicht“, korrigierte Josephine.

„Ja.“

„Wann hast du es das letzte Mal getan?“

„Vor knapp drei Jahren.“ Sarah wusste es auf den Tag genau.

„Oh“, machte Josephine. „Das tut mir leid.“

Selten hatte Sarah eine solch aufrichtige Aussage gehört. Und das war ihr ebenso klar wie die Tatsache, dass die meisten Kinder hier bereits Bekanntschaft mit dem Tod gemacht hatten. Dem Tod und all seinen hässlichen Begleitern.

„Danke.“ Sie strich über die glänzende Oberfläche des Flügels. Nach einer Weile blickte sie Josephine an. „Du solltest immer tanzen. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen.“

Ein Hauch von Röte huschte über die blassen Wangen des Mädchens. „Ich danke dir sehr. Es ist … es ist alles für mich.“

Sarah nickte. Und dann folgte sie dem Blick von Josephine, auch wenn sie es nicht wollte. Sie betrachteten die Wände des Gemeinschaftsraumes, die nun wieder starr waren.

Einbildung, Sarah, nichts anderes war es gewesen.

Natürlich.

„Es war nicht schlimm bei meiner Tante“, sagte Josephine unvermittelt. „Ich meine, sie hat nie geschrien oder mich geschlagen. Und sie ist sehr oft verreist. Sie sagte immer, das Reisen wäre ihr Ein und Alles. Dass es sie am Leben halten würde. Vielleicht wollte sie mich deswegen nicht.“ Sie sah Sarah an, der Blick klar. „Vielleicht war das Reisen für sie wie das Tanzen für mich.“

„Trotzdem“, entgegnete Sarah. „Sie war trotzdem ein Unmensch.“

„Mag sein.“ Josephine drehte wieder den Kopf und tastete mit den Augen die Wände ab. „Oft habe ich sie auf ihren Reisen begleitet. Immer, wenn Ferien waren, durfte ich mitfahren. Das waren die schönsten Zeiten. Die allerschönsten.“

„Das verstehe ich.“ Sarah vermied es, länger die Wände anzusehen und betrachtete Josephine, die sich ihr wieder zuwand.

„Wir waren an so vielen Orten, Sarah. In Südafrika und in Russland. Und in Schottland. Warst du je an der schottischen Ostküste, Sarah?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht.“

„Ja. Du musst irgendwann dorthin fahren. Nie habe ich mehr Farben gesehen als dort. Sie sind so … satt. Verstehst du?“

„Ich schätze, schon.“

„Und Riga“, fuhr Josephine fort. Ein wenig Rot lag noch immer auf ihren Wangen, nun vermutlich nicht mehr aus Scham, sondern aus Freude. Ein kleiner Teil ihres Lebens war es nur, der ihr diese Erinnerung und Freude brachte, doch es war Freude. „Dort sind alle Farben anders. Wie überlagert.“

„Das würde ich gern einmal sehen“, sagte Sarah. Sie wollte es tatsächlich sehen. Einen Ort aus überlagerten Farben.

Auf einmal stand ihr Josephine ganz nah. Ohne einen Laut hatte sie einen Schritt gemacht und stand nun direkt neben Sarah. So nah, dass diese den Ring um ihre Iris sehen konnte.

„Ich war schon an so vielen Orten, Sarah“, sagte Josephine leise. Es klang beinahe wie ein Singsang. „Ich habe schon so vieles gesehen. Jeder Ort ist anders, jeder Ort …“ Sie holte tief Luft, als müsse sie kurz Kraft schöpfen, „… erzählt eine andere Geschichte. Und dieser Ort hier, dieses Gebäude, es erzählt eine Geschichte, die niemals endet. Hört du sie, Sarah?“

Sie spürte Finger aus Eis über ihren Rücken wandern, die Wirbelsäule entlang, bis in den Nacken hoch.

„Er erzählt eine Geschichte“, fuhr Josephine fort, in dem leisen, sich wiegendem Ton. „Ich kann sie hören, Sarah. Und ich kann sie sehen. Ich sehe die Geschichte, Sarah.“ Josephine blickte erneut zu den Wänden, betrachtete sie aufmerksam, dann drehte sie den Kopf zurück, auf ihren Lippen ein Lächeln. „Ich höre sie, Sarah. Ich höre diesen Ort. Ich höre dieses Haus. Die Wände, Sarah.“ Sie kam näher, ganz nah nun. „Sie verformen sich. Du hast es gesehen.“

Sarah fühlte die Hand aus Eis, sie tastete mit schmalen Fingern nach ihrem Haaransatz. Sie wollte einen Schritt zurück machen, sich von Josephine abwenden, doch die griff nach ihrem Arm und hielt sie fest. „Hörst du, was dieses Haus sagt? Siehst du es? Die Wände, Sarah. Die Wände brechen ein.“

 

Das grazile Mädchen.jpg

 

-Auszug aus Nathen

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    • Dankesehr! Ich musste ein wenig kürzen und ändern, mag nicht zu viel verraten. Inzwischen bin ich ins Herz von Nathen vorgestern und ängstigen mich immer mehr… Auch beängstigend, dass ich endlich wieder schreiben kann. Flüssig. Oder gut 😉
      Danke für Deinen Kommentar!

      • „Grob“ geschrieben isses bereits. Aber da ich nicht ellenlange Teile posten will oder täglich, werde ich mir bis ins nächste Jahr Zeit gönnen. Im Rhythmus wie bisher: Text – 2 Beiträge zum Schreiben – Text. Macht mir mehr Spaß so und hat vielleicht auch mehr Mehrwert für die Blogleser. Hoffe ich zumindest 🙂

      • Den Spaß sollte man niemals unterbewerten.
        Mir fällt das schwer. Aber so „tief“ habe ich auch noch nie geschrieben. Parallel schreiben funktioniert bei Nathan nicht.
        Was gibt’s Neues bei dem Schreibratgeber?

      • Da bin ich noch am rekrutieren. Sollten ja schon einige Autoren dabei sein, damit’s nicht zu dünne wird. Anfang nächsten Jahren werde ich nochmal einen Aufruf posten, danach mit euch KollegInnen absprechen, wer wieviel und was schreiben wird. Ich peile den Frühling an.

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