Die schlurfende Frau

 

Er nippte an der Tasse und verzog das Gesicht. Er mochte es, wenn der Schmerz sich durch seine Lippen fraß und bis in die Augen zog. Heißen Tee zu bekommen, war nicht einfach. Bevor er in der Küche ausgeschenkt wurde, ließ man ihn abkühlen. Et war warm, ja. Aber brühend heiß war er nicht. Und bis er auf dem Wagen in den linken Flügel gekarrt war, war er sowieso abgekühlt.

Manuel hatte nach einer Thermoskanne gefragt, und da die Idioten hier nicht wussten, wie man sich aus den schön gebogenen Scherben eine wundervolle Kralle basteln konnte, wurde ihm eine erlaubt. Und wenn Schwester Monika Dienst hatte, bekam er eine Kanne frisch gekochten Tee auf sein Zimmer gebracht. Monika war keine Schwester, sondern nur eine dämliche Putze, die manchmal in der Küche aushalf. Und Manuel war sich sicher, dass sie das nur machte, um sich vollzufressen. Der eine Suchti erkennt den anderen sofort. Und so hatte er auch gleich gecheckt, dass die Putze sich einen abfreute, wenn er sie Schwester nannte. Sie fraß ihm aus der Hand.

Monika war dämlich, doch nicht dämlich genug, um die Kanne vor den anderen nicht zu verstecken. Sie wusste sicher nicht, warum sie es tat, nur, dass es gegen eine Regel verstieß. Gegen welche Regel wusste sie vermutlich nicht, nur dass es ganz bestimmt irgendeine geben würde. Dieser ganz Scheißhaufen hier roch nach Regeln.Mit Regeln kannte Manuel sich aus. Er wusste, welche es gab und wie man sie umgehen konnte. Und so hatte er das mit der Kanne hingekriegt und das mit dem illegalen Transport von kochendem Wasser.

Drüberkippen konnte er sich das Zeug nicht, und auch nicht den anderen. Und so trank er es halt, einen Schluck nach dem anderen. Die inneren Verbrennungen sah keiner.

Manuel stand im Rahmen seiner Zimmertür und blickte auf den Flur, die Tasse an den Lippen. Wenn er sie das nächste Mal sehen würde, würde er einen Schluck nehmen, und zwar einen großen. So war der Plan.

Es war nicht so, dass sie sehen wollte. Er hatte eine scheiß Angst vor ihr. Und zuerst war sie auch ja ferngeblieben. Er hatte sie nur gehört. Dieses Schlurfen. Doch seit dieser Nacht war sie erschienen, sie schlurfte durch den Flur und machte ihm eine scheiß Angst. Seit der Nacht, in der die Verrückte aus dem rechten Flügel durchgedreht und im Leichensack abgeholt worden war; kam die schlurfende Frau jeden verdammten Tag und grinste ihn an. Das Grinsen war das Schlimmste. Das und ihre komisch nach oben gebogenen Hände. Wie Klauen. Er hatte sie gehört, das Schlurfen kannte er ja; er erinnerte sich an keinen Tag ohne das Geräusch. Und seit zwei Tagen klang es anders. Er wusste, dass sie da war. Er war in der Nacht aufgewacht und hatte sich aus dem Zimmer gestohlen. Und da hatte er sie gesehen. Es war ein großer Kasten, was er sah. Der Kasten hatte oben einen gebogenen Kopf, wie ein Vogel. Und vorn die Klauen. Und dann hatte sich der Kasten umgedreht und war auf Maunuel zugekommen.

Er hatte schon einiges gesehen, vor allem Blut. Und das, was Thomas mit der Göre im Waschraum gemacht hatte, war ja nun wirklich nichts gewesen. Er hatte sich nicht einmal geschnitten. Höchstens ein wenig geritzt.

Und alles Blut war nichts gegen den Scheiß, der sich jetzt jede Nacht auf dem Flur abspielte. Der Kasten, der über die Fliesen schlurfte. Der sich umdrehte und sein Vogelgesicht zeigte. Das Gesicht einer Frau.

Seitdem stand Manuel auf dem Flur, den ganzen Tag lang. Er wollte sich den Anblick aus dem Gesicht brennen. Und jetzt, als er so stand, dachte er an eine Rechnung. Er war nicht der Hellste, doch er konnte Eins und Eins zusammenzählen. Die schlurfende Frau war aufgetaucht, als dieses Scheißkind durchgedreht war, richtig?

Richtig, dachte Manuel und führte die Tasse zum Mund, als er das Schlurfen hörte. Da musste man doch was machen können.

sf

-eine Erzählung aus Nathen

 

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6 Gedanken zu “Die schlurfende Frau

      1. Na, die rauen Töne 🙂 Will sagen die Perspektivierung auf einen, der alle anderen bescheuert und kacke findet – und der das von seiner Autorin dann auch so in den gedanklichen Mund gelegt bekommt. Plus einen verbrennend heißen Tee auf die Lippen 🙂
        Das ist schon ein anderer Sound als beim Personal bisher … Nochmals gegrüßt!

      2. Ah. Stimmt, das liegt an der anderen Perspektive. Die gibt es ja im Buch nicht, ist nur ein Extra für die Blogleser 😉
        Und ich finde es zwischendurch toll, die gruseligen Dinge durch die Augen der kennenzulernen, die sie sehen. Sonst habe ich ja „nur“ Sarah.

  1. Sehr spannend und gruselig. Zugleich ein Vogelgesicht und das Gesicht einer Frau. Es könnte alles die Phantasie / Einbildung von Manuel sein, der ein Patient in der Psychiatrie zu sein scheint. Doch wer weiß. Er wirkt ausgekocht und weiß, wie er die Menschen für sich einsetzen kann.
    Ich bin gespannt, wann Julia einen nächsten Beitrag aus Nathen präsentiert und warte.
    Viele Grüße!

    1. Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren! Gruselig und spannend – das freut mich sehr!
      Manuel lebt in der „Sonne“, einem Heim.
      Wenn Du magst, kannst Du Dir noch andere Beiträge aus oder über Nathen ansehen, dort lernst Du diesen Ort etwas kennen…
      Liebe Grüße, Julia

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