Verdrängung, Schutz und Wahrheit – Im Gespräch mit Kayseeatwe.

Anna

 

 

Anna-Katharina Banike

kayseeatwe.wordpress.com

@kayseeatwe

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Anna! Deine Geschichte spielt in einem Spiegelkabinett …

Ich hasse Spiegelkabinette. Einmal drin gewesen, nie wieder.

Oh, so schlimm?

Nein. Also doch. Ein Spiegel zeigt prinzipiell deine Reflexion. Aber eben nicht immer die Wahrheit. Da werden Tricks angewandt mit Beleuchtung, Krümmung und Form, dass es die Wahrnehmung verzerrt. Das mag ich nicht. Ich mag es, die Kontrolle zu haben und zu wissen, worauf ich mich einlasse. Das habe ich in einem Spiegelkabinett nicht. Es gibt einen vorgefertigten Weg und im Zweifelsfall muss ich mich mit mir selbst in der tausendfachen Ausführung beschäftigen und schlimmstenfalls auch noch mit Reflexionen von anderen Mutigen in dem Raum.

In gewisser Weise haben wir in deiner Geschichte genau diese … Furcht ganz klar vor Augen geführt. Der Protagonist schaut in den Spiegel, und was er da sieht, nennt er nicht Ich sondern Er.

Ja, weil der Spiegel ihm eine Wahrheit zeigt, die er selbst verdrängt hat.

Du hast dies als Thema gewählt – denkst du, dass die Menschen sich vor dem vorgehaltenen Spiegel fürchten?

Ja, ich glaube, viele Menschen kommen mit der Wahrheit nicht zurecht. Und viele nehmen sich nur noch einen Bruchteil von der eigentlichen weg und arbeiten mit ihr, blenden quasi die anderen Bestandteile der Wahrheit aus. Vielleicht sind wir nicht konzipiert, alles um uns herum wahrzunehmen, aber etwas mehr Aufmerksamkeit auch untereinander wäre im Allgemeinen auch für die Gesellschaft förderlicher. Sagt man den Menschen dann genau dies – man solle reflektieren – stößt man auf Abneigung. Wir sind alle nicht perfekt, aber wir sollten zumindest uns selbst reflektieren.

Selbstreflektion und Verdrängung. Zwei große Begriffe, die auch in der Anthologie wichtige Rollen spielen. Herzlich willkommen, liebe Anna, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, darüber freue ich mich auch sehr. Es war eine großartige Zusammenarbeit mit sehr viel konstruktiver Kritik und auch Aufbauarbeit, wenn man verzweifelt war. Ich für meinen Teil hätte vor allem während des Überarbeitungsprozesses die Geschichte gerne gegen die Wand geschmissen. Aber welcher Autor kennt das nicht?

Kommen wir noch mal zum Spiegel. Du sprichst von gern und bewusst nicht wahrgenommener Wahrheit. Welche Wahrheit meinst du damit?

Ich glaube, dahinter steckt Selbstschutz. Wir versuchen uns das Leben so zu gestalten, wie wir es ertragen können. Das ist nicht verwerflich, wenn man unangenehme Dinge an den Rand drängt, aber gefährlich, wenn sie einen dann doch einholen und man nicht gewappnet ist. Die gern gesehene Wahrheit ist wohl die, mit der wir umgehen können. Sind wir ehrlich, wenn man jemanden kennenlernt, wer ist dann sofort offen und gibt alles von sich preis? Wir zeigen das, was gesehen werden will. Das entspricht einem Ideal und der Wahrheit, die wir gerne zeigen. Die bewusst nicht wahrgenommene Wahrheit wäre in diesem Fall dann das, was sich uns entzieht oder unser Weltbild ins Straucheln bringt. Es würde uns Arbeit machen damit umzugehen, also verdrängen wir.

Was denkst du, muss der Leser mitbringen, um in dein Labyrinth Einblick zu bekommen? Was würdest du dir von ihm wünschen?

Er sollte offen sein für Neues und ein gutes Urteilsvermögen besitzen. Vielleicht sollte er seine Gedanken auch mal losmachen von allen Normen, die er kennt. Vielleicht lernt er sich selbst dadurch etwas mehr kennen? Ich habe mich während des Schreibens auch selbst besser kennengelernt. Zum Guten wie zum Schlechten.

Kannst du ein Beispiel geben?

Die Kurzgeschichte ist in der Grundform relativ alt und wurde als Gedankenexperiment angefertigt. Ich wollte wissen, wie tief ich selbst sinken kann. Ob ich tun könnte, was der Protagonist tut. Lange konnte ich es nicht, was wohl eher daran liegt, dass das, was ich schreibe, und von was ich selbst überzeugt bin, zwei paar Schuhe sind. Es geht in Geschichten nicht immer nur um das Offensichtliche. (Ich weiß, das wollten wir im Deutschunterricht nie wahrhaben, wenn es um das Interpretieren ging), sondern um das, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Was uns mitgeteilt werden will. Ich habe für mich eine Grenze festgestellt. Ich besitze die Lust, jemandem Schaden zuzufügen, nicht. Egal auf welcher Ebene.

Ein sehr großes, tiefes und mutiges Experiment. Glaubst du, dass andere Autoren ebenfalls sich selbst und ihre Grenzen in den Geschichten suchen, die sie schreiben?

Nicht immer, aber ich glaube, viele versuchen Grenzen auszutesten. Autoren setzen doch dauernd Regeln außer Kraft, sobald sie ihre Fantasie einbringen. Wie sonst wären wir an so viele Genres gekommen? Irgendwelche Regeln werden immer gebrochen.

Viele großartige Geschichten gäbe es nicht ohne den Mut der Autoren, auch moralische und ethische Regeln zu brechen. Wir sind ja nicht nur da um zu unterhalten, wir haben auch einen Auftrag. Menschen lesen, sie denken unweigerlich darüber nach und wenn sie nur einen Funken davon behalten, ist es in ihrem Kopf und dort bleibt es. Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Und sie wird unsterblich, je mehr Menschen sie teilen.

Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Fabelhaft! Wie sieht es mit der lesenden Anna aus? Welche Ansprüche stellst du, wenn du liest?

Wenn ich lese, kommt es auf meinen Gemütszustand an. Ich kann nicht immer anspruchsvolle Literatur lesen. Ich greife gerne mal zu den Dingen, die nicht alle meine grauen Zellen fordern. Aber eigentlich steh ich auf Literatur, die zum Nachdenken anregt, die mir was beibringt und Emotionen hervorruft. Ich lasse mich gern auf Experimente ein. Ich bin sehr schnell empathisch, auch für die Antagonisten. Und ich bin ein Angsthase.

… und Emotionen hervorruft … Was muss ein Text haben, um Emotionen bei dir zu wecken?

Ich glaube, um mich ködern zu können, muss er nur existieren. Wie gesagt, ich bin ein emotionaler Mensch, der dazu steht, in allen Situationen Gefühle zu haben. Was bringt es mir, sie zu unterdrücken, wenn mich vor allem das Bauchgefühl leitet. (Und das bisher ganz gut.) Ist ein Text schlecht, rege ich mich natürlich auf. Ist er gut, rege ich mich mit dem Protagonisten auf. Lachen, weinen, fluchen. Kann ich alles, wenn ich lese. Genauso wie die Umwelt oder die Zeit vergessen. (Ganz gefährlich, wenn es dann schon 2-3 Uhr in der Nacht ist und der Tag um 6 Uhr beginnt.)

Guter Punkt! Dass man immer Emotionen findet, selbst wenn der Text schlecht ist. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht! Denkst du, dass es bestimmte Kniffe gibt beim Schreiben, um Emotionen beim Leser rauszukitzeln?

Emotionen äußern sich in körperlichen Reaktionen. Wenn man diese glaubhaft beschreibt, wird der Leser sie zumindest verstehen. Ansonsten kommt es natürlich auf den Leser an, ob der empathisch ist oder die Situation schon einmal erlebt hat.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Es war für mich auf jeden Fall neu und aufregend. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt.

Liebe Anna, vielen Dank für deine Offenheit und die sehr interessanten Ansätze!

Danke, hat mir Spaß gemacht!

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Ein Gedanke zu “Verdrängung, Schutz und Wahrheit – Im Gespräch mit Kayseeatwe.

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