Drogen, Fluss und Ambiguitätstoleranz – Im Gespräch mit Jens-Michael Volckmann

Jens

 

 

Jens-Michael Volckmann

jmvolckmann.de

@JMVolckmann

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, lieber Jens, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Ich freue mich sehr, an Bord sein zu dürfen.

Deine Geschichte „Abuela“ beinhaltet Sehnsucht und Flucht auf eine ganz wunderbare Weise.

Oh Danke. Ich hatte fest damit gerechnet, dass als erstes wieder ein Drogenkommentar kommt.

Nö, das mit den Drogen haben wir hinter uns gelassen.

Super. Ich musste nämlich sehr lachen, als Michaela mir mitgeteilt hat, dass Nika ihr sagte, bei meiner Geschichte könnte es sich um einen üblen Drogentrip handeln.

Aber es  stimmt. Sehnsucht und Flucht stehen bei Abuela ziemlich im Mittelpunkt. Allerdings weiß das der namenlose Protagonist die ganze Zeit nicht. Und mir ging das beim Schreiben genauso.

Hahaha! Ich habe mal eine Geschichte geschrieben, von der ein Autor nach dem Testlesen sagte: „Was geht denn mit dir?“ Dabei wollte ich nur schreiben ohne zu … glätten. Verstehst du? Ich predige ja immer das mutige Schreiben. Würdest du sagen, deine Geschichte hast du auch mutig geschrieben?

Hm, beim Schreiben von „Abuela“ war es ganz eigenartig.  Ich gehöre ja zu diesen Autoren, die erst mit dem Schreiben beginnen können, wenn sie einen detaillierten Plan über den gesamten Plot haben. Bei „Abuela“ war es anders. Ich hatte vor zwei oder drei Jahren die Idee, eine Geschichte über Sinnsuche zu schreiben und wusste auch ungefähr, dass sie in einem Treppenhaus spielen soll, aber mehr wusste ich nicht. Ich denke, mein Unterbewusstsein hat die Geschichte so lange hin und her gewalzt, bis sie fertig war. Und als ich dann de Ruf der Sehnsuchtsfluchten gefolgt bin, ist sie einfach aus  meinen Fingern geflossen. Das ist total verrückt, denn ich dachte bisher immer, dass das ein übles Schreibklischee wäre.

Ha!, rufen jetzt alle Fluss-Schreiber.

Sehr wahrscheinlich.

Schreiben ohne Plot. Das Unterbewusstsein plottet sozusagen. Könntest du dir vorstellen, dass das Thema Emotionen der Anthologie damit zu tun haben könnte?

Das kann schon sein. Ich glaube, dass Thema und Format da ganz gut zusammengespielt haben. In Kurzgeschichten kann man ja deutlich experimenteller sein, ohne die Leser*innen dabei zu verlieren. Ich glaube, Kurzgeschichten eignen sich ganz besonders, um Situationen zu erschaffen, die die Leser*innen selbst mit ihren Emotionen füllen können oder die sie mit ihren Emotionen konfrontiert. Und nicht nur die Leser*innen, sondern auch uns Autor*innen.

Ich glaube, das Wichtigste war mir, dass ich nicht zeige „Schaut her, so und so fühlt sich der Protagonist“, sondern dass das jeder für sich selbst aushandeln kann. Vielleicht war auch genau das der Grund dafür, dass dieser Schreibfluss entstanden ist. Ich habe etwas gefühlt, ein Gefühl seit Jahren mit mir herumgetragen, und anstelle das Gefühl zu beschreiben, hat mein Unterbewusstsein so lange herumgedoktert, bis ich ein Setting beschreiben konnte, in das dieses Gefühl passt.

Dann hast du also auch nie auf diese Art und Weise geschrieben … Hast du vor es wieder zu tun? Denkst du, du könntest es … herauslocken? Oder ist es eher so, dass du lieber beim geplanten Schreiben bleiben willst?

Die Trennlinie zwischen Plotten und aus dem Bauch heraus Schreiben wird viel zu eng gezogen. Ich habe vorhin ja selbst gesagt, dass ich ohne Plan nicht schreiben kann. Aber wenn ich über meine Art des Schreibens nachdenke, dann bin ich mir sehr sicher, dass ich zwar Romane und Novellen nicht aus dem Bauch heraus schreibe, den Plot, oder die Outline, die Szenentabelle, oder wie man das Hilfsmittel auch immer nennen mag, aber genau auf diese Weise entsteht. Ich bin kein entdeckender Schreiber, sondern vielleicht so etwas wie ein entdeckender Outliner. Vielleicht habe ich Angst, dass wenn ich auf den Zwischenschritt des Planens und Plottens verzichte, das Ergebnis dann so aussieht wie mein Schreibtisch. Also mit anderen Worten: Ich denke bei Kurzgeschichten kann ich so vorgehen wie bei „Abuela“, bei längeren Arbeiten werde ich aber darauf verzichten – die Magie dieser Heureka-Schreibmomente geht dabei aber nicht verloren, sondern sitzt nur an anderer Stelle im Schreib- und Planprozess.

Sehr gute Antwort!

Danke.

Glaubst du, Kurzgeschichten oder eben kürzere Texte verzeihen das Subtile eher als Romane? Denn von dem Subtilen sprechen wir ja, wenn wir dem Leser nichts vorgeben außer ein paar Zutaten, aus denen er sich sein Mahl selbst kocht? Wobei verzeihen nicht der richtige Ausdruck ist. Ich überlege mal noch. Du darfst schon antworten 😉

Ja, auf jeden Fall. Wobei Romane definitiv auch subtil sein müssen. Ich finde in allen Literaturgattungen und Formaten kaum etwas schlimmer als Botschaften, die den Leser*innen mit dem Holzhammer um die Ohren gehauen werden. Aber Kurzgeschichten bieten dafür den besten Nährboden. Als Leser*innen bringen wir viel mehr von unserer eigenen Persönlichkeit mit. Als Autor*in versucht man ja gar nicht erst komplexe Charakterentwicklungen zu skizzieren, sondern zählt darauf, dass sich die Leser*innen auf die Kürze des Textes einlassen. Subtilität und Vieldeutigkeit sind der Atem von Kurzgeschichten. Ich habe vor anderthalb Jahren einen Begriff kennengelernt, der mich seitdem verfolgt. Ich denke, der passt perfekt zu dem, was Kurzgeschichten ausmachen und was man von Leser*innen von Kurzgeschichten erwarten muss: Ambiguitätstoleranz. Das ist die Fähigkeit, Uneindeutigkeiten ertragen zu können. Und genau das macht für mich eine gute Kurzgeschichte aus. Sie gibt dir in schneller Abfolge eine Backpfeife, einen Kuss auf den Mund und einen Zwick in den Po und ehe du weißt, was gerade passiert ist, hat sich die Kurzgeschichte wie ein Ninja in einer schwarzen Rauchwolke verpufft und lässt dich damit alleine.

Ich bin absolut deiner Meinung, besonders was Hammer und das Alleinlassen betrifft. Leser, die wir uns damit wünschen, scheint es nicht so viele zu geben. Die Kurzgeschichten sind ein bisschen das Stiefkind der Literatur. Denkst du, es kann auch einfach zu anstrengend sein, seine „Dinge“ mitzubringen und sich damit auseinanderzusetzen? Durch das Verpuffen, von dem du sprichst, ist man ja quasi dazu gezwungen.

Kürzere Texte sind bestimmt eine Herausforderung und wer diese Formate nicht kennt oder nicht weiß, was auf ihn oder sie zukommt, kann vielleicht abgeschreckt werden. Ich habe manchmal den Eindruck, dass je kürzer ein Text ist, desto stärker die Wirkung sein kann. Wenn ich da beispielsweise an japanische Haikus denke, die fast Zen-artig eine Stimmung einfangen und so geschrieben sein sollen, dass die Leser*innen das Gedicht durch ihre eigene Erfahrung oder Interpretation vervollständigen müssen. Kürzer geht und intensiver geht es ja kaum – aber man wird es damit wohl nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen.

Bedeutet das, dass es schwieriger ist, einen kurzen Text zu schreiben? Kennst du Dirk Kubjuweit? Er schreibt Essays, meist politisch, aber das merkt man nicht, weil er … weil er einfach drauf hat. Ich fürchtete mich immer, seine Bücher zu lesen. Als ich es dann doch tat, war ich enttäuscht. Diese … Essenz war dahin.

Das mit Kubjuweit war impulsiver Anhang 😉

Dirk Kubjuweit kenne ich leider nicht. Aber in deinem impulsiven Anhang hast du ein ziemlich gutes Wort verwendet: Essenz.

Wenn man an die Küche, das Chemielabor oder alte Alchemisten denkt, dann werden Essenzen hergestellt, in dem etwas so lange gekocht oder bearbeitet wird, bis nur noch das Wesentliche übrig bleibt. Das ist super für kurze Texte geeignet – bei Romanen lauert die Gefahr (um im Küchenjargon zu bleiben), dass das Wesentliche immer noch zu stark verwässert ist oder durch die Stil- und Strukturelemente längerer Formate wieder verwässert wird.

Aber ich glaube nicht, dass das Eine schwieriger zu schreiben ist als das Andere. Es müssen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Vielleicht hätte dir das Buch von Kubjuweit super gefallen, wenn du nie seine Essays gelesen hättest?

He! Warum sagst du das? Jetzt muss ich darüber nachdenken.

Und ich muss Dirk Kubjuweit googeln.

Kommen wir nochmal zu „Abuela“. Ich finde Pedro unglaublich süß. „Ich guck auch nicht.“

Ich finde es unheimlich interessant, welche Haken Du schlägst beim Erzählen. Gerade zum Ende hast du weise Wort zur Sinnsuche, unglaublich schön verschlungene Sätze. Aber so in der Mitte, da, wo der Leser selbst die Treppe hochgehen muss, schlägst du ganz schöne Knüppel. Ich hätte vielleicht gezweifelt, dass das funktioniert.

Ehrlich? Das ist mir gar nicht so aufgefallen. Die Idee war ein bisschen, den Treppenaufstieg an das Leben anzulehnen. Aber jetzt wo du das sagst, stimmt das schon. Das Leben schlägt ja auch manchmal ganz schöne Haken … und Knüppel.

Das mit der Treppe empfand ich auch so. Und als offenes Dachgeschoss, welches ins … wo auch immer hinführt, dient die Taube. Quasi der Fahrstuhl ins Oben. Ich mag solche Geschichten. Gerade die, die dir nichts aufzwingen.

Der kleine Pedro ist in diesen Momenten dann die kindliche Naivität und Neugierde, die zu bewahren manchmal viel ratsamer ist, als das ewige erwachsene Analysieren und Durchdenken.

Pss, du darfst doch nichts verraten.

Oh, Entschuldigung … dann vielleicht eine andere Sache zu Pedro.

Pedro geht auf die Inspiration durch einen Schreibratgeber zurück, den ich an jeder Stelle immer empfehlen – also auch hier. In seinem unfassbar skurril illustrierten „Wonderbook“ beschreibt Jeff VanderMeer die Heldenreise am Beispiel eines mexikanischen Wrestlers. Das war wahrscheinlich die Geburtsstunde von Pedro. Das Buch kann ich wirklich jedem ans Herz legen.

Ah, vielen Dank!

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Erst einmal eins vorweg: Die Idee zu dieser Anthologie, sowohl was das Thema angeht, als auch die Intention noch nicht oder erst in geringem Ausmaß veröffentlichten Autor*innen eine Bühne zu bieten – und dazu auch noch eine so professionell daherkommende Bühne! – ist wirklich großartig. Da gebührt euch, Julia, Karena und auch Michaela als Lektorin, ein riesiges Dankeschön.

Und zum Prozess selbst: Ich finde den regen Austausch mit den anderen Autor*innen während des Schreibens super. Aber für mich hat sich der Nebel noch gar nicht gelichtet. Ich weiß noch gar nicht, was das Ergebnis dieses Prozesses ist. Das werde ich wohl erst wissen, wenn ich das Buch in meinen Händen halten und lesen kann, welche emotionalen Facetten von unseren Kolleg*innen abgedeckt worden sind.

Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass das Experiment geglückt ist und bin super, super glücklich, dass ich ein Teil davon sein darf.

Lieber Jens, ich danke dir für dieses ganz berauschende Interview!

Ich danke dir, liebe Julia. Du warst eine tolle Fragenstellerin.

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