Was Wie Wo schreiben?

Nach der Inspiration kommt der Leerlauf, oder?

Als Autorin bin ich ja am meisten auf Twitter unterwegs, wo man viel mitbekommt, woran die anderen Schreiber so leiden. Die zwei häufigsten Leiden: Ideenmangel und Ideenüberschuss. Ich leide an letzterem. Und immer mehr frage ich mich, ob es wohl eher Managementmangel heißen sollte.

Dass ich leidenschaftlich schreibe, wisst ihr ja schön länger. Ich brauche diese Leidenschaft, eine Idee muss mich einholen, muss mich fangen und festhalten. Sie geißelt mich so lange, bis ich mir ihrer in dem Ausmaß angenommen habe, wie sie es verdient hat. So geschehen mit Das Flüstern der Pappeln. Auch das letzte Herzprojekt habe ich in einigen Wochen wahnhaft niedergeschrieben, mitten in der Abschlussphase meines großen Projektes „Nathen“.

Natürlich ist das Risiko namens Prokrastination extrem hoch, wenn man einen Ordner voller neuer Geschichten, Gesichter und Kribbeln hat. Kann es also sein, dass ich mich so davor drücke, bestehende Projekte zu überarbeiten, auseinanderzunehmen und anders wieder zusammenzusetzen? Sie auszubauen; kürzen, ändern, besser machen?

Wie geht es euch hinsichtlich dieser Situation? Kennt ihr sie überhaupt? Wie geht ihr damit um? Habt ihr Tipps für Zeitmanagement, macht ihr Pläne? Und woher holt ihr Motivation für Schreibstunden, an denen man sich seufzend an das Projekt setzt?

Liebe hoffnungsvoll seufzende Grüße …

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Nebel empfängt dich.

Wie jedes Jahr um diese Zeit sage ich, dass ich zurück in Deutschland bin. Aber nur zur Hälfte.

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Was macht man mit dieser einen Hälfte? Was mit der anderen, die noch irgendwo steckt und dort nicht weg will, warum auch immer?

Aus dem Urlaub habe ich auch zwei neue Ideen für Geschichten mitgebracht und sie sofort niedergeschrieben. Wie immer haben mich Küste, Meer, Nebel und Menschen unheimlich inspiriert. Und Bäume. Natürlich.

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Ich zeige euch heute ein paar Bilder. Auch ihr hattet, wie ich hoffe, einen wunderbaren Sommer und Urlaub! Freuen wir uns gemeinsam auf den Herbst, er verzaubert …

 

 

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Schreiben. Lesen. Pause.

Nachdem ihr gestern das letzte Interview aus den Sehnsuchtsfluchten gelesen habt, verabschiede ich mich heute in den Sommerurlaub. Nun, Sommer ist es nicht mehr wirklich, und dort, wohin ich fahren werde, erst recht nicht, doch das stört nicht. Ich mag Wind und Wetter und Sturm.

Ich möchte mich ganz herzlich bedanken: Bei all denen, die mit mir geschrieben haben. Die mich inspiriert haben. Danke an alle Autoren, die an der wundervollen Anthologie beteiligt waren, Danke für eure Mühen und immer wieder aufwallenden Gedanken und Diskussionen, die mich beflügelt haben und immer inspirieren! Und natürlich geht ein sehr großes Danke an die Leser, die nun zum Zuge kommen!

In den letzten Wochen habe ich geschrieben und auch endlich mal wieder gelesen. Viel und parallel gelesen, auch nach Empfehlungen. Ich hoffe, im Herbst die Zeit dafür zu finden, euch davon berichten zu können.

Ich wünsche euch eine wundervolle Zeit, hastet oder rastet, ganz wie es euch beliebt, wir lesen und hören uns im Herbst wieder.

Liebste Grüße, Julia

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Drogen, Fluss und Ambiguitätstoleranz – Im Gespräch mit Jens-Michael Volckmann

Jens

 

 

Jens-Michael Volckmann

jmvolckmann.de

@JMVolckmann

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, lieber Jens, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Ich freue mich sehr, an Bord sein zu dürfen.

Deine Geschichte „Abuela“ beinhaltet Sehnsucht und Flucht auf eine ganz wunderbare Weise.

Oh Danke. Ich hatte fest damit gerechnet, dass als erstes wieder ein Drogenkommentar kommt.

Nö, das mit den Drogen haben wir hinter uns gelassen.

Super. Ich musste nämlich sehr lachen, als Michaela mir mitgeteilt hat, dass Nika ihr sagte, bei meiner Geschichte könnte es sich um einen üblen Drogentrip handeln.

Aber es  stimmt. Sehnsucht und Flucht stehen bei Abuela ziemlich im Mittelpunkt. Allerdings weiß das der namenlose Protagonist die ganze Zeit nicht. Und mir ging das beim Schreiben genauso.

Hahaha! Ich habe mal eine Geschichte geschrieben, von der ein Autor nach dem Testlesen sagte: „Was geht denn mit dir?“ Dabei wollte ich nur schreiben ohne zu … glätten. Verstehst du? Ich predige ja immer das mutige Schreiben. Würdest du sagen, deine Geschichte hast du auch mutig geschrieben?

Hm, beim Schreiben von „Abuela“ war es ganz eigenartig.  Ich gehöre ja zu diesen Autoren, die erst mit dem Schreiben beginnen können, wenn sie einen detaillierten Plan über den gesamten Plot haben. Bei „Abuela“ war es anders. Ich hatte vor zwei oder drei Jahren die Idee, eine Geschichte über Sinnsuche zu schreiben und wusste auch ungefähr, dass sie in einem Treppenhaus spielen soll, aber mehr wusste ich nicht. Ich denke, mein Unterbewusstsein hat die Geschichte so lange hin und her gewalzt, bis sie fertig war. Und als ich dann de Ruf der Sehnsuchtsfluchten gefolgt bin, ist sie einfach aus  meinen Fingern geflossen. Das ist total verrückt, denn ich dachte bisher immer, dass das ein übles Schreibklischee wäre.

Ha!, rufen jetzt alle Fluss-Schreiber.

Sehr wahrscheinlich.

Schreiben ohne Plot. Das Unterbewusstsein plottet sozusagen. Könntest du dir vorstellen, dass das Thema Emotionen der Anthologie damit zu tun haben könnte?

Das kann schon sein. Ich glaube, dass Thema und Format da ganz gut zusammengespielt haben. In Kurzgeschichten kann man ja deutlich experimenteller sein, ohne die Leser*innen dabei zu verlieren. Ich glaube, Kurzgeschichten eignen sich ganz besonders, um Situationen zu erschaffen, die die Leser*innen selbst mit ihren Emotionen füllen können oder die sie mit ihren Emotionen konfrontiert. Und nicht nur die Leser*innen, sondern auch uns Autor*innen.

Ich glaube, das Wichtigste war mir, dass ich nicht zeige „Schaut her, so und so fühlt sich der Protagonist“, sondern dass das jeder für sich selbst aushandeln kann. Vielleicht war auch genau das der Grund dafür, dass dieser Schreibfluss entstanden ist. Ich habe etwas gefühlt, ein Gefühl seit Jahren mit mir herumgetragen, und anstelle das Gefühl zu beschreiben, hat mein Unterbewusstsein so lange herumgedoktert, bis ich ein Setting beschreiben konnte, in das dieses Gefühl passt.

Dann hast du also auch nie auf diese Art und Weise geschrieben … Hast du vor es wieder zu tun? Denkst du, du könntest es … herauslocken? Oder ist es eher so, dass du lieber beim geplanten Schreiben bleiben willst?

Die Trennlinie zwischen Plotten und aus dem Bauch heraus Schreiben wird viel zu eng gezogen. Ich habe vorhin ja selbst gesagt, dass ich ohne Plan nicht schreiben kann. Aber wenn ich über meine Art des Schreibens nachdenke, dann bin ich mir sehr sicher, dass ich zwar Romane und Novellen nicht aus dem Bauch heraus schreibe, den Plot, oder die Outline, die Szenentabelle, oder wie man das Hilfsmittel auch immer nennen mag, aber genau auf diese Weise entsteht. Ich bin kein entdeckender Schreiber, sondern vielleicht so etwas wie ein entdeckender Outliner. Vielleicht habe ich Angst, dass wenn ich auf den Zwischenschritt des Planens und Plottens verzichte, das Ergebnis dann so aussieht wie mein Schreibtisch. Also mit anderen Worten: Ich denke bei Kurzgeschichten kann ich so vorgehen wie bei „Abuela“, bei längeren Arbeiten werde ich aber darauf verzichten – die Magie dieser Heureka-Schreibmomente geht dabei aber nicht verloren, sondern sitzt nur an anderer Stelle im Schreib- und Planprozess.

Sehr gute Antwort!

Danke.

Glaubst du, Kurzgeschichten oder eben kürzere Texte verzeihen das Subtile eher als Romane? Denn von dem Subtilen sprechen wir ja, wenn wir dem Leser nichts vorgeben außer ein paar Zutaten, aus denen er sich sein Mahl selbst kocht? Wobei verzeihen nicht der richtige Ausdruck ist. Ich überlege mal noch. Du darfst schon antworten 😉

Ja, auf jeden Fall. Wobei Romane definitiv auch subtil sein müssen. Ich finde in allen Literaturgattungen und Formaten kaum etwas schlimmer als Botschaften, die den Leser*innen mit dem Holzhammer um die Ohren gehauen werden. Aber Kurzgeschichten bieten dafür den besten Nährboden. Als Leser*innen bringen wir viel mehr von unserer eigenen Persönlichkeit mit. Als Autor*in versucht man ja gar nicht erst komplexe Charakterentwicklungen zu skizzieren, sondern zählt darauf, dass sich die Leser*innen auf die Kürze des Textes einlassen. Subtilität und Vieldeutigkeit sind der Atem von Kurzgeschichten. Ich habe vor anderthalb Jahren einen Begriff kennengelernt, der mich seitdem verfolgt. Ich denke, der passt perfekt zu dem, was Kurzgeschichten ausmachen und was man von Leser*innen von Kurzgeschichten erwarten muss: Ambiguitätstoleranz. Das ist die Fähigkeit, Uneindeutigkeiten ertragen zu können. Und genau das macht für mich eine gute Kurzgeschichte aus. Sie gibt dir in schneller Abfolge eine Backpfeife, einen Kuss auf den Mund und einen Zwick in den Po und ehe du weißt, was gerade passiert ist, hat sich die Kurzgeschichte wie ein Ninja in einer schwarzen Rauchwolke verpufft und lässt dich damit alleine.

Ich bin absolut deiner Meinung, besonders was Hammer und das Alleinlassen betrifft. Leser, die wir uns damit wünschen, scheint es nicht so viele zu geben. Die Kurzgeschichten sind ein bisschen das Stiefkind der Literatur. Denkst du, es kann auch einfach zu anstrengend sein, seine „Dinge“ mitzubringen und sich damit auseinanderzusetzen? Durch das Verpuffen, von dem du sprichst, ist man ja quasi dazu gezwungen.

Kürzere Texte sind bestimmt eine Herausforderung und wer diese Formate nicht kennt oder nicht weiß, was auf ihn oder sie zukommt, kann vielleicht abgeschreckt werden. Ich habe manchmal den Eindruck, dass je kürzer ein Text ist, desto stärker die Wirkung sein kann. Wenn ich da beispielsweise an japanische Haikus denke, die fast Zen-artig eine Stimmung einfangen und so geschrieben sein sollen, dass die Leser*innen das Gedicht durch ihre eigene Erfahrung oder Interpretation vervollständigen müssen. Kürzer geht und intensiver geht es ja kaum – aber man wird es damit wohl nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen.

Bedeutet das, dass es schwieriger ist, einen kurzen Text zu schreiben? Kennst du Dirk Kubjuweit? Er schreibt Essays, meist politisch, aber das merkt man nicht, weil er … weil er einfach drauf hat. Ich fürchtete mich immer, seine Bücher zu lesen. Als ich es dann doch tat, war ich enttäuscht. Diese … Essenz war dahin.

Das mit Kubjuweit war impulsiver Anhang 😉

Dirk Kubjuweit kenne ich leider nicht. Aber in deinem impulsiven Anhang hast du ein ziemlich gutes Wort verwendet: Essenz.

Wenn man an die Küche, das Chemielabor oder alte Alchemisten denkt, dann werden Essenzen hergestellt, in dem etwas so lange gekocht oder bearbeitet wird, bis nur noch das Wesentliche übrig bleibt. Das ist super für kurze Texte geeignet – bei Romanen lauert die Gefahr (um im Küchenjargon zu bleiben), dass das Wesentliche immer noch zu stark verwässert ist oder durch die Stil- und Strukturelemente längerer Formate wieder verwässert wird.

Aber ich glaube nicht, dass das Eine schwieriger zu schreiben ist als das Andere. Es müssen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Vielleicht hätte dir das Buch von Kubjuweit super gefallen, wenn du nie seine Essays gelesen hättest?

He! Warum sagst du das? Jetzt muss ich darüber nachdenken.

Und ich muss Dirk Kubjuweit googeln.

Kommen wir nochmal zu „Abuela“. Ich finde Pedro unglaublich süß. „Ich guck auch nicht.“

Ich finde es unheimlich interessant, welche Haken Du schlägst beim Erzählen. Gerade zum Ende hast du weise Wort zur Sinnsuche, unglaublich schön verschlungene Sätze. Aber so in der Mitte, da, wo der Leser selbst die Treppe hochgehen muss, schlägst du ganz schöne Knüppel. Ich hätte vielleicht gezweifelt, dass das funktioniert.

Ehrlich? Das ist mir gar nicht so aufgefallen. Die Idee war ein bisschen, den Treppenaufstieg an das Leben anzulehnen. Aber jetzt wo du das sagst, stimmt das schon. Das Leben schlägt ja auch manchmal ganz schöne Haken … und Knüppel.

Das mit der Treppe empfand ich auch so. Und als offenes Dachgeschoss, welches ins … wo auch immer hinführt, dient die Taube. Quasi der Fahrstuhl ins Oben. Ich mag solche Geschichten. Gerade die, die dir nichts aufzwingen.

Der kleine Pedro ist in diesen Momenten dann die kindliche Naivität und Neugierde, die zu bewahren manchmal viel ratsamer ist, als das ewige erwachsene Analysieren und Durchdenken.

Pss, du darfst doch nichts verraten.

Oh, Entschuldigung … dann vielleicht eine andere Sache zu Pedro.

Pedro geht auf die Inspiration durch einen Schreibratgeber zurück, den ich an jeder Stelle immer empfehlen – also auch hier. In seinem unfassbar skurril illustrierten „Wonderbook“ beschreibt Jeff VanderMeer die Heldenreise am Beispiel eines mexikanischen Wrestlers. Das war wahrscheinlich die Geburtsstunde von Pedro. Das Buch kann ich wirklich jedem ans Herz legen.

Ah, vielen Dank!

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Erst einmal eins vorweg: Die Idee zu dieser Anthologie, sowohl was das Thema angeht, als auch die Intention noch nicht oder erst in geringem Ausmaß veröffentlichten Autor*innen eine Bühne zu bieten – und dazu auch noch eine so professionell daherkommende Bühne! – ist wirklich großartig. Da gebührt euch, Julia, Karena und auch Michaela als Lektorin, ein riesiges Dankeschön.

Und zum Prozess selbst: Ich finde den regen Austausch mit den anderen Autor*innen während des Schreibens super. Aber für mich hat sich der Nebel noch gar nicht gelichtet. Ich weiß noch gar nicht, was das Ergebnis dieses Prozesses ist. Das werde ich wohl erst wissen, wenn ich das Buch in meinen Händen halten und lesen kann, welche emotionalen Facetten von unseren Kolleg*innen abgedeckt worden sind.

Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass das Experiment geglückt ist und bin super, super glücklich, dass ich ein Teil davon sein darf.

Lieber Jens, ich danke dir für dieses ganz berauschende Interview!

Ich danke dir, liebe Julia. Du warst eine tolle Fragenstellerin.

Kindliche Ängste und Ich-Stachel – Im Gespräch mit Wiebke Tillenburg

Wiebke

 

 

Wiebke Tillenburg

wiebke-tillenburg.de

@feder_tier

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, liebe Wiebke! Wir freuen uns, dass Du bei den Sehnsuchtsfluchten dabei bist.

Vielen Dank. Ich freue mich auch unglaublich, da ich sehr viel lernen konnte und die Zusammenarbeit mit so vielen Autoren unheimlich inspirierend und motivierend empfand. Und das, wo ich noch nicht mal alle Geschichten gelesen habe.

Beabsichtigte Emotionen ist gleich ein super Einstieg: Es war ein Anliegen von Dir, mit der Geschichte „Mein stummer Begleiter“ bestimmte Emotionen zu wecken?

Ja, das war es. Schon durch die Themenvorgabe „starke Emotionen“ wollte ich nicht nur eine Geschichte über Emotionen erzählen, sondern den Leser diese Emotionen erleben lassen. Im Fall von „Mein stummer Begleiter“ ist dieses Anliegen ein wenig über mich hinaus gewachsen. Ich habe zunächst nur mit der kindlichen Angst gespielt und das was am Ende daraus entstanden ist, hat mich selbst überrascht. Als ich die ersten Reaktionen zu der Geschichte bekam, habe ich mich unglaublich gefreut und war auch ein bisschen stolz auf mich, da sogar unsere „Wortdompteuse“ beim Lektorieren kalte Füße bekam.

Ich finde, der Stolz darf über das Bisschen hinauswachsen! Emotionen zu wecken ist gar nicht leicht!

Vielen Dank. Ich neige in solchen Fällen zu Zurückhaltung.

Damit müssen wir aufhören!

Die kindliche Angst. Wie hast Du sie gefunden? Oder wie hast Du nach ihr in Dir selbst gesucht? Und hast Du das überhaupt?

Ich würde behaupten, dass mein inneres Kind noch sehr lebendig ist und es mir leicht fällt, mich in Kinder und ihre Ängste und Sorgen hinein zu versetzen. Ich höre Kindern und Jugendlichen gerne zu und versuche ihre Sichtweise auf verschiedene Dinge nachzuvollziehen, was mir oft gelingt. Ich habe das im Bereich der Jugendarbeit gemerkt und dieses Gespür auf meine Texte übertragen. Darüber hinaus neige ich selbst zu eher kindlichen Ängsten. Also Spinnen, Aufzüge, Rolltreppen, Puppen mit Klapperaugen und eben die Angst vor der Dunkelheit und dem was unsere Phantasie daraus macht. Mich fasziniert die Angst. Ganz besonders die Angst aus und vor dem Nichts, für die Kinder oft besonders anfällig sind, und so schleicht sie sich immer wieder in meine Texte.

Ich liebe diese Antwort!

Danke.

Dann ist es auch ein Leichtes für Dich, empathisch zu sein, nehme ich an.

Tatsächlich glaube ich, dass das meine größte Stärke ist. Ich kann Menschen häufig sehr gut einschätzen und habe schnell ein Bild vor Augen, das sich oft bestätigt. Mir fällt es dann auch leicht auf meinen Gegenüber einzugehen, daher ist es selten, dass ich mit einer Person gar nicht auskomme.

Die Angst im Kind. Denkst Du, dass es gewisse Ängste gibt, die wir ins Erwachsenenalter mitnehmen sollten?

Auf jeden Fall! Wir können von Kindern unheimlich viel lernen und das eben auch über Ängste. Bei Kindern handelt es sich ganz oft um existentielle Ängste. Die sich oft auf Verlustängste zurück führen lassen, die wir als Erwachsene manchmal verdrängen. (Zumindest ist das mein Eindruck.) Außerdem denken Kinder sehr viel nach. Über alles und immer. Daraus wachsen Ängste, die Erwachsene oft gar nicht nachvollziehen können. Beobachten und Nachdenken ist es, was wir von Kindern lernen sollten und auf diese Weise eben auch eine Menge über Ängste.

Nochmal zu der Empathie: Denkst Du, dass es ebenso … nennen wir es Risiken, bergen kann, mit einer hohen Bereitschaft an Verständnis an jeden Menschen heranzutreten?

Allerdings. Das habe ich auch schon erlebt. Man neigt dazu, sehr häufig Erklärungen, bzw. Ausreden für jemanden zu finden, der es vielleicht gar nicht verdient hat. Und es gibt manchmal auch Worte, Verhaltensweisen oder Handlungen, die mit keinem Perspektivwechsel zu erklären sind und eben einfach falsch. Und selbst wenn es unzählige solcher Beispiele gibt, fällt es dann immer noch schwer eine Person zu verurteilen und sich zu distanzieren. Letztlich verletzt man sich mit dieser Empathiebereitschaft dann nur selbst.

Reden wir über Ein Tag wie jeder andere. In dieser Geschichte steckt unheimlich viel Aktualität, ebenso Themen, die immer eine Rolle spielen werden. Und auch hier haben wir wieder die kindlichen Ängste.

Das ist wahr. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die mir auf Grund ihrer immer währenden Aktualität auch sehr am Herzen liegt.

Interessant finde ich Deine Erzählweise, wir haben hier ein Dreiergespann: Den Protagonisten, die Erzählstimme und den Leser selbst. Du hast Dich gegen die Ich-Perspektive entschieden. Aus einem bestimmten Grund?

Ich habe so meine Probleme mit der Ich-Perspektive. Oder eher gesagt mit dem Wort „Ich“. Für mich klingt es wie ein kleiner giftiger Stachel, der sich ins Ohr setzt und uns alle ein wenig vergiftet. Im Falle von „Ein Tag wie jeder andere“ brauchte ich darüber hinaus auch einfach etwas Distanz zum Text, Thema und zu den Personen. Außerdem denke ich, dass bei diesem Thema oder sogar bei beiden meiner Geschichten, jeder Leser seine eigene Perspektive mitbringt, der ich natürlich auch Raum geben möchte.

Wahnsinnig interessant! Besonders, dass Du die Distanz ansprichst! Ich persönlich fand es umso schlimmer, da ich gezwungen war, mich selbst mit reinzuspielen. Dieser „Trick“ fasziniert mich. Und Du hattest ursprünglich das Bedürfnis, Dich selbst zu distanzieren vom Geschehen, bringst dadurch den Leser vermutlich noch näher. Bemerkenswert.

Ein Ich-Stachel?

Erstmal Danke, das klingt total großartig. Aber manchmal „passieren“ mir solche Sachen beim Schreiben einfach. Umso schöner, dass es so gut ankommt.

Das „Passieren“ liebe ich immer am meisten.

Der Ich-Stachel bezieht sich auf diverse Formen von Egozentrik und Egoismus, der mir immer wieder begegnet. Und obwohl ich Einzelkind bin, habe ich Probleme mit dem Wort „Ich“.

Zum Passieren: manchmal darf man als Autor nicht zu viel nachdenken. Denke ich.

Hm. Da muss ich erstmal ein paar Wochen drüber nachdenken. Über den Stachel.

Das ist auch ein schwieriges Thema mit vielen Gratwanderungen. Bis zu einem bestimmten Maß ist Ich-Bewusstsein sehr wichtig.

Mit dem Verkopfen gebe ich Dir recht. Hundertprozentig! In Geschichten und wie man sie erzählt, darf und sollte man etwas wild sein dürfen. Damit sind wir beim mutigen Schreiben.

Zu dem schwierigen Thema können wir nochmal zurückkommen. Das ist sehr spannend.

Das ist ja auch nur meine persönliche und sehr individuelle Wahrnehmung.

Die Deine Art, Geschichten zu erzählen und damit Deine Kunst maßgeblich formt.

Das gilt für jeden Schreibenden. Man muss nur seinen Weg dorthin finden. Es hat lange gedauert, bis ich einen Zugang zu meinen Texten gefunden habe. Ich erkenne jetzt schon eine große Veränderung, die zwischen meinen ersten und meinen aktuellen Texten stattgefunden hat.

Ja! Diesen Weg zu finden, erfordert es Mut?

Sehr viel. Oder zumindest es umzusetzen. Ich bin mutiger geworden in Bezug auf meine Sprache. Also weniger Sprachspielereien und mehr Inhalt. Und ich experimentiere mehr. „Mein stummer Begleiter“ ist da ein gutes Beispiel. Ich hätte mich früher niemals getraut, eine Geschichte mit relativ wenig Handlung zu schreiben, um das Innenleben eines Menschen zeigen. Noch vor einem Jahr wäre mir das zu komplex gewesen.

Weniger Handlung, mehr Mensch. Darum geht es ja auch, wenn man Emotionen auf der Spur ist.

Wir haben jetzt über die Empathie der Autorin Wiebke gesprochen. Wie sieht es mit der Leserin Wiebke aus? Wie wichtig ist es Dir, Emotionen in Texten aufzuspüren? Wie erreichen sie Dich?

Ich denke, Emotionen sollten der Kern eines jeden Textes sein. Sie sind Grundlage für Handlungen, Entscheidungen, Konflikte, Gespräche und alles, was sonst eine gute Geschichte ausmacht. Ich denke, eine Geschichte, die keine Emotionen auslöst, kann nur schwer Leser gewinnen. Diese Emotionen müssen nicht mal explizit sein oder Kern der Geschichte, aber sie müssen den Leser erreichen. Und bei mir gelingt das am besten über die Identifikation mit einer Figur oder über das Thema, das mich in besonderer Weise berührt.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest Du diesen Prozess?

Für mich war es ein großer Gewinn. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich anderen Autoren auszutauschen über gemeinsame Probleme und Sorgen und ebenso unterschiedliche Herangehensweisen. Mir ist auch aufgefallen, dass wir alle sehr unterschiedlich sind. Wir vertreten eine große Altersspanne und verschiedene Persönlichkeiten, das hat die Arbeit unheimlich inspirierend gestaltet. Darüber hinaus konnte ich sehr viel lernen. Vor allem von unserem interaktiven Lektorat, aber auch über mein eigenes Schreiben und meine Ziele als Autorin. Schön war auch, dass wir als Autoren an nahezu allen Prozessen beteiligt waren und viel Mitspracherecht hatten. Es führt dazu, dass alle sich sehr gut mit der Anthologie identifizieren können und sich wohl fühlen, darin veröffentlicht zu werden. Und das ist nicht selbstverständlich.

Liebe Wiebke, ich danke Dir von Herzen für dieses tiefgehende Interview!

Ich danke ebenfalls für die großartigen Fragen, die mir die Möglichkeit geben, einen Einblick in meinen Kopf zu bieten.

 

Seele, Mut und Angst – Im Gespräch mit M.D. Grand

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Seit gut einer Woche sind die Sehnsuchtsfluchten erhältlich, und heute stelle ich euch eine junge Autorin vor, die sehr unterschiedliche Geschichten für die Anthologie schrieb. Besonders eine von ihnen lässt nach diesem Interview noch länger innehalten.

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M.D. Grand

https://schatten-fantasy.jimdo.com

@md_grand

 

 

 

 

 

Liebe Marlen, Herzlich Willkommen bei  den Sehnsuchtsfluchten!

Danke, dass ich dabei  sein darf!

Das Thema ist groß. Emotionen!

Aber etwas, womit bestimmt jeder was anfangen kann.

So sollte es sein. Es aufzuschreiben ist vielleicht schwieriger. Es … festzuhalten. 

Das stimmt auf jeden Fall.

Deine Geschichte „Wörterbuch dessen, was bleibt“, hinterlässt einen nach dem Lesen in einer gewissen Schockstarre. Hast du sie extra für die Anthologie geschrieben?

Zum Teil. Ein Grundgerüst hat es gegeben, aber nicht als Geschichte, sondern als eine Art Tagebucheintrag. Also genau genommen hatte ich viele einzelne Sätze unzusammenhängend, eine Sammlung an Gedanken zum Thema, die ich nicht richtig zuordnen konnte, aber ich habe es nie geschafft, diese Satzfragmente in eine sinnvolle Ordnung zu bringen.

Zuerst wollte ich nur „Liebe Abby“ abgeben, aber dann habe ich meinen Laptop durchforstet, ob ich noch Geschichten finde und bin über diese Satzfragmente gestolpert. Zuerst war ich mir sehr unsicher, ob ich diesen Seelen-Striptease überhaupt hinlegen will oder ob ich das so hinbekomme, wie ich möchte … Zum Glück hat Nika mich motiviert, es ihr zu schicken.

Zum Glück hat sie das getan! Seelenstriptease – Da sind wir gleich beim Thema. Mich hat deine Geschichte ordentlich durchgerüttelt. Ich hatte Gänsehaut und einen Kloß im Hals.

Ich weiß nicht ob mich das freut oder ob es mir leid tut. Bisschen von beidem.

Glaubst du, es gibt so etwas wie eine Rechnung? So viel Emotionen, wie man in einen Text reinsteckt, so viel bekommt man wieder? Vom Leser, meine ich.

Das kann gut sein, aber dann tun mir die Leser sehr leid. Ich hoffe, ich transportiere nur halb so viel Leid, wie ich reingesteckt habe …

Was? Was für eine Antwort! Dann hast du dir also etwas von der Seele geschrieben. Kann man das so sagen? Oder würdest du einen anderen Begriff wählen?

Ich würde sagen ich habe ein Stück meiner Seele aufgeschrieben. Dieser Text ist der einzige, den ich jemals geschrieben habe, der „persönlich“ ist – und damit ist er auch der wichtigste für mich. Ich rede nicht viel über dieses Thema, weil es für jeden, der dabei war, sehr schmerzhaft war und niemand den anderen in einem guten Moment daran erinnern möchte. Insofern könnte man sagen, dass es ein Geheimnis ist, das ich den Lesern anvertraue. Er ist ehrlicher als alles, was ich jemals dazu sagen könnte oder würde. Man will niemandem weh tun, nicht die falschen Worte wählen… Aber der Text gibt einem sozusagen Immunität.

Wow. Danke für dein Vertrauen. Und deinen Mut! Ein Stück meiner Seele aufgeschrieben. Was für ein Satz!

Ich muss gestehen, ich habe ein bisschen Angst davor, was die Leute sagen werden, die dabei waren, aber auf der anderen Seite … Ich werde nicht dabei sein, wenn sie es lesen (hoffe ich) und die verspäteten Reaktionen sind immer nur halb so wild. Und sie können selbst entscheiden, ob sie bereit dazu sind, es zu lesen.

Du hast Angst vor den Reaktionen auf deine Emotionen?

Ja, irgendwo schon.

Hm. Dabei hat jeder doch das Recht auf seine Emotionen, oder? Und du hast dich dafür entschieden, es niederzuschreiben. War es eine Überwindung?

Das Aufschreiben nicht, aber das Veröffentlichen. So viel Ehrlichkeit zu Fremden – und noch schlimmer – zu denen, die ich kenne und die es lesen und wissen, worum es geht. Ich muss sagen, die Frage fällt mir sehr schwer zu beantworten. Wie kann ich das erklären …

Ich hab einfach Angst, dass der Text ein bisschen hart ist. Bisschen zu viel Ehrlichkeit. Aber auf der anderen Seite zwinge ich ja niemanden, es zu lesen.

Du hast ihn für dich geschrieben.

Genau! Das ist es!

Ich möchte auch noch etwas zu dem Gedicht am Anfang sagen. Also, dieses Gedicht ist mir fast noch wichtiger als die Geschichte. Es ist nicht von mir, sondern von der Person, um die es in der Geschichte geht. Ich habe ihr – oder eher mir – versprochen, dass ich dafür sorge, dass wenigstens ein Teil von dem, das er geschrieben hat, an die Öffentlichkeit kommt. Und damit ist der erste Schritt meines Versprechens erfüllt – etwas, das mir eben unglaublich wichtig war. Damit ist es sozusagen von uns beiden.

Wie lange ist es her?

2 Jahre im August.

Noch ganz frisch. Es tut mir leid.

Das seltsame ist, er ist bald länger tot, als ich ihn gekannt hab. Irgendwie…weiß nicht. Komisch.

Und ich weiß noch immer nicht was die korrekte Antwort auf „Es tut mir leid ist“… danke?

Das ist es tatsächlich. Ein merkwürdiger Gedanke.

Vielleicht gibt es keine Antwort auf Es tut mir leid.

Ja vermutlich.

Magst Du uns noch sagen, welche Anforderungen Du als Leser an einen Text hat, der Emotionen in Dir wecken soll?

Also um es böse zu sagen: die Vorlagen für „Wörterbuch dessen was bleibt“ sind ja nicht von mir, sondern fast zu unglaubwürdig-schön der Realität entnommen. Daher auch der Kapitelvergleich. Er hat einfach scheiß-gut-böse vorgelegt. Da gibts noch viel mehr noch bildhaftere Details aber das werde ich vielleicht mal in einer längeren Geschichte darlegen. Will ja keinen verstören.

Nun ja. Man kann von etwas berichten. Oder man kann etwas so erzählen, dass den Zuhörer fröstelt.

Emotionen weckt was glaubwürdig ist? Würde ich mal sagen.

Und glaubwürdig schreiben ist … ?

Haha. Okay. Jetzt hast du mich. Na gut. Also glaubwürdig ist, was ich mir als Leser vorstellen kann. Egal ob lustig oder traurig – wenn es in meinem Kopf Gestalt annimmt, bin ich auch emotional dabei. Deshalb weine ich immer bei traurigen Büchern und werde im Zug angeschaut, als wäre ich verrückt, wenn ich plötzlich zu lachen beginne!

Dito!

Der Helm auf den Schuhen.

Ja, irgendwie hat der mich am meisten traurig gemacht.

Ja, das war so er. Mit dieser Selbstverständlichkeit. Hatte es selbst vergessen, bis ich es wieder gelesen habe.

Ja. Genauso sehe ich ihn vor mir. Und das hast du beschrieben, ohne seine Person auch nur zu nennen. Mit einem Helm und Schuhen.

Klaus. So hat er geheißen.

Ein ungewöhnlicher Name.

So wie er.

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Kommen wir nun zur letzten Frage: Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Toll. Ich bin Karena sehr dankbar, dass sie mich da mit hinein geholt hat! Ich wusste nicht, dass ich Kurzgeschrichte schreiben kann – und ohne euch hätte ich keine der drei Geschichten jemals so geschrieben, noch veröffentlicht. Also falls ihr neue Ideen habt: bitte plant mich fix ein!

Machen wir sofort! Liebe Marlen! Ich danke dir für dieses ehr offene Gespräch und deinen Mut!

Liebe Julia, danke dir!

Verdrängung, Schutz und Wahrheit – Im Gespräch mit Kayseeatwe.

Anna

 

 

Anna-Katharina Banike

kayseeatwe.wordpress.com

@kayseeatwe

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Anna! Deine Geschichte spielt in einem Spiegelkabinett …

Ich hasse Spiegelkabinette. Einmal drin gewesen, nie wieder.

Oh, so schlimm?

Nein. Also doch. Ein Spiegel zeigt prinzipiell deine Reflexion. Aber eben nicht immer die Wahrheit. Da werden Tricks angewandt mit Beleuchtung, Krümmung und Form, dass es die Wahrnehmung verzerrt. Das mag ich nicht. Ich mag es, die Kontrolle zu haben und zu wissen, worauf ich mich einlasse. Das habe ich in einem Spiegelkabinett nicht. Es gibt einen vorgefertigten Weg und im Zweifelsfall muss ich mich mit mir selbst in der tausendfachen Ausführung beschäftigen und schlimmstenfalls auch noch mit Reflexionen von anderen Mutigen in dem Raum.

In gewisser Weise haben wir in deiner Geschichte genau diese … Furcht ganz klar vor Augen geführt. Der Protagonist schaut in den Spiegel, und was er da sieht, nennt er nicht Ich sondern Er.

Ja, weil der Spiegel ihm eine Wahrheit zeigt, die er selbst verdrängt hat.

Du hast dies als Thema gewählt – denkst du, dass die Menschen sich vor dem vorgehaltenen Spiegel fürchten?

Ja, ich glaube, viele Menschen kommen mit der Wahrheit nicht zurecht. Und viele nehmen sich nur noch einen Bruchteil von der eigentlichen weg und arbeiten mit ihr, blenden quasi die anderen Bestandteile der Wahrheit aus. Vielleicht sind wir nicht konzipiert, alles um uns herum wahrzunehmen, aber etwas mehr Aufmerksamkeit auch untereinander wäre im Allgemeinen auch für die Gesellschaft förderlicher. Sagt man den Menschen dann genau dies – man solle reflektieren – stößt man auf Abneigung. Wir sind alle nicht perfekt, aber wir sollten zumindest uns selbst reflektieren.

Selbstreflektion und Verdrängung. Zwei große Begriffe, die auch in der Anthologie wichtige Rollen spielen. Herzlich willkommen, liebe Anna, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, darüber freue ich mich auch sehr. Es war eine großartige Zusammenarbeit mit sehr viel konstruktiver Kritik und auch Aufbauarbeit, wenn man verzweifelt war. Ich für meinen Teil hätte vor allem während des Überarbeitungsprozesses die Geschichte gerne gegen die Wand geschmissen. Aber welcher Autor kennt das nicht?

Kommen wir noch mal zum Spiegel. Du sprichst von gern und bewusst nicht wahrgenommener Wahrheit. Welche Wahrheit meinst du damit?

Ich glaube, dahinter steckt Selbstschutz. Wir versuchen uns das Leben so zu gestalten, wie wir es ertragen können. Das ist nicht verwerflich, wenn man unangenehme Dinge an den Rand drängt, aber gefährlich, wenn sie einen dann doch einholen und man nicht gewappnet ist. Die gern gesehene Wahrheit ist wohl die, mit der wir umgehen können. Sind wir ehrlich, wenn man jemanden kennenlernt, wer ist dann sofort offen und gibt alles von sich preis? Wir zeigen das, was gesehen werden will. Das entspricht einem Ideal und der Wahrheit, die wir gerne zeigen. Die bewusst nicht wahrgenommene Wahrheit wäre in diesem Fall dann das, was sich uns entzieht oder unser Weltbild ins Straucheln bringt. Es würde uns Arbeit machen damit umzugehen, also verdrängen wir.

Was denkst du, muss der Leser mitbringen, um in dein Labyrinth Einblick zu bekommen? Was würdest du dir von ihm wünschen?

Er sollte offen sein für Neues und ein gutes Urteilsvermögen besitzen. Vielleicht sollte er seine Gedanken auch mal losmachen von allen Normen, die er kennt. Vielleicht lernt er sich selbst dadurch etwas mehr kennen? Ich habe mich während des Schreibens auch selbst besser kennengelernt. Zum Guten wie zum Schlechten.

Kannst du ein Beispiel geben?

Die Kurzgeschichte ist in der Grundform relativ alt und wurde als Gedankenexperiment angefertigt. Ich wollte wissen, wie tief ich selbst sinken kann. Ob ich tun könnte, was der Protagonist tut. Lange konnte ich es nicht, was wohl eher daran liegt, dass das, was ich schreibe, und von was ich selbst überzeugt bin, zwei paar Schuhe sind. Es geht in Geschichten nicht immer nur um das Offensichtliche. (Ich weiß, das wollten wir im Deutschunterricht nie wahrhaben, wenn es um das Interpretieren ging), sondern um das, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Was uns mitgeteilt werden will. Ich habe für mich eine Grenze festgestellt. Ich besitze die Lust, jemandem Schaden zuzufügen, nicht. Egal auf welcher Ebene.

Ein sehr großes, tiefes und mutiges Experiment. Glaubst du, dass andere Autoren ebenfalls sich selbst und ihre Grenzen in den Geschichten suchen, die sie schreiben?

Nicht immer, aber ich glaube, viele versuchen Grenzen auszutesten. Autoren setzen doch dauernd Regeln außer Kraft, sobald sie ihre Fantasie einbringen. Wie sonst wären wir an so viele Genres gekommen? Irgendwelche Regeln werden immer gebrochen.

Viele großartige Geschichten gäbe es nicht ohne den Mut der Autoren, auch moralische und ethische Regeln zu brechen. Wir sind ja nicht nur da um zu unterhalten, wir haben auch einen Auftrag. Menschen lesen, sie denken unweigerlich darüber nach und wenn sie nur einen Funken davon behalten, ist es in ihrem Kopf und dort bleibt es. Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Und sie wird unsterblich, je mehr Menschen sie teilen.

Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Fabelhaft! Wie sieht es mit der lesenden Anna aus? Welche Ansprüche stellst du, wenn du liest?

Wenn ich lese, kommt es auf meinen Gemütszustand an. Ich kann nicht immer anspruchsvolle Literatur lesen. Ich greife gerne mal zu den Dingen, die nicht alle meine grauen Zellen fordern. Aber eigentlich steh ich auf Literatur, die zum Nachdenken anregt, die mir was beibringt und Emotionen hervorruft. Ich lasse mich gern auf Experimente ein. Ich bin sehr schnell empathisch, auch für die Antagonisten. Und ich bin ein Angsthase.

… und Emotionen hervorruft … Was muss ein Text haben, um Emotionen bei dir zu wecken?

Ich glaube, um mich ködern zu können, muss er nur existieren. Wie gesagt, ich bin ein emotionaler Mensch, der dazu steht, in allen Situationen Gefühle zu haben. Was bringt es mir, sie zu unterdrücken, wenn mich vor allem das Bauchgefühl leitet. (Und das bisher ganz gut.) Ist ein Text schlecht, rege ich mich natürlich auf. Ist er gut, rege ich mich mit dem Protagonisten auf. Lachen, weinen, fluchen. Kann ich alles, wenn ich lese. Genauso wie die Umwelt oder die Zeit vergessen. (Ganz gefährlich, wenn es dann schon 2-3 Uhr in der Nacht ist und der Tag um 6 Uhr beginnt.)

Guter Punkt! Dass man immer Emotionen findet, selbst wenn der Text schlecht ist. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht! Denkst du, dass es bestimmte Kniffe gibt beim Schreiben, um Emotionen beim Leser rauszukitzeln?

Emotionen äußern sich in körperlichen Reaktionen. Wenn man diese glaubhaft beschreibt, wird der Leser sie zumindest verstehen. Ansonsten kommt es natürlich auf den Leser an, ob der empathisch ist oder die Situation schon einmal erlebt hat.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Es war für mich auf jeden Fall neu und aufregend. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt.

Liebe Anna, vielen Dank für deine Offenheit und die sehr interessanten Ansätze!

Danke, hat mir Spaß gemacht!