Danke.

Ach, jetzt sind es schon wieder vier Wochen. Vier Wochen, in denen ich auf der Buchmesse war, Projekte geplant und andere Projekte vorangetrieben habe. Ich möchte mich bedanken bei euch! Ihr habt unsere Anthologie gekauft, gelesen und bewertet, ihr habt uns auf der Buchmesse in Frankfurt besucht und uns glücklich gemacht.

Ich bedanke mich auch bei allen Lesern dieses Blogs, besonders für die Treue und die Geduld. Und ein Herzliches Willkommen an die vielen neuen Follower!

Derzeit beende ich und beginne neue Projekte. Ich hoffe, euch bald davon erzählen zu können. Und ihr? Was treibt ihr so?

Ein wundervolles (verlängertes) Wochenende wünsche ich, genießt die letzten Laubregenstürme!

Liebe Grüße, Julia

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Na? Findet ihr die Sehnsuchtsfluchten?

Schöpfen und Schreiben.

Ich möchte mich ganz herzlich bei euch bedanken! Ich bin überwältigt, wie viele Reaktionen ich auf meinen letzten Beitrag von euch bekommen habe, die meisten auf Twitter, einige in Mails. Vielen Dank!

Die Essenz aus dem, was ihr mir geschrieben habt, ist für mich: Disziplin. Egal, ob ich mich in Geduld üben sollte, warten, am aktuellen Projekt arbeiten, überarbeiten – all das hat mit Konsequenz zu tun. Mit euren verschiedenen Erfahrungen und Konflikten, die euch beim Schreiben begegnen und wie ihr damit umgeht, habt ihr mich nicht nur inspiriert, sondern auch motiviert. Ihr habt mich geschubst. Schreiben ist Arbeit. Das, was nach der Idee kommt, nach der Manie, nach dem Drang, sie einzufangen und so auszuleuchten, dass sie dem Bild im Kopf zumindest nahe kommt, ist anstrengend.

Weltenwandler zum Beispiel sagt: „Die Ideen sind nicht beleidigt, wenn sie irgendwo warten, bis das aktuelle Projekt fertig ist. Man kann auch nur in Ideen leben, willst Du?“

Tja, da hat er mich ordentlich erwischt 😉

Francis bringt es ebenfalls auf den Punkt: „Man hat ja leider nicht die Zeit, um an allem gleichzeitig zu schreiben. Da muss man halt Prioritäten setzen.“

Richtig. Das gehört zur Arbeit des Schreibens.

Magret ist diszipliniert und treu: „Wenn ich ein Projekt beendet habe, will ich es erst überarbeiten, ich will dann gar nichts anderes anfassen.“ Ein guter Tipp von ihr: „Eine Stunde arbeiten, ein Stunde etwas anderes machen.“ Sozusagen Pflicht und Kür auf der Waagschale. Auch sagt sie etwas sehr interessantes, worüber ich seitdem nachdenke: „Etwas Neues anfangen, während Dinge noch nicht beendet sind, ist anstrengend. Das ist für mich unbefriedigend.“

Ha! Das stimmt! Daraus kann ich gut für mich schöpfen. Es ist tatsächlich Mehrarbeit, da das nicht fertige Projekt im Hinterkopf jammert und quengelt und Raum und Energie beansprucht. Raum, der für das Neue vonnöten wäre.

„Du schuldest es dem Projekt, dass du es von vorn bis hinten führst und das Beste aus ihm herausholst. Vielleicht hilft dir dieser Gedanke.“ Ja, das tut er. Vielen Dank dafür, liebe Magret!

Manfred leidet ebenfalls am Gedankenüberschuss. Er löst es mit Struktur: „Mit meiner Lektorin hatte ich einen festen Zeitplan festgelegt, und nach ihm gearbeitet. Und manches Kopfkino muss ich gar nicht aufschreiben. Das reicht dann, wenn es in mir abläuft.“ Hm, sehr interessant. Er hat recht. Manche Geschichten sollte ich vielleicht einfach für mich behalten. Auch darüber denke ich nach.

Und nun schließe ich die offenen Dateine mit angefangenen Dingen und überarbeite mein aktuelles Herzprojekt. Ich danke euch!

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Was Wie Wo schreiben?

Nach der Inspiration kommt der Leerlauf, oder?

Als Autorin bin ich ja am meisten auf Twitter unterwegs, wo man viel mitbekommt, woran die anderen Schreiber so leiden. Die zwei häufigsten Leiden: Ideenmangel und Ideenüberschuss. Ich leide an letzterem. Und immer mehr frage ich mich, ob es wohl eher Managementmangel heißen sollte.

Dass ich leidenschaftlich schreibe, wisst ihr ja schön länger. Ich brauche diese Leidenschaft, eine Idee muss mich einholen, muss mich fangen und festhalten. Sie geißelt mich so lange, bis ich mir ihrer in dem Ausmaß angenommen habe, wie sie es verdient hat. So geschehen mit Das Flüstern der Pappeln. Auch das letzte Herzprojekt habe ich in einigen Wochen wahnhaft niedergeschrieben, mitten in der Abschlussphase meines großen Projektes „Nathen“.

Natürlich ist das Risiko namens Prokrastination extrem hoch, wenn man einen Ordner voller neuer Geschichten, Gesichter und Kribbeln hat. Kann es also sein, dass ich mich so davor drücke, bestehende Projekte zu überarbeiten, auseinanderzunehmen und anders wieder zusammenzusetzen? Sie auszubauen; kürzen, ändern, besser machen?

Wie geht es euch hinsichtlich dieser Situation? Kennt ihr sie überhaupt? Wie geht ihr damit um? Habt ihr Tipps für Zeitmanagement, macht ihr Pläne? Und woher holt ihr Motivation für Schreibstunden, an denen man sich seufzend an das Projekt setzt?

Liebe hoffnungsvoll seufzende Grüße …

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Nebel empfängt dich.

Wie jedes Jahr um diese Zeit sage ich, dass ich zurück in Deutschland bin. Aber nur zur Hälfte.

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Was macht man mit dieser einen Hälfte? Was mit der anderen, die noch irgendwo steckt und dort nicht weg will, warum auch immer?

Aus dem Urlaub habe ich auch zwei neue Ideen für Geschichten mitgebracht und sie sofort niedergeschrieben. Wie immer haben mich Küste, Meer, Nebel und Menschen unheimlich inspiriert. Und Bäume. Natürlich.

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Ich zeige euch heute ein paar Bilder. Auch ihr hattet, wie ich hoffe, einen wunderbaren Sommer und Urlaub! Freuen wir uns gemeinsam auf den Herbst, er verzaubert …

 

 

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Schreiben. Lesen. Pause.

Nachdem ihr gestern das letzte Interview aus den Sehnsuchtsfluchten gelesen habt, verabschiede ich mich heute in den Sommerurlaub. Nun, Sommer ist es nicht mehr wirklich, und dort, wohin ich fahren werde, erst recht nicht, doch das stört nicht. Ich mag Wind und Wetter und Sturm.

Ich möchte mich ganz herzlich bedanken: Bei all denen, die mit mir geschrieben haben. Die mich inspiriert haben. Danke an alle Autoren, die an der wundervollen Anthologie beteiligt waren, Danke für eure Mühen und immer wieder aufwallenden Gedanken und Diskussionen, die mich beflügelt haben und immer inspirieren! Und natürlich geht ein sehr großes Danke an die Leser, die nun zum Zuge kommen!

In den letzten Wochen habe ich geschrieben und auch endlich mal wieder gelesen. Viel und parallel gelesen, auch nach Empfehlungen. Ich hoffe, im Herbst die Zeit dafür zu finden, euch davon berichten zu können.

Ich wünsche euch eine wundervolle Zeit, hastet oder rastet, ganz wie es euch beliebt, wir lesen und hören uns im Herbst wieder.

Liebste Grüße, Julia

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Drogen, Fluss und Ambiguitätstoleranz – Im Gespräch mit Jens-Michael Volckmann

Jens

 

 

Jens-Michael Volckmann

jmvolckmann.de

@JMVolckmann

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, lieber Jens, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Ich freue mich sehr, an Bord sein zu dürfen.

Deine Geschichte „Abuela“ beinhaltet Sehnsucht und Flucht auf eine ganz wunderbare Weise.

Oh Danke. Ich hatte fest damit gerechnet, dass als erstes wieder ein Drogenkommentar kommt.

Nö, das mit den Drogen haben wir hinter uns gelassen.

Super. Ich musste nämlich sehr lachen, als Michaela mir mitgeteilt hat, dass Nika ihr sagte, bei meiner Geschichte könnte es sich um einen üblen Drogentrip handeln.

Aber es  stimmt. Sehnsucht und Flucht stehen bei Abuela ziemlich im Mittelpunkt. Allerdings weiß das der namenlose Protagonist die ganze Zeit nicht. Und mir ging das beim Schreiben genauso.

Hahaha! Ich habe mal eine Geschichte geschrieben, von der ein Autor nach dem Testlesen sagte: „Was geht denn mit dir?“ Dabei wollte ich nur schreiben ohne zu … glätten. Verstehst du? Ich predige ja immer das mutige Schreiben. Würdest du sagen, deine Geschichte hast du auch mutig geschrieben?

Hm, beim Schreiben von „Abuela“ war es ganz eigenartig.  Ich gehöre ja zu diesen Autoren, die erst mit dem Schreiben beginnen können, wenn sie einen detaillierten Plan über den gesamten Plot haben. Bei „Abuela“ war es anders. Ich hatte vor zwei oder drei Jahren die Idee, eine Geschichte über Sinnsuche zu schreiben und wusste auch ungefähr, dass sie in einem Treppenhaus spielen soll, aber mehr wusste ich nicht. Ich denke, mein Unterbewusstsein hat die Geschichte so lange hin und her gewalzt, bis sie fertig war. Und als ich dann de Ruf der Sehnsuchtsfluchten gefolgt bin, ist sie einfach aus  meinen Fingern geflossen. Das ist total verrückt, denn ich dachte bisher immer, dass das ein übles Schreibklischee wäre.

Ha!, rufen jetzt alle Fluss-Schreiber.

Sehr wahrscheinlich.

Schreiben ohne Plot. Das Unterbewusstsein plottet sozusagen. Könntest du dir vorstellen, dass das Thema Emotionen der Anthologie damit zu tun haben könnte?

Das kann schon sein. Ich glaube, dass Thema und Format da ganz gut zusammengespielt haben. In Kurzgeschichten kann man ja deutlich experimenteller sein, ohne die Leser*innen dabei zu verlieren. Ich glaube, Kurzgeschichten eignen sich ganz besonders, um Situationen zu erschaffen, die die Leser*innen selbst mit ihren Emotionen füllen können oder die sie mit ihren Emotionen konfrontiert. Und nicht nur die Leser*innen, sondern auch uns Autor*innen.

Ich glaube, das Wichtigste war mir, dass ich nicht zeige „Schaut her, so und so fühlt sich der Protagonist“, sondern dass das jeder für sich selbst aushandeln kann. Vielleicht war auch genau das der Grund dafür, dass dieser Schreibfluss entstanden ist. Ich habe etwas gefühlt, ein Gefühl seit Jahren mit mir herumgetragen, und anstelle das Gefühl zu beschreiben, hat mein Unterbewusstsein so lange herumgedoktert, bis ich ein Setting beschreiben konnte, in das dieses Gefühl passt.

Dann hast du also auch nie auf diese Art und Weise geschrieben … Hast du vor es wieder zu tun? Denkst du, du könntest es … herauslocken? Oder ist es eher so, dass du lieber beim geplanten Schreiben bleiben willst?

Die Trennlinie zwischen Plotten und aus dem Bauch heraus Schreiben wird viel zu eng gezogen. Ich habe vorhin ja selbst gesagt, dass ich ohne Plan nicht schreiben kann. Aber wenn ich über meine Art des Schreibens nachdenke, dann bin ich mir sehr sicher, dass ich zwar Romane und Novellen nicht aus dem Bauch heraus schreibe, den Plot, oder die Outline, die Szenentabelle, oder wie man das Hilfsmittel auch immer nennen mag, aber genau auf diese Weise entsteht. Ich bin kein entdeckender Schreiber, sondern vielleicht so etwas wie ein entdeckender Outliner. Vielleicht habe ich Angst, dass wenn ich auf den Zwischenschritt des Planens und Plottens verzichte, das Ergebnis dann so aussieht wie mein Schreibtisch. Also mit anderen Worten: Ich denke bei Kurzgeschichten kann ich so vorgehen wie bei „Abuela“, bei längeren Arbeiten werde ich aber darauf verzichten – die Magie dieser Heureka-Schreibmomente geht dabei aber nicht verloren, sondern sitzt nur an anderer Stelle im Schreib- und Planprozess.

Sehr gute Antwort!

Danke.

Glaubst du, Kurzgeschichten oder eben kürzere Texte verzeihen das Subtile eher als Romane? Denn von dem Subtilen sprechen wir ja, wenn wir dem Leser nichts vorgeben außer ein paar Zutaten, aus denen er sich sein Mahl selbst kocht? Wobei verzeihen nicht der richtige Ausdruck ist. Ich überlege mal noch. Du darfst schon antworten 😉

Ja, auf jeden Fall. Wobei Romane definitiv auch subtil sein müssen. Ich finde in allen Literaturgattungen und Formaten kaum etwas schlimmer als Botschaften, die den Leser*innen mit dem Holzhammer um die Ohren gehauen werden. Aber Kurzgeschichten bieten dafür den besten Nährboden. Als Leser*innen bringen wir viel mehr von unserer eigenen Persönlichkeit mit. Als Autor*in versucht man ja gar nicht erst komplexe Charakterentwicklungen zu skizzieren, sondern zählt darauf, dass sich die Leser*innen auf die Kürze des Textes einlassen. Subtilität und Vieldeutigkeit sind der Atem von Kurzgeschichten. Ich habe vor anderthalb Jahren einen Begriff kennengelernt, der mich seitdem verfolgt. Ich denke, der passt perfekt zu dem, was Kurzgeschichten ausmachen und was man von Leser*innen von Kurzgeschichten erwarten muss: Ambiguitätstoleranz. Das ist die Fähigkeit, Uneindeutigkeiten ertragen zu können. Und genau das macht für mich eine gute Kurzgeschichte aus. Sie gibt dir in schneller Abfolge eine Backpfeife, einen Kuss auf den Mund und einen Zwick in den Po und ehe du weißt, was gerade passiert ist, hat sich die Kurzgeschichte wie ein Ninja in einer schwarzen Rauchwolke verpufft und lässt dich damit alleine.

Ich bin absolut deiner Meinung, besonders was Hammer und das Alleinlassen betrifft. Leser, die wir uns damit wünschen, scheint es nicht so viele zu geben. Die Kurzgeschichten sind ein bisschen das Stiefkind der Literatur. Denkst du, es kann auch einfach zu anstrengend sein, seine „Dinge“ mitzubringen und sich damit auseinanderzusetzen? Durch das Verpuffen, von dem du sprichst, ist man ja quasi dazu gezwungen.

Kürzere Texte sind bestimmt eine Herausforderung und wer diese Formate nicht kennt oder nicht weiß, was auf ihn oder sie zukommt, kann vielleicht abgeschreckt werden. Ich habe manchmal den Eindruck, dass je kürzer ein Text ist, desto stärker die Wirkung sein kann. Wenn ich da beispielsweise an japanische Haikus denke, die fast Zen-artig eine Stimmung einfangen und so geschrieben sein sollen, dass die Leser*innen das Gedicht durch ihre eigene Erfahrung oder Interpretation vervollständigen müssen. Kürzer geht und intensiver geht es ja kaum – aber man wird es damit wohl nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen.

Bedeutet das, dass es schwieriger ist, einen kurzen Text zu schreiben? Kennst du Dirk Kubjuweit? Er schreibt Essays, meist politisch, aber das merkt man nicht, weil er … weil er einfach drauf hat. Ich fürchtete mich immer, seine Bücher zu lesen. Als ich es dann doch tat, war ich enttäuscht. Diese … Essenz war dahin.

Das mit Kubjuweit war impulsiver Anhang 😉

Dirk Kubjuweit kenne ich leider nicht. Aber in deinem impulsiven Anhang hast du ein ziemlich gutes Wort verwendet: Essenz.

Wenn man an die Küche, das Chemielabor oder alte Alchemisten denkt, dann werden Essenzen hergestellt, in dem etwas so lange gekocht oder bearbeitet wird, bis nur noch das Wesentliche übrig bleibt. Das ist super für kurze Texte geeignet – bei Romanen lauert die Gefahr (um im Küchenjargon zu bleiben), dass das Wesentliche immer noch zu stark verwässert ist oder durch die Stil- und Strukturelemente längerer Formate wieder verwässert wird.

Aber ich glaube nicht, dass das Eine schwieriger zu schreiben ist als das Andere. Es müssen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Vielleicht hätte dir das Buch von Kubjuweit super gefallen, wenn du nie seine Essays gelesen hättest?

He! Warum sagst du das? Jetzt muss ich darüber nachdenken.

Und ich muss Dirk Kubjuweit googeln.

Kommen wir nochmal zu „Abuela“. Ich finde Pedro unglaublich süß. „Ich guck auch nicht.“

Ich finde es unheimlich interessant, welche Haken Du schlägst beim Erzählen. Gerade zum Ende hast du weise Wort zur Sinnsuche, unglaublich schön verschlungene Sätze. Aber so in der Mitte, da, wo der Leser selbst die Treppe hochgehen muss, schlägst du ganz schöne Knüppel. Ich hätte vielleicht gezweifelt, dass das funktioniert.

Ehrlich? Das ist mir gar nicht so aufgefallen. Die Idee war ein bisschen, den Treppenaufstieg an das Leben anzulehnen. Aber jetzt wo du das sagst, stimmt das schon. Das Leben schlägt ja auch manchmal ganz schöne Haken … und Knüppel.

Das mit der Treppe empfand ich auch so. Und als offenes Dachgeschoss, welches ins … wo auch immer hinführt, dient die Taube. Quasi der Fahrstuhl ins Oben. Ich mag solche Geschichten. Gerade die, die dir nichts aufzwingen.

Der kleine Pedro ist in diesen Momenten dann die kindliche Naivität und Neugierde, die zu bewahren manchmal viel ratsamer ist, als das ewige erwachsene Analysieren und Durchdenken.

Pss, du darfst doch nichts verraten.

Oh, Entschuldigung … dann vielleicht eine andere Sache zu Pedro.

Pedro geht auf die Inspiration durch einen Schreibratgeber zurück, den ich an jeder Stelle immer empfehlen – also auch hier. In seinem unfassbar skurril illustrierten „Wonderbook“ beschreibt Jeff VanderMeer die Heldenreise am Beispiel eines mexikanischen Wrestlers. Das war wahrscheinlich die Geburtsstunde von Pedro. Das Buch kann ich wirklich jedem ans Herz legen.

Ah, vielen Dank!

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Erst einmal eins vorweg: Die Idee zu dieser Anthologie, sowohl was das Thema angeht, als auch die Intention noch nicht oder erst in geringem Ausmaß veröffentlichten Autor*innen eine Bühne zu bieten – und dazu auch noch eine so professionell daherkommende Bühne! – ist wirklich großartig. Da gebührt euch, Julia, Karena und auch Michaela als Lektorin, ein riesiges Dankeschön.

Und zum Prozess selbst: Ich finde den regen Austausch mit den anderen Autor*innen während des Schreibens super. Aber für mich hat sich der Nebel noch gar nicht gelichtet. Ich weiß noch gar nicht, was das Ergebnis dieses Prozesses ist. Das werde ich wohl erst wissen, wenn ich das Buch in meinen Händen halten und lesen kann, welche emotionalen Facetten von unseren Kolleg*innen abgedeckt worden sind.

Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass das Experiment geglückt ist und bin super, super glücklich, dass ich ein Teil davon sein darf.

Lieber Jens, ich danke dir für dieses ganz berauschende Interview!

Ich danke dir, liebe Julia. Du warst eine tolle Fragenstellerin.

Kindliche Ängste und Ich-Stachel – Im Gespräch mit Wiebke Tillenburg

Wiebke

 

 

Wiebke Tillenburg

wiebke-tillenburg.de

@feder_tier

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, liebe Wiebke! Wir freuen uns, dass Du bei den Sehnsuchtsfluchten dabei bist.

Vielen Dank. Ich freue mich auch unglaublich, da ich sehr viel lernen konnte und die Zusammenarbeit mit so vielen Autoren unheimlich inspirierend und motivierend empfand. Und das, wo ich noch nicht mal alle Geschichten gelesen habe.

Beabsichtigte Emotionen ist gleich ein super Einstieg: Es war ein Anliegen von Dir, mit der Geschichte „Mein stummer Begleiter“ bestimmte Emotionen zu wecken?

Ja, das war es. Schon durch die Themenvorgabe „starke Emotionen“ wollte ich nicht nur eine Geschichte über Emotionen erzählen, sondern den Leser diese Emotionen erleben lassen. Im Fall von „Mein stummer Begleiter“ ist dieses Anliegen ein wenig über mich hinaus gewachsen. Ich habe zunächst nur mit der kindlichen Angst gespielt und das was am Ende daraus entstanden ist, hat mich selbst überrascht. Als ich die ersten Reaktionen zu der Geschichte bekam, habe ich mich unglaublich gefreut und war auch ein bisschen stolz auf mich, da sogar unsere „Wortdompteuse“ beim Lektorieren kalte Füße bekam.

Ich finde, der Stolz darf über das Bisschen hinauswachsen! Emotionen zu wecken ist gar nicht leicht!

Vielen Dank. Ich neige in solchen Fällen zu Zurückhaltung.

Damit müssen wir aufhören!

Die kindliche Angst. Wie hast Du sie gefunden? Oder wie hast Du nach ihr in Dir selbst gesucht? Und hast Du das überhaupt?

Ich würde behaupten, dass mein inneres Kind noch sehr lebendig ist und es mir leicht fällt, mich in Kinder und ihre Ängste und Sorgen hinein zu versetzen. Ich höre Kindern und Jugendlichen gerne zu und versuche ihre Sichtweise auf verschiedene Dinge nachzuvollziehen, was mir oft gelingt. Ich habe das im Bereich der Jugendarbeit gemerkt und dieses Gespür auf meine Texte übertragen. Darüber hinaus neige ich selbst zu eher kindlichen Ängsten. Also Spinnen, Aufzüge, Rolltreppen, Puppen mit Klapperaugen und eben die Angst vor der Dunkelheit und dem was unsere Phantasie daraus macht. Mich fasziniert die Angst. Ganz besonders die Angst aus und vor dem Nichts, für die Kinder oft besonders anfällig sind, und so schleicht sie sich immer wieder in meine Texte.

Ich liebe diese Antwort!

Danke.

Dann ist es auch ein Leichtes für Dich, empathisch zu sein, nehme ich an.

Tatsächlich glaube ich, dass das meine größte Stärke ist. Ich kann Menschen häufig sehr gut einschätzen und habe schnell ein Bild vor Augen, das sich oft bestätigt. Mir fällt es dann auch leicht auf meinen Gegenüber einzugehen, daher ist es selten, dass ich mit einer Person gar nicht auskomme.

Die Angst im Kind. Denkst Du, dass es gewisse Ängste gibt, die wir ins Erwachsenenalter mitnehmen sollten?

Auf jeden Fall! Wir können von Kindern unheimlich viel lernen und das eben auch über Ängste. Bei Kindern handelt es sich ganz oft um existentielle Ängste. Die sich oft auf Verlustängste zurück führen lassen, die wir als Erwachsene manchmal verdrängen. (Zumindest ist das mein Eindruck.) Außerdem denken Kinder sehr viel nach. Über alles und immer. Daraus wachsen Ängste, die Erwachsene oft gar nicht nachvollziehen können. Beobachten und Nachdenken ist es, was wir von Kindern lernen sollten und auf diese Weise eben auch eine Menge über Ängste.

Nochmal zu der Empathie: Denkst Du, dass es ebenso … nennen wir es Risiken, bergen kann, mit einer hohen Bereitschaft an Verständnis an jeden Menschen heranzutreten?

Allerdings. Das habe ich auch schon erlebt. Man neigt dazu, sehr häufig Erklärungen, bzw. Ausreden für jemanden zu finden, der es vielleicht gar nicht verdient hat. Und es gibt manchmal auch Worte, Verhaltensweisen oder Handlungen, die mit keinem Perspektivwechsel zu erklären sind und eben einfach falsch. Und selbst wenn es unzählige solcher Beispiele gibt, fällt es dann immer noch schwer eine Person zu verurteilen und sich zu distanzieren. Letztlich verletzt man sich mit dieser Empathiebereitschaft dann nur selbst.

Reden wir über Ein Tag wie jeder andere. In dieser Geschichte steckt unheimlich viel Aktualität, ebenso Themen, die immer eine Rolle spielen werden. Und auch hier haben wir wieder die kindlichen Ängste.

Das ist wahr. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die mir auf Grund ihrer immer währenden Aktualität auch sehr am Herzen liegt.

Interessant finde ich Deine Erzählweise, wir haben hier ein Dreiergespann: Den Protagonisten, die Erzählstimme und den Leser selbst. Du hast Dich gegen die Ich-Perspektive entschieden. Aus einem bestimmten Grund?

Ich habe so meine Probleme mit der Ich-Perspektive. Oder eher gesagt mit dem Wort „Ich“. Für mich klingt es wie ein kleiner giftiger Stachel, der sich ins Ohr setzt und uns alle ein wenig vergiftet. Im Falle von „Ein Tag wie jeder andere“ brauchte ich darüber hinaus auch einfach etwas Distanz zum Text, Thema und zu den Personen. Außerdem denke ich, dass bei diesem Thema oder sogar bei beiden meiner Geschichten, jeder Leser seine eigene Perspektive mitbringt, der ich natürlich auch Raum geben möchte.

Wahnsinnig interessant! Besonders, dass Du die Distanz ansprichst! Ich persönlich fand es umso schlimmer, da ich gezwungen war, mich selbst mit reinzuspielen. Dieser „Trick“ fasziniert mich. Und Du hattest ursprünglich das Bedürfnis, Dich selbst zu distanzieren vom Geschehen, bringst dadurch den Leser vermutlich noch näher. Bemerkenswert.

Ein Ich-Stachel?

Erstmal Danke, das klingt total großartig. Aber manchmal „passieren“ mir solche Sachen beim Schreiben einfach. Umso schöner, dass es so gut ankommt.

Das „Passieren“ liebe ich immer am meisten.

Der Ich-Stachel bezieht sich auf diverse Formen von Egozentrik und Egoismus, der mir immer wieder begegnet. Und obwohl ich Einzelkind bin, habe ich Probleme mit dem Wort „Ich“.

Zum Passieren: manchmal darf man als Autor nicht zu viel nachdenken. Denke ich.

Hm. Da muss ich erstmal ein paar Wochen drüber nachdenken. Über den Stachel.

Das ist auch ein schwieriges Thema mit vielen Gratwanderungen. Bis zu einem bestimmten Maß ist Ich-Bewusstsein sehr wichtig.

Mit dem Verkopfen gebe ich Dir recht. Hundertprozentig! In Geschichten und wie man sie erzählt, darf und sollte man etwas wild sein dürfen. Damit sind wir beim mutigen Schreiben.

Zu dem schwierigen Thema können wir nochmal zurückkommen. Das ist sehr spannend.

Das ist ja auch nur meine persönliche und sehr individuelle Wahrnehmung.

Die Deine Art, Geschichten zu erzählen und damit Deine Kunst maßgeblich formt.

Das gilt für jeden Schreibenden. Man muss nur seinen Weg dorthin finden. Es hat lange gedauert, bis ich einen Zugang zu meinen Texten gefunden habe. Ich erkenne jetzt schon eine große Veränderung, die zwischen meinen ersten und meinen aktuellen Texten stattgefunden hat.

Ja! Diesen Weg zu finden, erfordert es Mut?

Sehr viel. Oder zumindest es umzusetzen. Ich bin mutiger geworden in Bezug auf meine Sprache. Also weniger Sprachspielereien und mehr Inhalt. Und ich experimentiere mehr. „Mein stummer Begleiter“ ist da ein gutes Beispiel. Ich hätte mich früher niemals getraut, eine Geschichte mit relativ wenig Handlung zu schreiben, um das Innenleben eines Menschen zeigen. Noch vor einem Jahr wäre mir das zu komplex gewesen.

Weniger Handlung, mehr Mensch. Darum geht es ja auch, wenn man Emotionen auf der Spur ist.

Wir haben jetzt über die Empathie der Autorin Wiebke gesprochen. Wie sieht es mit der Leserin Wiebke aus? Wie wichtig ist es Dir, Emotionen in Texten aufzuspüren? Wie erreichen sie Dich?

Ich denke, Emotionen sollten der Kern eines jeden Textes sein. Sie sind Grundlage für Handlungen, Entscheidungen, Konflikte, Gespräche und alles, was sonst eine gute Geschichte ausmacht. Ich denke, eine Geschichte, die keine Emotionen auslöst, kann nur schwer Leser gewinnen. Diese Emotionen müssen nicht mal explizit sein oder Kern der Geschichte, aber sie müssen den Leser erreichen. Und bei mir gelingt das am besten über die Identifikation mit einer Figur oder über das Thema, das mich in besonderer Weise berührt.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest Du diesen Prozess?

Für mich war es ein großer Gewinn. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich anderen Autoren auszutauschen über gemeinsame Probleme und Sorgen und ebenso unterschiedliche Herangehensweisen. Mir ist auch aufgefallen, dass wir alle sehr unterschiedlich sind. Wir vertreten eine große Altersspanne und verschiedene Persönlichkeiten, das hat die Arbeit unheimlich inspirierend gestaltet. Darüber hinaus konnte ich sehr viel lernen. Vor allem von unserem interaktiven Lektorat, aber auch über mein eigenes Schreiben und meine Ziele als Autorin. Schön war auch, dass wir als Autoren an nahezu allen Prozessen beteiligt waren und viel Mitspracherecht hatten. Es führt dazu, dass alle sich sehr gut mit der Anthologie identifizieren können und sich wohl fühlen, darin veröffentlicht zu werden. Und das ist nicht selbstverständlich.

Liebe Wiebke, ich danke Dir von Herzen für dieses tiefgehende Interview!

Ich danke ebenfalls für die großartigen Fragen, die mir die Möglichkeit geben, einen Einblick in meinen Kopf zu bieten.