Paul T.

Ursprünglich geplant als eine Skizze von einem Charakter, auf den ich ganz plötzlich Lust verspürte. Inzwischen ist daraus eine Geschichte entstanden. Paul T. begann als eine schrullige Persönlichkeit, exzentrisch und außergewöhnlich sollte sie sein.

Ich schrieb an dem guten Herr Tehmann mit dem Hinblick auf eine Fingerübung, ich wollte mich und mein Schreiben dahingehend trainieren, eine Figur zu erschaffen, die mir nicht ähnlich ist und mit der ich mich dennoch – streckenweise- identifizieren kann.

Paul T. und was er mir erzählt, haben mich einiges über das Schreiben gelehrt. Und es sind weitere Fragen entstanden, nach deren Antworten ich auf der Suche bin. Zum Beispiel: Wieviel Raum haben andere Figuren neben einem dominanten Charakter? Oder: Wieviel Anti-Sympathie verträgt die Leitfigur?

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Die Geschichte wird immer mal wieder überarbeitet, und natürlich freue ich mich wie immer über Anregungen, Fragen und Kritik von euch. Der gute Paul ist ja nicht in Stein gemeißelt; nicht einer wie er. Oh nein, ganz und gar nicht …

(Bilder: Sky-TNT Comedy)

Paul T.

Heißer, heißer Sand.

Heiße Sonne.

Und heiße Luft. Aufgewärmt, erhitzt, glühend. Verbrüht.

„Herr Tehmann findet einen Koffer in der erhitzten Luft“, sagt er und hält kurz inne. Das konnte unmöglich richtig sein, der Koffer steht ja am Boden. Aber die Luft …

Er schüttelt den Kopf. Sätze mit „Aber“ zu beginnen, die wollte er sich doch abgewöhnen. Warum eigentlich?

Herr Tehmann hält den Kopf schief. Vermutlich, weil sie es gesagt hatte.

Sie ist aber nicht hier.

Er lässt den Koffer liegen. Und rennt wieder los. Die Straße ist sandig, über dem Teer flimmernde Hitze. Die Luft biegt sich. Das könnte schön sein, würde es nicht so schmerzen.

„Gut“, sagt Theodora. „Fassen wir zusammen. Wir brauchen Freddie, Marie und Paul.“

„Bitte nicht Paul.“

„Warum nicht? Er ist unkonventionell.“

„Er hat total einen an der Klatsche!“

„Ja“, macht Theodora. „Er geht eben den Weg anders. Nicht geradlinig. Eher so … zickzackmäßig.“

„Er nennt sich selbst Herr Tehmann.“

„Na und? Das ist sein Name.“

„Komm schon, verarsch mich nicht“, sagt Chrissie. „Du weißt gar nicht, wie er heißt.“

Theodora räuspert sich. „Doch. Er heißt Paul. Paul Tehmann.“

Dafür erntet sie eine hochgezogene Augenbraue. Sonst nur Schweigen.

Theodora zuckt schließlich mit den Schultern. „Der Tehmann ist dabei, Punkt.“

Chrissie erhebt sich, jedoch nicht ohne theatralisch zu seufzen.

„Ich weiß, dass dir das nicht in den Kram passt“, flötet Theodora über ihre Schulter. „Ist mir egal. Beweg dich.“

„Ja ja.“ Chrissie legt einen Zahn zu, obwohl sie keine Lust hat, aufzuschließen. Das wäre ein Zeichen von Zustimmung. „Wenigstens gehe ich geradeaus. Sonst würde ich ja nie ankommen. Im Zickzack, Pfff.“

Theodora beschließt, diesen Kommentar zu überhören.

Herr Tehmann läuft tatsächlich im Zickzack. Er rennt die geteerte Straße entlang, die als solches kaum noch zu erkennen ist; hin und her und wieder zurück. Ihm ist die Effektivität dieser Vorgehensweise bewusst, oder besser gesagt, es ist ihm bewusst, dass keine Effektivität vorliegt. Es geht nicht anders, er muss flüchten. Und das Fluchtbedürfnis ist so groß, dass sein gesamter Körper darauf reagiert: Extensionstremor nennt man das. Nun gut, niemand nennt das so außer Herrn Themann selbst, doch das tut nichts zur Sache. Nur, weil sich ein Begriff noch nicht durchgesetzt hat, sollte man ihm nicht seine Daseinsberechtigung streitig machen. Es gibt so einige Begriffe, die lange brauchten. Klo vielleicht.

„Jetzt denken wir mal nicht an Klo“, denkt Herr Tehmann. „Nachher müssen wir noch. Jetzt sofort vielleicht.“ Und das führt weiterhin zu dem Gedanken, dass Grundbedürfnisse bei einer Flucht Probleme bereiten können. Wurde das je in einer Geschichte, die Flucht thematisiert, berücksichtigt? Dass jemand rennt und rennt und rennt und dann aufs Klo muss?

Und er rennt, er rennt im Zickzack die heiße, sandige Straße entlang, seine Beine schlagen aus wie die jener Schlenkerpuppen, die es mal gab; und hin und wieder fuchtelt er mit den Armen. Als wollte er die Luft zerschlagen. Selbst die Luft steht ihm im Weg.

Und hinter ihm, am Ende der Straße, steht der Koffer. Herr Tehmann hatte ihn aufgemacht, hatte die Augen aufgerissen, und war losgerannt.

Und jetzt rennt er, es ist ein sinnloses Rennen, vielmehr ein sinngemindertes Rennen, und während er flüchtet, vor dem Koffer und dem, was darin ist, denkt er Dinge wie Wir sollten keine Sätze mit Aber beginnen, Wir denken jetzt mal nicht an Klo und Grundsätzlich sollten wir nicht von Wir reden.

Sicher, einige dieser Sachen sind nur da, weil sie sie angesprochen hat, doch meistens hat sie recht. Er fährt immer gut, wenn er auf sie hört. Na ja, bis auf das eine Mal. Aber so kleinlich sollte man jetzt nicht sein; nicht, wenn man es eilig hat.

„Gut, alle da?“, fragt Theodora, als sie im Auto sitzt und sich anschnallt. „Jepp“, antwortet Chrissie neben ihr. „Plus Nika, die hockt im Kofferraum.“

„Warum das denn? Die können wir nicht gebrauchen!“

„Ich hab sie nicht rausgekriegt. Lass sie halt.“

„Mann!“, macht Theodora. „Scheiß drauf, wir müssen jetzt los.“

Die fünf Insassen, einer davon aus Versehen, machen sich auf den Weg durch die Stadt, durch die lärmende, stinkende, überhitzte Stadt; sie wollen raus aufs Land. Ihr Ziel ist die Straße, an deren Ende der Koffer steht, und vor dem Herr Tehmann davon rennt. Doch das wissen die im Auto nicht. Sie wissen nur von Tehmann, nicht von dem Koffer.

Und das Auto schiebt sich durch die Mittagshitze und den Stadtlärm, und Paul rennt über das Feld, außerhalb der Stadt. Im Grunde genommen steuern sie geradewegs aufeinander zu.

„Und du findest das nicht komisch, dass in seinen Unterlagen nur Paul T. steht?“, wispert Chrissie, weil sie weiß, dass Theodora am zugänglichsten ist, wenn sie sich konzentrieren muss. Das rauszufinden, hat einige Jahre gedauert, und verstanden hat sie das nie. Muss man auch nicht kapieren, beschloss sie irgendwann, ist einfach so.

„Nein, finde ich nicht“, erwidert die Frau am Steuer sofort. „Und dass du flüsterst, ist unnötig. Alle hier im Wagen kennen Paul.“

Chrissie lehnt sich zurück, dann dreht sie sich um. Auf der Rückbank sitzen Freddie und Marie und und sehen sie stumm an. Und weiter hinten sitzt Nika und ist mit den Bändern ihrer Schuhe beschäftigt.

Chrissie verdreht die Augen und lässt sich wieder in den Sitz fallen. „Was für ein Haufen Irrer.“

Mit dem Auto braucht man etliche Zeit, bis man aus der Stadt raus ist. Und zur Mittagsstunde braucht man eine halbe Ewigkeit. Die Insassen stört das nicht wirklich, die Klimaanlage läuft und pustet abgestandene, aber kalte Luft durch das Auto, und Radio TFM fröhliche Musik.

Selbst Chrissie ist gutgelaunt. Eigentlich ist sie das meist, nur die Sache mit Paul geht ihr gegen den Strich. Aber was soll sie machen.

„Und wieder ein Tag mit Spitzenwerten an die 35 Grad“, singt der Moderator aus dem Lautsprecher. „Leute, geht baden oder was weiß ich. Seid nicht so dumm wie die Balla-Bande, die gestern Abend wieder mal zugeschlagen hat. Wisst ihr, die stecken unter ihren Masken und schwitzen sich bestimmt bald zu Tode. Müssen die doch nicht haben, oder? Geht lieber baden, sag ich euch. Oder grillt was und tanzt und seid happy.“ Dann fing die Musik wieder an, 10TCC mit I’m not in love.

Chrissie hatte nie verstanden, was an diesem Sadness-Summer-Ding dran sein sollte. Vielleicht ist das echt nur so eine Emosache. Aber der Song ist okay, und die Insassen singen mit. Außer vielleicht Nika, aber was weiß man schon.

Der Wagen schlängelt sich in Kolonnen ein, verlässt sie wieder, biegt ab, steht im Stau, Stop and Go, und das Ganze von vorn.

Und Paul ist bereits in der Stadt, er kommt vergleichsweise schnell heran.

Es gibt eine Stelle, an der sie sich hätte zuwinken können, an der Hesse-Brücke. Oben das Auto;  unten, an der großen Kreuzung, Paul. Aber sie sehen sich nicht, Tehmann starrt auf die Rote Ampel, und die Insassen starren durch die Windschutzscheibe. Nur Nika hat kurz den Blick gehoben. Doch sie sieht nur blassblauen Himmel und die Stromleitungen. Von ihrem Platz aus müsste sie sich erheben, um überhaupt mehr als das sehen zu können.

Das Auto fährt aus der Stadt raus, und Paul läuft in die Stadt rein.

Es ist drei Uhr, als er ankommt. 15.15 Uhr hat er Therapie, Zeit genug, um sich frisch zu machen. Nicht um zu duschen, da müsste er erst auf die andere Station, aber das würde er auch dann nicht, wenn er nicht in Eile wäre. Die Duschen sind verkeimt.

„So“, sagt Lydia an der Rezeption. Dann betrachtet sie ihn eingehend und rümpft die Nase. „Waren Sie joggen?“

„Ja“, antwortet Tehmann knapp. „Joggen, genau.“

„Bei der Hitze?“

Jogger mit Koffer, denkt er. Oder Jogger vor Koffer. Und dann: Koffer jagt Jogger. Ja, jetzt passt es.

„Bitte einen Espresso, Lydia. Dreifach mit …“

„Zweimal Zucker, ich weiß schon“, ergänzt die.

„Und ein großes Wasser.“ Damit verschwindet Tehmann hinter seiner Tür.

Die Waschparzelle, die zu seinem Büro gehört, gibt alles her, was er braucht: Seife, Feuchttücher, Deo. Und natürlich Wasser und Handtücher. Nur mit dem Hemd, das muss er sich überlegen.

Erstmal nimmt er die Uhr ab. Das dicke Lederarmband schnürt ihm beinahe das Blut ab. Man schwitzt ja immer drunter, aber heute …

„Paul, Frau Meister ist da“, hört er die Anlage summen.

„Gleich“, brüllt er zurück, dann legt er einen Zahn zu. Hemd aus, waschen, reinigen, Deo. Kämmen. Und dann, schweren Herzens, nimmt er ein neues Hemd vom Bügel. Nun ja.

„Guten Tag“, sagt er, als er in sein Büro zurückkommt. Lydia hat Frau Meister schon reingelassen, das macht sie immer, wenn die Patienten sich schon auskennen. So nennt es Lydia jedenfalls. Auf dem Schreibtisch stehen Espresso, Wasser und ein paar Kekse.

Themann hasst es, im Büro zu essen. Wahrscheinlich will sie ihn ärgern, die alte Giftschlange.

„Wie ist denn das Befinden?“, fragt er, als er sich setzt. Und Frau Meister holt tief Luft. Es ist immer Dasselbe.

„Ich habe wieder gegessen.“

Essen, essen, denkt Tehmann. Immer Dasselbe. Essen und Sex und Suizid. Was soll man da machen.

„Wie viel?“

„Zuviel.“

„Mehr als sonst?“

„Wie, mehr als sonst?“ Die Meister klimpert mit den Augen und tut kokett, damit kommt sie gut durch. Bei ihm aber nicht.

„Haben Sie sich übergeben?“

„Ich …“ Wieder klimpert sie rum.

„Haben Sie gekotzt, Frau Meister?“

Jetzt reißt sie die Augen auf und tut entsetzt. Reine Show. Jemand, der sich den Finger in den Hals steckt, hat keine Scheu vor Worten wie Kotzen.

„Aber, wie reden Sie denn?“

„Das Wort bleibt dasselbe. Es verkleidet sich nur. Wie ihr Zwang. Erst war es das Waschen, dann das Einkaufen, jetzt das Essen. Das Problem ist geblieben, und es bleibt weiterhin. Wenn wir die Dinge nicht beim Namen nennen.“

Na, das kann er gut. Bei Waschen wäre er gern gestolpert, doch das braucht er nicht. Das geht ganz glatt. Ob das heuchlerisch ist? Es stört ihn, dass die pseudo-adrette Frau und er sich einen Zwang teilen, ihm wäre es lieber gewesen, sie hätte einen Putzzwang.

Außerdem wäre Zwang wohl übertreiben. Er ist halt gern sauber. Punkt. Und rein.

Das Wir nervt ihn auch. Doch das muss sein, noch sind sie in der Identifikationsphase. Vielleicht kann er das Tempo erhöhen. Das, oder er sticht sich mit einer Gabel ins Auge. Wenn ihn der Koffer nicht vorher erwischt, natürlich.

„Also?“

Frau Meister zuckt etwas zurück, und es sieht täuschend echt aus. Normalerweise ist Tehmann nicht so pampig, doch die Rennerei in der Mittagshitze war auch nicht schön. Da müssen wir jetzt durch. Wir ist wir.

„Ja, ich … habe mich übergeben. Es tut mir leid.“

Er holt tief Luft. Die Leute immer mit ihren selbstgerührten Suppen, die sie einem dann zum Auslöffeln geben. Fast wünschte er, er wäre auf der Geschlossenen geblieben mit den ganzen Ritzern und Springern. Nun sitzt er in der Klinik mit den Ess-Frauchen und den Sex-Männchen.

„Wenn Sie sich noch einmal entschuldigen …“

Die Anlage summt, und Paul zuckt zusammen. Was wollt er eben sagen?

„Entschuldigen Sie, Paul“, sagt Lydia in der Anlage. „Ein Anruf. Es ist dringend.“

Dringend, dringend. Was soll das eigentlich sein? Da müssen wir gleich an Klo denken.

Nicht wir, Paul.

Und jetzt nicht Klo, nicht schon wieder.

„Entschuldigen Sie mich“, sagt er zu der Meister und setzt in Gedanken Sie fette gelangweilte Frau hinzu. Für das fette kann er nichts, na ja, vielleicht ein bisschen. Aber definitiv nichts für das langweilig.

Er nimmt den Hörer ab und bellt: „Tehmann?“

„Paul, hier ist Theodora.“

Puh. Er erinnert sich. Viele nennen sie nur Theo, was ihn dazu veranlasste, sie als einen Mann zu sehen. Seltsamerweise dachte er es auch dann, als er sie bereits gesehen hatte. Gar nicht seltsamerweise; zwanghafterweise.

Ihr Kennenlernen war also nicht sehr harmonisch verlaufen, das war nun einmal so.

„Was ist denn?“, fragt er.

„Wir brauchen dich. Es ist dringend. Es geht um Leben und Tod.“

„Ach.“

„Ja. Ich dachte, du bist schon draußen.“

„Wo?“

„Was wo?“ Jetzt klingt sie ungehalten, und das macht ein bisschen Spaß. Obwohl diese Theo nicht der Typ Mensch ist, den man ungehalten erleben will. Nun wirklich nicht. „Draußen, auf den Feldern.“

„Da war ich, und jetzt arbeite ich. Du störst.“

„Wir brauchen di…“

„Ich werde jetzt auflegen.“

„Wir suchen den Koffer.“

Tehmann hält inne. Vor seinem Auge verschwimmt Frau Meister. Irgendwie sieht sie ängstlich aus. Sie scheint sich an ihrer Handtasche festzuklammern.

„Komm raus. Jetzt sofort.“ Theo hat aufgelegt, und Frau Meister sieht wieder klar vor ihm. Gestochen scharf.

„Ich muss weg“, sagt er tonlos.

„Aber …“ Das Kinn klappt auseinander wie bei einer Bauchrednerpuppe. Nur dass Bauchrednerpuppen kein Doppelkinn haben. „Meine Therapie …“

„Können wir abkürzen. Sind wir doch mal ehrlich, Frau Meister, Sie vergeuden hier nur ihre Zeit. Und meine dazu.“

„Also hören Sie mal …“

„In der Anmeldung steht, dass sie traumatisiert sind. Doch das sind sie nicht. Traumatisiert ist das Mädchen, welches um sechs Uhr abends kommt. Dazu erspare ich Ihnen nähere Informationen. Sie sind nur gelangweilt und unterfordert und …“

„Wie können Sie es wagen, so mit mir zu sprechen?“, plärrte die Meister los.

Tehmann runzelt die Stirn. Gegenwehr war zu erwarten, aber so heftig?

„Unterfordert“, wiederholt er. „Nicht? Unterschätzt?“

Sie kneift die Augen zusammen. Eigentlich kneift sie alles zusammen, Augen, Lippen, Mund. Es sieht aus, als würde ihr Gesicht in sich selbst hineinkriechen wollen. Das findet Tehmann faszinierend.

„Wir einigen uns auf unterschätzt“, sagt er schließlich schnell, um die Sache abzuschließen. „Gehen Sie was Sinnvolles machen, studieren oder Spenden sammeln oder Kuchen backen. Halt, streichen Sie das Backen.“

„So reden Sie nicht mit mir!“, brüllt die Frau Meister. Immerhin steht sie auf. Tehmann hat es jetzt wirklich eilig. „Ja ja“, macht er und überlegt, sie zur Tür rauszuschieben. Doch dafür müsste er sie anfassen. „Sie müssen den Kuchen ja nicht essen. Bringen Sie ihn doch hier her. Sehen Sie, da ist uns doch beiden geholfen …“

„Das werden Sie bereuen! Ich werde sie fertig machen!“

„Ja, sehr schön“, murmelt Paul und wedelt hinter der Frau her, als würde er ihr Fahrtwind geben wollen.

Als sie aus der Tür raus sind, schlüpft er an ihr vorbei. Ihr wütendes Geschrei begleitet ihn über den gesamten Flur, doch er hat jetzt kein Ohr dafür. Der Kanal ist völlig verschlossen.

„Er kommt“, sagt Theo, als sie das Handy in die Hosentasche geschoben hat.

„Und wie lang wird das dauern?“, fragt Freddie. „Ich meine, wir haben schon drei Stunden gebraucht.“

„Es waren wohl eher zwei“, erwidert Theo. „Und die Nachmittagsschicht fängt an. Zeit für die guten Menschen, sich wieder an ihren Arbeitsplatz zu scheren. Die Straßen werden sich langsam leeren.“

Sie blickte die drei an, die im Schatten des Autos am Boden kauerten. Freddie hat einen vergilbten Grashalm aus dem sandigen Boden gerissen und zwirbelte ihn zwischen den Fingern. Und während er das tut, starrt er irgendwohin in die Ferne. Es sah aus, als suchten seine Augen nach dem Horizont.

Marie tut so, als wäre sie mit ihrem Handy beschäftigt, doch Theo weiß, dass sie sie insgeheim beobachtet. Wie ein Tier, das auf der Lauer liegt. Sie wartet auf den Startschuss.

Und Chrissie … ist halt Chrissie. Sie ist gut, doch ihr Misstrauen ist nervig. Wenn man den Tehmann braucht, braucht man ihn eben. Er ist gut darin, Menschen zu bequatschen. Der Beste. Theo hat keine Ahnung, wie er das anstellt, und es ist ihr auch egal. Vielleicht sollte man sowas besser nicht wissen. Oder verstehen. Das eine Mal, bei dem sie dabei gewesen war, hatte sich echt seltsam angefühlt. Unheimlich.

Alle drei kauern im sandigen Schmutz in dem kläglichen Fleck Schatten und warten. Sie wissen, dass Theo die Guten Menschen absichtlich erwähnt hatte. Und sie wissen, dass es ein weiteres Mal darauf hinauslaufen würde. Die Gespräche über die Guten und die Schlechten waren mühsam, doch vonnöten. Diese Diskussionen waren das beste Mittel, um sich von dem schlechten Gewissen reinzuwaschen. Theo ist das bewusst. In dieser Hinsicht ist sie pragmatisch; ein steter Pragmatismus, der sie alle vor der Hölle bewahren würde, in die einen das eigene schwarze Gewissen führte.

„Was hat er denn hier draußen gesucht?“, fragt Freddie. Er ist neugierig, jungenhaft neugierig. Er will immer alles wissen. Was er mit diesem Wissen anstellt, dahinter ist Theo noch nicht gestiegen.

„Na was wohl?“, fragt sie zurück. „Er sucht den Koffer.“

„Was will er damit?“

Theo starrt ihn an, und Marie tut es auch. „Sag mal, bist du bescheuert oder was? Was will er wohl mit dem Koffer? Das Gleiche wie wir. Gott, du bist so ein Honk.“

„Nenn mich nicht so. Dieser Tehmann, der macht sich doch nichts aus Geld. Was also soll er den Koffer suchen wollen?“

„Er macht sich nichts aus Geld?“ Marie spuckt ihn beinahe an. „Mann, hol deinen Kopf aus dem Arsch! Jeder macht sich was aus Geld! Die ganze Welt dreht sich ums Geld. Sie besteht daraus! Aus Scheiße und Kohle.“

„Amen“, macht Theo.

„Nun, das sehe ich nicht so“, sagt Freddie, und Theo rollt mit den Augen.

„Ach nein?“ Marie wird ihm gleich eine scheuern, man wäre wohl gut beraten, Wetten darauf abzuschließen. „Dann sag mir mal, was du hier willst, Ghandi.“

„Ich mache meinen Job. Genauso wie du.“

„Und was springt dabei raus?“

„Mein Anteil.“

„Ha!“

„Hör auf. Das ist keine Antwort. Eigentlich ist das nicht mal ein Wort. Ha, was soll das überhaupt bedeuten?“

Marie starrt ihn wieder an, als würde sie nicht glauben können, was er da sagt. Und so ist es ja auch. „Ha bedeutet, dass ich recht habe und du nicht. Du kriegst Geld, so wie wir alle. Wir kriegen einen hübschen Batzen von der Kohle, ich hoffentlich mehr als du, und dann gehen wir alle wieder schön nach Hause.“

„Nicht, ohne vorher über die Guten zu sprechen“, wirft Theo ein, und Marie gibt ein verächtliches Geräusch von sich. „Ja, meinetwegen reden wir vorher wieder über den Menschenscheiß, aber dann gehen wir hübsch ordentlich nach Hause.“

Freddie zwirbelt weiter den Grashalm. „Ich brauche das Geld für meine Mutter.“

Marie schnaubt. „Gott, ich hoffe wirklich, dass ich mehr kriege als du. Eine Menge mehr!“

„Sie ist krank.“

„Interessiert mich einen Scheiß, okay? Laber mich nicht mit deiner Alten zu!“

„Du wolltest doch wissen, warum ich hier bin.“

Marie hebt den Kopf. Ihr Blick sieht gequält aus, so als würden ihre Augen leiden. Ihr ganzer Kopf, das ganze Gehirn. „Darf ich ihn umlegen? Bitte?“

„Nein“, sagt Theo.

„Ich mach auch sauber.“

„Nix. Den brauchen wir.“

Marie schnaubt wieder, dann lässt sie den Kopf hängen.

Chrissie lehnt sich zurück und sieht Theo an. „Was machen wir so lange?“

„Wir suchen den Koffer“, antwortet die. „Das war der Plan. Ich überlege aber noch.“

„Und was?“

Theo zuckt mit den Schultern. „Wir sollten uns nicht so weit vom Wagen entfernen. Das ist nicht gut.“

„Fahren wir doch die Straße nach und nach ab“, schlägt Freddie vor.

„Fahren wir doch die Straße nach und nach ab“, äfft ihn Marie nach.

Er sieht sie an. „Halt die Fresse.“

„Halt du die Fresse!“

Freddie öffnet den Mund, und Marie sieht aus, als wollte sie aufspringen, da hebt Theo die Arme. „Ihr haltet beide die Fresse, okay?“

Die beiden halten inne und blicken sie an. Freddie widmet sich wieder dem Grashalm.

„Ich weiß, es ist heiß und wir gehen uns alle auf den Sack. Aber heute Abend, wenn ihr euch jetzt alle benehmt und schön brav seid, werden wir auf unserem Gehaltscheck ein paar Nullen mehr haben. Dafür müsst ihr arbeiten. Und mit arbeiten meine ich Fresse halten- jetzt, und tun was ich sage- später. Ist das angekommen?“

Sie nicken.

Theo nickt auch. Dann sieht sie sich um. „Die Idee ist gar nicht schlecht. Wir halten und suchen die Straße und das Feld in einem Umkreis von zehn Metern ab. Mehr ist nicht drin. Nicht so lange Tehmann nicht da ist. Okay?“

Wieder nicken sie einheitlich.

„Okay“, murmelt Theo. „Hier ist er nicht. Lasst uns also ein Stück weiter fahren.“

Tehmann hat die Klinik verlassen und schätzt nun ab, wie am besten wieder raus aus der Stadt kommt. Der Verkehr nimmt gegen drei ab, das weiß er, aber noch immer sind die Straßen voll. Und die U-Bahn fährt nicht so weit raus, jeden falls nicht in die Richtung, in der die Straße liegt. Klassische Fehlplanung der Verkehrsführung.

Tehmann steht vor der Klinik und überlegt hin und her. Dann entscheidet er sich für das Taxi, steckt sich zwei Finger in den Mund und pfeift.

Er hasst es, mit dem Taxi zu fahren. Nun ja.

„Hi“, sagt der Fahrer, und Tehmann beugt sich runter, um Maß zu nehmen. Menschenmaß. Jung, aber brav.

Er steigt ein. „Hi. Ich muss raus zur Straße.“

„Äh“, macht der Fahrer. „Was wollen Sie denn jetzt da draußen? Bei der Hitze?“

„Geht Sie nix an. Fahren Sie einfach. Wir haben 30 Minuten.“

Der Typ reißt den Kopf rum. „Wollen Sie mich verarschen?“

„Nein, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt, wenn Sie das meinen. Gas geben. Pedal ganz rechts.“

Der Fahrer starrt ihn weiter an, noch volle zwei Sekunden, dann fährt er los.

Tehmann lässt ihn nicht aus den Augen, er kontrolliert die Strecke, die der Taxifahrer wählt, er kontrolliert die Richtung, die sie einschlagen. Erst nachdem sie sich auf dem südlichen Ring eingefädelt haben, lehnt er sich zufrieden zurück. 30 Minuten sind utopisch, doch manchmal braucht es ein wenig Druck.

Mehr kann er nicht tun, er wird seine ganze Energie noch benötigen.

Und während sich Tehmann in das Polster lehnt und die Augen schließt, hofft er innbrünstig, dass er den Koffer geschlossen hat.

Er ist sich sicher, aber nicht zu hundert Prozent. Er weiß, dass er den Deckel zugeschlagen hat, ganz klar, das muss er ja getan haben, sonst wäre er jetzt nicht mehr am Leben. Sonst wäre kein Mensch mehr am Leben. Alle tot.

Es muss also so sein, dass wir den Koffer geschlossen haben, denkt sich Tehmann. Hör mit dem wir auf.

Und dann: Es könnte im Moment nichts geben, was unwichtiger wäre als das Wir.

Aber er muss daran denken, muss den Gedanken in seinem Hirn hin und her drehen. Sie hat das gesagt, und das, was sie gesagt hat, kommt immer dann zum Vorschein, wenn es ihm nicht allzu gut geht. Wenn er gestresst ist. Und wenn er es eilig hat, so wie jetzt grade.

Vielleicht hätte er Theo sagen sollen, den Koffer nicht zu öffnen. So ein Unsinn, die hört auf niemanden. Ganz im Gegenteil, wenn er das gesagt hätte, würde sie den Koffer erst recht öffnen. Und wenn sie das Schloss durchbiss.

Ja, aber wir hätten es ihr befehlen können.

Durch das Telefon? Tehmann runzelt die Stirn. Das hat er erst einmal probiert. Es hatte hingehauen, doch danach war ihm das Blut aus der Nase geflossen wie ein fröhlicher Wasserfall. Und er kann sich keine Energieminderung erlauben. Nicht, wenn Theo den Koffer findet. Vor ihm.

Und eine andere Frage macht sich breit. Sie sitzt eine geraume Weile dort rum, in dem Moor des Unterbewusstseins. Nicht ganz unten, nicht im Delirium und dem, was danach kommt. Nur in dem Zwischenraum. Und jetzt ist sie aufgestiegen. Sie dachte sich wohl, jetzt wäre sie auch mal dran. Und das ist sie. Oh ja, das ist sie.

Der Verkehr wird weniger, die Blechschlange, die in weichen Kurven vor ihnen durch die Stadt kriecht, bekommt immer mehr Lücken und zieht sich auseinander, als würde sie versuchen, sich aufzulösen.

Herr Tehmann beobachtet dies mit einer Faszination, die ihm beinahe unheimlich ist. Es sollte ihm klar sein, dass es nur ein kläglicher Versuch von Verdrängung ist, und das ist es. Und Verdrängung macht müde. So müde. Wirklich müde.

Wirklich.

Wirklich.

Er spürt, wie sein Kopf nach unten kippt, wie das Kinn die Brust berührt, er spürt die samtige Hand des Schlafes und die kalten Klauen des Traumes, und er würde sich beiden so gern hingeben. Vielleicht kann er sich einen Augenblick der Erholung gönnen, nur fünf Minuten, in denen sein Kopf im Takt der Schlaglöcher auf seiner Brust wippt und ein langer Speichelfaden aus seinem Mund hängt …

„Und wieder ist es der Balla-Bande geglückt, zu fliehen“, flötet von irgendwoher eine frohe Stimme. „Und während die Polizei ohnmächtig da steht und weiter rätselt, finden die Einwohner immer mehr Gefallen an den vier Maskierten, die unsere größten Banken und Geschäftshäuser ausrauben und die Beute angeblich spenden. Einem anonymen Hinweis nach …“

Herr Themann schreckt hoch. Er langt nach vorn in das Fahrerhaus. „Machen Sie das mal lauter.“ Bevor er den Knopf des Radios berühren kann, sieht er, wie sich die Augen des Taxifahrers weiten.

„Ist das eine Patek Philippe?“ Und seine rechte Hand verlässt das Steuer, um nach der Armbanduhr zu greifen, die Tehmann trägt.

Sie fahren in diesem Moment nicht mehr als 20 Stundenkilometer, was nicht nur gut ist, sondern höchstwahrscheinlich dazu beiträgt, dass sie keinen Unfall haben. Tehmann könnte sich damit zufrieden geben, die Hand einfach wegzuschlagen, doch das tut er nicht. Er packt nach ihr und dreht sie um. Der Taxifahrer ist erschrocken, er quiekt auf wie ein Ferkel, und erst dann spürt er den Schmerz.

„Fassen Sie sie nicht an“, hört er eine Stimme in seinem Ohr, die wie das Zischen eines Feuers klingt, kurz nachdem man einen Eimer Wasser darüber geschüttet hat. Wenn es stirbt und sich in heiße Glut verwandelt. Und auch die Hand, die seine umklammert, fühlt sich danach an.

Der Taxifahrer bremst, eine Reflexhandlung, und nur das sofortige Hupen des Autos hinter ihm, kann den Reflex umwandeln und seinen Fuß aufs Gas treten lassen. Das Taxi macht einen kleinen Satz, mehr aber auch nicht.

Der Fahrer hat noch immer die Augen aufgerissen, sie sind schreckgeweitet, und als der Klammergriff nachlässt, zieht er sofort seine Hand zurück und drückt sie gegen seine Brust.

Tehmann lehnt sich langsam zurück, wie in Zeitlupe, und dann sieht er aus dem Fenster.

„Einsteigen“, schreit Theo. Sie haben das Areal abgesucht, nichts. Nun müssen sie weiter fahren. Es muss gegen vier sein, doch es kühlt überhaupt nicht ab. Ganz im Gegenteil, es scheint heißer und heißer zu werden, die Sonne steht über ihren Köpfen und sendet erbarmungslos Hitzestrahlen nach unten.

Theo wartet nicht ab, bis alle Türen geschlossen sind, sie gibt einfach Gas und fährt los.

Die Felder neben der Straße sind gelb, ausgedörrt und gebleicht. Es macht keine Freude, durch die Halme zu schreiten, sie fühlen sich an wie lange Sperre und kratzen an den Beinen. Theo hasst es, zu spüren, wie das Blut an den Waden runterläuft, doch sie bringt es auch nicht über sich, die Felder den anderen zu überlassen. Sie geht davon aus, dass es am besten läuft, wenn sie es selbst macht. Und zwar immer. Obwohl sie sich besonders auf Freddie verlassen kann. Freddie hat nicht nur Adleraugen, er scheint einen Röntgenblick zu haben. Wenn jemand einen Koffer in dieser Ödnis hier findet, dann er. Und dennoch stapft sie hinter ihm her, als würde sie ihm nicht trauen. Es geht einfach nicht anders. Sie kann nicht aus ihrer Haut.

Die restliche Fahrt verläuft schweigend. Der Taxifahrer scheint sich verbissen auf den Verkehr zu konzentrieren, doch Tehmann weiß genau, dass er ihn ab und zu im Rückspiegel misstrauisch beäugt.

Er selbst hat die Hand über die Uhr gelegt und dreht sie hin und her. Das heißt, er versucht es. Das dicke Lederband hat sich in die Haut eingefressen, und trotzdem ist dazwischen genug Platz für Nässe. Schweiß hat sich angesammelt und verwandelt alles in eine brühendheiße Suppe, die sich bald zur Wunde ausbreiten wird.

Egal. Er kann sie nicht abnehmen. Er hat sie von ihr. Auf der Innenseite des Armbandes steht sein Name. Paul. Nur Paul. Nicht Für Dich oder Für Paul, nur der Name. Er hätte sich ein Für gewünscht, doch er hat es nicht bekommen. Es fühlte sich an, als hätte sie auf Nüchternheit bestanden. Es fühlt sich noch immer so an.

Er könnte die Uhr abnehmen und seiner Haut ein wenig Zeit der Regeneration gönnen.

Auf einmal verspürt er den Drang zu kichern. Das ist witzig, das alles hier ist ein Aberwitz ohnegleichen. Sitzen wir im Taxi und machen uns Sorgen über einen Uhren-Dekubitus, während am anderen Ende der Stadt vielleicht ein Koffer geöffnet wird, der unser aller Verderben beinhaltet.

Womit wir wieder zu der Frage kommen, mein lieber Paul.

Das hat man davon. Das hat man von Wir. Es splittet sich auf, und dann steht es auf einmal auf der anderen Seite. Wir bedeutet Du und Ich, es splittet sich auf, weil es das darf. Und nun steht es grinsend auf der anderen Seite, zeigt seine hübschen weißen Zähne mit den Spitzen an den Enden und sagt: „Womit wir wieder zu der Frage kommen.“

Da ist sie also. Sie hat sich empor gekämpft aus den Schlämmen des Moores, und dann aus den Schlingen des Urwaldes. Und nun ist sie da, ganz oben im Turm der Erleuchtung, und sie drängt alles anderes beiseite. Mühelos. Vielleicht ist es auch so, dass alles andere Platz macht, ohne zu murren.

„Warum hast du den Koffer stehen lassen?“

Das ist alles. Nur ein paar Worte. Warum habe ich den Koffer stehen lassen, fragt sich Tehmann, während er im Taxi sitzt und auf den Weg zu Theo ist und der Fahrer sich sein angebrochenes Handgelenk gegen die Brust drückt.

Warum habe ich ihn nicht an mich genommen um ihn an einen sicheren Ort zu bringen? Wollte ich etwa …

Verdrängung. Macht müde, ist aber verlässlich zur Stelle.

Verdrängung an. Jetzt.

„Woher kennst du ihn eigentlich?“, fragt Chrissie, als sie am Auto gelehnt in der wallenden Hitze auf der Straße stehen.

„Aus dem Knast“, antwortet Theo knapp und setzt die Wasserflasche an.

Chrissie starrt sie an. „Du hast Dich schnappen lassen?“

„Hast du sie noch alle?“ Theo reicht ihr die Flasche. Sie sieht wütend aus. „Jemand hat mich verpfiffen.“

„Oh.“

„Ja, oh.“

„Ein Kerl?“ Dafür erntet Chrissie zusammengezogene Brauen, die ein Unwetter ankündigen. Das kennt sie schon. Theo ist wütend, spricht aber trotzdem weiter. „Kerl, Wichser, Arschloch, nenn ihn wie du willst. Er soll in der Hölle schmoren.“

„Und Paul …“

„Hat mich aus der Untersuchungshaft geholt.“

„Ist er ein Bulle?“

Theo starrt sie an. „Sag mal, hast du sie noch alle? Ich lass mich doch nicht auf einen Bullen ein!“

„Was dann?“

„Keine Ahnung. Irgendein Mediziner, glaub ich. Laberte was von forensischen Gutachten, was weiß ich. Interessierte mich auch nicht. Er wurde mir empfohlen, das ist alles.“

„Also ging es um Geld.“

„Chrissie, Schätzchen, es geht immer um Geld. Wegen Geld sind wir heut hier. Wegen Geld stehe ich morgens auf. Genauso wie du.“

„Ist schon klar“, erwidert Chrissie. „Aber so einer wie der macht sich doch nichts aus Kohle. Ich meine, ich hab den nur ein paar Mal gesehen, auch nur kurz, aber …“

„Es ist mir egal, okay? Er hat mich rausgeholt und gut. Vielleicht hat er irgendwo ne kranke Alte, so wie Freddie, was weiß ich.“

„Hm“, macht Chrissie. „Vielleicht.“

„Ist ja auch rille.“

„Ich hab noch ein paar Fragen.“

Theodora verdreht die Augen. „Muss das sein?“

„Was willst du denn sonst machen? Er ist noch nicht hier, also kannst du auch mit mir reden. Oder willst du vielleicht Scharade spielen?“

Theo dreht den Kopf und betrachtet sie stirnrunzelnd. „Sag mal, ist das immer so, dass du mit einem Mal anfängst zu labern und Menschen auf die Eier gehst?“

Chrissie zuckt mit den Schultern. „Ich werd erst nachmittags wach. Ist genetisch.“

„Gut zu wissen“, murmelt Theo.

„Also“, setzt Chrissie an. „Was kann er?“

„Was kann wer?“

„Komm schon, hör auf. Wir stehen hier auf dem Präsentierteller. Diese Straße ist eine Sackgasse. Kein Mensch weiß, wann sie endet, auch wenn angeblich bis ins nächste Bundesland führt. Wir kommen hier nicht raus. Die Bullen können jederzeit da sein, wenn die auch auf den Gedanken kommen, dass die Ballas den Koffer hier verloren oder versteckt oder was auch immer haben.“

Theo bleckt die Zähne, doch Chrissie lässt sich nicht einschüchtern. „In den Koffer sind Diamanten, okay. Trotzdem ist er es nicht wert, dass du das Risiko eingehst, geschnappt zu werden. Das und diese Geschichte mit der U-Haft bringt mich zu der Frage, was Pauls Geheimnis ist. Was kann er, das dich veranlasst, hier lustig durch die Gegend zu spazieren und einfach abzuwarten?“

Theo beäugt sie, noch immer sind ihre Zähne zu sehen. „Ich hätte nicht übel Lust, dir die Nase zu brechen.“

Chrissie zuckt unbekümmert mit den Schultern. „Was soll das ändern?“

„Dass du die Fresse hältst.“

„Oder du antwortest mir einfach. Wir sitzen im selben Boot. Mein Arsch hängt auch mit drin.“

„Ein hübscher Arsch.“

„Komm schon, Theo. Und Danke.“ Chrissie grinst. Und Theo verdreht wieder die Augen.

„Hier ist er nicht.“

Theo und Chrissie drehen die Köpfe und blicken Marie Und Freddie an.

Freddie hebt die Schultern. „Nix da. Fahren wir weiter.“

„Okay“, macht Theo und stößt sich vom Wagen ab. Als sie ins Auto steigt, spürt sie die lauernden  Blicke von Chrissie.

Tehmann hat sich wieder aufgerichtet. Sie sind aus der Stadt raus, und zur Straße ist es nicht mehr weit. Er hat das dringende Bedürfnis, endlich aus dem Wagen zu kommen, und er hofft, dass der Fahrer keine Zicken machen wird. Vielleicht sind Knochen gebrochen, sehr wahrscheinlich sogar, doch er kann sich keine Energieminderung leisten, also muss er einfach hoffen, dass der Typ seinen Mund hält.

„Stop!“, ruft er, als in der Ferne den Geländewagen stehen sieht. Das Taxi ist gerade erst auf die Straße eingebogen, vielleicht haben sie zwei Kilometer hinter sich, vielleicht auch mehr. Sehr lange kann Theo also noch nicht hier sein. Außer, sie sucht alles gründlich ab. Sehr gründlich.

„Ich steige hier aus“, sagt er zum Fahrer, als das Auto steht.

„Sechsunddreißig vierzig“, erwidert der mit dünner Stimme, und Tehmann weiß, dass er stillhalten wird. Er bezahlt, steigt aus und wartet, bis das Taxi mit einigen Zügen wendet. Und dann ist es verschwunden.

Tehmann dreht sich langsam um. Es ist unglaublich heiß. Die Brille rutscht auf der Nase hin und her, doch er kann sie nicht abnehmen. Wenn er das täte, müsste er sie reinigen, und er hat nichts zum Reinigen hier. Außer das Hemd, welches er am Körper trägt. Doch das wird er nicht tun. Es ist schon schlimm genug, dass er es überhaupt trägt.

Tehmann holt einmal tief Luft und setzt sich dann in Bewegung. Er selbst wollt heute Morgen nur nachsehen, ob die Diamanten tatsächlich hier sind. Im Gegensatz zu Theo nimmt er an, dass die Ballas eine Art krankes Spiel spielen. Sie hatten den Koffer absichtlich auf der Straße platziert. Vielleicht wollten sie sehen, was passiert, wenn ein paar Menschen, angetrieben von Idealismus und Geldnot und Wut auf das System zu giergetriebenen Kriegern werden. Vielleicht wollten sie einen lynchenden Mob sehen. Vielleicht aber auch nicht. Das spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr.

Tehmann ist gut in Form, trotzdem hat er noch eine lange Strecke zu bewältigen. Und an der Staubwolke dort vorn kann er sehen, dass sich der Wagen wieder in Bewegung gesetzt hatte.

Die Uhr schmerzt. Sie scheuert sich wund. Und seine Haut gleichermaßen. Es ist ein Erinnerungsschmerz. Verdrängung und Erinnerung; zwei Riesen, die ein Tau in den Händen halten und daran ziehen. Mal ist es mehr auf der einen, mal mehr auf der anderen Seite; denn die Riesen haben gleichviel Kraft. Und das, was zwischen ihnen entsteht, die Reibung in der Mitte, ist das Leben.

Tehmann ist ein wenig verwundert über jene philosophische Gedanken. Vielleicht sind sie immer so, wenn er an sie denkt.

Er senkt den Kopf und betrachtet die Uhr. Er trägt sie links, auf der Herzseite. Und das Band schnürte er extra eng, weil er wollte, dass es seinen Puls spürt. Er dachte, so konnte er ihr nahe sein. Und das war nichts als Ironie – pechschwarze Ironie würde sie es nennen – denn es war immer er gewesen, der sich von ihr entfernt hatte.

Die Staubwolke vor ihm auf der Straße hat sich gelegt. Zeit, sich wieder den Dingen der Wirklichkeit zu widmen.

Tehmann beginnt mit dem Laufschritt, er ist gut in Form, und doch bilden sich auf dem Hemd Flecken, in Schweiß getränkter Stoff, der die winzigen, beinah unsichtbaren schwarzen Karos schärfer zeichnet. Seine Brille rutscht stets ein kleines Stück nach unten, und er schiebt sie stets wieder nach oben.

Er beginnt zu schnaufen, dann wedelt er mit den Armen, um das Hemd zu lüften, danach ist die Brille dran. Ein gleichmäßiger Rhythmus ist das, ganz anders als der, dem er heute, am gleichen Tag, nur zu einer früheren Uhrzeit, gefolgt war.

Es dauert eine ganze Weile, doch dann hat er Theo und den Geländewagen so weit eingeholt hat, dass er erkennen kann, was sie dort treibt. Sie geht das Gelände ab, und mit ihr drei weitere Personen. Rasterfahndung, das macht sie. Vermutlich eine gute Idee, doch sonst nichts. Denn der Koffer ist nicht hier. Er hätte ihn gesehen.

Warum er sich in den Polizeifunk gehackt hat, ist ein anderer Grund als der, den Theo hat. Sie will das Geld. Vielleicht hat sie nicht einmal Interesse an der Kohle an sich, sie tut die Dinge einfach nur, weil sie gut darin ist. Und darin sind sie sich wieder zwillingshaft gleich.

Als er mitbekommen hat, dass die Balla-Bande einen Koffer verloren oder vergraben oder was auch immer haben muss, fragte er sich nach dem Warum. Und er hatte nur diese eine Antwort.

„Hey!“, schreit er nun, doch Theo und ihre Compagnons sind noch zu weit entfernt. Tehmann steckt sich zwei Finger in den Mund und pfeift, und das kommt an. Es kommt immer am Ziel an, auch wenn das über 2 Kilometer weit entfernt ist. Weil auch er gut darin ist, was er tut.

Die vier Personen dort vorn an der Straße halten inne, er sieht sie sich aufrichten wie Erdmännchen.

Und es dauert weitere 12 Minuten, bis er sie eingehalten hat.

„Er ist da“, sagt Chrissie, und der Ton in ihrer Stimme lässt Theo aufhorchen.

„Bis er hier ist, sagst du mir, worum es hier geht. Was sein Geheimnis ist.“ Sie starrt Theo an, und diese fährt sich mit der Zunge über die Zähne. Ihr ist klar, dass Chrissie nicht locker lassen wird. Sie hat genug in der Hand, um sie für eine lange, eine sehr lange Zeit hinter Gitter zu bringen, doch so dumm würde sie nicht sein. Doch sie will etwas wissen, sie will es unbedingt, und sie wird nicht eher loslassen. Wenn Theo etwas mehr auf den Sack geht als aufdringliche Typen im Knast so sind es Weiber, die nicht locker lassen, weil sie unbedingt etwas wissen müssen.

Also stemmt sie die Arme in die Hüften, kneift die Augen zusammen und starrt auf den Punkt in der Straße, der sich bewegt. „Keine Ahnung, wie ich das erklären soll, ohne dass du mich für gaga hältst.“

„Versuch es.“

Theo atmet einmal tief aus, dann sieht sie Chrissie an. „Ich sag dir mal, was er gemacht hat, um mich as dem Knast zu holen. Das erklärt es vielleicht am ehesten.“

Chrissie wartet ein paar Sekunden, doch es kommt nichts. „Ja?“, fragt sie schließlich.

Wieder macht Theo einen tiefen Atemzug. „Es war … Er hat nichts gemacht. Okay?“

Chrissie runzelt die Stirn, und Theo zuckt mit den Schultern. „Er hat nichts gesagt, dass meinte ich. Er hat einfach nur den Typ angestarrt, und dann hat der die Akte zerrissen und eine neue geschrieben. Und dann bin ich da raus marschiert, einfach so.“

„Hä? Ich check’s nicht.“

„Ich auch nicht! Aber es ist mir egal. Als wir raus sind, standen da noch ein paar Bullen, einige von denen, die mich zuhause so nett abgeholt haben. Und die sind so losgerannt, die wollten mich gleich wieder einbuchten, verstehst du? Und dann, auf einmal sind sie stehengeblieben, als wären sie vor eine Wand gerannt oder so. Dann war ich draußen.“

Chrissie betrachtet sie grübelnd. Dann schüttelt sie den Kopf. „Du meinst, sie haben Paul bekannt?“

„Nein, das meine ich nicht.“

„Was dann?“

Theo wirft die Arme zur Seite. „Was dann, was dann? Keine Ahnung! Er hat sie einfach angestarrt, okay? Und wenn die Bullen hier antanzen sollten, während wir den Koffer suchen, hätte ich sehr gern jemanden dabei, der sie einfach … wegzaubert. Okay?“

Chrissie schüttelt wieder den Kopf. „Du meinst, dass …“

„Hey!“

Sie drehen sich um. Themann steht vor ihnen.

Theo hält sich nicht lange daran auf, alle miteinander bekannt zu machen. „Paul, Freddie, Marie, Chrissie“, sagt sie und zeigt in die Runde.

„Hm“, macht Tehmann nur. „Gehen wir ein paar Schritte. Nur du und ich.“

Die Sonne wankt ein bisschen, so scheint es. Doch es ist nur die Hitze, die flimmert und alle Bilder flimmern lässt.

„Das hier ist unnötig. Du und deine Band könnt abmaschieren.“, sagt Tehmann, als die beiden die Straße entlanggehen.

„Ach, ist das so?“, erwidert Theo.

„Allerdings.“

„Um mir das zu sagen, hast du aber eine Menge auf dich genommen. Ein bisschen zu viel Aufwand, wenn du mich fragst.“

Tehmann nickt leicht. Mit diesem Argument hat er rechnen müssen. „Dann ist es eben so“, sagt er. „Und trotzdem müsst ihr verschwinden.“

Theo bleibt stehen. „Ich bin ganz Ohr.“

Er sieht sie fragend an. Ihr amüsierter Ton macht ihm zu schaffen. Und dann wendet sie den Blick.

„Was soll das?“

Sie hebt langsam die Schultern. „Ich will dich nur nicht ansehen.“

„Das sehe ich. Und deswegen die Frage.“

Wieder das Schulterheben. „Ich will nicht, dass du die Nummer bei mir abziehst. Dass du mich manipuliert. Oder so. Du weißt schon, diese Spiralen in den Augen.“

Tehmann begreift, wovon sie redet. Er lässt kurz bden Blick über das Land schweifen. Heißer Sand, vertrocknete Weite. Ihm gefällt das irgendwie. „Mind Control“, sagt er schließlich. „Und keine Sorge, ich werde es nicht anwenden. Wenn uns hier jemand besuchen kommt, werde ich alle Energie brauchen, das meinstest du doch mit Du brauchst mich, oder?“

Theo sieht ihn an, im Blick Faszination und Neugierde. „Ist das sowas wie Telepathie?“

Jetzt zuckt er mit den Schultern. „Wie du es nennt, ist völlig egal.“

„Aber … wie machst du das?“

„Das ist nur Training, nichts weiter. Und im Moment ist das wirklich nicht die Frage, die du dir stellen musst.“

„Sondern?“ Sofort ist sie wieder pampig. Herausfordernd.

„Sondern sie, dass du hier umsonst nach dem Koffer suchst. Und die, dass ich vielleicht gar nichts tun werde, wenn die lieben Menschen von Gesetz und Ordnung hier auftauchen.“

„Dann bist du aber mit dran.“

Tehmann lächelt. „Aber im Gegensatz zu dir werde ich schnell wieder draußen sein, falls sie uns ein schönes Zimmer in der Betaniusstraße anbieten werden. Nicht wahr? Und es ist nicht so, dass wir eine Wahl haben werden. Wir werden einchecken müssen, ob wir nun wollen oder nicht, ist es nicht so?“ Er grinst süffisant, und sie kneift die Augen zusammen.

Theo schweigt. Sie ist wütend, verdammt wütend, aber sie weiß, dass er recht hat. „Was willst du dann hier?“, stößt sie schließlich aus.

„Ich will den Koffer.“

Sie starrt ihn an, und Tehmann hebt die Hände. „Nicht den, nach dem du auf der Suche bist, Theodora. Der Koffer, der hier ist, hier auf der Straße, das ist ein anderer.“

Sie blickt ihn an, dann macht sie ein abwertendes Geräusch. „Na klar.“

Hinter ihnen schlagen Autotüren zu, und sie drehen sich um. Chrissie sitzt am Steuer des Wagens, und Theo und Herr Tehmann müssen zur Seite treten, um die vorbeizulassen. „Wir fahren schon mal weiter“, ruft sie ihnen durch das Fenster zu.

Theo nickt.

Und dann, als sie hinter dem Jeep wieder gemeinsam auf der Straße stehen, sagt sie: „Erzähl keinen Scheiß, Paul. Dann such ich halt weiter. Und ich werde ihn finden.“

Tehmann seufzt, dann setzte er sich in Bewegung, genauso wie sie es tut. „Und das ist deine Crew? Mit denen da willst du einen Koffer voll Diamanten finden?“

„Ja.“

„Na ganz toll“, sagt Tehmann. „Dann wird es im Hotel in der Betaniusstraße heute Abend vier Idioten mehr geben.“

„Interessiert mich nicht, was du denkst“, erwidert Theo. „Und wir sind zu fünft. Nika sitzt im Kofferaum.“

Tehmann wirft ihr einen Blick zu. „Wer ist das?“

Schulterzucken. „Ein Mädchen.“

„Wie alt ist sie?“

„Siebzehn.“

Tehmann bleibt stehen. „Siebzehn? Du zerrst eine Minderjährige da mit rein?“

Theo bleibt ebenfalls stehen. „Sie ist sechzig, okay? Was interessiert dich der Scheiß?“

Er schüttelt mit dem Kopf, dann setzen sie sich wieder in Bewegung. Weiter vorn ist der Wagen zum Stehen gekommen, und drei Gestalten kommen raus und fallen über das ausgedörrte Feld her.

„Die hat sie nicht mehr alle, okay? Ich hab sie mal in der Nacht von einer Brücke aufgelesen und mitgenommen, seitdem folgt sie mir überall hin. Wie ein Hund. Was denkst du, wie oft ich sie schon versucht habe, loszukriegen!“

Tehmann schweigt, doch er schüttelt noch immer den Kopf.

„Entschuldige mich“, sagt Theo. „Ich werde mit suchen helfen. Vor dir scheint ja nichts zu kommen.“ Und dann erhöht sie das Tempo und schließt sich den drei anderen an.

Herr Tehmann betrachtet sie eine Weile, dann sieht er, wie sich der Kofferraum des Geländewagens öffnet.

Ein Mädchen erscheint dahinter, ohne aufzusehen setzt sie sich an den Platz zurück, den sie vermutlich schon seit geraumer Zeit innehat. Herr Tehmann beobachtet sie, dann geht er auf den Wagen zu.

Sie ist ist mit den Schnürsenkeln ihrer Chucks beschäftigt, bindet sie gewissenhaft und in einem bestimmten Muster. Danach steckt sie die Ende unter die Zunge. Es sieht aus, als wäre sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis, denn sie öffnet die Schleife und fädelt die Senkel wieder aus, zieht sie ganz langsam aus den Ösen, als wäre sie eine Chirugin.

Tehmann steht vor ihr und sieht sich das eine Weile an. Den Wunden an ihren Händen nach zu urteilen, macht das Mädchen das öfters, vielleicht sogar ständig. Und die langen Ärmel ihres Sweaters deuten darauf hin, dass das nicht die einzigen Wunden sind, nach denen es auf der Suche ist.

„Nika?“

Sie hebt den Kopf. Große, fragende Augen. Tehmann runzelt die Stirn. Er findet eine Ähnlichkeit, weiß aber nicht, wo er sie einordnen soll.

„Wer will das wissen?“ Eine spröde Stimme.

„Ich“, antwortet er. „Paul. Paul Tehmann.“

Sie betrachtet ihn von oben bis unten, dann senkt sie den Kopf und widmet sich wieder ihren Schuhen.

„Rutschst du mal rüber?“, fragt er und tritt näher.

„Hast du ne Kippe?“, fragt sie zurück, ohne ihn anzusehen.

Tehmann überlegt, dann geht er um das Auto rum. In Verbrecherwägen findet sich doch immer was zu rauchen. Auf der Rückbank wird er fündig, und er geht mit den Malboros zu Nika zurück.

„Hier.“

Sie greift nach der Zigarette, die er wie ein Zauberer aus der Schachtel geschnippt hat und lässt sich Feuer geben. Dann erst rutscht sie ein Stück zur Seite, und er nimmt neben ihr Platz. Es ist eng und stickig, doch unheimlich erholsam, endlich zu sitzen. Tehmann schließt kurz die Augen, und als er sie wieder öffnet, spürt er den Blick des Mädchens auf ihm ruhen. „Du bist zu Fuß hergekommen?“, fragt sie, und die Frage bildet Querfalten auf der ihrer Stirn. Darüber nur Stoppeln, keine Haare.

„Ja.“

„Warum?“

„Gute Frage.“ Für einen Moment weiß er wirklich keine Antwort darauf.

Sie sieht ihn wieder fragend an. „Und ich dachte, ich bin hier der Freak.“

„Darüber sollte man sich nie allzu sicher sein“, sagt er nur matt, und Nika lächelt.

Herr Tehamms Augen weiten sich. Er hatte nur das ausgesprochen, was ihm auf der Zunge gelegen war, nur das, was er öfter dachte; doch Nika hat er damit zum Lächeln gebracht. Und dieses Lächeln zaubert ein Grübchen in ihre rechte Wange, und er erkennt sie.

Die Erkenntnis trifft einen wie ein Schlag, so heißt es ja immer, doch es stimmt nicht. Die Erkenntnis friert einen ein, sie findet ein nettes Plätzchen direkt hinter den Augen, und breitet sich von dort aus aus wie ein mächtiger See. Kaltes, schneidendes Eis.

„Nika“, hört er sich sagen. Tonlos ist seine Stimme. „Du hast eine Schwester.“

Das Lächeln friert fest, so als hätte er sie angesteckt. Das Grübchen verschwindet, und ihr Blick wird starr. Und feindselig. Das Mädchen mit den kurzgeschorenen Haaren starrt ihn an, eine starrgewordene Säule aus Eis.

„Ich kenne sie“, fährt Tehmann fort, monoton. „Sie ist bei mir in Behandlung. Nika, ich weiß, es steht mir nicht zu, so etwas zu sagen, doch es tut mir unglaublich leid, was er euch angetan hat.“

Das Feuer in ihren Augen ist erloschen, nur noch funkelndes Eis. „Verschwinde“, sagt sie mit ebenso eisiger Stimme und führt die Zigarette zum Mund, um einen Zug zu nehmen; und an der Art, wie sie hält und wie sie sie betrachtet, sieht Tehmann, wo dieses Mädchen üblicherweise die Zigaretten ausdrückt, wenn sie sie geraucht hat.

„Nika …“

„Verschwinde!“, sagt sie mit der Stimme aus Eis. Laut, aber nicht so laut, dass die anderen aufmerksam werden.

Tehmann sieht sie an. Dieselben großen Augen. Und die Haare hat sie sich abrasiert, so als wolle sie sich verleugnen.

Er blickt wieder über das Feld. Einige Male schon hat er sich gefragt, ob es möglich ist, Menschen zu töten, ohne sie zu berühren. Vielleicht würde ihm das gelingen. Vielleicht wäre es so etwas wie Sinn in einer Welt, in der sich Mädchen ihre rotgoldenen Locken abrasieren und ihren Körper als Aschenbecher benutzen. Vielleicht wäre es das.

„Hau endlich ab“, sagt Nika neben ihm, und ihre Stimme ist schwach. Feuer und Eis sind erloschen.

Er sieht sie an. „Kann ich dir was erzählen?“

„Was?“, fährt sie ihn an. „Gibst du jetzt den Geschichtenonkel? Vergiss es? Und was machst du eigentlich hier? Warum sitzt du nicht auf deinem beschissen Stuhl und behandelst meine Schwester?“

Tehmann nickt ein bisschen. Er hofft, dass Lydia den Termin verlegt hat. Wenn er nicht gefeuert ist. Dann sieht er Nika an. „Sie dauert nicht lang. Eine Minute. Gibst du mir eine Minute, Nika?“

Sie atmet schwer, ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Sie hat keine Kraft mehr, und Tehmann spürt, wie die Gewissheit, dass er losgehen und den ersten Menschen, bei dem er es versuchen wird, ausbreitet. Vorausgesetzt, er wird das hier überleben.

Nika schweigt, und er öffnet den Mund und sagt: „Da kam dieses Mädchen zu einem, der es vielleicht ein wenig versteht zu helfen. Und sie redeten darüber, welche schlimmen Dinge Menschen tun. Sie redeten nicht darüber, warum sie es tun, denn sie sahen keinen  Sinn darin. Sie redeten darüber, wie schlimm die Wunden sind, die dabei entstehen und darüber, dass böse Menschen böse Dinge tun. Und dass sie das immer wieder tun. Immer und immer wieder.“

Nika schluckt. Vielleicht wird sie weinen.

Herr Tehmann fährt fort: „Und der Mann, der manchmal helfen kann, sagte zu dem Mädchen: Ich sehe, dass du nicht mehr reden kannst. Ich sehe, dass du nur noch weinen kannst. Lass uns etwas ausprobieren. Willst du das, etwas ausprobieren? Und das Mädchen hob den Kopf und sah ihn an. Und dann nickte es. Und der Mann sagte: Wir haben über all das Böse gesprochen. Und das Böse ist groß und mächtig und wird immer da sein. Wie wäre es, Mädchen, wenn wir all das Böse; all das, was Menschen tun und was sie sich antun, wenn wir das in einen Koffer stecken?

Nika sieht ihn an, ihr Blick ist müde, doch Tehmann erkennt den Funken in den Augen. Vielleicht ist er der Rest des Feuers eines jungen Menschen, vielleicht ist er auch eben wieder neu entzündet. Das Feuer muss nicht lodern, doch es muss brennen. Sonst ist sie innerlich tot. Das denkt Tehmann, und er blickt sie an, versucht in das Innere ihrer Seele zu schwimmen, während ihm klar ist, dass er seine spezielle Fähigkeit hier nicht anwenden kann.

„Du … hast sie doch nicht mehr alle“, sagt Nika, doch sie tut es zögerlich. Auch sie hat den Funken entdeckt, vielleicht spürt sie ein erstes Tropfen in ihrem Inneren; Seelenwasser, das von einem Eis-Stalaktit fällt. Sie führt die Zigarette zum Mund, doch Tehmann nimmt sie ihr aus der Hand. „Was denkst du, hat deine Schwester getan, Nika? Was denkst du?“

Sie hört ihm zu, auch wenn sie nicht will; der Funken bringt sie dazu, ihm zuzuhören, und nun schluckt sie. Und schüttelt den Kopf. Sie kann nichts sagen, es schmerzt zu sehr.

„Ich weiß“, sagt Tehmann. „Aber so unglaublich es auch klingen mag, Nika, ich muss an diesen Koffer gelangen, bevor es jemand tut, der …“ Und er hebt den Blick und betrachtet die Bande aus mittelmäßigen bis professionellen Gaunern, die durch das Feld stakt. Nika nutzt diesen Moment, um in seinem Gesicht zu lesen, um es abzutasten, auf der Suche irgendetwas, was ihr Angst macht. Doch da ist nichts.

Tehmann blickt sie wieder an. „Was denkst du, Nika, was passiert, wenn der Koffer von jemand anderem gefunden wird?“

„Was“, flüstert sie mit großen Augen. „Was ist denn drin in dem Koffer?“ Und dann zuckt sie zurück. Tehmanns Augen sind mit einem Mal dunkel. Kleine, dunkle Schlitze. „Nika“, sagt er, als wolle er sie auf seine Seite ziehen. Auf die andere Seite. Sie versteht das nicht, auf dieser Seite ist sie doch schon längst.

Sie weicht zurück, dann bewegt Tehmann seine Hand, um die glühende Asche der Zigarette von der Haut zu schütteln, und als er erneut aufsieht, sind seine Augen wieder klar.

„Weiter geht’s!“, ruft jemand neben dem Wagen, und Nika und Tehmann sehen sich an und schweigen. Es gibt nichts mehr zu sagen. Nicht in diesem Augenblick.

Als der Jeep ein weiteres Mal stoppt, springt Tehmann von seinem Sitz, genauso wie es Theo tut. Er muss sie abpassen, jetzt.

„Hey!“, ruft sie, als er nach ihrem Arm greift.

„Wir müssen uns unterhalten“, sagt er, dann dreht er den Kopf und blickt die anderen an. Sie alle sind stehengeblieben, es gibt absolut keinen Zweifel, wer ihre Anführerin ist. Nur Nika steht etwas außerhalb, auch sie wartet ab, auch wenn sie nicht weiß, was es ist.

„Sucht ihr weiter“, sagt Tehmann laut, dann zerrt er Theo mit sich.

Erst, als sie ein paar Schritte gegangen sind, lässt er sie los.

„Was wird da, Paul? Ich suche diesen verdammten Koffer, das hatten wir doch schon.“

„Ja, das hatten wir schon. Und ich sage dir noch einmal, dass du deine Zeit vergeudest. Mehr noch, du gefährdest dein Leben.“

Sie sieht ihn verwundert an, beinahe lächelt sie. „Echt? So eine Nummer jetzt? Na, ich bin ganz Ohr.“

Tehmann grübelt. Soll er ihr die Geschichte erzählen? Von dem Koffer und dem Bösen und all dem? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie sich am Boden wälzen wird vor Lachen. Was also soll er tun?

Zuerst hebt er die Hände, als müsse er sie besänftigen, und sie schaut noch verwunderter. „Es ist dir Ernst, was? Gott, es muss echt eine Menge Schotter sein, dass du dich so reinhängst.“

„Nein, hör zu, Theo, das ist es nicht. Du musst mir glauben, der Koffer, den du suchst, der ist nicht hier. Er ist irgendwo, aber sicher nicht …“

„Na wenn du dich da mal nicht täuschst“, unterbricht sie ihn und bleibt stehen. Ihre Augen sind nach vorn gerichtet, und ein seliges Lächeln liegt auf ihren Lippen.

Tehmann bleibt ebenfalls stehen, und es braucht nur diesen kurzen Moment, in dem er seinen Kopf wendet, um Theos Blick zu folgen, um zu wissen, was er sehen wird. Es ist kaum ein Wimpernschlag, und trotzdem weiß er es. „Das kann nicht sein“, sagt er tonlos.

„Oh doch“, flötet Theo. „Ich wusste es. Du verarschst mich! Da liegt er, in seiner vollen Pracht.“ Und dann fängt sie an zu laufen.

Und das ist der Augenblick, in dem sich Tehmanns Geist vom Körper löst. Seine Beine bewegen sich, um Theo nachzurennen, doch sein Geist bleibt stehen, er hält inne und setzt sich auf den heißen Boden der sandigen Straße.

„Das kann nicht sein“, sagt der Geist und hilft Tehmann beim Grübeln. Er weiß genau, wo er den Koffer entdeckt hat, heute Morgen. Er hat sich den Abschnitt der Straße genau eingeprägt – ein schmaler Graben neben dem Asphalt, mehrere Meter lang. Hier steht kniehohes Gras, gelbes dürres Gras, und es steht auch dort vorn. Neben dem Koffer.

Die Stelle von heute Morgen liegt viel weiter hinten, viel weiter entfernt.

Wie also …

Er muss näher gekommen sein.

Der Geist von Paul Tehmann trommelt mit den Fäusten auf den Asphalt, weil er es nicht glauben will. Er kann es einfach nicht.

Und Tehmanns Beine laufen und laufen und haben Theo beinahe eingeholt. Er ist gut in Form, und als er den Arm nach ihr ausstreckt, ist das der Moment, in dem sich Geist und Körper wieder vereinen. „Das Bild, Theo“, schauft er. Der Koffer ist noch etwa 150 Meter von ihnen entfernt, liegt wie ein Tier in der flimmernden Hitze und wartet. Er wartet auf sie. Zwischendurch war er wohl etwas ungeduldig und ist irgendwie, auf eine gespenstische Art und Weise, nähergekommen.

„Das Bild von  dem Koffer, Theo“, ruft Tehmann. „Hast du eines?“

Sie schüttelt seine Hand weg, als wäre sie eine lästige Fliege. „Zisch ab, Tehmann.“

„Du hast doch sicher ein Bild!“, ruft er. „Eine Beschreibung, wie er aussieht. Komm schon, haben die nichts im Funk gesagt?“

Er spürt ihr Zögern, und er merkt, wie sie langsamer wird. Jetzt muss er die letzte Dosis setzen. Und er hat nur diese eine Chance. „Die Beschreibung des Koffers, Theo. Es ist nicht der, den die Ballas verloren haben. Es ist ein anderer. Sieh dir die Beschreibung an!“

Jetzt bleibt sie stehen, und er tut es auch. Sie atmen die heiße Luft ein, stoßweise, prustend. Und genauso stoßen sie sie wieder aus. Es ist noch immer nicht kühler geworden, obwohl der Abend naht.

„Theo“, sagt Tehmann und stützt die Arme auf die Knie. „Du wirst doch nicht deine wertvolle Zeit damit vergeuden, nach einem Koffer zu suchen, in dem sich nichts befindet außer Dinge … die einem Spinner wie mir am Herzen liegen.“

Sie beäugt ihn misstrauisch, und dann beugt auch sie sich etwas nach unten, um sich auf die Knie zu stützen. „Was?“, fragt sie schließlich, und das wird die einzig vernünftige Frage sein, die je ihre Lippen verlassen hat, dessen ist sich Tehmann sicher. „Was ist in dem scheiß Koffer drin?“

Er hebt den Kopf, und als sie seine Augen sieht, zuckt sie nicht zusammen wie Nika vorhin, doch es reicht aus, um dem Zweifel weiter zu nähren. Langsam richtet sie sich auf und zieht ein Handy aus der Tasche ihrer kurzen Jeans. Noch einmal wirft sie Tehmann einen abschätzenden Blick zu, dann widmet sie sich ihrem Telefon.

„Schnappverschluss“ liest sie laut. „Silbern. Handelsübliches Schloss. Schwarzes Glattleder.“ Dann sieht sie Tehmann an, und der muss kurz die Augen schließen. „Das ist er nicht“, sagt er schließlich und dreht den Kopf. Der Koffer ist …

… nahe. Näher als eben. Oder?

Oder spielt ihm die Hitze einen Streich?

„Dieser hier hat einen goldenen Verschluss. Und es ist Krokodilleder. Dicke, goldene Schnallen …“

„Das sehe ich mir an!“, ruft sie.

Tehmann seufzt. „Gut. Aber geh nicht so nah ran. Am besten, du machst nur einen Schritt. Am besten, du bewegst dich gar nicht.“ Er ist matt, und es wird im ein bisschen schwarz vor Augen, was nicht weiter verwunderlich ist, weil es dahinter ebenfalls schwarz ist. Wenn innen kein Platz mehr ist …

„Was zur …“, sagt Theo, und der Ton ihrer Stimme ist mit Fragen gefärbt, mit Dutzenden von Fragen. Und hinter dieses Fragen steht etwas, was sich sicher einen Platz ganz vorn erkämpfen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit …

Angst.

Und Tehmann weiß, was es ist, bevor er es sieht. Der Koffer steht direkt vor ihnen.

Theo sagt nichts. Sie starrt nur zu der Stelle, an der der Koffer steht. Herr Tehmann kennt das schon, er kennt diesen Ausdruck im Gesicht der Menschen: Es ist das zu Bild gewordene Gerangel zwischen Realität und Traum; zwischen dem, was sie wissen, was sie gelernt haben und dem, was sie sehen. Dem, was da ist. Unwiderruflich ist es da, obwohl es doch nicht sein kann.

Tehmann kennt diesen Ausdruck gut, er kennt ihn besonders von sich selbst, und doch ist es immer wieder ein neues Grauen. Etwas, was man lieber nur einmal sieht, wenn überhaupt. Er hat schon einige Male gehört, dass es ein wundervolles Erlebnis ist, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung zu überschreiten, doch das ist Unsinn. Es ist nicht wundervoll.

Tehmann starrt den Koffer an, ein monströses Ding mit goldenen Zähnen und einem Rachen, der die Welt schluckt. Und vermutlich ist das noch milde ausgedrückt, vermutlich will das Ding die Welt erst ein bisschen jagen, bevor es sie verschlingt. Ein bisschen mit ihr spielen.

„Ein guter Trick“, sagt Theo neben ihm. Ihre Stimme klingt blass und hohl, wie einer der ausgetrockneten Halme, die sich unter der Sonne winden.

„Ja, aber er ist nicht von mir“, erwidert Tehmann. Und nun blickt Theo ihn an, seltsam gequält, als würde sie sich wünschen, dass er lügt.

„Diesmal nicht“, sagt Tehmann nochmal, und Theo schluckt.

„Was …“, fängt sie an, ohne zu wissen, was sie sagen wird.

Wie soll man das auch wissen, fragt sich Tehmann. Wenn mir je einer begegnen wird, der weiß, was er in solch einem Moment sagen soll, dann kann ich mir sicher sein, dass ich tot bin.

„Der Koffer“, fängt Tehmann an, nur ein kläglicher Versuch seinerseits, „Das ist nicht der, den du willst. Also verschwindest du besser auf der Stelle.“

„Was ist da dr…“, will sie sagen, doch sie wird von seinem Blick unterbrochen. Tehmanns Augen sind dunkle Schlitze, und Theo hat für einen Augenblick lang das Gefühl, dass zwischen ihm und dem Koffer etwas geschieht. Für einen winzigen Augenblick könnte sie schwören, dass es so ist. Doch dieser Moment geht vorüber, und sie will gar nichts mehr beschwören. Ihr Verstand zieht die Reißlinie, mehr kann er nicht fassen, vorerst nicht.

„Nichts, was dich interessiert“, sagt Tehmann. „Nimm deine Gang und verschwinde. Ganz, ganz schnell.“ Und die letzten Worte spricht er langsam, und seine Augen sind dunkel.

Sie blicken sich an, schweigend, und dann hören sie ein Klacken.

Tehmann reißt den Kopf rum, und Theo reißt etwas aus ihrer Gesäßtasche. Sie richtet die Waffe auf den Koffer, es ist eine Schlagbolzenschlosspistole, klein und schwarz. Und doch macht sie mächtig Eindruck.

Tehmann reißt den Kopf zurück und starrt Theo an. „Bist du wahnsinnig?“, schreit er und wirft die Arme über den Kopf. „Nimm das Ding runter!“

Theo starrt noch immer auf den Koffer, ihre Augen sind nur noch weiße Kugeln mit blutigen Rändern und einer winzigen Pupille. Er hatte recht. Sie ist wahnsinnig. Ihr Verstand hat die Reißleine gezogen, doch nicht rechtzeitig genug.

„Theo!“, brüllt Tehmann. „Die Waffe runter! Sofort!“

Und dann klackt der Koffer wieder, es sind die Schnallen, und es sieht aus, als öffnen sie sich.

Auf der Straße, etwas weiter hinten, stehen vier weitere Personen, doch es ist nur Nika, die es sehen kann. Die anderen sehen es auch, ebenso die Polizisten die eben eintreffen, doch sie erblicken es nur, die Weiterleitung zum Gehirn wird von ihrem Verstand unterbunden.

Es ist Teer, der aus dem Koffer fließt, er fließt träge und behänd zugleich. Er färbt alles ein, mit dem er in Berührung kommt; Gräser und Halme, Asphalt und Erde, sogar die Luft, den Himmel; doch ganz besonders Menschen. Der Teer fließt in Theos Augen, er frisst sich in ihre Haut, in jede einzelne Pore. Rasend schnell geht das, und dennoch wie in Zeitlupe langsam.

Nika sieht das alles, und obwohl sie dachte, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als das, was sie bereits gesehen hat, wird ihr klar, dass das falsch war. Es war ein Trugschluss. Es ist nicht ihr Verstand, der anfängt zu schreien, es ist das Kind in ihr: Kindliches Urvertrauen, welches zwar erschüttert ist und gebrochen, aber nicht bereit zu sterben.

„Nein!“, schreit Nika, als der Teer in Tehmanns Augen fließen will, es ist ein langgezogener Schrei, und die Polizisten hinter ihnen beginnen zu laufen und ihre Waffen zu ziehen.

Themann erschrickt, und er hat es nicht als seinen Reflexen zu verdanken, dass er Theo beiseite stößt und sich auf den Koffer wirft.

Das Klacken verstummt, und der Teer kriecht zurück in den Koffer.

Und Nika weiß, wie es ausgehen wird. Es scheint, als wüsste sie es vor Tehmann selbst, doch dem ist nicht so. Es ist eher so, dass Tehmann einen Entschluss fällt, von dem  niemand etwas erfahren darf, nicht einmal er selbst. Zumindest der Teil in ihm, der von der Vernunft gesteuert wird.

„Nein“, sagt Nika noch einmal, dieses Mal leise, und sie wünschte, dass er es hören kann. Sie würde sich gern verabschieden.

Tehmann liegt auf dem Koffer, er liegt auf der Seite, und dann dreht er sich um. Er hat keinen blassen Schimmer, wie er es anstellen soll, doch er nimmt an, dass das, was in dem Koffer ist, ihm diese Entscheidung abnehmen wird. So war es immer mit dem Teer. Mit der Schwärze, die aus den Menschen fließt. Sie ist das Böse, doch anders, als er am Anfang – ganz am Anfang – angenommen hatte, ist es nicht das eigene Böse. Nicht immer.

Bei Nikas Schwester hat er es ganz deutlich gesehen. Es war aus ihr herausgeflossen, als sie geredet haben. Nicht viel, und sicherlich bei weitem nicht alles, doch es war etwas da. Der Teer kam aus ihr herausgekrochen; aus den Augen, aus den Poren. Er erhob sich in die Luft, wo er sich auflöste, ein seltsam anzuschauendes Verpuffen war das. Und ein kleiner Teil kroch in ihn herein.

Eine Weile schon hatte Herr Tehmann das bemerkt. Doch er hatte es verdrängt. Dieser Riese war stärker; war es vielleicht die ganzen Jahre schon gewesen.

Der Koffer wartet nicht lange. Das Böse wartet nie lange, denkt Herr Tehmann noch, bevor die Schwärze ihn einsaugt.

Die Schnallen springen mit einem lauten Knacken auf, der Koffer öffnet seinen tiefschwarzen Schlund, der die ganze Welt für einen halben Wimpernschlag lang dunkel färbt, und dann ist Herr Tehmann verschwunden. Und der Koffer auch.

Nika schluchzt. Sie versucht, es zu unterdrücken, doch es gelingt ihr nicht. Es schmerzt in der Kehle, so wie es das immer tut, wenn man das Weinen zurückhalten will.

Sie sieht nicht, was passiert, es scheint, als würden der Koffer und Herr Tehmann verschmelzen und dann in der flimmernden Luft verpuffen wie bei einem billigen Zaubertrick.

Sie hätte sich gern verabschiedet von ihm. Das hätte sie wirklich gern. Sie hätte gern mit ihm geredet. Und sie hätte ihm Fragen gestellt.

Am meisten hätte sie ihn fragen gewollt, warum er sie so angesehen hat. So, als würde er sie auf die andere Seite holen wollen.

Denn dort war sie ja schon längst.

Oder?

Ende

Paul T 1

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